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Veröffentlicht am 28.02.2025

Faszinierende Familiengeschichte

Die Fletchers von Long Island
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Nach ihrem erfolgreichen Debütroman "Fleishman steckt in Schwierigkeiten", der 2019 für den National Book Award nominiert war, hat die amerikanische Autorin Taffy Brodesser-Akner nun "Die Fletchers von ...

Nach ihrem erfolgreichen Debütroman "Fleishman steckt in Schwierigkeiten", der 2019 für den National Book Award nominiert war, hat die amerikanische Autorin Taffy Brodesser-Akner nun "Die Fletchers von Long Island" veröffentlicht.

Die jüdisch-amerikanische Familie Fletcher hat beträchtlichen Wohlstand erlangt, seit Zelig Fletcher 1942 als blinder Passagier mit einem Ozeandampfer von Polen nach Amerika gekommen ist und ein erfolgreiches Unternehmen gründete, das Styropor produziert. Seit seinem frühen Tod führt sein Sohn Carl die Firma.
Am 12. März 1980 wird Carl auf dem Weg zur Arbeit vor seiner Haustür in Middle Rock auf Long Island von zwei Männern überwältigt. Sie ziehen ihm einen Sack über den Kopf und entführen ihn in seinem eigenen Auto. Nach 5 Tagen fordern die Entführer die Hinterlegung eines Lösegelds in Höhe von 250.000 Dollar. Nur 10 Minuten, nachdem Carls Ehefrau Ruth, die mit ihrem dritten Kind schwanger ist, der Forderung nachgekommen ist, wird Carl freigelassen. Wenig später führen markierte Geldscheine das FBI auf die Spur der Entführer, das restliche Lösegeld bleibt unauffindbar, der Fall wird geschlossen.

Es gab ein Leben vor der Entführung, nun beginnt das Leben danach, und die Familie Fletcher versucht, den Vorfall hinter sich zu lassen, indem sie nicht mehr über das Geschehene redet. Nachdem Carl aus dem Krankenhaus entlassen wird, zieht er mit Ruth und den beiden Söhnen Nathan und Bernard, genannt Beamer, in ein Verwalterhaus auf dem Anwesen seiner Mutter Phyllis. Im gleichen Jahr wird Jennifer geboren.

40 Jahre später ist klar, dass das Verbrechen bei allen Familienmitgliedern tiefe Spuren hinterlassen hat. Die Autorin dokumentiert die emotionalen Auswirkungen und stellt dabei besonders die Kinder von Carl und Ruth in den Fokus. Nathan, der ältere Sohn, ist Anwalt geworden und leidet unter Tics und Angststörungen, die seine Karriere behindern. Sein Bruder Beamer ist Drehbuchautor mit mäßigem Erfolg, er führt ein exzessives Leben mit zu viel Drogen und Affären. Jenny, die Klügste der Geschwister, lehnt den familiären Reichtum ab und distanziert sich von ihrer Familie. 

Das Buch ist in schöner und klarer Sprache geschrieben, die Autorin verfügt über eine beeindruckende Beobachtungsgabe und skizziert ihre Protagonisten sehr genau. Ich habe die Geschichte bis zum überraschenden Ende sehr gern gelesen, auch wenn mir keine der Figuren wirklich sympathisch war und der mittlere Teil, in dem es um das Leben von Nathan, Beamer und Jenny geht, etwas zu sehr in die Länge gezogen ist. 

Sehr gut gefallen hat mir, dass die Autorin dem Leser einen tiefen Einblick in das jüdische Leben mit all seinen Sitten und Ritualen ermöglicht. Ich mochte auch die gesellschaftskritischen Aspekte des Buches, auf die detaillierten Schilderungen der regelmäßigen Besuche eines Familienmitglieds bei einer Domina hätte ich dagegen gut verzichten können. 

Leseempfehlung für diesen faszinierenden Roman, der einmal mehr zeigt, dass Reichtum allein nicht glücklich macht.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Berührende Familiengeschichte

Bis die Sonne scheint
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In seinem neuen Roman "Bis die Sonne scheint" erzählt Christian Schünemann die persönliche Geschichte seiner Familie.  

Wir schreiben das Jahr 1983, der 14-jährige Ich-Erzähler Daniel Hormann lebt mit ...

