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Veröffentlicht am 07.02.2025

Extraorbitant! Unbedingte Leseempfehlung!

Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen
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Wow wow wow - was für eine extraorbitante, augenöffende und erschreckende Leseerfahrung! Bettina Balaka widmet sich mit ihrer Essaysammlung „Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen“ dem Leid der Tierwelt, ...

Wow wow wow - was für eine extraorbitante, augenöffende und erschreckende Leseerfahrung! Bettina Balaka widmet sich mit ihrer Essaysammlung „Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen“ dem Leid der Tierwelt, oft hervorgerufen durch unsere Spezies: dem Menschen.

Viele Tiere in Zoos bekommen Antidepressiva oder Beruhigungsmittel, es gibt Berichte über den Tiergarten Nürnberg, die offenlegen, dass die dortigen Delfine im Delfinarium Valium verabreicht bekommen - was ist das nur für eine Welt, in der wir leben?! Auf ebensolche Zustände ist die Schriftstellerin Bettina Balaka gestoßen, als sie sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tierwelt beschäftigte.
Mit einem Verweis auf Rilkes „Der Panther“ beispielsweise möchte sie aufmerksam machen auf die Auswirkungen des Eingesperrtseins der Tiere, das nicht selten stereotypische Verhaltensweisen hervorruft - ein klarer Ausdruck von tierischer Depressivität, welcher mit Antidepressiva entgegengewirkt wird. Bevor Tiere also schwer depressiv in der Ecke sitzen und nichts mehr essen, gibt man ihnen Stimmungsaufheller, was natürlich mitunter auch deren Aktivität erhöht und genau das wollen doch die Zoobesucher auch sehen: Aktive Tiere! Und zur Vermeidung von tierischer Aggressivität und Angriffen gegeneinander - was kann man da bloß machen? Man gibt ihnen natürlich Beruhigungsmittel! In den Zoos ist die Gabe solcher Mittelchen übliche Praxis im Rahmen einer tierärztlichen Behandlung. Doch ist das wirklich legitim?! Viele Menschen sind auch auf Psychopharmaka angewiesen - aber kann man das wirklich vergleichen? Denn die tierischen Verhaltensweisen, die medikamentöser Behandlung bedürfen, sind ja erst durch die Haltung der Tiere zum Bestaunen durch den Menschen, nötig geworden. Tun wir denn den Tieren nicht eigentlich etwas Gutes, indem wir durch die Haltung in Zoos zur Arterhaltung und zum Artenschutz beitragen?! Dies bedarf einer starken Hinterfragung, denn gleichzeitig werden die natürlichen Lebensräume der Tiere ja zerstört. Balaka macht bewusst, dass es nicht nur darum geht genetisches Material zu erhalten, sondern dass die Tiere auch eine Kultur weitergeben von Generation zu Generation, die aber auf diese Weise verloren geht.

Aber was kann denn nun am Bestaunen der Tiere so falsch sein?!
Balaka macht klar, dass auch eine Zeit gab, in der man exotische Menschen in Zoos bestaunen konnte - was heute (zurecht!) als abgrundtief falsch verteufelt wird.
Ambivalenzen und kognitive Dissonanzen spielen eine große Rolle in Balakas Werk - wie zum Beispiel der Umstand, dass fortschreitend Regenwälder abgeholzt werden, aber gleichzeitig der Tourismus in ebensolche boomt. Klar, es geht ums Geschäft, um Arbeitsplätze, Macht und letztlich den Kapitalismus - was aber alles keine Legitimierung für einen derartigen Umgang mit den Ressourcen der Natur darstellt. Und so zeichnet sie literarisch auch ihren Weg vom genießenden Fleischesser hin zum Vegetarismus nach.

