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Veröffentlicht am 16.02.2025

Geschichte zum Genießen

Frau Hempels Tochter. Roman
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Sehr gern habe ich mich zurückführen lassen in die Vergangenheit vor etwa einhundert Jahren und in das Berliner Kleinbürgermilieu. Frau Hempel ist Portiersfrau eines großen Mietshauses mit Menschen aus ...

Sehr gern habe ich mich zurückführen lassen in die Vergangenheit vor etwa einhundert Jahren und in das Berliner Kleinbürgermilieu. Frau Hempel ist Portiersfrau eines großen Mietshauses mit Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Hier bewohnt sie mit ihrem Mann, einem Schuster, und ihrer Tochter Laura die Kellerwohnung. Seit sie Mutter geworden ist, war ihr klar, dass ihre Tochter es einmal besser haben sollte als sie. Dafür hat sie getan, was sie konnte, dabei allerdings niemals ein Blatt vor den Mund genommen. Sämtliche Hilfsarbeiten im ganzen Haus hat sie angenommen, um das zusätzlich verdiente Geld für die Zukunft ihrer Tochter zu sparen.

Laura fand eine Anstellung als Kindermädchen bei Bankdirektors Bombach, die ebenso im Hause wohnten wie der verarmte Graf, mit dem Laura von Fenster zu Fenster verträumte Blicke tauschte.


Mir gefällt der lebhafte und oft humorvolle Schreibstil der Autorin Alice Berend unglaublich gut. Sehr wohl habe ich mich in der Familie Hempels gefühlt, und besonders habe ich Frau Hempel bewundert, die mit ihrem eisernen Willen das verwirklicht hat, was sie sich vorgenommen hatte.

Es ist so schade, dass die Bücher von Alice Berend im Nationalsozialismus verboten und verbrannt wurden, weil sie Jüdin war. Umso mehr freue ich mich, dass „Frau Hempels Tochter“ unter RECLAMs Klassikerinnen jetzt wieder in einer Neuauflage erschienen ist. Es gibt in dem Buch viele wunderbare Zitate, die es wert sind, sie zu lesen und einfach zu genießen.

Die Geschichte hat mir unterhaltsame Lesestunden geschenkt und sehr gern gebe ich meine volle Leseempfehlung für diesen Rückblick in vergangene Zeiten.

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Veröffentlicht am 09.02.2025

So war das damals

Kronsnest
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Das Buch erzählt die Geschichte des Jungen Hannes, der vor hundert Jahren in dem kleinen Dorf Kronsnest lebte. Es ist keine leichte Lektüre, trotzdem habe ich mich gut hineinfallen lassen können in die ...

Das Buch erzählt die Geschichte des Jungen Hannes, der vor hundert Jahren in dem kleinen Dorf Kronsnest lebte. Es ist keine leichte Lektüre, trotzdem habe ich mich gut hineinfallen lassen können in die Vergangenheit, habe Hannes gern begleitet auf dem schweren Weg seiner Kindheit und Jugend und seiner stillen Liebe zu Mara. Fast immer hatte ich das Gefühl, ihm ganz nah zu sein und nur meine Arme ausbreiten zu müssen, um ihm Halt geben zu können, wenn er verzweifelt war.
Florian Knöppler hat nicht nur die damalige Zeit und das Leben auf dem Land gut eingefangen und beschrieben, sondern auch die Gefühlswelt und dabei sogar die fehlenden Gefühle des Vaters zu seinem Sohn glaubhaft und authentisch dargestellt. Auf Anerkennung, ein wenig Lob oder ein Wort des Dankes hat Hannes vergeblich gewartet – von einem liebevollen Elternhaus ganz zu schweigen.
Umso größer war meine Bewunderung für Hannes und seine Entwicklung. Trotz aller Widrigkeiten übernimmt er Verantwortung und arbeitet neben seiner Schule ohne Unterlass.
Etwas mulmig wurde mir, als Knöppler beschrieb, wie schwer es die Bauern Ende der 1920er-Jahre hatten, gerade junge Menschen sich der Landvolkbewegung anschlossen…
… Plötzlich sehe ich die Gegenwart…
Sehr gern gebe ich meine volle Empfehlung für ein Buch, das mich sehr berührt und zum Nachdenken und Mitempfinden anregt.

