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Veröffentlicht am 16.02.2025

Hat meine Erwartungen nicht erfüllt

Ginsterburg
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Nachdem „Seemann vom Siebener“ von Arno Frank eines meiner Lieblingsbücher 2023 war, war ich nun sehr gespannt auf „Ginsterburg“.
Der Roman zeigt das Leben in der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg in den ...

Nachdem „Seemann vom Siebener“ von Arno Frank eines meiner Lieblingsbücher 2023 war, war ich nun sehr gespannt auf „Ginsterburg“.
Der Roman zeigt das Leben in der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg in den Jahren 1935, 1940 und 1945. Hierbei begleitet er die unterschiedlichsten Personen, etwa die Buchhändlerin Merle und deren Sohn Lothar, den Redakteur der Lokalzeitung Eugen, seine Frau Ursel und die Tochter Gesine, den Blumengroßhändler und Bürgermeister Otto, dessen Söhne Bruno und Knut, die Architektin Uta, die mit einem jüdischen Mann verheiratet ist, und einige andere. Reale Personen wie Lothar Sieber und Erich Bachem werden mit rein fiktiven Charakteren vermischt.

Über die Jahre wird deutlich, wie sich jeder auf seine Weise mit dem Regime arrangiert: Die einen suchen sich ihre private Nische, um möglichst unbehelligt durch die Kriegsjahre zu kommen, schaden niemandem aktiv, setzen sich aber auch nicht für andere ein und verschließen die Augen, wollen nichts sehen. Andere machen sich opportunistisch die neue Ordnung zunutze, bereichern sich und steigen auf. Wieder andere werden glühende Anhänger der Nazis und ihrer Ideologie, machen sich schuldig, indem sie etwa das Euthanasieprogramm mit vorantreiben. Hitlerjugend und BDM indoktrinieren die Jugend, die willig in den Krieg zieht.

Die Thematik ist angesichts der momentanen politischen Situation und des Rechtsrucks in der Gesellschaft leider sehr aktuell, und es ist wichtig, darüber zu schreiben. Dennoch konnte mich dieses Buch nicht überzeugen. Zu den Figuren konnte ich nur schwer einen Bezug entwickeln, teilweise wirkten sie sehr künstlich auf mich, und mit dem oft etwas weitschweifigen Schreibstil wurde ich nicht warm. Hinzu kamen kulturhistorische Beschreibungen des fiktiven Ortes Ginsterburg, die mich in ihrer Ausführlichkeit langweilten. Ich hätte stattdessen gerne noch mehr über einige Personen erfahren, die nur ab und an wie kurze Schlaglichter auftauchten, um dann nicht mehr erwähnt zu werden, etwa die Wahrsagerin Zola Vovoni. Auch hadere ich mit dem Schluss, der mir zu vieles offen lässt.

Positiv fand ich, dass Arno Frank sehr anschaulich beschreibt, wie sich jede Figur auf ihre Weise mit dem System arrangiert, und ich konnte mir schon beim Lesen lebhaft vorstellen, wie jede nach dem Krieg versuchen würde, sich nur als Mitläufer darzustellen. Man habe ja nichts gemacht, es waren doch die Umstände, und eigentlich habe man ja auch von nichts gewusst.

Etwas ärgerlich fand ich, dass der Autor in den Details immer wieder offensichtlich ungenau ist. So wird die mehrfach vorkommende römische Ziffer MDCXVII als 1497 gedeutet, obwohl sie das Jahr 1597 bezeichnet. Hitlers Berghof am Obersalzberg wird gar fälschlicherweise bei Garmisch verortet anstatt bei Berchtesgaden. Zudem lässt Arno Frank die aus Augsburg stammende Helga oberbayerisch sprechen, obwohl in Augsburg ein völlig anderer, schwäbischer Dialekt gesprochen wird (ich komme von dort). Das U-Boot U-51 wurde nicht, wie im Roman behauptet, am 23. August 1940 durch ein britisches Flugboot versenkt, sondern am 20. August 1940 durch die Torpedos eines britischen U-Bootes. Der Flugboot-Angriff einige Tage zuvor hatte das U-Boot lediglich stark beschädigt. Das sind natürlich Kleinigkeiten, die mich dennoch misstrauisch machen gegenüber der Sorgfalt des Autors insgesamt.

Da Arno Frank reale Personen wie Lothar Sieber und Erich Bachem in seine fiktive Geschichte einbettet, hätte ich mir zudem ein Nachwort gewünscht, in dem der Autor auf seine Recherchen hierzu eingeht und erläutert, welche Teile der Erzählung auf wahren Begebenheiten beruhen.