Besonders gut gefallen hat mir das Kapitel „In andere Häute schlüpfen: Empathie in der Literatur“, wo sie u.a. auf Thomas Manns autobiografischer Erzählung „Herr und Hund - Ein Idyll“ Bezug nimmt, in der ein Hund darauf trainiert werden soll über ein Stöckchen zu springen, was er aber nicht begreift und daraufhin hart bestraft wird. Empathie gegenüber dem Hund ist hier leider Fehlanzeige - doch woran liegts? Sicherlich gibt es eine Überschreitung der Grenze zwischen Mensch und Tier - der Mensch versucht sich erfolglos ins Tier zu versetzen, denn das ist schlichtweg der falsche Ansatz. Der Mensch versucht sich in den Hund als Mensch hineinzuversetzen, aber wäre es nicht hilfreicher und sinnvoller sich in den Hund als Hund hineinzuversetzen?! Anthropomorphismus at it’s best!

„Vom Zähmen, Ausbeuten und Bestaunen“ war für mich ein Highlight auf so vielen Ebenen - ich habe viel Neues gelernt (selbst als Medizinerin wusste ich nicht, dass die Verabreichung von Psychopharmaka an Zootiere übliche Praxis ist), mir wurden die Augen geöffnet, ich war erschüttert, aber vor allem bin ich eins: Dankbar! Danke Bettina Balaka für solch erhellende Lesestunden, die mich sowohl inhaltlich, aber auch sprachlich absolut begeistern konnten. Ich hoffe, dass das Buch in ganz viele Hände wandern und Köpfe eindringen wird - absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Kunst und Drama - perfekt verwoben!

Monas Augen – Eine Reise zu den schönsten Kunstwerken unserer Zeit
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Kunstvoll bin ich in mein neues Lesejahr gestartet mit „Monas Augen“ von Thomas Schlesser - absolut passend, denn einer meiner Vorsätze ist es, mich dieses Jahr vermehrt mit Kunst zu beschäftigen, sei ...

Kunstvoll bin ich in mein neues Lesejahr gestartet mit „Monas Augen“ von Thomas Schlesser - absolut passend, denn einer meiner Vorsätze ist es, mich dieses Jahr vermehrt mit Kunst zu beschäftigen, sei es literarisch oder durch den Besuch von Kunstgalerien und Ausstellungen.
Thomas Schlesser entführt uns nach Paris, wo die kleine Mona plötzlich nichts mehr sieht - in absoluter Panik brechen ihre Eltern mit ihr ins Krankenhaus auf, um die Ursache der plötzlichen Erblindung zu eruieren. Doch Fehlalarm, so schnell wie Mona blind wurde, konnte sie wieder. Der Schreck sitzt trotzdem tief Monas Großvater, seit kurzem Witwer, beschließt ihr fortan die Schönheit der Welt näher zu bringen. Immer Mittwochs holt er sie von der Schule ab für einen gemeinsamen Museumsbuch - Mona soll sich an den Kunstwerken mit ihren prächtigen Farben und den wundervollen Kreationen sattsehen können.

Wir begeben uns mit „Monas Augen“ auf eine kunsthistorische Reise zu 52 Kunstwerken verwoben in einen wunderschönen Plot rund um Mona, ihren Großvater Henry und ihre Großmutter Colette, die ihr kurz vor ihrem mysteriösen Tod eine rätselhafte Talisman-Kette vererbt hat.
Von „Der Baum der Krähen“ von Caspar David Friedrich, über Jan Vermeer, „Der Bahnhof Saint-Lazare“ von Claude Monet, Rembrandt, William Turner oder Picassos „Das Morgenständchen“ ist da wirklich für jeden Kunstliebhaber was dabei. Während meiner Lektüre habe ich immer wieder gegoogelt und mir die Kunstwerke angeschaut, Neues über die Maler*innen gelernt, was eine wirklich bereichernde Erfahrung für mich war - die Kombination aus Literatur und sich dazu die passenden Gemälde anzuschauen, grandios!

