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Veröffentlicht am 05.03.2025

Das Portrait einer Beziehung am breaking point - einfühlsam und lesenswert

Zehn Bilder einer Liebe
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Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar ...

Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar erkennbar, ob sie gerade kämpfen oder sich umarmen. In Verbindung mit dem Titel ist das für mich eine vielversprechende Kombination.

Und Hannes Köhler lässt in seinem vierten Roman sein Liebespaar David und Luisa eine massive Krise durchlaufen, so dass beide nicht mehr wissen, ob sie sich noch lieben, oder schon gegeneinander kämpfen. Oder beides.

David und Luisa werden ein Liebespaar, als beide schon Beziehungen hinter sich haben und die etwas ältere Luisa hat bereits eine Tochter.
In 10 Bildern oder Kapiteln erzählt Köhler die Geschichte der beiden, beginnend von ihrer allerersten Begegnung und ihrer Vergangenheit und kommt dabei immer wieder auf ihren aktuellen großen Tiefpunkt zurück.

Der stellt sich ein, als in David der Wunsch nach einem eigenen gemeinsamen Kind mit Luisa aufkommt. Er hat Angst sich mit ihrer Tochter Ronya zu sehr zu verbinden und sie nach einer möglichen Trennung komplett zu verlieren. Im Laufe des Romans merkt er allerdings, dass diese Distanz zu Ronya im täglichen Zusammenleben nicht aufrecht zu erhalten ist.
Auch Luisa ist bereit für ein gemeinsames Kind mit David, wenn auch vielleicht nicht genauso begeistert. Doch der Kinderwunsch der beiden erfüllt sich nicht ohne Weiteres.

Die missglückten Versuche in der Kinderwunschklinik und der unerfüllte Kinderwunsch stürzen David in eine schwere Krise und erschüttern sein Selbstverständnis und die Beziehung.

Mir gefällt es sehr gut, wie sensibel Köhler mit diesem emotionalen Thema umgeht und den Kinderwunsch nicht zum alleinigen Grund für die Probleme von David und Luisa macht.
Denn hinter dem Kinderwunsch stecken eine ganze Reihe von komplexen und zum Teil nicht eingestandener Wünsche und tief verankerte Glaubenssätze über Familie. Köhler legt diese Verbindungen offen und hat mit Davids und Luisa zwei wunderbare vielschichtige Protagonist*innen geschaffen, deren Liebe und Persönlichkeit authentisch und nahbar ist.

Durch den Kinderwunsch des Paares materialisieren sich auch ihre alte Rollenbilder, die oft immer noch in auch in die moderne Beziehungen von David und Luisa einwirken.


“All diese Modernis, dachte sie, die sich Feministen nannten, von Equal Pay und gleichberechtigter Partnerschaft quatschten, zeigten ihr wahres Gesicht, wenn die Kinder mit unerbittlicher Härte das Dasein forderten, einen Körper, auf den sie rotzen, kotzen und scheißen konnten.”

Ebenfalls sehr gelungen finde ich wie „Zehn Bilder einer Liebe“ hinterfragt, was Familie jenseits von Trauschein heute eigentlich bedeuten kann und verhandelt ihren eigentlichen Wesenskern.

“Sie hasste das Wort Familie. Familie war Zwang, war Blut und Genetik, war Schweigen, schlecht versteckte Abneigung. Aber das, dieser Mischmasch aus ihnen dreien, das war etwas, für das ihr ein besseres Wort fehlte, etwas, auf das sie das alte, verfluchte Wort vorsichtig setzen konnte, ohne dass es sich nach Ersticken anfühlte. Einzeln sein und doch etwas Gemeinsames.
Aber weil man es wollte, nicht weil man musste.”

Hannes Köhler schreibt sowohl aus Davids als auch aus Luisas Perspektive und ich finde beide Gedankenwelten gleichermaßen gelungen und nachvollziehbar. Er zeigt in den zehn Bildern nur einen Ausschnitt ihrer gemeinsamen Geschichte und ich hätte die Geschichte des Paares gerne noch ein bißchen weiter in die Zukunft verfolgt.

