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Veröffentlicht am 08.02.2025

Holpriger Reihenauftakt

Kohle, Stahl und Mord: Das 13. Opfer
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Im Oktober 1988 ereignet sich ein tragisches Unglück in der (fiktiven) Zeche Ludwig. Es gibt Überlebende und Verletzte, aber zwölf Kumpel können nicht geborgen werden, sind unter den Trümmern verschüttet ...

Im Oktober 1988 ereignet sich ein tragisches Unglück in der (fiktiven) Zeche Ludwig. Es gibt Überlebende und Verletzte, aber zwölf Kumpel können nicht geborgen werden, sind unter den Trümmern verschüttet und bleiben den Überlebenden als das „Wandernde Dutzend“ in Erinnerung.

Die Zeche wurde in der Zwischenzeit stillgelegt und soll zu einem Besucherbergwerk umgebaut werden. Als eine Gruppe Bergmänner, unter ihnen auch Werner, einer der Überlebenden der damaligen Katastrophe, in die Grube einfährt, um Kontrollarbeiten zu erledigen, bebt die Erde und löst einen Wassereinbruch aus, der neben Geröll auch jede Menge Knochen in den Stollen spült. Könnte es sich um die Überreste des „wandernden Dutzend“ handeln? Natürlich, aber da ist ja noch der dreizehnte Schädel mit dem Einschussloch…

Ein Fall für ein Team der Kripo Essen unter Leitung von KHK Elin Akay, die zur Unterstützung ihre Freundin aus Kindertagen, die Forensikerin Jana Fäller hinzuzieht. Deren inzwischen verstorbener Vater gehörte wie Werner zu den Überlebenden des Unglücks von 1988. Und es gibt noch einen dritten Kumpel, der überlebt hat. Torben Repsen, damals wegen einer mutigen Tat als Held gefeiert und mittlerweile Bürgermeister von Essen, ein Politiker mit Saubermann-Image. Aber hält das einer Überprüfung stand? Das soll Tim Harms, investigativer Journalist, auf Anweisung seines Chefs herausfinden.

Zwei Handlungsebenen und eine Leiche im Keller, ähm, im Stollen. Auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich, wäre da nicht das Setting. Ich habe schon einige Krimis und Romane gelesen, deren Handlung im Ruhrgebiet verortet war, den Bergbau aber nur am Rand erwähnt haben. Das ist hier etwas anders, denn gerade zu Beginn gibt es eine Fülle von detaillierten Informationen zum Thema Bergbau. Für den Einstieg in die Handlung empfand ich diese Unterbrechungen aber eher störend, da sie den Lesefluss gehemmt haben. Einfach etwas zu viel des Guten und nicht unbedingt notwendig.

Die beiden Hauptfiguren Elin und Jana konnten mich nicht vollends überzeugen. Deren Charakterisierung bleibt an der Oberfläche und bedient sich zahlreicher Klischees wie Rivalitäten in der SoKo, unüberlegte Alleingänge etc. Kompetenz sieht anders aus. Aber vielleicht erschöpft sich ihre Funktion auch darin, Möglichkeiten für die eine oder andere Side Story, wie hier mit Janas Stalker, zu bieten. Völlig überflüssig und ohne Relevanz für die Handlung. Tim hingegen kommt als Vertreter der schreibenden und schnüffelnden Zunft ziemlich realistisch rüber, aber er hat ja auch den Vorteil, dass für ihn und seinen Berufsstand keine Grenzen gelten.

Schaut man sich die Zusammensetzung dieses Dreierteams an, bietet das leider auch wenig Neues: Eine KHK mit Migrationshintergrund in offizieller Funktion (momentan eher die Regel als die Ausnahme), deren Freundin ohne Auftrag als externe Unterstützerin (auch nicht neu) und der Journalist, der einen Kommunalpolitiker im Visier hat und im Zuge seine Recherche auf Informationen stößt, die für den Fall von Interesse sind (wird gerade auch gerne genommen, siehe Alex Rahn). Hat man so oder so ähnlich schon oft gelesen

Ein holpriger Reihenauftakt, der neben dem interessanten Setting wenig Neues bietet und noch deutlich Luft nach oben hat.

Veröffentlicht am 27.01.2025

Prequel zur Mörderisches-Island-Reihe

Verlassen
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Ein Wochenende im November 2017. Ein Leichnam am Fuß einer Felsklippe. Ein abgelegenes Luxushotel auf der westisländischen Halbinsel Snaefellsnes, das durch seine futuristische Ausstattung ein unbehagliches ...