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Veröffentlicht am 31.01.2025

Knisternde Spannung vor atmosphärischer Kulisse

Middletide. Was die Gezeiten verbergen
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Bei mir kommt zu diesem Buch das Beste zuerst: Mit ihrem Debütroman hat Sarah Crouch einen Volltreffer gelandet! „Was die Gezeiten verbergen“, das wird von ihr ganz sachte und stückweise aufgedeckt.
Seit ...

Bei mir kommt zu diesem Buch das Beste zuerst: Mit ihrem Debütroman hat Sarah Crouch einen Volltreffer gelandet! „Was die Gezeiten verbergen“, das wird von ihr ganz sachte und stückweise aufgedeckt.
Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit den Cookinseln im Südpazifik. Darum hat es mich gereizt, die Geschichte zu lesen, die ebenfalls im Pazifik angesiedelt ist, wenn auch weit entfernt auf der Nordhalbkugel, abgelegen an einer Meerenge im US-Staat Washington.
Hier lernen Elijah und Nakita sich kennen und lieben. Leider hat ihre Jugendliebe keinen Bestand, denn Elijah verlässt seinen Heimatort, um seinen Traum von einer Karriere als Schriftsteller zu verwirklichen. Erst nach vielen Jahren kehrt er nach dem Tod seiner Eltern mit dem Gefühl des Versagens nach Hause zurück.
Das Cover zeigt eine kleine Landzunge im Licht des Sonnenuntergangs. Ich stelle mir vor, es ist der einsame Platz, an dem Elijahs Hütte steht, in der er jetzt lebt, wo er ein paar Tiere hält und im Garten sein eigenes Gemüse anpflanzt.
Nakita hat er nie vergessen können, doch scheint es für die beiden nach all den Jahren keine gemeinsame Zukunft zu geben.
Das Buch verbreitet eine wohlige Atmosphäre allein durch die Beschreibung der einzigartigen Umgebung, doch durch den zweiten Erzählstrang, der Geschichte eines Mordes, fesselt es mich irgendwie doppelt. Es erzählt nicht nur von einer verloren geglaubten Liebe, sondern ist gleichzeitig ein Thriller mit knisternder Spannung. Die Handlung wechselt gekonnt zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren.
Sehr gern gebe ich meine Empfehlung für ein großartiges Debüt, das von Liebe und Treue, von Ängsten, von Verrat, aber auch von einer tiefen Freundschaft und Hoffnung erzählt.
Gespannt warte ich auf einen weiteren Roman von Sarah Crouch.

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Macht betroffen und braucht Zeit

Vor der Nacht
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Für mich ist es das zweite Buch von Silah Jamal, das ich nach „Das perfekte Grau“ kennenlerne. Und wieder bin ich fasziniert davon, wie sein poetischer Schreibstil selbst neben den Schilderungen schrecklicher ...

Für mich ist es das zweite Buch von Silah Jamal, das ich nach „Das perfekte Grau“ kennenlerne. Und wieder bin ich fasziniert davon, wie sein poetischer Schreibstil selbst neben den Schilderungen schrecklicher Situationen im Lebensalltag bestehen kann.

"Meine Eltern schauten beide zueinander auf. Bis sie gemeinsam in den Abgrund hinabblicken mussten."

Jonas hatte das große Glück, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen – bis zu dem Zeitpunkt, als das Schicksal erbarmungslos dieses Glück beendete. Seine Mutter ist früh gestorben und der Vater musste eine Gefängnisstrafe verbüßen für eine Verzweiflungstat. Er hatte keinen anderen Ausweg gesehen.