Aber der Schlusspunkt ist gleichzeitig auch perfekt gesetzt, weil er so meiner eigenen Phantasie überlässt, wie es mit den beiden weitergeht. Und das warme Gefühl mit dem ich den Roman nach dem Beenden weglege, lässt in mir keinen Zweifel an meiner persönlichen Zukunftsversion für die beiden.

Das Cover versprach einen wunderbaren Roman und hat mich nicht getäuscht. Zehn Bilder einer Liebe hat mir sehr gut gefallen und sorgt dafür, dass ich den Schriftsteller Hannes Köhler auf meiner Watchlist behalten werde.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Wunderbarer Roman über Freundschaft und Erwachsen werden und sein

Erdbeeren und Zigarettenqualm
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Okay, ich bin jetzt nicht die typischen Zielgruppe für Romane aus der Lebensrealität junger Frauen (I‘m a little bit older yet) und eigentlich mache ich auch oft einen Bogen um diese Romane.
Zu oft muss ...

Okay, ich bin jetzt nicht die typischen Zielgruppe für Romane aus der Lebensrealität junger Frauen (I‘m a little bit older yet) und eigentlich mache ich auch oft einen Bogen um diese Romane.
Zu oft muss ich nämlich dann angesichts der Jugendlichkeit und Naivät der Figuren die Augen verdrehen. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur neidisch, weil meine Zeit der unendlichen Möglichkeiten bereits hinter mir liegt.

Aber „Erdbeeren und Zigaretten“ fand ich erstaunlich großartig, überraschend anders und relatable. Hat mir wirklich sehr gut gefallen. Den deutschen Titel finde ich jetzt allerdings im Gegensatz zum englischen „Gender Theory“ nicht so gelungen.

Docherty erzählt ihren Roman konsequent in der zweiten Person Singular, ich fühle mich also direkt addressiert. Das schafft eine große Nähe zu ihrer Erzählerin, von der ich eigentlich gar nicht den Namen weiß.
Ich begleite die Erzählerin vom Ausgang der Teenagerzeit bis Mitte/Ende 2o, also genau in der Zeit des Erwachsenwerdens und der Umbrüche.

Und das Erwachsenwerden stellt sich als äußerst schmerzhafter Prozess heraus. Und zwar wortwörtlich, denn bei der Erzählerin, die an sehr starken Blutungen und Schmerzen während der Periode leidet, wird Endometriose diagnostiziert. Richtig behandelt und ernstgenommen wird sie nicht.
Diese Krankheit, die ihren Alltag stark prägt, beeinträchtigt auch ihr mentales Selbstverständniss von sich als Frau. Madeline Docherty schreibt, dass sie in ihren Debütroman viele eigene Erfahrungen mit einfließen lies und ihr gerade die Thematisierung von Endometriose am Herzen liegt.

Neben diesen Schwierigkeiten ist ihre beste Freundin Ella eine wichtige Konstante in ihrem Leben. Doch auch diese Freundinnenschaft ist nicht ohne Komplikationen.
Die Erzählerin fühlt sich zu Frauen und Männern hingezogen und was sie für Ella fühlt ist nicht alles nur von freundschaftlicher Art.
Es ist kompliziert.

Ebenfalls kompliziert sind die Beziehungen die Erzählerin im Laufe des Romans eingeht. Sie sind belastet von Machtgefällen und unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen.

Mir gefällt an dem Roman besonders gut seine realistische und authentische Erzählstimme. Ich habe nicht das Gefühl, dass unnötig dramatisiert wird oder prekäre Lebensbedingungen glorifiziert werden, wie es in modernen und jungen Romane momentan manchmal der Fall ist. Ein bißchen erinnert mir das vermittelte Lebensgefühl an das in der Serie „Girls“ von und mit Lena Dunham, die sich ebenfalls für sehr für eine Enttabuisierung von Endometriose einsetzt.

Ich habe die Entwicklungen der Erzählerin wirklich sehr gerne verfolgt und hatte eine unterhaltsame und leicht melancholische Lesezeit.