Ein Wochenende im November 2017. Ein Leichnam am Fuß einer Felsklippe. Ein abgelegenes Luxushotel auf der westisländischen Halbinsel Snaefellsnes, das durch seine futuristische Ausstattung ein unbehagliches Gefühl unter den Gästen verbreitet. Eine wohlhabende Großfamilie, die es sich in dem Familienimperium gemütlich gemacht hat und diese Location exklusiv für die Geburtstagsfeier des (bereits verstorbenen) Firmengründers nutzt. Und, wie könnte es bei dieser Konstellation auch anders sein, jede Menge Verborgenes, das nur darauf wartet ans Licht zu kommen.

Eva Björg Ægisdóttirs „Verlassen“ ist das Prequel zu ihrer dreibändigen Mörderisches-Island-Reihe und wird als Nordic Noir vermarktet. Gut, es gibt eine Leiche, aber dennoch kann ich dieser Etikettierung nicht zustimmen, ist dies durch die Konzentration auf die einzelnen Familienmitglieder und deren Geheimnisse doch eher ein isländischer Roman mit Spannungselementen, in dessen Zentrum das Psychogramm einer dysfunktionalen Sippe mit nicht zu verleugnenden Suchtproblemen steht. Den einzelnen Personen sind zahlreiche Themen zugeordnet, von denen die Gefahren, die die naive Nutzung von Social Media Plattformen mit sich bringen kann, als Motiv zwar nicht neu, aber hier noch am interessantesten ist.

Mit der Entwicklung der Story lässt sich die Autorin Zeit. Viel Zeit, bis sie auf den Punkt kommt. Geschuldet ist das in erster Linie dem großen Personentableau, in dem man sich verlaufen könnte, wäre nicht eingangs der entsprechende Stammbaum der Familie abgedruckt, zu dem zumindest ich während des Lesens immer wieder zurückblättern musste, um mir die Beziehungen der einzelnen Personen zu vergegenwärtigen. Das bremst das Tempo, hemmt den Lesefluss und ist auf Dauer ermüdend. Daran ändern leider auch die unterschiedlichen Perspektiven nichts, aus der nicht nur die Geschehnisse des Wochenendes geschildert werden, sondern auch aus verschiedenen Blickwinkeln auf vergangene, auch einigermaßen tragische Ereignisse geblickt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass sämtliche Personen zutiefst unsympathisch sind und ich permanent das Gefühl hatte, angelogen zu werden.

Die Ermittlungen der Polizei nehmen nur einen sehr kleinen Raum ein, auch wenn in Gestalt von Saevar und Hördur zumindest zwei alte Bekannte aus der Mörderisches-Island-Reihe sich bemühen, den Todesfall aufzuklären. Elma hingegen gehört noch nicht zum Team, wird aber bereits als Verstärkung angekündigt.

Wenn man möchte, kann man „Verlassen“ problemlos als Ergänzung zu der Reihe lesen, aber zwingend notwendig ist es nicht.

Veröffentlicht am 06.12.2024

Enttäuschte Erwartungen

Italien
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Gleich vorweg, ich hatte hohe Erwartungen an „Italien: Food. People. Stories“ der vier Molcho-Brüder Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, „verschiedene Kulturen durch ...

Gleich vorweg, ich hatte hohe Erwartungen an „Italien: Food. People. Stories“ der vier Molcho-Brüder Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, „verschiedene Kulturen durch außergewöhnliche kulinarische Erlebnisse zusammenzubringen“ und deshalb mittlerweile unter dem Kürzel NENI nicht nur 14 Restaurants in europäischen Städten betreiben, sondern auch schon zahlreiche Kochbücher veröffentlicht haben. Die Besonderheit der Rezepte liegt dabei meist in der Verbindung von Regionalküche verbunden mit dem levantinischen Erbe der Familie. So auch hier, dachte ich zumindest.

Nun also eine Reise durch Italien, und die Route sieht vielversprechend aus. Von Friaul-Julisch Venetien über die Toskana und Rom in den Mezzogiorno, die Amalfi-Küste und Apulien bis hinunter nach Sizilien.

Und damit fängt das Problem an, denn das Buch mit seinen 227 Seiten ist zweigeteilt. In der ersten Hälfte (bis Seite 115) berichten sie über Köche, Restaurants und Erzeuger, die sie auf ihrer Reise gezielt aufgesucht bzw. mehr oder weniger zufällig getroffen haben, wobei die Hintergrundinformationen eher uninteressant sind und die kulinarischen Besonderheiten der Regionen nicht im Zentrum stehen. Dazu kommen Unmengen meist großformatiger Fotos, die zwar nett anzuschauen sind, aber eher in das Fotoalbum der Familie gehören. Das eine oder andere Rezept ergänzt zwar diese Berichte, ist aber weitgehend uninteressant, wenn man sich bereits intensiver mit der italienischen Küche beschäftigt hat.

