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Ritja

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.02.2025

Eismeer und mehr

Mord in Spitzbergen
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Der Titel suggeriert einen Mordfall, aber wer die Autorin kennt, weiß, dass es auch anders kommen kann. Es ist kein Krimi, sondern ein Roman. Neben einer trinkfesten, sehr trinkfesten Protagonistin erfährt ...

Der Titel suggeriert einen Mordfall, aber wer die Autorin kennt, weiß, dass es auch anders kommen kann. Es ist kein Krimi, sondern ein Roman. Neben einer trinkfesten, sehr trinkfesten Protagonistin erfährt man einiges über das Schiff, Spitzbergen und das Eismeer.

Bea ist, trotz ihres Hanges zum Alkohol, ein Charakter, den man so ganz leicht mag. Sie kommt immer irgendwie an und durch und schafft es stets den Kopf über Wasser zu halten. Sie stößt gelegentlich den Menschen vor den Kopf und poltert ab und an durch ihr Leben. Sie wirkt distanziert und recht grob, aber im Inneren sitzt das kleine verletzte Mädchen.

Die Mitreisenden sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft und so kann man von außen das Geschehen beobachten und zuschauen, wie Bea sich zwischen den fremden Menschen verhält und wie sie auf die Mitreisenden wirkt.

Anne B. Ragde ist bekannt für ihre Geschichten, die hinter die menschliche Fassade schauen und den Menschen mit all seinen Facetten zum Vorschein bringen.

Veröffentlicht am 11.02.2025

Eine ruhige Geschichte

Jeongmin töpfert das Glück
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Jeongmin hadert mit sich und ihrem Leben. Sie verkriecht sich in ihre Wohnung und meidet jeden Außenkontakt. Ihr bisheriges Leben war gezeichnet von vielen Umzügen und einem stressigen Job in der Fernsehwelt. ...

Jeongmin hadert mit sich und ihrem Leben. Sie verkriecht sich in ihre Wohnung und meidet jeden Außenkontakt. Ihr bisheriges Leben war gezeichnet von vielen Umzügen und einem stressigen Job in der Fernsehwelt. Sie war Texterin und brannte in ihrem Job völlig aus. Ein weiterer Umzug bringt die Wende in ihrem Leben. Sie kommt an einer Töpferei vorbei und betritt eine, für sie, völlig neue Welt.

Das Arbeiten mit dem Lehm und die Entstehung von den verschiedenen Keramiken lassen sie zurückkehren. Zurück in ihr Leben, zurück zur inneren Ruhe und zurück zu den Menschen, die wie sie, mit vielen kleinen und großen Problemen zu kämpfen haben.

Es ist eine ruhige Geschichte, die nur wenig Tempo hat und seine Protagonisten öffnen sich nur langsam dem Lesenden. Der Schreibstil ist gut und schön zu lesen, allerdings war mir das Tempo zu gering. Auch die Charaktere berührten mich kaum. Ich konnte keine Bindung zu ihnen aufbauen. Ich fühlte mich beim Lesen als Beobachterin und Außenstehende. Das Abtauchen in die Geschichte war mir leider nur phasenweise gelungen. Dadurch ging etwas der Zauber von der Ruhe und Gelassenheit verloren.

Veröffentlicht am 03.01.2025

Bayrisch-österreichische Ermittlungen

Grenzfälle
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Bayrisch-österreichische Polizeiarbeit kann manchmal für den Lesenden richtig anstrengend werden. Es sind weniger die Leichenfunde, die überbordende Bürokratie oder die Frage nach dem "Wer ist zuständig?", ...

Bayrisch-österreichische Polizeiarbeit kann manchmal für den Lesenden richtig anstrengend werden. Es sind weniger die Leichenfunde, die überbordende Bürokratie oder die Frage nach dem "Wer ist zuständig?", sondern es ist der Dialekt. Auf beiden Seiten.

Wer kein Bayer oder Österreicher ist, wird immer wieder gegen die Zeilen laufen. Anfangs ist es noch witzig, aber im Laufe des Krimis wird es immer ermüdender, da man kaum vorankommt und das Auge immer wieder über die Dialoge stolpert. Der Lesefluss wird ausgebremst und je weiter die Geschichte voranschritt, desto mehr habe ich mich auf die dialogfreien Passagen gefreut.