Der Autor Thomas Schlesser ist selbst Kunsthistoriker und verwaltet zudem eine Stiftung in Südfrankreich. Mit „Monas Augen“ hat er eine perfekte Kombination aus Drama und Kunst kreiert. Hätte ich die Gemälde nicht nebenbei gegoogelt, hätte ich sie mir sicherlich auch durch seine detaillierten Beschreibungen auch so vor Augen führen können. Durch jedes Werk vermittelt er zudem eine Lebensweisheit, bzw. eine Lektion fürs Leben. So ist Da Vincis „Mona Lisa“ laut Schlesser eine Aufforderung, dem Leben mit einem Lächeln zu begegnen und Rembrandt lädt zur Selbsterkenntnis ein.
Henry lehrt Mona ein Bild auf sich wirken zu lassen und zu verweilen - und so wird aus anfangs ein paar flüchtigen Minuten vor einem Gemälde, später auch mal eine ganze Stunde. Eine Botschaft, die ich enorm wichtig finde und auch aus Selbsterfahrung bestätigen kann - früher habe ich mir (husch, husch) alles was es zu sehen gab eben mal kurz angeschaut - heute fesseln mich manche Gemälde regelrecht und ich liebe es, darin zu versinken, eins zu werden mit dem Werk, ja in manche würde ich am liebsten hineinkriechen.
Fazit: Einen gelungeneren Start in mein Lesejahr 2025 hätte ich nicht haben können, als mit „Monas Augen“ - danke Thomas Schlesser für diese exorbitante Leseerfahrung!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein perfekter Einstieg in die Welt des Literaturgenies Honoré de Balzac!

Balzac und ich
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Schon lange hatte ich es vor - nun endlich habe ich es geschafft: Meinen Einstieg in die Welt von Honoré de Balzac! Und perfekter hätte er nicht sein können als mit „Balzac und ich“ von Titiou Lecoq! ...

Schon lange hatte ich es vor - nun endlich habe ich es geschafft: Meinen Einstieg in die Welt von Honoré de Balzac! Und perfekter hätte er nicht sein können als mit „Balzac und ich“ von Titiou Lecoq! Sein Leben war zwar nicht sonderlich lang (1799-1850), aber dafür umso aufregender.

Schon seit ihrer Jugend ist die Journalistin und Autorin fasziniert vom Leben des außergewöhnlichen Schriftstellers. Angefixt durch einen Radiobeitrag begibt sie sich auf Spurensuche und wandelt auf vergangenen Pfaden im Balzac-Haus in Passy. Da sie selbst sich gerade an einem emotionalen Tiefpunkt befindet, ist die Einsamkeit des leerstehenden Hauses für sie umso spürbarer. Warum lebte er so einsam in der doch recht kleinen Wohnung? War seine Intention fürs Schreiben wirklich nur zu Geld und Ruhm zu gelangen?!
Diesen und vielen weiteren Fragen geht Titiou Lecoq auf den Grund und findet unerwartbare Antworten.

Ein exklusiver Geschmack und stark verschuldet zu sein - wie geht das zusammen?!
Balzac beweist es geht, man benötigt nur genug Skrupellosigkeit, um auch Freunde und Bekannte übers Ohr zu hauen - so ausgeprägt war seine Sucht nach Luxus, er war Unternehmer durch und durch.
So lebte er auch unter einem falschen Namen und ließ Nahestehende nur mit einer Art Codewort herein. Und doch war er auch nur ein Mensch, der sich nach Liebe sehnte - doch dieses Glück blieb ihm leider verwehrt.
Der Titel des Buches „Wie man sein Leben meistert, indem man grandios scheitert“ ist hier Programm und so manövrierte sich der Lebemann aus einem finanziellen Fiasko zu dem anderen.
Aber hatte Balzac auch positive Seiten?!
So skurril wie er war, war er auch ein guter Mensch. Er war ein schreibender Feminist und engagierte sich für die Frauen, was für diese Zeiten alles andere als gewöhnlich war und mich tief beeindruckt hat.

