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Veröffentlicht am 29.04.2025

Anspruchsvoller als gedacht

Die Magie der Konsequenz
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„Ach herrjeh, schon wieder ein Lehrbuch für Hundehalter!“ Das war mein erster Gedanke, denn solche Bücher gibt es ja wie Sand am Meer. Und magisch ist gar nichts daran, wenn man konsequent handelt, egal ...

„Ach herrjeh, schon wieder ein Lehrbuch für Hundehalter!“ Das war mein erster Gedanke, denn solche Bücher gibt es ja wie Sand am Meer. Und magisch ist gar nichts daran, wenn man konsequent handelt, egal ob im Umgang mit Kindern, mit Pferden oder mit Hunden. Allein die Reputation des Kosmos-Verlag als fundiertem Sachbuch-Verlag ließ mich das Buch mit einer gewissen Offenheit beginnen.

Dass die Autorin erfahrene Hundetrainerin ist, zeigt ihr Lebenslauf. Doch je weiter ich im Buch las, desto klarer wurde mir wieder einmal, dass ein wirklich erfolgreicher Hundetrainer ein Menschentrainer sein muss. Und deshalb empfand ich eines der ersten Kapitel im Buch als essentiell: „Selbstwahrnehmung und -reflexion“. Es gibt wohl nichts Wichtigeres, als das eigene Verhalten im Umgang mit dem Hund ganz und gar ehrlich zu reflektieren. Erst dann , und nur dann, gelingt eine Optimierung des eigenen Verhaltens. Und genau hier beginnen auch die wahrscheinlichen Grenzen eines Buches. Denn wir können noch so oft zustimmend nicken beim Lesen, uns oftmals erwischt fühlen – ohne die reale, erfahrbare Interaktion von Mensch zu Mensch, von (Mensch)-Hundetrainer zu Hundebesitzer wird sich recht wenig ändern. Die Autorin bemüht sich redlich anhand zahlloser Beispiele, dem Leser zu vermitteln, wie unser eigenes Verhalten das Verhalten des Hundes prägt. Und wie Erziehung des Hundes etwas mit menschlicher Selbsterziehung zu tun hat. Vielleicht hätten dennoch mehr Mensch-Hund-Beziehungsbeispiele dem Buch gut getan.

Fazit: Kein Buch, das Tipps enthält, um das Verhalten des eigenen Hundes nach persönlichen Wünschen zu optimieren, sondern sehr viel mehr ein Beziehungsbuch, dessen Grundlage eine Veränderung des eigenen Verhaltens als Voraussetzung zur Verbesserung der Hund-Mensch-Beziehung ist. Kurzum: Anspruchsvoller als gedacht.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Ein rundum gelungener, spannender Kriminalroman

Verlogen
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Ein rundum gelungener Kriminalroman
Ein Hochgenuss war für mich die Lektüre dieses Kriminalromans. Denn er enthält alles, was das Leserherz erfreut: einen über die Seiten hinweg andauernden Spannungsbogen, ...