Nun zu Kapitel 2, überschrieben mit Hayas Cucina. Auch hier sind im Wesentlichen die Klassiker-Rezepte aufgeführt, die man so oder so ähnlich in jedem Italien-Kochbuch finden kann. Keine Spur von besonderen levantinischen Einflüssen, weder bei den Zutaten noch bei den Gewürzen (btw. das bekommt Yotam Ottolenghi um Klassen besser hin). Positiv ist hierbei lediglich, dass die Zutaten in jedem Supermarkt erhältlich sind und die Gerichte keine besondere Herausforderung an Können und Erfahrung darstellen und somit auch von weniger versierten Hobbyköchinnen und -köchen zubereitet werden können. Ergänzt werden die Rezepte, die in die klassische italienische Speisenfolge (Antipasti, Primo, Secundo, Dolci) eingeteilt sind, durch einige Grundrezepte wie Pesto, Brühe, Vinaigrette und die Herstellung von Brotbröseln. Wer’s braucht...

Veröffentlicht am 21.11.2024

Drei Frauen auf Columbos Spuren

Der Mutter-Tochter-Mörder-Club
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Wenn ihr auf der Suche nach neuem Lesestoff seid, schaut ihr euch auch manchmal die Empfehlungen von englischsprachigen Buchclubs an? Ich schon, weil ich immer auf der Suche nach Büchern bin, die noch ...

Wenn ihr auf der Suche nach neuem Lesestoff seid, schaut ihr euch auch manchmal die Empfehlungen von englischsprachigen Buchclubs an? Ich schon, weil ich immer auf der Suche nach Büchern bin, die noch nicht übersetzt sind.

Klassiker und anspruchsvolle Lektüre findet man in „The Queen’s Reading Room“, „Richard and Judy’s Book Club“ konzentriert sich auf Neuerscheinungen und stellt querbeet aktuelle Romane und Krimis/Thriller vor. Aber dann gibt es ja auch noch „Reese Witherspoon‘s Book Club“, in dem leichte Unterhaltung, nach der mir manchmal auch der Sinn steht, zu finden ist. Allerdings habe ich schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass die dortigen Empfehlungen mit Vorsicht zu genießen sind, da sie bei mir eher selten ins Schwarze treffen, was mich aber nicht daran hindert, dann doch zu dem einen oder anderen empfohlenen Buch zu greifen. Auch „Der Mutter-Tochter-Mörder-Club“ war ein solcher Fall, beworben als „Cosy Crime mit Witz und starken Frauen“. Leider sollten sich aber meine Erwartungen bestätigen.

Lana Rubicon ist eine erfolgreiche Unternehmerin aus L.A., hat nach der Trennung von Mann und Tochter ein Immobilienimperium aufgebaut. Der Kontakt zu ihrer Tochter Beth kocht seither auf Sparflamme, aber es gibt Situationen im Leben, in denen man vertraute Menschen um sich herum benötigt. In Lanas Fall ist das die Krebsdiagnose mit nachfolgender Chemotherapie. Und so lässt sie sich dazu überreden, zu Beth, ausgebildete Krankenschwester, und deren Tochter Jack in das verschlafene Küstenstädtchen zu ziehen. Langeweile pur für die rekonvaleszente Lana.

Doch das Blatt wendet sich, als ihre Enkelin Jack bei einer ihrer Bootstouren eine Leiche entdeckt. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Mann keines natürlichen Todes gestorben ist. Die Ermittler haben keine weiteren Anhaltspunkte, sind aber auch wenig engagiert, und so bleibt es nicht aus, dass plötzlich Jack zur Hauptverdächtigen wird. Diese Situation weckt den Columbo weckt in Lana und Beth, war das Anschauen dieser TV-Serie doch eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten während ihrer familiären Vergangenheit. Und ganz im Stil des verhuschten Detektivs machen sich die Frauen daran, Jacks Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder dingfest zu machen.