In seinem neuen Roman "Bis die Sonne scheint" erzählt Christian Schünemann die persönliche Geschichte seiner Familie.  

Wir schreiben das Jahr 1983, der 14-jährige Ich-Erzähler Daniel Hormann lebt mit seinen Eltern Siegfried und Marlene sowie den Geschwistern Boris, Angela und Corinna in einem Bungalow in einem kleinen Ort nahe Bremen. Das Flachdach des Hauses ist undicht, und das eindringende Regenwasser muss mit vielen Gefäßen aufgefangen werden. Das Geld für eine Dachreparatur fehlt, dennoch träumt Daniel von einem schicken Outfit für den Tag seiner Konfirmation, die bald ansteht. Es soll ein nachtblaues Samtjackett sein mit weinroter Fliege und steingrauer Flanellhose. Doch die Hormanns sind pleite, die Konten sind gesperrt, der Gerichtsvollzieher war bereits bei ihnen. Die vom Vater vertriebenen Wasserfilter verkaufen sich nicht gut, und auch das von der Mutter eröffnete Wollgeschäft erzielt nicht den erhofften Umsatz. Wie es um ihre Finanzen bestellt ist, darf niemand wissen, auch die Großmütter nicht. Die Hormanns bemühen sich, den schönen Schein zu wahren und leben trotz der angespannten finanziellen Situation weiter wie in den guten Zeiten.

Der Autor beschreibt nicht nur das Leben der sechsköpfigen Familie und ihren finanziellen Absturz, sondern blättert auch die Vergangenheit der beiden Großmütter Lydia und Henriette auf. Er geht zurück in die Zeit, als Siegfried und Marlene sich ineinander verlieben und heiraten. Siegfried, der als technischer Zeichner im Staatsdienst arbeitet, ist bald als freier Architekt tätig und gründet seine eigene Firma, die Bauherren dazu verhilft, durch Eigenleistungen kostengünstig Eigentum zu erwerben. Es geht der Familie wirtschaftlich sehr gut, und Siegfried kann seinen Traum, ein eigenes Haus zu bauen, verwirklichen. 

Die Geschichte ist in schöner Sprache, teilweise mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Der Zeitgeist der achtziger Jahre ist ganz wunderbar eingefangen, die Charaktere sind authentisch und bildhaft beschrieben. Meine Lieblingsfiguren waren Marlenes Mutter Lydia und Zoe, Daniels Freundin. An Siegfried und Marlene schätzte ich ihren Mut, beruflich immer wieder neue Wege zu gehen, hatte jedoch wenig Verständnis für ihren Umgang mit Geld. Gut gefallen hat mir, dass Daniel seine Geschichte in neutralem Ton erzählt, ohne seinen Eltern Vorwürfe zu machen. 

Auch wenn die Rückblenden über die Vergangenheit der Großmütter sehr viel Raum einnehmen, fand ich es spannend und berührend, die Lebenswege der Protagonisten zu verfolgen und habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.


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Veröffentlicht am 29.01.2025

Berührend und unterhaltsam

Von hier aus weiter
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In ihrem neuen Roman "Von hier aus weiter" erzählt Susann Pásztor die Geschichte der pensionierten Grundschullehrerin Marlene, die nach dem Selbstmord ihres Mannes jeglichen Lebensmut verloren hat. Rolf ...

In ihrem neuen Roman "Von hier aus weiter" erzählt Susann Pásztor die Geschichte der pensionierten Grundschullehrerin Marlene, die nach dem Selbstmord ihres Mannes jeglichen Lebensmut verloren hat. Rolf litt an einer unheilbaren Krebserkrankung und wollte selbstbestimmt aus dem Leben scheiden. Nun ist Marlene nach 30 Jahren, die sie mit ihrem Mann zusammen war, wieder allein und betäubt ihren Schmerz und ihre Wut mit Alkohol und Beruhigungsmitteln. Ihre Freundin Ida, die fünf Jahre zuvor Rolfs Arztpraxis übernommen hat, macht sich Sorgen um Marlene und rät ihr zum Besuch einer Trauergruppe.
 