Ein rundum gelungener Kriminalroman
Ein Hochgenuss war für mich die Lektüre dieses Kriminalromans. Denn er enthält alles, was das Leserherz erfreut: einen über die Seiten hinweg andauernden Spannungsbogen, eine geschickt und mehrbödig sich entwickelnde Story, psychologisch logisch nachvollziehbare Protagonisten und einen flüssig-lebendigen Sprachstil.
Die Geschichte entwickelt sich so, wie wir es in ähnlicher Weise schon öfter gelesen haben: Die überaus reiche Familie trifft sich zum 100. Geburtstag des bereits verstorbenen Familienoberhaupts Ingólfur Hákonarson für ein Wochenende in einem abgelegenen Hotel inmitten der Lavafelder Westislands. Jedes der Familienmitglieder zeigt sich natürlich von seiner besten Seite. Als ein Schneesturm aufzieht und einer der Gäste unauffindbar verschwindet, beginnt jedoch der schöne Schein mehr und mehr zu bröckeln. Und damit beginnt auch die Besonderheit dieses Romans, nämlich die psychologische Tiefe.
Zu Beginn der Lektüre hatte ich einige Schwierigkeiten, die Fülle an Namen zeitlich und in ihren Beziehungen zueinander geordnet in meinem Kopf zu sortieren, da die Autorin immer wieder die Perspektiven wechselt. Dennoch war ich sehr schnell von der raffiniert sich entwickelnden Geschichte fasziniert. Immer wieder gab es neue Wendungen, immer wieder wurde ich als Leserin völlig überrascht. Immer wieder ergaben sich neue Sichtweisen, sodass ich mit meinen Vermutungen und Überlegungen immer wieder in Sackgassen geriet. Die Autorin versteht es perfekt, durch einen gekonnt flüssig-lebendigen Sprachstil und die raffiniert gestrickte Geschichte den Spannungsbogen stets hoch zu halten. Psychologisch klug werden menschliche Abgründe, Ängste, Verwirrungen und fehlgeleitete Hoffnungen fein differenziert in die Erzählung eingearbeitet. Ganz besonders beeindruckt war ich jedoch von den feinen Schilderungen der isländischen Landschaft, die den idealen Rahmen bildet zu diesem rundum empfehlenswerten Kriminalroman.

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Veröffentlicht am 22.09.2024

Beeindruckende Darstellung der Kraft einer Frau

Sing, wilder Vogel, sing
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Wie immer, war ich besonders gespannt auf einen neuen Roman aus meinem Lieblingsverlag, dem ich schon so manche besondere Lese-Erlebnisse verdanke. Bereits jedes ausgesuchte Gemälde auf dem Cover sehe ...


Wie immer, war ich besonders gespannt auf einen neuen Roman aus meinem Lieblingsverlag, dem ich schon so manche besondere Lese-Erlebnisse verdanke. Bereits jedes ausgesuchte Gemälde auf dem Cover sehe ich mir immer sehr genau an und nehme dessen Stimmung und Ausdruck auf, bevor ich das Buch überhaupt öffne. So auch bei diesem Roman, der mich nicht nur mit dem Coverbild, sondern auch mit seinem Schreibstil und Inhalt sehr berührte. Und wie unglaublich passend, die Worte von Rainer Maria Rilke, die dem Roman vorangestellt sind.
Es geht um Honora, eine junge Frau Mitte des 19. Jahrhunderts, lebend in einem Dorf an der irischen Westküste. Sie ist eine Außenseiterin, eine Frau, die lieber in den Wäldern lebt als in einer Hütte, die Freiheit braucht und im Alleinsein und aus der Natur ihre Kraft schöpft. Unvergleichlich intensiv wird eine Hungersnot geschildert, die das gesamte Dorf auf brutalste Weise trifft. Es geht nur noch ums blanke Überleben. Unvorstellbar für uns, die wir im unfassbaren Überfluss jeden Tag leben und schon lange nicht mehr wissen, was wirklich lebens-notwendig ist. Ein Teil des Dorfes macht sich mit letzter Kraft auf den Weg durch die Berge, weil ihnen angeblich dort Essensrationen zugeteilt werden könnten. Doch die meisten Dorfbewohner sterben. Honora aber gibt nicht auf, denn sie hat in sich ein unglaublich großes Kraftreservoir, obwohl sie schon von Kindheit an so viel Leid und Elend erlebt hatte. Sie schafft es auf ein Schiff, das sie nach Amerika bringen soll. Denn dort, so glaubt Honora, wartet auf sie die lang ersehnte Freiheit. Und doch erfährt sie zunächst nichts anderes als Gewalt und Unterdrückung.
Den Schreibstil fand ich äußerst beeindruckend. Ich bekomme die Bilder des gnadenlosen Hungers nur noch schwer wieder aus dem Kopf. Und im Buchaufbau, springend vor und zurück im Leben von Honora, spiegelt sich wider deren Inneres, das freiheitsstrebend und unbezähmbar ist. Dass historische Gegebenheiten den Hintergrund für diesen Roman bilden, macht den Roman noch um ein Weiteres mehr beeindruckend. Die Kraft und Stärke einer Frau ist selten so bemerkenswert intensiv dargestellt worden.