Ich finde, „Erdbeeren und Zigarettenqualm" ist eine alterslose Empfehlung!

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Unterhaltsamer Eheroman aus den USA der 50er

Es geht mir gut
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Eine Frau zieht sich einen alten, verschlissenen Badeanzug an und steigt in den Pool ihrer Wohnanlage.
Ihre Ehemann will zum Golfspielen und ärgert sich, weil er sich um die beiden Söhne kümmern muss. ...

Eine Frau zieht sich einen alten, verschlissenen Badeanzug an und steigt in den Pool ihrer Wohnanlage.
Ihre Ehemann will zum Golfspielen und ärgert sich, weil er sich um die beiden Söhne kümmern muss. Er fordert seine Frau auf, aus dem Pool zu kommen.
Aber das tut sie nicht.
Auch als der Mann wieder vom Golfspielen zurück ist, schwebt seine Frau immer noch schwerelos im Pool….

Das ist so in ungefähr die Ausgangslage von Jessica Anthonys viertem Roman (und dem ersten, der ins Deutsche übersetzt wurde).
Mir hat dieses ziemlich schmale Kammerspiel einer Ehe ziemlich gut gefallen. Gut, ich liebe amerikanische Literatur und das in den 50er Jahren angesiedelte Setting gibt mir ähnliche Schwingungen wie „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates. Wobei, vielleicht nicht ganz. Yates ist wesentlich nihilistischer und düsterer.

Jessica Anthony ist nicht so düster, aber auch bei ihr ist die Ehe ein Ort der Lügen und des Scheins und das Leben eine stetiges Zerplatzen von Illusionen und Träumen.

Ihr Ehepaar Kathleen und Virgil ist seit 9 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Kathleen weiß, dass sie wieder schwanger ist, als sie in den Pool steigt. Beide Ehepartner haben ihre Geheimnisse und unausgesprochenen Verfehlungen.
In ihrer Ehe haben beide schon einige Träume hinter sich lassen müssen, was Anthony in Rückblicken zeigt. Kathleen hätte die Möglichkeit gehabt, professionelle Tennisspielerin zu werden, hat sich aber für eine Ehe mit Virgil entschieden. Für Virgil habe sich seine beruflichen Ambitionen nicht erfüllt und auch das Saxophon spielen, von dem er träumt, hat er nie gelernt. Wobei das Instrument stellvertretend als Symbol für einen ganz anderen Lebensentwurf steht.

Anthony wechselt sehr geschickt zwischen den beiden Perspektiven der Ehepartner, die im Erzählstrang der Gegenwart perfekt ineinander greifen. Gerade gegen Ende baut sich so bei mir eine große Spannung aus. Und ich bin auch ein bißchen überrascht, für welchen Schluss sich Anthony letztendlich entschieden hat.

Ob der Roman wirklich das Unmögliche schafft und mir etwas Neues über die Ehe erzählt, wie Kate Christensen auf dem Cover blurbt, weiß ich nicht, weil ich sowieso keine Ahnung von Ehe habe.
Aber ich weiß, dass mich „Es geht mir gut“ ziemlich gut unterhalten und erfreulich mein Kopfkino bedient hat.
Für mich reicht das, um den Roman als gutes Buch zu bewerten.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Realistischer und nahbarer Einblick in die junge Mutterschaft

Die bärtige Frau
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Ich lese unheimlich gerne Roman über Elternschaft. Wahrscheinlich ist es das Thema, das in meinem Bücherregal am Häufigsten zu finden ist. Und obwohl diese besondere Übergangsphase, wenn aus Menschen zum ...

Ich lese unheimlich gerne Roman über Elternschaft. Wahrscheinlich ist es das Thema, das in meinem Bücherregal am Häufigsten zu finden ist. Und obwohl diese besondere Übergangsphase, wenn aus Menschen zum ersten Mal Eltern werden, jetzt schon eine Weile hinter mir liegt, greife ich immer wieder gerne zu Romanen über diese Zeit der Veränderung.