Fazit: Ich hatte nach dem „Seemann vom Siebener“ stilistisch und sprachlich etwas anderes erwartet, und konnte mich vor allem mit der Erzählweise in diesem Roman nicht recht anfreunden. Da dies Geschmackssache ist, kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen, dass andere „Ginsterburg“ begeistern wird.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

inhaltlich dünn, stilistisch nichts Neues.

Monique bricht aus
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2014 wurde Édouard Louis mit seinem autobiografischen Debüt „Das Ende von Eddy“ zum Shootingstar der linken französischen Intellektuellen. In den folgenden Romanen „Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Im ...

2014 wurde Édouard Louis mit seinem autobiografischen Debüt „Das Ende von Eddy“ zum Shootingstar der linken französischen Intellektuellen. In den folgenden Romanen „Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Im Herzen der Gewalt“ und „Die Freiheit einer Frau“ verarbeitete er weitere autobiografische Erlebnisse bzw. das Leben seines Vaters und seiner Mutter, ein Buch über seinen an Alkoholsucht verstorbenen Bruder ist in Arbeit. Auch in „Monique bricht aus“ geht es wieder um seine Mutter, die nach der Trennung von seinem Vater erneut in eine Beziehung mit einem alkoholsüchtigen Mann gerät, der sie verbal erniedrigt und beschimpft, und aus der sie mit Hilfe ihres Sohnes Édouard ausbricht.
Während mich der Erstling des damals gerade 20-Jährigen aufgrund seiner Reife und des Reflexionsgrades sehr beeindruckt hat, hat mich „Monique bricht aus“ nun eher ernüchtert. Die Geschichte bleibt inhaltlich dünn, und nach insgesamt vier Romanen, in denen Louis seine Familie thematisiert, nutzt sich der Ansatz doch sehr ab. Auch stilistisch bietet Édouard Louis nichts Neues. Er wechselt wieder zwischen der erzählerischen Ebene in Normalschrift und kursiv gesetzten Einschüben in Umgangssprache. Ich bekam insgesamt den Eindruck, dass Louis versucht, nach bewährtem Muster aus seiner Familiengeschichte einen weiteren kommerziellen Erfolg zu generieren. Anders als bei „Das Ende von Eddy“ fehlt mir hier jedoch eine höhere Abstraktionsebene, und die gesellschaftspolitischen Schlüsse, die Louis zieht, wirken recht trivial. Verwunderlich ist zudem, dass er die Freiheit einer Frau an rein ökonomischen Faktoren festmacht, während er soziale und intellektuelle Aspekte außen vor lässt. Seine sehr linke Position, nach der ausschließlich die herrschenden Klassenverhältnisse für die Lage seiner Mutter verantwortlich sind, ist mir zudem viel zu einfach, da er die individuelle Verantwortung komplett unberücksichtigt lässt.
Insgesamt hat mich dieses Buch leider enttäuscht, und es wird wohl mein letztes von Édouard Louis gewesen sein.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Es brodelt, aber es passiert nichts

Drei Wochen im August
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Elena erhält kurzfristig die Möglichkeit, das Ferienhaus ihrer Chefin in Frankreich zu nutzen. Ihr Mann Kolja bleibt daheim, in der Ehe kriselt es. Elena fährt also mit ihren beiden Kindern (6 und 13), ...

Elena erhält kurzfristig die Möglichkeit, das Ferienhaus ihrer Chefin in Frankreich zu nutzen. Ihr Mann Kolja bleibt daheim, in der Ehe kriselt es. Elena fährt also mit ihren beiden Kindern (6 und 13), der Freundin der Tochter und dem Kindermädchen Eve. Eigentlich sind die Kinder schon zu alt für eine Nanny, aber die Kinder hängen an ihr, und Elena hofft auf erholsame Wochen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Elena und Eve erzählt, und dennoch konnte ich zu keiner der beiden eine Verbindung aufbauen und wirklich mit ihnen fühlen. Es ging mir mit diesem Buch ähnlich wie mit „Heim schwimmen“ von Deborah Levy, das ebenfalls in einem Ferienhaus in Frankreich spielt, ich fand einfach keinen Zugang.

Von Anfang an herrscht eine beklemmende, unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, und ich habe beim Lesen ständig darauf gewartet, dass sich diese entlädt oder etwas Entscheidendes passiert, doch im Grunde geschieht nichts. Fremde Personen tauchen auf, im Umland gibt es Waldbrände, Elena und Eve konkurrieren darum, wer den besseren Draht zu den Kindern hat, doch wieder warte ich vergeblich auf eine entscheidende Wende. Es findet keine für mich erkennbare Figurenentwicklung statt, alles brodelt unter der Oberfläche, doch es führt zu keiner Aussprache oder Eruption.