Die Geschichte an sich, war gut und man konnte sich, dank des angenehmen Schreibstils der Autorin, auch die Charaktere gut vorstellen. Die Eigenarten der verschiedenen Ermittler:innen waren gut herausgearbeitet und so entstand ein feines Kopfkino. Obwohl der Serienmörder sein Unwesen trieb, war der Krimi nicht zu düster, da die Autorin alles mit einer Prise Klischee und Humor vermischte.

Ingesamt ist es ein solider Krimi, der die bayrischen und die österreichischen Eigenarten etwas überspitzt darstellt.

Veröffentlicht am 22.11.2024

Blick in die französische Gesellschaft

Mein Vater ist Putzfrau
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Es ist eine typisch französische Familiengeschichte, die alle Facetten des Lebens mit einbezieht. Die Autorin erschafft auf nur wenigen Seiten ein Bild von einer Familie, die am Rande des Existenzminimum ...

Es ist eine typisch französische Familiengeschichte, die alle Facetten des Lebens mit einbezieht. Die Autorin erschafft auf nur wenigen Seiten ein Bild von einer Familie, die am Rande des Existenzminimum lebt. Saphia Azzeddine erzählt von einem weißen Jungen, der in einer Familie lebt, deren Bildungsgrad und das Einkommen niedrig sind. Trotzdem kämpft sein Vater jeden Tag dafür, dass Polo es einmal besser haben wird. Er nimmt ihn mit auf seine Putztouren durch die Firmen und die Bibliothek. Polo putzt mit und liest ganz nebenbei in den Büchern, die er abstauben muss. Er versteht vieles nicht, aber versucht sich stets ein Fremdwort einzuprägen.

Der Lesende läuft mit Paul (Polo) durch sein Leben und erfährt so von seinen Nöten und Ängsten. Die Autorin packt die harten Fakten, die bedrückenden Situationen in eine Geschichte mit bittersüßem Humor. Jedoch werden die Charaktere nie ausgelacht oder lächerlich dargestellt. Das Ende hat mich ein wenig überrascht, aber auch schmunzeln lassen.

Veröffentlicht am 15.09.2024

Kopflose Flucht nach Brasilien

Sobald wir angekommen sind
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Ein erfolgloser jüdischer Drehbuchautor mit Rückenschmerzen sieht in allem und jeden Gefahr. Sein Fluchtinstinkt ist sehr stark ausgeprägt und ihm wohl schon in die Wiege gelegt worden. Der Ukrainekrieg ...

Ein erfolgloser jüdischer Drehbuchautor mit Rückenschmerzen sieht in allem und jeden Gefahr. Sein Fluchtinstinkt ist sehr stark ausgeprägt und ihm wohl schon in die Wiege gelegt worden. Der Ukrainekrieg schürt seine Angst immer mehr und so beschließt er mit seinen Kindern und der Ex-Frau aus der neutralen und sicheren Schweiz zu fliehen.

Nach Brasilien. Auf den Spuren von Stefan Zweig.

Wenn Stefan Zweig in Brasilien zurecht kam, dann kann es Ben Oppenheim in Brasilien auch nur gut gehen. Durch die kopflose Flucht hat er einige Dinge nicht beachtet und landet dadurch recht schnell auf dem harten Boden.Der Humor ist deutlich zu erkennen und Micha Lewinsky überspitzt so manche Szene. Trotzdem ging mir Ben Oppenheim mit seinen wirren Gedanken, seiner unreflektierten Art und der Unselbständigkeit nach einigen Seiten auf die Nerven. Einzig die Frauen (Ex-Frau und Freundin) waren für mich der Grund zum Weiterlesen. Zwischen den Zeilen konnte man durchaus auch die traurige Thematik der ewigen Flucht der jüdischen Bevölkerung und der Heimatlosigkeit herauslesen. Das Ende hatte ich herbeigesehnt, da nur die Ironie und die Frauen mich unterhalten haben. Der Abschied von Ben Oppenheim fiel mir dagegen nicht schwer.