Ihren dritten Roman widmet sich die Leipziger Schriftstellerin Bettina Wilpert genau diesem Lebensabschnitt.
Ihre Protagonistin Alex ist vor ungefähr einem Jahr Mutter eines Wunschkindes geworden und verbringt jetzt zum ersten Mal ein paar Tage ohne ihre kleine Tochter. Sie muss zu ihrer Mutter, die nach einem Beinbruch ihre Hilfe benötigt, in ihr bayrisches Heimatdorf fahren. Alex kinderlose Schwester Lena wird später dazukommen und sie dabei unterstützen.
In diesen Tage hat Alex endlich die nötige Distanz und Ruhe um über die letzten Monate nachzudenken.
In Gedanken lässt sie die Entstehung ihres Kinderwunsches, Schwangerschaft und Geburt und die erste Babyzeit Revue passieren und versucht sie für sich einzuordnen.
Gleichzeitig ruft der Aufenthalt in ihrem Elternhaus Erinnerungen hervor, die noch viel weiter in der Vergangenheit liegen.

Bettina Wilpert ist sicher nicht die Erste, die sich literarisch mit dieser Phase der Elternschaft beschäftigt, aber sie tut es mit bewundernswerter Leichtigkeit und in einer seltenen Vielfalt. Neben Kinderwunsch und gewollter Schwangerschaft thematisiert sie genauso Abtreibung und gewollte Kinderfreiheit. Trotz des gesellschaftskritischen und feministischen Grundtenors fokussiert sich Wilpert nicht auf die negativen Folgen von Elternschaft in einer Gesellschaft, die immer noch ein starres Rollenbild und hohe Erwartungen an Eltern anlegt und somit Druck ausübt. Sie bleibt oft auf der individuellen Ebene von Alex und zeigt die schönen Erfahrungen und Gefühle, die genauso mit Mutterschaft verbunden sein können, wie die die leidvollen.

Besonders hervorheben möchte ich, dass Wilpert in ihrem Roman eine frühe Fehlgeburt realistisch beschreibt, was in der Belletristik bis heute noch eine Ausnahmeerscheinung ist.
Für mich persönlich sehr interessant waren Alex Gedanken zur Manifestation des Frauseins und die Festschreibung der weiblichen Identität durch die Schwangerschaft.
Und auch generell finde ich in Wilperts Roman viele Passagen und Gedanken, mit denen ich sehr identifizieren kann.

„Bevor sie selbst ein Kind hatte, fand sie Babys langweilig und musste sich Mühe geben, um überhaupt Begeisterung für die Kinder ihrer Freund*innen aufzubringen. Sie fand auch Babysachen oder Babykleidung nicht süß. Sie mochte Kinder nicht gern, sie mochte nur selbst ein Kind haben.“

Ich habe „Die bärtige Frau“ sehr gerne gelesen und fand den Roman wunderbar nahbar. Ich denke, dass der Roman gerade für Menschen (noch?) ohne Kinder ein realistische Bild vom Mutter werden aufzeigen kann und Menschen mit Kindern sich darin wiederfinden und gesehen fühlen können.

„Als Paula auf die Welt kam, hat sie verstanden: Abhängig sind wir alle, und es ist nichts Schlimmes, sondern etwas zutiefst Menschliches. Wir können gar nicht ohne.“


Das war mein erster Roman von Bettina Wilpert und ich möchte jetzt endlich bald ihren vielgelobten und verfilmten Debütroman „Nichts, was uns passiert“ lesen!

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Veröffentlicht am 15.01.2025

Ganzheitliches und nachdenkliches Leseerlebnis

Wild nach einem wilden Traum
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„Das ist alles, was ich erzählen wollte. All diese Sachen sind geschehen. Manches davon war sichtbar, das meiste nicht.“

So steht es auf den letzten Seiten des letzten Teils von Julia Schochs Trilogie ...