Mich hat Titiou Lecoq mit „Balzac und ich“ fürstlich unterhalten und ich fühle mich mit den außergewöhnlichen, teils skurrilen Fakten über sein Leben perfekt eingeführt in eine Welt, die es glaube ich so nicht noch einmal gibt: Die Welt von Honoré de Balzac. Nun bin ich natürlich umso gespannter, ob seine Literatur genauso extravagant ist, wie es sein Leben war. Und daher möchte ich Euch an dieser Stelle gerne nach Tipps fragen - welches Buch eignet sich für einen Einstieg in seine literarischen Fähigkeiten?! Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen. Für „Balzac und ich - wie man sein Leben meistert, indem man grandios scheitert“ möchte ich gerne eine große Leseempfehlung aussprechen - solltet Ihr schon länger mit dem Gedanken spielen, Euch erstmals oder vermehrt mit dem Literaturgenie Balzac zu beschäftigen, ist das Buch die perfekte Chance dazu! Danke Titiou Lecoq für die horizonterweiternden, wissensbereichernden, humorvollen Lesestunden!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Suizid-Hinterbliebene aufgepasst! Dieses Buch ist für Euch!

Von dem, der bleibt
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Der Italiener Matteo Bianchi erzählt in seinem autobiografischen Roman „Von dem, der bleibt“ vom Suizid seines Ex-Partners, der sich in der gemeinsamen Wohnung erhängte, obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt ...

Der Italiener Matteo Bianchi erzählt in seinem autobiografischen Roman „Von dem, der bleibt“ vom Suizid seines Ex-Partners, der sich in der gemeinsamen Wohnung erhängte, obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt schon getrennt waren.
Aber es geht weniger um den Täter selbst, als vielmehr um die Hinterbliebenen, die zurückbleiben mit all dem Schmerz und den vielen Fragen, die solch eine Tat aufwirft.

Warum scheidet ein Mensch selbstbestimmt aus dem Leben?!
Vor zwanzig Jahren stand Bianchi mit dieser Frage so ziemlich alleine dar, denn der Mann, der einst Frau und Kind für Bianchi verließ, hat sich durch seinen Freitod dafür entschieden, Bianchi mit dieser Frage im Ungewissen zu lassen. Ein Telefongespräch zwischen den beiden entpuppt sich als Abschied für immer: „Wenn du wiederkommst, bin ich schon nicht mehr da“. Bianchi versteht diesen Satz als lapidare Information, ein folgenschweres Missverständnis, dass ihn noch lange beschäftigen wird.

Noch immer gilt Suizid als Tabuthema, deswegen mangelt es auch an Hilfsangeboten, vor allem für Hinterbliebene. Als Medizinerin und nach langjähriger Tätigkeit im Rettungsdienst könnte ich fast selbst ein Buch über dieses Thema schreiben. Fast immer erwischt es die Angehörigen kalt und sie haben so gar nicht mit dem plötzlichen freigewählten Tod des geliebten Menschen gerechnet. Es ist für alle Beteiligten stets eine Ausnahmesituation, denn sowas wird auch nach Jahren und zahlreichen (unterschiedlichsten!) Suiziden nicht zur Routine. Es ist für mich das erste Buch, das literarisch die Hinterbliebenen in den Vordergrund stellt und nicht den Suizidanten und wie ich finde, eine großartige Idee des Autoren Matteo Bianchi.

Ein wahrer Albtraum entfaltet sich 1998 für Bianchi mit dem Suizid seines Expartners „A.“. Wie groß muss die Verzweiflung eines Menschen sein, wenn er als einzige Lösung seiner Probleme den Freitod sieht?!

Nach sieben Jahren Beziehung trennte sich Bianchi drei Monate zuvor von A. - hätte er es auch getan, wenn er sich nicht getrennt hätte?! Schuldvorwürfe plagen ihn und er denkt darüber nach, ob nicht ein Suizid auch für ihn eine Lösung wäre:

"Wenn dir eine solche Tragödie widerfährt, dann willst du nur noch Schluss machen. Dich von allen und allem entfernen, der Qual auf einen Schlag ein Ende setzen. Und genau das ist das Einzige, was du nicht tun kannst."