Insgesamt hatte ich nach dem Klappentext etwas völlig anderes erwartet und wurde leider enttäuscht.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

anders als erwartet

Stadt der Hunde
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Leon de Winter war mir namentlich bekannt, ich hatte bisher jedoch noch kein Buch von ihm gelesen. In „Stadt der Hunde“ begleiten wir den pensionierten Gehirnchirurgen Jaap Hollander nach Israel. Jedes ...

Leon de Winter war mir namentlich bekannt, ich hatte bisher jedoch noch kein Buch von ihm gelesen. In „Stadt der Hunde“ begleiten wir den pensionierten Gehirnchirurgen Jaap Hollander nach Israel. Jedes Jahr reist er an den Ort zurück, am dem vor mittlerweile zehn Jahren seine damals achtzehnjährige Tochter Lea in der Wüste Negev verschwand, in der Hoffnung, eine Spur zu finden. Dieses Mal bekommt er überraschend Besuch von einer Sonderbeauftragten des israelischen Ministerpräsidenten: Da Hollander als Koryphäe in seinem Fachgebiet gilt, soll er eine höchst riskante Operation an einer ranghohen Person durchführen. Gelingt ihm die Operation wider alle Wahrscheinlichkeit, eröffnet es ihm möglicherweise neue Optionen auf der Suche nach seiner Tochter…

Ich muss gestehen, dass ich mich mit diesem Buch nicht recht anfreunden konnte. Die Geschichte begann vielversprechend, doch je weiter ich las, desto weniger konnte sie mich überzeugen. Der Part rund um die saudi-arabische Herrscherfamilie, insbesondere um die zukünftige Rolle der Prinzessin, erschien mir angesichts der aktuellen Lage an den Haaren herbeigezogen und unglaubhaft. Hollander blieb mir als Person fremd, was möglicherweise auch daran lag, dass er mir höchst unsympathisch war. Interessant fand ich hingegen die Beschreibung Tel Avivs und der vielfältigen Lebensformen dort. Auch die Frage, wie elektrochemische Prozesse unsere Emotionen, Entscheidungen und Handlungen beeinflussen und welche Auswirkungen Schädel-Hirn-Verletzungen und Tumore hierauf haben, ist faszinierend.

Insgesamt hatte ich mir etwas anderes erwartet und ich beendete das Buch mit gemischten Gefühlen.

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Veröffentlicht am 19.01.2025

schöne Bilder, wenig Kreatives

Terrassen-Traum
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Da unsere Terrasse noch im Entstehen ist und ich auf der Suche nach Inspiration bin, wurde ich auf „Terrassen-Traum“ von Katharina Linthe aufmerksam. Vom idealen Standort über verschiedene Terrassenbeläge, ...

Da unsere Terrasse noch im Entstehen ist und ich auf der Suche nach Inspiration bin, wurde ich auf „Terrassen-Traum“ von Katharina Linthe aufmerksam. Vom idealen Standort über verschiedene Terrassenbeläge, Beschattungsmöglichkeiten, Sichtschutz, Sitzgelegenheiten, Deko, Beleuchtung und Begrünung behandelt dieses schön bebilderte Buch alle möglichen Themen rund um die Gestaltung der Terrasse. Ästhetisch orientiert sich das Buch hierbei klar an den modernen Terrassen, wie sie bei typischen kleinstädtischen und ländlichen Neubauten mit großzügigem Platzangebot zu finden sind: Klar, clean und reduziert – und damit leider auch austauschbar und etwas steril.

Wer eine naturnahe Terrasse anlegen möchte oder auf der Suche nach ausgefallenen kreativen Ideen ist abseits des Hochglanz-Geschmacks, wird hier eher nicht fündig. Auch Do-It-Yourself-Ideen suchte ich hier vergebens - bis auf selbst gebaute Pflanzkübel und eine Anleitung für die Verkleidung einer Aufbewahrungsbox findet sich hier nichts. Zudem vermisste ich preiswerte, aber pfiffige Ideen sowie Lösungen für schwierige Platzverhältnisse, etwa im innerstädtischen Bereich. Im Wesentlichen beschränkt sich die Autorin darauf, die Terrassen ihres eigenen Hauses vorzustellen. Das Buch richtet sich zudem an eine Klientel, für die der Preis eher Nebensache ist.

Fazit: Wer ausreichend Platz und Budget zur Verfügung hat und eine typische moderne Terrasse anlegen möchte, findet in diesem Buch sehr ansprechende Bilder zur Inspiration und grundlegende Tipps. DIY-Fans und Freunde ausgefallener Gestaltung werden eher nicht fündig.

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