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Veröffentlicht am 21.02.2025

Geschickt verknüpft, aber ausbaufähig

Unter Grund
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In ihrem Debütroman verknüpft Annegret Liepold geschickt die Geschichte von Franka in der „Gegenwart“ (ca. 2017), welche aktuell ein Referendariat in einer Schule in München absolviert und mit der Klasse ...

In ihrem Debütroman verknüpft Annegret Liepold geschickt die Geschichte von Franka in der „Gegenwart“ (ca. 2017), welche aktuell ein Referendariat in einer Schule in München absolviert und mit der Klasse zu Beginn des Romans den laufenden NSU-Prozess besucht, und der jugendlichen Franka im Jahre 2006, die sich in ihrem Heimatdorf mehr und mehr einer rechten(-extremen) Clique annähert. Somit verbindet die Autorin, wie Menschen ganz graduell in ein rechtes Milieu rutschen können, zu welchen Handlungen dies im Extremfall führen kann und letztlich durch die Verbindung zum NSU-Prozess, welche katastrophalen Folgen eine solche Gesinnung und ein solches Handeln haben können. Der Titel „Unter Grund“ ist diesbezüglich natürlich hervorragend gewählt, lassen sich doch durch verschiedene Sprechweisen auch Deutungsmöglichkeiten implizieren.

Neben Franka, die wir durch sowohl Rückblicke in ihre Jugend als auch fortschreitende Geschehnisse in ihrer Gegenwart immer besser verstehen lernen, tauchen auch diverse Nebenfiguren auf, die das gesamte Spektrum von politisch links und alternativ bis hin zu knallhart rechtsextrem auffächern. Während Franke zunächst noch in der Schule mit einem Antifa-Sympathisanten befreundet ist, lernt sie zufällig Gleichaltrige aus dem rechten Spektrum kennen und lässt sich bereitwillig von deren Charisma mitziehen. Aber auch auf der familiären Ebene lernen wir Menschen kennen, die wie Frankas Mutter weltoffen agiert oder lesen Geschichten über ihre Großmutter „Die Füchsin“, die während ihrer Jugend straffe Anhängerin der nationalsozialistischen Ideologie war und bis ins hohe Alter einen großen Einfluss in der Familie ausübte.

Nachdem ich nach dem fulminanten Einstieg zum Zeitpunkt des NSU-Prozesses erst einmal etwas Probleme hatte, mich in den Rückblicken von Franka zurechtzufinden, tauchte ich mehr und mehr in ihre Vergangenheit ein und beobachtete fasziniert, wie aus einer politisch eher neutralen Person innerhalb weniger Wochen eine Rechtsextreme werden kann. Dabei legt die Autorin immer wieder Hinweise aus, dass hierfür nicht allein die Peergroup verantwortlich ist, sondern auch die Familienhistorie. Hier hätte ich mir etwas detailliertere Ausführungen zur Großmutter und zum Vater der Protagonistin gewünscht. Es kann aber auch sein, dass die Autorin dies beabsichtigt vage gehalten hat, um uns aufzuzeigen, dass wir nicht vollkommen bewusst indoktriniert werden müssen, um trotzdem davon beeinflusst zu werden. Trotzdem kam mir dies etwas zu kurz.

Letztlich fand ich besonders sie Beschreibungen von verschiedenen Aktionen innerhalb der rechten Szene sehr interessant zu lesen. Die Autorin deutet letztlich nur an, wie Franka letztlich von der Rechtsextremen wieder ihren Weg zurück zur Mitte gefunden hat und nun ihrer Vergangenheit, mit der sie sich nicht mehr in der „Gegenwart“ identifiziert, gegenübertreten muss. Auch hier wäre ich der Protagonistin sehr gern bei ihrem Erkenntnisprozess einer Endradikalisierung genauer gefolgt.

Auch wenn der Roman meines Erachtens nach noch ausbaufähig gewesen wäre, kann ich eine Lektüre empfehlen. Er ist sprachlich solide verfasst und behandelt den Themenkomplex der politischen Radikalisierung aus einem interessanten Blickwinkel. Obwohl mir die Entscheidung sehr schwer fällt, tendiere ich zum Aufrunden auf 4 Sterne. Die Autorin hat definitiv Potenzial und ich bin gespannt, was sie nach diesem Debüt veröffentlicht.