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Veröffentlicht am 05.09.2024

Unvollständiges Urteil über einen grandiosen Roman

Unsere Jahre auf Fellowship Point
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Dieser Roman brauchte 17 Jahre bis zu seiner Vollendung. Und er hat es verdient, dass sich der Leser für die 730 Seiten viel Zeit nimmt. Denn dieser Roman ist nicht einfach zum Herunterlesen geschrieben ...


Dieser Roman brauchte 17 Jahre bis zu seiner Vollendung. Und er hat es verdient, dass sich der Leser für die 730 Seiten viel Zeit nimmt. Denn dieser Roman ist nicht einfach zum Herunterlesen geschrieben worden, ganz im Gegenteil. Er verlangt Hingabe. Hingabe an die außerordentlich schöne Sprache und Hingabe an den außerordentlich vielfältigen und vielschichtigen Inhalt. Doch mir blieben nur drei Wochen Zeit, um mein Urteil abzugeben. Drei Wochen Lese-, Denk- und Schreibzeit sind dieses großen Romans nicht würdig! Und so schreibe ich meine Eindrücke termingerecht, aber ohne das Buch bis zu Ende gelesen zu haben. Man möge mir diesen „unvollständigen“ Eindruck verzeihen. Mir jedenfalls bleibt anschließend weitere genussvolle Lektüre-Zeit ohne Abgabedruck.
Aus oben genanntem Grund zitiere ich auszugsweise zur Inhaltsangabe das, was der Verlag sehr schön in Worte gefasst hatte. (Ein Vorgehen, das ich normalerweise nie wähle.) „Agnes und Polly sind von Kindheit an miteinander verbunden. Schon als Kinder verbrachten sie jeden Sommer mit ihren Familien auf Fellowship Point an der Küste Maines und haben seither Glück und Kummer geteilt. Die fürsorgliche Polly hat ihr Leben ihrer Familie gewidmet, die unabhängige Agnes ihres dem Schreiben. Als die Zukunft von Fellowship Point auf dem Spiel steht, geraten die Dinge in Bewegung…“
Und ich zitiere mein erstes Fundstück der Lektüre: „Gewohnheiten füllten die Fissuren eines alternden Körpers und Geistes.“ Allein an diesem Satz blieb ich tagelang hängen. Aber er wird wohl nur von jemandem verstanden, der aufgrund des höheren Alters diese Fissuren kennt und sich mit Regelmäßigkeit und Gewohnheiten bei Laune hält. So wie Agnes, diese aufrechte, stolze, oftmals schroff wirkende Frau, die als Schriftstellerin sehr erfolgreich war, aktuell aber von einer Schreibblockade „befallen“ wird. Polly, ihre Lebenszeit-Freundin, ist ihrem sich selbst überschätzenden Ehemann unterwürfig und sieht ihre Lebensaufgabe darin, die Welt freundlicher zu machen. Agnes dagegen steht für einen unabhängigen, lautlosen Feminismus. Der Roman beleuchtet dieses Frauenpaar und deren lebenslange Freundschaft aus unterschiedlichen Perspektiven in Gegenwart und Vergangenheit. Rund um diese beiden Frauen treten verschiedene Personen ins Blickfeld, werden präzise beobachtet und verschwinden auch wieder, wie im richtigen Leben. Die 17 Jahre Entstehungsgeschichte des Romans schaffen eine ganz besondere Weitsicht des Lebens. Eine Fülle an Themen und Ansichten regt zum Nachdenken, oftmals auch zum Widerspruch an. Hinreißend schön, geradezu zart in Worte gefasst sind eingestreute Naturbeobachtungen. Um die Vielfalt des Romans und die volle Schönheit der Sprache zu erfassen, braucht es wache Sinne und viel Zeit. Nur so gelingt es, alle feinen Facetten dieses grandiosen Romans zu erfassen.