Marlenes Leben ändert sich mit dem Erscheinen des Klempners Jack, der ihre Dusche repariert und sich als einer ihrer ehemaligen Schüler entpuppt. Da er gerade wohnungslos ist, stellt sie ihm ganz spontan ihr Gästezimmer zur Verfügung, bis er eine neue Bleibe gefunden hat. Seine Anwesenheit tut Marlene gut, er ist ein angenehmer und respektvoller Untermieter, der sich um die Mahlzeiten kümmert und wieder Struktur in ihren Alltag bringt. Als Marlene beschließt, nach Wien zu ihrer alten Schulfreundin Wally zu fahren, die ihr einen Brief von Rolf geben möchte, bieten Jack und Ida, die sich gerade behutsam einander annähern, ihr an, sie auf dieser Reise zu begleiten ...
 
Das Buch ist in schöner Sprache geschrieben, äußerst humorvoll und liest sich sehr flüssig. Die Figuren sind ganz wunderbar und liebevoll beschrieben, besonders die trauernde und auf ihren Mann wütende Marlene, der es nach ihrem schweren Verlust schwerfällt, nach vorn zu sehen und zurück ins Leben zu finden. Auch der patente und feinfühlige Jack, der sich um Marlene kümmert, ohne aufdringlich zu sein, war mir sehr sympathisch. Ich mochte den mit Leichtigkeit und Tiefgang geschriebenen Roman, in dem es nicht nur um Verlust und Trauerbewältigung, sondern auch um Liebe und die Kraft der Freundschaft geht. Ich habe die Geschichte, in der es trotz des ernsten Themas viele lustige Momente, ein wenig Slapstick und etwas Mystik gibt, sehr gern gelesen, sie hat mich gleichermaßen berührt, amüsiert und nachdenklich gemacht. 

Susann Pásztor ist es gelungen, mit viel Herz, Humor und Empathie ein tiefgründiges Buch mit einem hoffnungsvollen Ende zu schreiben - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 25.01.2025

Melancholische Familiengeschichte

Als wir im Schnee Blumen pflückten
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In ihrem mit einem wunderschönen Cover gestalteten Debütroman, der in Schweden als Buch des Jahres 2023 ausgezeichnet wurde, erzählt die schwedische Autorin Tina Harnesk die Geschichte eines hochbetagten ...

In ihrem mit einem wunderschönen Cover gestalteten Debütroman, der in Schweden als Buch des Jahres 2023 ausgezeichnet wurde, erzählt die schwedische Autorin Tina Harnesk die Geschichte eines hochbetagten Ehepaares, das in Nordschweden in einem alten, heruntergekommenen Haus lebt und zunehmend verwahrlost.

Als die alte Samin Máriddja von ihrer Ärztin erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, beschließt sie, dass ihr demenzkranker Mann Biera nicht davon erfahren darf, er würde es nicht verkraften. Von einer häuslichen Unterstützung will Máriddja nichts hören. Damit die Behörden sie nicht anrufen können, um sich nach ihrem Zustand zu erkundigen, entsorgt sie auf dem Heimweg kurzerhand ihr Handy. Sie weiß, dass sie bald sterben wird und wünscht sich sehnlichst, ihren Neffen Heaika-Joná wiederzusehen, der vor vielen Jahren bei ihnen lebte und dem sie und Biera ihre ganze Liebe schenkten.

Auf einer zweiten Erzählebene lernen wir das Ärzteehepaar Kaj und Mimmi kennen. Die beiden sind nach dem Tod von Kajs Mutter von der Stadt aufs Land gezogen und dabei, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben. Das besondere Vermächtnis von Kajs Mutter gibt ihnen Rätsel auf, die es zu lösen gibt.

Die Geschichte ist in schöner und ruhiger Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Figuren sind liebevoll und tiefgründig gezeichnet, ich konnte sie mir gut vorstellen: die eigensinnige und kämpferische Máriddja, die trotz ihrer schweren Krankheit jede Hilfe von außen strikt ablehnt, und der zufriedene Biera, der immer mehr in seiner eigenen Welt versinkt. Kaj und Mimmi fand ich sehr sympathisch, beide sind Ärzte aus Leidenschaft und suchen die Ruhe auf dem Land.