3,5/5 Sterne

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2025

Unterhaltsam und gesellschaftlich relevant zugleich

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Auch mit ihrem zweiten, anspruchsvollen Unterhaltungsroman nach dem großartigen „Wir von der anderen Seite“ weiß die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker zu überzeugen, wenn auch mit Abstrichen.

Wie ...

Auch mit ihrem zweiten, anspruchsvollen Unterhaltungsroman nach dem großartigen „Wir von der anderen Seite“ weiß die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker zu überzeugen, wenn auch mit Abstrichen.

Wie man sich schon aufgrund des Titels denken kann, schreibt Decker - wieder einmal - mit leichter Feder und viel Sprachwitz ihre Geschichte über Nina, eine geschiedene Frau im Alter von 49 Jahren, die nicht nur eine neue Liebe entdeckt und damit aneckt, ist doch der Auserwählte zwanzig Jahre jünger als sie, sondern auch noch mit ihrer Rolle als Tochter einer gezeichneten Frau und Mitarbeiterin einer von männlicher Dominanz durchzogenen Medienproduktionsfirma hadert. Ihre jüngere Schwester Lena indes hadert mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter in einer Zeit, in der Instagram-Supermütter alles richtig zu machen scheinen und dabei auch noch durchgängig glücklich wirken. Als im Unternehmen ein metoo-Skandal an die Öffentlichkeit zu treten droht und einige Männer aus den höheren Etagen (darunter Lenas Ehemann) versuchen diesen zu vertuschen, müssen die Schwestern ihren eigenen Standpunkt finden und sich entscheiden, ob sie wegschauen oder solidarisch kämpfen wollen.

Der Inhalt zeigt schon einmal auf, in welche Richtung der aktuelle Roman von Anika Decker geht. Oberflächlich wie ein Liebesroman anmutend, da die Annäherung an den viel jüngeren David zunächst im Zentrum steht, entwickelt der Roman schnell einige weitere Facetten, die im Verlauf sogar wichtiger wirken, als der immer wieder einmal auftauchende Liebesplot. Dieser konnte mich auch nur zu Beginn einfangen, denn später fehlte mir die Möglichkeit darin so richtig einzutauchen, da nur kurze Schlaglichter auf einzelne Szenen geworfen werden. Hier entspinnt sich eine Geschichte zwischen zwei Menschen, die von Missverständnissen und nicht ausgesprochenen Gedanken durchzogen ist, was prinzipiell sehr realistisch ist, mich über die Länge des Buches hinweg allerdings ab und an auch genervt hat. Das liegt an der Natur der Sache, da ich persönlich kein Fan von Geschichten mit viel Hin und Her und Gehader bin.

Stilistisch ist für mich der leichte Schreibstil, der sich süffig einsaugen lässt, ausschlaggebend für meine Freude über ein neues Anika Decker-Buch. Was meines Erachtens nicht ganz so gut gelungen ist, ist der Perspektivwechsel zwischen den Figuren. Wir beginnen den Roman aus der Ich-Perspektive von Nina zu lesen, wechseln später aber auch immer wieder in Lenas oder andere Perspektiven, die dann aber im personalen Erzählstil gehalten sind. In einem Lena-Kapitel rutscht die Autorin sogar mal aus Versehen für einen Absatz in die Ich-Perspektive. Nur David bekommt noch eine Ich-Perspektive zugestanden, was ihn scheinbar als wichtige zweite Hauptfigur markieren soll. Leider blieb er für mich trotzdem nur eine kleine Nebenfigur, weshalb dies irgendwie nicht stimmig wirkte. Seine „Ich-Gedanken-Anteile“ bleiben nur recht kurz gehalten und versuchen zwar einen Einblick in seine Geschichte zu geben, dieser formt sich allerdings nicht zu einem runden, stimmigen Bild. Ganz zum Schluss bekommt auch Lenas Mann noch ein Kapitel zugeordnet, welches mit allerdings recht edukativ angelegt wirkte.