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Veröffentlicht am 27.08.2024

Ein kleines Buch mit großer erzählerischer Kraft

Die Gräfin
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Ein kleines Buch von großer erzählerischer Kraft
Das dünne Büchlein hat ein wunderschönes, ruhiges, den Blick in die Weite lenkendes Cover – allein dieses Äußere sagt sehr viel über den Inhalt aus. Ich ...

Ein kleines Buch von großer erzählerischer Kraft
Das dünne Büchlein hat ein wunderschönes, ruhiges, den Blick in die Weite lenkendes Cover – allein dieses Äußere sagt sehr viel über den Inhalt aus. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich mich eingefunden habe in die Art des Erzählens. Die Autorin, die erst im höheren Alter diesen Roman schrieb, hat eine besondere Fähigkeit, sehr viel zwischen den Zeilen zu vermitteln. Aber es braucht innere Ruhe, um ihr zu folgen und den Reichtum im Ungesagten zu entdecken.
Es werden 6 Tage geschildert, kein Vorher, kein Nachher, nur 6 Tage im Leben der historisch verbrieften und von Geheimnissen und Mythen umgebenen Hallig-Gräfin Diana von Reventlow-Criminil. Wir haben das Jahr 1944. Die Angst vor den Nazis und gleichzeitig der beharrliche Stolz der Insulaner weht durch die Seiten. Es sind heiße Tage, die Hitze liegt auf dem Meer wie eine schwere Last. Ein englischer Pilot, ein Feind, stürzt mit seinem kleinen Flugzeug ins Watt. Der Hund der Gräfin wittert lange vor den Menschen dieses ungewöhnliche Ereignis. Die Gräfin und Maschmann, ihr getreuer Helfer, ziehen den bewusstlosen Piloten aus seiner Kanzel und bringen ihn auf die Warft. Meta, die seit vielen Jahren das zurückgezogene Leben der Gräfin teilt, pflegt mit Hingabe den Fremden. Diese kleine Gemeinschaft an Menschen erfährt durch die Anwesenheit des Fremden auf sehr individuelle Weise innere Unruhe…
Es passiert nicht allzu viel auf diesen 170 Seiten. Nicht viel, wenn man auf dramatische Ereignisse wartet. Und doch packte mich beim Lesen eine innere Spannung, denn im Grunde geschieht enorm viel, wenn man sich Zeit dafür nimmt zu erspüren, was die Autorin so geschickt zwischen den Zeilen versteckt. Das Kammerspiel am Meer in einer dunklen historischen Zeit zeichnet Menschen mit unaufgeregtem Mut. Es wird nichts totgeplappert, sondern nur das Nötigste geredet. Die Kostbarkeit der Wörter zeigt sich in der leidenschaftlich klassische Texte zitierenden Gräfin. Und es wird fein beobachtet. Und so findet man im Buch wunderbare Landschaftsschilderungen, Stimmungen am Meer und feinfühlig skizzierte Szenen. Der manchmal etwas spröde Sprachstil in seinem besonderen Charme passt genau zu den Menschen, ebenso die eingestreuten plattdeutschen Einwürfe, die spätestens beim laut Vorlesen gut verständlich werden.
Dieses kleine große Buch hat eine immense Kraft, weil es nach der Lektüre, gerade weil der Text irgendwie unvollständig wirkt, noch lange nachtönt und man geneigt ist, über die 6 Tage hinaus die Geschichte in der Fantasie weiter zu träumen.

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