Epische Geschichte in der Klangfarbe Österreichs
Wild wuchernMarie hat ihn blutend zurückgelassen. Sie hat auf die Schnelle wenige Sachen in ihren Rucksack gestopft und ist zum Bahnhof gefahren. Zuerst wollte sie nach Italien, aber da hat er sie schon dreimal gefunden, ...
Marie hat ihn blutend zurückgelassen. Sie hat auf die Schnelle wenige Sachen in ihren Rucksack gestopft und ist zum Bahnhof gefahren. Zuerst wollte sie nach Italien, aber da hat er sie schon dreimal gefunden, obwohl sie immer an anderen Orten war. Dann steigt sie in den Zug, der vor ihr steht und das ist ein Glück, denn jetzt ist sie auf dem Weg zu Johanna. Da kann er sie nicht vermuten, denn er weiß nichts von Johanna.
Marie ist am Fuß des Berges angekommen, es ist stockfinstere Nacht und das Glas ihres Handys ist zerbrochen. Sie war lange nicht mehr hier und jetzt wird sie sich mit den Schemen begnügen. Es raschelt im Laub, Tiere schreien, ihr Atem überschlägt sich, die Ohren dröhnen. Sie muss ein Stück durch den Wald, es klingt dumpf, sie sieht die Hand vor Augen nicht. Jemand keucht. Panik. Sie weiß, dass sie einen Hang hinaufmuss. Da ist der Bach, sie erinnert sich, watet durch das eiskalte Wasser, wird fast umgerissen. Jetzt erklimmt sie den Hang auf allen vieren, sieht die Hütte und das Licht im Fenster, nein, doch nicht, eine Mondspiegelung. Sie klopft aber nichts passiert, drückt die Klinke herunter und schiebt die schwere Tür auf. Dunkelheit. Im Mondlicht sieht sie den großen Holztisch, Stühle. Ein Feuer glimmt im Ofen. In der Ecke steht ein Kleiderständer, den sie nicht kennt. Das passt gar nicht zur Johanna, dass sie ihn hier hochgeschleppt hat und da bewegt er sich, dreht sich um und die Johanna erscheint.
Es ist früher Morgen. Sie sitzen am Tisch und essen Polenta, die Johanna zubereitet hat. Wie lange sie bleiben will, will Johanna wissen. Ob sie wegen ihr gekommen sei. Natürlich nicht, denn dann würde Marie Wanderschuhe und keine Riemchensandalen tragen, es wäre nicht mitten in der Nacht gewesen und sie hätte etwas Nützliches mitgebracht, etwas zu essen, aber das sagt Marie der Johanna nicht.
Fazit: Katharina Köller hat eine epische Geschichte in der Klangfarbe Österreichs geschaffen. Die Protagonistin flüchtet aus einem Leben, das kopfsteht. Aus Not hat sie eine Dummheit begangen. Bei ihrer wortkargen und menschenfeindlichen Cousine sucht sie Zuflucht. Die anpassungsfähige Stadtfrau, die zu Selbstironie neigt, versucht sich dem harten, entbehrungsreichen Landleben der sich selbst versorgenden Johanna unterzuordnen, aber sie bleiben zu verschieden. Die Autorin hat mich mitgenommen in die Tiroler Alpen und mir die unberechenbare Natur gezeigt. Ich habe sie selber erlebt und mich gerne zurückerinnert. Sprachwitz und Metaphern lockern das schwierige Thema Kindheitsprägung auf. Die einfache Sprache erleichtert den Lesefluss und hat mich geschwind durch die Zeilen fliegen lassen. Für mich ein emotionaler Lesegenuss, den ich besonders empfehlen kann.