„Das ist alles, was ich erzählen wollte. All diese Sachen sind geschehen. Manches davon war sichtbar, das meiste nicht.“

So steht es auf den letzten Seiten des letzten Teils von Julia Schochs Trilogie „Biografie einer Frau“.
All diese Sachen sind geschehen, schreibt Schoch.
Schon als 12-jähriges Mädchen hat sich die Erzählerin in „Wild nach einem wilden Traum“ gewünscht eine Schriftstellerin zu sein. Sie trifft sich öfter in einem nahegelegenen Wald mit einem untauglichen Soldaten, der sie viele viele Jahre später zu dem Titel des Romans inspirieren wird und mit dem sie prägende Gespräche führen wird.

“Dann denk dir was aus, sagt er.
Nein, antworte ich, dazu fehlt mir die Phantasie.
Er sieht mich aufmerksam an. Wenn es so ist, musst du tatsächlich erst alles erleben.”

Schoch beantwortet die Frage, ob sich das Schreiben aus dem Erleben speist, in ihren Romanen mit einem klaren Ja. Ich lese ihre Bücher auch als starke Reflektion über das Schreiben an sich und obwohl ich selber nicht schreibe, empfinde ich das Schreiben auch als Metapher. Denn während sich Schoch als Schrifstellerin fragt, was und in welcher Form, sie ihre Erlebnisse und Gedanken nach außen tragen und manifestieren möchte, überlege auch ich was ich anderen von meinem Inneren und von meiner Persönlichkeit zeigen möchte.

Und genau das ist es was ich an Schochs Romanen so unglaublich schätze und liebe: Sie lädt mich in ihrem Schreiben ein, an ihrer Gedankenwelt teilzuhaben, an ihren erinnerungswürdigsten Momenten, ihren Irrtümern und vor allem an ihrer Hoffnung, dass die Liebe doch keine Unmöglichkeit ist.

Diese Möglichkeit der Liebe nimmt auch im letzten Teil wieder viel Raum ein. Nach dem Beleuchten der langjährigen Liebe unter der Belastung von kleinen Kindern und unterschiedlichen Entwicklungen aus „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ geht Schoch jetzt wieder zurück zur Leidenschaft einer jungen, zeitlich begrenzten Beziehung.

In einer Schriftstellerkolonie im Westen der USA, in der sich die Erzählerin für einige Zeit zum Schreiben aufhält, trifft sie auf einen Katalanen, ebenfalls Schriftsteller, mit dem sie umstandslos eine körperliche Beziehung aufnimmt.

“Vielleicht passiert die Liebe, dieses Gefühl, wenn wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, immer nur so: stellvertretend für etwas viel Früheres, Älteres, das uns verloren gegangen ist und das wir zurückerlangen wollen. Alle Liebe ist nur ein Ersatz-Haltegriff, habe ich irgendwo gelesen.”

Genauso umstandslos endet die Beziehung auf beiden Seiten mit Ablauf des Aufenthaltes. Und doch bleibt die Erzählerin von dieser Begegnung und dem Katalanen noch einige Zeit fasziniert. In der Kurzbeschreibung wird es eine „folgenreiche Liebesbegegnung“ genannt. Aber ist es Liebe?

Mir gefällt es ganz besonders gut, wie Schoch mit großer Lebensweisheit die Ambivalenzen und Widersprüche des Lebens herausarbeitet, die ich persönlich auch in meinem Lebenslauf und in meinen Beziehungen empfinde. Das macht Schochs Literatur für mich zu einer ganzheitlichen Leseerfahrung, aus der ich viel mitnehmen kann und so über den üblichen Eskapismus hinausgeht, dem ich sonst so gerne beim Lesen fröne.

Darauf was wir nach Abschluss der Trilogie von Schoch lesen werden, bin ich sehr gespannt! Ich möchte die Rezension mit einer Leseempfehlung für Schochs Romane schließen und mit dem Zitat, dass mich aus „Wild nach einem wilden Traum“ vielleicht am allermeisten abgeholt hat:


„Gewisse Bereiche des eigenen Lebens belässt man im Dunkeln, auch vor sich selbst, weil sie einem unlogisch und nicht nachvollziehbar erscheinen, weil man keinen Zugang zu ihnen hat.“

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