Zwanzig Jahre bastelte er an „Von dem, der bleibt“ und 2024 kommt es endlich zur Veröffentlichung des Buches. Bianchi möchte damit vor allem zu einer Enttabuisierung des Suizids beitragen und auf den Mangel an Hilfs- und Präventionsangeboten aufmerksam machen, denn lange wusste er selbst nicht, wohin mit sich und fühlte sich schrecklich einsam und ausgegrenzt als Hinterbliebener eines Suizid-Toten.
Viele Streifzüge durch Psychiatrien und einige Therapien später hat Bianchi Leidensgenossen in einer Selbsthilfegruppe gefunden, die in der Lage waren, seinen Schmerz zu lindern.
Er rechnet uns vor, dass statistisch gesehen, alle 40 Sekunden ein Mensch Suizid begeht (weltweit) - wie erschreckend, oder?!

Absolut selbstkritisch hinterfragt er seinen Opferstatus und möchte vor allem eins nicht : eine weitere Moraldebatte anzetteln!
Zur Überwindung seines Traumas und der damit verbundenen Schuldgefühle sieht Bianchi ein Zusammenspiel aus Hilfeannahme und Eigeninitiative von Nöten:

"Ist es möglich, einfach zu sagen: genug gelitten, jetzt fange ich wieder an zu leben? Bei mir war es so. Als würde man einen Schalter umlegen. Ich habe auf 'Ein' geschaltet, und die Lichter gingen wieder an."

War es nun ein Rückblick auf sein Leben oder vielmehr ein Tagebuch, ein Gedankenprotokoll oder eher ein journalistischer Recherchebericht, den Matteo Bianchi hier mit „Von dem, der bleibt“ verfasst hat?!
Ich würde sagen, es war ein äußerst gelungener Mix aus diesen Dingen und ich bin dem Autoren dankbar, dass er sich die Zeit genommen hat (20 Jahre!) sich so intensiv mit seinen Erfahrungen als Suizid-Hinterbliebener auseinanderzusetzen. Denn ich denke, es gibt sicherlich viele Leser*innen, die dieses Buch brauchen und die es hoffentlich zur richtigen Zeit finden. Ich hoffe, ich habe durch meine ausführliche Rezension meinen Anteil dazu beigetragen, auf das Buch aufmerksam zu machen und wünsche mir, dass es den Weg in die richtigen Hände findet!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Unsere Körper sind politisch - erfahrt in Olivia Laings Buch, warum!

Everybody
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Warum ist unser Körper politisch?! Dieser Frage geht Olivia Laing in ihrem Buch „Everybody“ nach. Sie führt dabei eine tiefgreifende Analyse der politischen (und sozialen) Dimension unserer Körper durch. ...

Warum ist unser Körper politisch?! Dieser Frage geht Olivia Laing in ihrem Buch „Everybody“ nach. Sie führt dabei eine tiefgreifende Analyse der politischen (und sozialen) Dimension unserer Körper durch.
Sie zeigt uns die Ambivalenzen in allen ihren Nuancen, die zwischen Unterdrückung und Freiheit stecken und ordnet sie in historische Zusammenhänge, nimmt Bezug auf die Relevanz von Identität und erläutert die Rolle, die Aktivismus dabei spielt.

Besonders die Auswahl der Persönlichkeiten, über die Olivia Laing spricht, hat mich fasziniert.
So erfahren wir beispielsweise, dass die Essayistin Susan Sontag, die vornehmlich als Intellektuelle wahrgenommen wurde, auch sehr unter ihrer Krebserkrankung und den damit verbundenen Folgen für ihren Körper, litt. Oft nehmen wir Werke von Autorinnen mehr auf einer körperlosen Ebene wahr - aber die Gedanken über ein Werk wandeln sich enorm, wenn man den Körper als Aspekt hinzuzieht, es gibt ihm mehr Tiefe. Mein wichtigstes Learning aus „Everybody“: Die Berücksichtigung, aus welchem Körper ein Mensch spricht und schreibt, ist enorm wichtig! Düstere, schmerzvolle Bücher sieht man in einem anderen Licht, wenn man weiß, dass der/die Schreibende in einem Körper lebt, der dem Tod gegenübersteht.