Somit muss ich sagen, dass mir zwar der neue Roman von Anika Decker sehr gut gefallen hat, mich aber nicht annähernd so vollständig von sich überzeugen konnte wie „Wir von der anderen Seite“. Ich glaube, ich hätte mir entweder einen Roman mit größerem Fokus auf die Liebesgeschichte oder einen, der diese fast ganz herauslässt und damit nicht die Sicht auf die gesellschaftlich relevanten Themen verstellt, gewünscht.

Ich würde den vorliegenden Roman letztlich inhaltlich mit den letzten Romanen von Mareike Fallwickl vergleichen, die zwar einen noch deftigeren, feministischen Einschlag haben und literarisch etwas anspruchsvoller sind, aber Anika Decker schafft es mit dem Verve ihres unterhaltsamen Schreibstils die feministischen Thematiken geschickt in einen Unterhaltungsroman zu verwandeln, der hoffentlich viele Leser:innen ansprechen wird und somit ein größeres Bewusstsein für die Belange von Frauen unterschiedlichster Altersgruppen und gesellschaftlicher Schichten schafft.

3,5/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.12.2024

Akute Krankheitserfahrung gut geschildert

Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon
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Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", ...

Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", Kathrin Schmidt "Du stirbst nicht" oder Anika Decker "Wir von der anderen Seite". Der Plot ähnelt sich: Eine akute Erkrankung bzw. Verschlechterung des Gesundheitszustandes tritt durch Leberversagen/Hirnblutung/Trombose ein und der Weg zur Genesung mit Rückblicken auf das eigene Leben wird geschildert.

Bei Simons ist es die Hirnblutung, die ihn kurz vor Weihnachten erwischt und auf die Stroke Unit befördert. In recht kurzen Kapiteln und auch insgesamt einem recht kurzen Roman beschreibt er seine Empfindung in diesem Zeitraum der Rekonvaleszenz. Dies macht er literarisch auf hohem Niveau. Mitreißen konnten mich das Buch und die Gedankengänge des Autors leider nicht so stark wie bei Schmidt oder Decker. Sind es die eher unsympathischen egozentrischen Einstellungen des Autors, die ihn und seine Geschichte weniger empathisch machen? Obwohl ich es für einen Pluspunkt halte, dass er ehrlich mit seiner Person umgeht.

Insgesamt ein gut bis sehr gutes Leseerlebnis, welches bei mir jedoch keine tiefergründigere Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod anregen konnte.

Veröffentlicht am 24.12.2024

"Das ist nicht 'Die Welle' oder 'Der Club der toten Dichter'!"

2001
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Die jugendliche Protagonistin und Ich-Erzählerin Julia schlägt sich im Jahr 2001 mit vielem herum: Nicht nur die Lehrer nerven, da Julia sich im Abschlussjahrgang der Hauptschule befindet und innerhalb ...

Die jugendliche Protagonistin und Ich-Erzählerin Julia schlägt sich im Jahr 2001 mit vielem herum: Nicht nur die Lehrer nerven, da Julia sich im Abschlussjahrgang der Hauptschule befindet und innerhalb dieser zum sogenannten "Restmüll" gehört, den Schülerinnen, die wenig Erfolgsaussichten bezüglich ihrer Schulkarriere haben. Auch der große Bruder verlangt von ihr mehr Einsatz. Der Freundeskreis gerät in Schieflage. Rettung scheint es nur im Hip Hop und dem Rappen zu geben. Eine Passion, die den Freundeskreis ("die Crew") zusammenhält.