Mit 14 Jahren kommt Jonas, der Erzähler der Geschichte, ins „Heim der Wölfin“, „ein Kinderheim, verborgen im Autobahnwald“, wie es in der Buchbeschreibung heißt.

Hier wird er zu Jimmy und bald findet sich eine Gruppe von sechs „Seelen, die wie er vom Verlust geprägt sind“. Allerdings hatte keiner der anderen eine glückliche Kindheit. Hier an diesem Ort jedoch tritt jeder für jeden ein und ist füreinander da.

Über das Zusammenleben und den Tagesablauf im Heim erzählt der Autor kaum etwas. Der Fokus liegt auf der Gruppe, deren persönliche Geschichten nach und nach erzählt werden. Diese Geschichten machen betroffen und traurig. Ich nehme mir viel Zeit zum Nachdenken. Kaum kann ich es begreifen und es dürfte auch nicht sein, dass nur ein Kind ohne Liebe aufwachsen muss. Doch in vielen Familien gibt es Streit statt Zusammenhalt, Hass statt Liebe, Schläge statt Umarmungen.

An Sätzen über fehlende Selbstliebe, bedingungslose Liebe und die vielen verletzten Kinderseelen, die „in erwachsenen Körpern Verstecken spielten“, bleibe ich lange hängen und lese sie immer wieder.

Mit 18 Jahren verlassen die Jugendlichen nach und nach das Heim und verlieren sich dabei aus den Augen. Doch Jimmy macht sich auf die Suche…

Salih Jamal schreibt großartig, mal sehr einfühlsam, dann wieder voll brutal. Und immer wieder sind es die Sätze voller Poesie, die so in die Geschichte eingewoben sind, dass ich nur staunen kann und ins Träumen gerate.

Sehr gern empfehle ich vor allem denen, die sich Zeit bei der Lektüre nehmen wollen, dieses Buch, das von Schuld und Vergebung, von Verlust und der Hoffnung auf ein besseres Leben erzählt.

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Veröffentlicht am 07.12.2024

Pausenlose Spannung

STARCK und der erste Tag
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Selten hat mich ein Buch so gefesselt. Selten hatte ich so viele Fragen. Selten hatte ich so viele Zweifel.

Starck hat als Staatsanwalt gearbeitet – bis zu seiner Verurteilung. Jahre später wird er entlassen ...

Selten hat mich ein Buch so gefesselt. Selten hatte ich so viele Fragen. Selten hatte ich so viele Zweifel.

Starck hat als Staatsanwalt gearbeitet – bis zu seiner Verurteilung. Jahre später wird er entlassen und ist fest entschlossen, seinen eigenen Fall neu zu untersuchen.

Kein leichtes Unterfangen, nachdem er fast alles verloren hat: seine Frau, seinen Ruf, seine Karriere – ja, selbst seine Tochter darf er nicht wiedersehen. Er kennt nicht einmal ihren Aufenthaltsort.

Im Knast hat Starck in dem Mithäftling Duncan einen Freund gefunden, der ihn bei seinem schwierigen Vorhaben unterstützen könnte. Doch kann er ihm wirklich vertrauen?

Die Geschichte ist unglaublich vielschichtig und kompliziert. Wer steckt hinter allem? Wer will Starck vernichten? Und wer ist der Waran?

Ich mag Krimis mit kurzen Kapiteln, weil ich immer noch eins mehr lesen kann, wenn es spannend wird. Das war bei diesem Buch leider nicht möglich, obwohl es die kurzen Kapitel gibt. Problem dabei ist die Tatsache, dass die Spannung zwischendurch einfach an keiner Stelle nachlässt, so dass an Pausen kaum zu denken ist…

Leider ist aber eine Pause unvermeidbar, denn dieses Buch ist erst der erste Teil einer Trilogie. Ich warte gespannt auf die Fortsetzung!

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