Auch wenn das Ende der bewegenden Geschichte früh zu erahnen ist, habe ich das Buch, in dem es neben Liebe, Sehnsucht und Heimat auch um Trauer und Elternschaft geht, sehr gern gelesen. Die Passagen, in denen sich Máriddja mit Sire, einer KI-gestützten Telefonstimme, auf Bieras neuem Handy unterhält, sind berührend und amüsant. Neben der Familiengeschichte der Protagonisten habe ich viel über die mir bis dahin unbekannte Geschichte der Samen sowie über ihre Tradtionen, Bräuche und ihren Aberglauben erfahren. Auch die Zwangsaussiedlungen der Samen werden von der Autorin thematisiert. 
Der Roman enthält zahlreiche samische Begriffe, deren Bedeutung mir nicht bekannt ist. Hier hätte ich mir ein erklärendes Glossar am Ende des Buches gewünscht. 

Leseempfehlung für diese gefühlvolle und fesselnde Geschichte!

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Bewegender Roman über eine Kindheit in Irland

Paddy Clarke Ha Ha Ha
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Der GOYA Verlag hat den Roman "Paddy Clarke Ha Ha Ha" des irischen Schriftstellers Roddy Doyle in neuer Übersetzung veröffentlicht. Der Autor wurde für sein Buch, das bereits 1993 im Original erschienen ...

Der GOYA Verlag hat den Roman "Paddy Clarke Ha Ha Ha" des irischen Schriftstellers Roddy Doyle in neuer Übersetzung veröffentlicht. Der Autor wurde für sein Buch, das bereits 1993 im Original erschienen ist, mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 10-jährige Paddy Clarke, der gemeinsam mit seinem Bruder Francis, den er Sinbad nennt, und den beiden Schwestern im Irland der 60iger Jahre aufwächst. Die Eltern leben mit ihren Kindern in einem kleinen Einfamilienhaus in Barrytown, einem Vorort von Dublin. Paddy und sein bester Freund Kevin gehören einer Clique an, die Fußball spielt, durch die Stadt zieht und nicht nur viele Streiche spielt, sondern auch vor Ladendiebstählen und Brandstiftung nicht zurückschreckt.

Wir lesen keine fortlaufende und zusammenhängende Handlung, sondern recht kurze Abschnitte über Paddys Alltag in der Familie, der Schule und in seiner Freizeit. Es hat mir gut gefallen, dass das Buch in der Ich-Form erzählt ist. Dadurch erleben wir Paddys Leben hautnah aus Sicht und in der Sprache eines Kindes. Wir folgen seinen Gedanken und lernen ihn, seine Familie und Freunde nach und nach immer besser kennen. Paddy ist ein intelligenter Junge, der beobachtet, wie sich die Welt um ihn herum verändert. Seinen kleinen Bruder ärgert und quält er gnadenlos ohne jegliches Schuldgefühl. Im Umgang mit seinen Freunden ist es ihm wichtig, mutig und hart zu sein.

Ich hatte meine Probleme mit Paddy wegen seiner Gewaltbereitschaft, seinem mangelnden Unrechtsbewusstsein und der Art, wie er Francis behandelt. Doch er beweist, dass er auch eine sensible Seite hat. Die Eheprobleme seiner Eltern entgehen ihm nicht, sie machen ihm Angst. Er leidet unter der Unberechenbarkeit des Vaters, der ihn und seinen Bruder regelmäßig verprügelt, und es schmerzt und belastet ihn, dass seine Mutter nicht glücklich ist. Sehr berührend fand ich die Szene, in der er eine ganze Nacht wach bleibt, um aufzupassen, dass nichts passiert.

Die Geschichte, in der es auch um Mobbing und Ausgrenzung geht, hat mir sehr gut gefallen. Obwohl sie teilweise recht humorvoll geschrieben ist, ist sie keine leichte Kost. Dem Autor ist es hervorragend gelungen, dem Leser mit seinem Buch die Welt eines Kindes durch dessen Augen nahezubringen. Paddy machte es mir besonders in den ersten beiden Dritteln des Buches schwer, ihn zu mögen. Den kleinen Francis dagegen hatte ich sofort in mein Herz geschlossen. Ich hatte großes Mitleid mit dem kleinen Jungen, der von Paddy so oft schikaniert wurde.

Leseempfehlung für diesen bewegenden Roman!

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