Laing denkt auch - ausgehend von Wilhelm Reich - darüber nach, wie der politische Aktivist Malcolm X zu seinem Körper stand, über Nina Simone oder den Psychiater Sigmund Freud. Sie verwebt dabei eigene Protesterfahrungen mit diesen inspirierenden historischen Persönlichkeiten und zeigt uns deren Einflüsse auf die Gesellschaft auf. Jede einzelne dieser Figuren hat einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der politischen Dimension unserer Körper beigetragen. So war Malcolm X in doppeltem Sinne eingesperrt, im Gefängnis und in seinem Körper. Laing macht das Gefängnis in ihrem Buch zu einer Metapher - wir können unseren Körper nur durch das Sterben und den Tod verlassen. Im eigenen Körper zu leben, fühlt sich für viele Menschen an, wie eingesperrt sein, was muss das nur für eine unerträgliche Erfahrung sein?! Warum also kollidieren gesellschaftliche Normen und individuelle Freiheit immer wieder miteinander?! Laing hat
Antworten!

Bezüglich der Identitätspolitik plädiert Laing auf Solidarität und Kommunikation, es sei wichtig über Unterschiede miteinander sprechen zu können. Sie denkt über Gemeinschaftlichkeit mit Fremden nach, sieht alles im Wandel und spricht sich gegen Stammeszugehörigkeiten aus.

Die sozialen Medien sieht sie kritisch, da Menschen dort präsent sind, aber doch verborgen bleiben.
„Meine Gefühle den sozialen Medien gegenüber haben sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Als ich „The Lonely City“ geschrieben habe, dachte ich noch, das seien positive Orte, in denen man in Kontakt treten kann. Jetzt denke ich, ein Grund, warum sie so gefährlich sind, ist, dass sie körperlos sind, dass sie keine Körper einbeziehen. Wie Sie sagen, präsentieren sie perfekte Versionen von Körpern. Und Menschen sprechen dort miteinander, wie sie es nie täten, wenn sie zwei Körper in einem Raum wären – wegen des sozialen Umfelds und der Vorsicht, die herrscht, wenn wir mit einem anderen Menschen zusammen sind. Wir sehen ein Gesicht und wir sehen, welche Wirkung unsere Worte auf dieses Gesicht haben. Ich bin also skeptischer, als ich es war, was die sozialen Medien betrifft. Sie fördern das Verlangen nach diesen unerreichbaren Körpern, besonders bei jungen Leuten seit der Pandemie, als sie so viel Zeit vor dem Computer verbracht haben. Sie wollen eine unangreifbare, perfekte Hülle. Gleichzeitig sind diese jungen Leute voller Zorn, Angst und Verzweiflung. Das wollen sie nicht zeigen, so ziehen sie Masken an, um ihre Gefühle verbergen zu können.“

Für wen ist „Everbody“ von Olivia Laing die passende Lektüre?!
Ich würde sagen, für alle Leser
innen, die sich für die Zusammenhänge von Gesellschaft, Körperpolitik und Geschichte interessieren. Schonungslos ehrlich animiert sie dabei, über unsere eigene Lebensrealität nachzudenken und diese zu hinterfragen. Sie berichtet vom langen Kampf um körperliche Freiheit und dessen Meilensteine, wie sexuelle Befreiung, dem Foranschreiten des Feminismus, LGBTQ-Bewegungen, dem Civil Rights Movement und so vielem mehr.
Mir hat „Everybody - warum unser Körper politisch ist“ in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und ich könnte nicht dankbarer sein für die Lektüre. Absolute Leseempfehlung!

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