Versprochen wurde ein Kriminalroman, aber leider trifft diese Genre-Zuordnung nur in Ansätzen zu, da eigentlich durchgängig die Spannung fehlt. Ursache dafür ist die Konzentration der Autorin auf die Beziehungen innerhalb der Familie, insbesondere auf die Spannungen, die innerhalb dieser Dreierkonstellation auftreten. Mutter-Tochter, im Doppelpack, da gibt’s natürlich einiges an ungelösten Konflikten aus der Vergangenheit. Dies wird auch immer wieder gerne speziell von Autorinnen thematisiert. Aber Nina Simon betrachtet auch die allmähliche Wiederannäherung von Lana und Beth durch die Sorge um Enkelin/Tochter. Der Krimihandlung hingegen kommt so nur eine Nebenrolle zu. Man könnte nun einwenden, dass es den einen oder anderen Plot-Twist gibt. Stimmt, aber erfahrene Krimileserinnen können die eingestreuten Hinweise entsprechend interpretieren, so dass Überraschungen weitestgehend ausbleiben.

Veröffentlicht am 06.11.2024

Freundschaften als Plädoyer für Europa?

Herrliche Zeiten - Die Himmelsstürmer
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Peter Prange bleibt auch in „Herrliche Zeiten“, Auftaktband der Himmelsstürmer-Dilogie, dem Konzept treu, das wir von seinen früheren Romanen kennen. Historische Ereignisse bilden den Hintergrund der Handlung ...

Peter Prange bleibt auch in „Herrliche Zeiten“, Auftaktband der Himmelsstürmer-Dilogie, dem Konzept treu, das wir von seinen früheren Romanen kennen. Historische Ereignisse bilden den Hintergrund der Handlung und werden mit den individuellen Biografien bekannter oder fiktiver Persönlichkeiten verbunden, deren Leben und Handeln stellvertretend für den Zeitgeist der Epoche stehen.

1871, der Deutsch-Französische Krieg ist vorbei, man kann wieder nach vorne schauen. Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung. Aufbruchsstimmung macht sich in Europa breit, und in dem böhmischen Kurort Karlsbad treffen drei junge Leute aufeinander, die diese Veränderungen stellvertretend repräsentieren und ein Teil der neuen Zeit sind. Das Trio besteht aus (dem fiktiven) Paul Biermann, einem Bauingenieur aus Berlin (der maßgeblich am Bau des Kurfürstendamms beteiligt sein wird), dem Franzosen Auguste Escoffier, einem ambitionierten Nachwuchskoch (der nicht nur in Frankreich sondern auch in England seine Spuren hinterlassen und die Organisation der Profiküche revolutionieren wird), der als einer der ersten Kochbuch-Autoren und als Begründer der Haut-Cuisine gilt, und schließlich ist da noch Vicky, die siebzehnjährige Engländerin aus gutem Hause, die zwar kein besonderes Talent, dafür aber einen berühmten Verwandten vorzuweisen hat, nämlich Joseph Paxton, den Konstrukteur des Crystal Palace, der anlässlich der ersten Weltausstellung in London errichtet wurde.

In den folgenden dreißig Jahren begleiten wir ihre Lebenswege, die sich immer wieder, mal mehr, mal weniger intensiv, kreuzen und untrennbar mit der europäischen Geschichte verbunden sind. Allerdings wollte bei mir der Funke nicht wirklich überspringen. Zu beliebig und vorhersehbar sind die Berührungspunkte der drei Freunde. Sie haben sich mit ihrem Leben arrangiert. Natürlich gibt es das eine oder andere Drama, was bei dieser Konstellation zu erwarten ist. Genau, es ist zu erwarten, ergo sind Überraschungen Mangelware, hat man alles schon vielfach gelesen. Tja, und auch die zeitgeschichtlichen Referenzen fand ich über weite Strecken eher nichtssagend in dieser Story verarbeitet. Der Bau des Kurfürstendamms, um nur ein Thema zu erwähnen, das lang und breit behandelt wurde. Wen interessiert das? Mich jedenfalls nicht. Lediglich der Handlungsstrang, der sich mit Escoffier beschäftigte, hat bei mir Interesse geweckt. Aber um dieses Thema zu vertiefen, greife ich dann doch lieber zu einer Biografie, die diese erdachten privaten Verwicklungen ausspart.

Ein Roman über Freundschaft, über Völkerverständigung? Ein Plädoyer für Europa? Vielleicht war das die Intention des Autors, war aber leider nicht überzeugend. Herausgekommen ist eine trockene, vorhersehbare, oberflächliche Story, die zudem noch viel zu konventionell, langatmig und behäbig erzählt wird, woran auch die Kapitel aus wechselnder Sicht leider nichts ändern konnten. Die Fortsetzung werde ich mir ersparen.