Zwar in der Grundstimmung recht trist und perspektivlos, aber auch durchaus süffig und amüsant nimmt uns Angela Lehner mit ins Jahr 2001 und führt uns an der Seite Julias durch dasselbe. Monat für Monat erleben wir die Veränderungen in Julias Leben aber auch die in "Tal", einem Touri-Ort in Österreich. Alles erzählt durch die Brille einer 15-Jährigen, die viel Frust erlebt. Nebenbei bekommen wir noch ein Klassenexperiment eines aufstiegsorientierten Geschichtslehrers, präsentiert, in welchem jedem
r Schülerin ein zeitgenössischer, gesellschaftsrelevanter Charakter zugeordnet wird. Dieser Plotanteil ist meines Erachtens hauptsächlich im Buch, um neben den unzähligen Marken- und Bandnamen der Zeit um 2001 herum das Feeling für das titelgebende Jahr aufkommen zu lassen. Beim Lesen werden den Leserinnen also immer wieder Eckpunkte zu politischen und jugendkulturellen Ereignissen des Jahres geboten. Das sorgt schon für ein gewisse (zwiespältige) Nostalgie, ist jedoch auch mitunter zu deutlich dargestellt und scheint (vor allem das Experiment) als reines Vehikel zu dienen, die Erinnerung Leserinnen zu wecken. So wirklich plotrelevant bezogen auf die Lebenssituation Julias scheint dies jedoch nicht zu sein. Sodass das kurze Erwähnen von Markennamen und das Einwerfen von VIP-Namen der damaligen Zeit mitunter sogar etwas over-the-top wirkt. Sich aber gleichzeitig auch wieder nicht zu ernst nimmt und mit den Erwartungen der Leserinnen spielt. Häufig musste ich schmunzeln über die Anspielungen.

Trotzdem gab es mir zu wenig Entwicklung der Protagonistin über das Buch hinweg, vielmehr passiert scheinbar alles nur um Julia herum. Einen bleibenden Eindruck hinterließ eigentlich nur das überraschende Ende des Romans bei mir, sonst aber nur vereinzelte Erzählmomente. Es handelt sich hier um ein durchaus kurzweiliges, lesenswertes, sehr gutes Buch, weshalb ich 3,5 Sterne vergeben würde. Mit der Tendenz nach unten zu den drei Sternen hat die Autorin und ihr Werk weniger zu tun, dies liegt vor allem an dem Verlag, der (mal wieder und wie auch andere Verlage) durch einen aufgeplusterten Klappentext, unpassende Erwartungen an das Buch schürt. Eine Reduktion auf das Wesentliche, nämlich das Aufwachsen ohne Zukunftsperspektive als eine der Abgehängten in der österreichischen Provinz zur Jahrtausendwende, hätte es doch ganz gut und ausreichend getroffen.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mehr Menschlichkeit, weniger Ideologie

Über Menschen
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Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" ...

Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" begrenzt Zeh in diesem Roman den Blick jedoch auf nur eine Protagonistin und deren Erlebnisse. Dora, welche der Stadt entflieht und in einem Dorf in Brandenburg vor Berliner Corona-Aufregung und dogmatischem Freund Schutz sucht. Dort entwickelt sich, für sie unerwartet, eine Nähe zum Dorf-Nazi und den politisch nicht immer korrekt eingestellten Dorfbewohnern.

Gewohnt süffig und durchaus witzig beschreibt Zeh nun die Annäherung zwischen Städterin und Dörflern. Leider ist der Plot zu überzufällig-märchenhaft angelegt und wenig überraschend. Es menschelt gar sehr im neuen Roman, wobei man zugeben muss: Er heißt ja nun einmal "Über Menschen". Für Leserinnen aus dem städtischen Mittelstand (laut stereotypen Bild) könnten hier noch neue Erkrenntnisse lauern, für ländliche oder offenere Leserinnen wohl eher weniger. Denn wer z.B. sowieso schon in einem Dorf mit 50% AfD-Wählern lebt, wird eines schon kapiert haben: Auch diese Menschen, so wenig man deren Einstellungen mag oder teilt, sind Menschen und können durchaus auch unerwartet nette Dinge tun.

Die Dramaturgie des Romans ist knackig und flott angelegt. So könnte man sich gut eine Verfilmung vorstellen. Mir war das Ganze manchmal schon fast ein wenig zu sehr Richtung Kitsch geneigt.

Und trotzdem: Zeh konnte mich einmal mehr fesseln und erreichen mit ihrem Roman. Zwar weniger als noch mit "Unterleuten", trotzdem handelte es sich um eine durchaus lohnenswerte Lektüre.