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Veröffentlicht am 25.07.2025

Erinnerungen in Prosa

Die Fremde
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Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin ...

Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin gleichzusetzen. Sie spielt mit ihren eigenen biografischen Elementen, um ihre Erinnerungen an eine belastende Kindheit sowie das Erwachsenwerden, Loslösen von den Eltern und eine Lebensform als eigenständige Person zu finden.

"Zu finden" deshalb, weil die Autorin mit den Genres und den Nerven der Lesenden spielt. Diese Lektüre kann vor allem zu Beginn anstrengend sein. Man muss erst hineinfinden in die Erzählstruktur Durastantis. Hier gibt es keine chronologischen Schilderungen des Erlebten - oder Erfundenen. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, schiebt essayistische Parts ein, arbeitet mit Peosie und Prosa. Die Sprache und der Rhythmus an und für sich, haben mir sehr gut gefallen. Manchmal fast nüchtern erzählt sie von schlimmsten Ereignissen mit und Bedrohung durch die Eltern und bleibt somit auf Distanz zum Leser. Immer wieder eingestreut erscheinen sehr kluge Sätze, Metaphern, Überhöhungen, die unglaubliche Tiefe aufweisen und zum Nachdenken anregen. Leider verkommt dies zum Ende des Buches hin zu einem überdramatisierten, obergescheiten Geschwafel über Liebe und Beziehungen und endet in einem wirren Finale. Hier konnte ich der Autorin leider nicht mehr folgen. Sie bleibt zu großen Teilen "die Fremde".

Die Autorin scheint getrieben, erzählt (mitunter zu) dicht und wirr. Das muss man mögen. Eine interessante Metaebene macht die Autorin aber über das Buch hinweg immer wieder auf, indem sie immer wieder über Wahrheit/Wahrhaftigkeit und Lüge Überlegungen anstellt. Nie kann man sich als Leser*in sicher sein, was hier autobiografisch ist und was erfunden. Sie hinterfragt auch, was Autobiografien in der heutigen Zeit des Internets noch bedeuten. So schreibt sie an einer Stelle: "Eine Autobiografie [...] ist der Bastard unter den literarischen Genres. [...] Dann sind wir zum Ich zurückgekehrt, zu Veröffentlichungen in der ersten Person, doch uns in einer Autobiografie wichtigzumachen, erscheint vulgär, und unser Misstrauen gegenüber diesem Genre ist wieder erwacht, obwohl wir jeden Tag dazu beitragen, es zu stärken und zu einem kollektiven Phänomen zu machen." Ein Professor habe den Begirff "finction" gewählt, "um etwas zu bezeichnen, was nicht vorgetäuscht, sondern konstruiert ist." So ist auch dieses Buch: konstruiert. Durastanti bescheinigt an mehreren Stellen, dass sie schon immer Geschichten über sich selbst und ihr Leben erfunden habe. Wir bekommen einen "Roman" zu lesen. Diese Facette etwas mehr ausgeleuchtet, hätte mir in diesem Buch besser gefallen.

So bleibt es eine Erinnerungscollage auf hohem Niveau aber ohne wirkliches Ziel. Ich schwanke stark zwischen 3 und 4 Sternen und runde aufgrund der Sprache und der Sogkraft der Lektüre wohlwollend auf.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Hypnotisches Cover, wenig einnehmender Roman

Botanik des Wahnsinns
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Während das coole Cover zum Buch „Botanik des Wahnsinns“ hypnotisch wirkt, ist die Hypnotherapie eins der wenigen therapeutischen Verfahren, welches nicht in diesem Roman erwähnt wird. Denn Leon Engler ...

Während das coole Cover zum Buch „Botanik des Wahnsinns“ hypnotisch wirkt, ist die Hypnotherapie eins der wenigen therapeutischen Verfahren, welches nicht in diesem Roman erwähnt wird. Denn Leon Engler entwirft einen Erzähler, der eine psychopathologische Familienanamnese seiner eigenen Familie niederschreibt und nebenbei auch seinen eigenen, verworrenen, wenn auch nicht verrückten Weg im jungen Erwachsenenalter zeichnet.

Der Erzähler Leon hat eine scheinbar ähnliche Biografie wie der Autor Leon. Was an diesem Roman frei erfunden und was autobiografisch ist, bleibt offen, und das ist auch gut so. Die Familie des Erzählers Leon ist jedenfalls bis in mehrere Generationen von psychischen Erkrankungen geplagt. Schon Urgroßeltern haben Probleme, die diagnostisch relevant erscheinen. Leon, der nach viel Orientierungslosigkeit selbst Psychologie studiert hat, arbeitet nun in einer Psychiatrie und soll zu Übungszwecken seinen eigenen Anamnesebogen ausfüllen. Beim Punkt „Familie“ wird es schwierig. Wie weit soll er zurückgehen? Reicht die reine Aufzählung von Diagnosen schon aus, um zu erfassen, wie die Familie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits von diesen Erkrankungen geprägt ist?

In wechselnden Kapiteln folgen wir nun zum einen Leon selbst und auf seinem Weg durch die Welt als junger Erwachsener, erfahren in Rückblicken auch immer wieder etwas aus seiner Kindheit und Jugend. Auf der anderen Seite vermittelt uns Leon bis in früheste Generationen hinein ein Bild von den verschiedenen Familienmitgliedern, die von psychischen Erkrankungen geplagt waren bzw. noch sind. Er selbst kämpft ständig mit der Angst, die Anlagen für eine oder mehrere psychische Erkrankungen in sich zu tragen und somit unausweichlich „verrückt zu werden“.

Engler hat gute Ideen für seinen Roman. Der Aufbau, die Herangehensweise an eine psychopathologische Familiengeschichte, der durchblitzende Humor bezogen auf das Studium der Psychologie, die fachlichen Einwürfe zu verschiedenen Erkrankungen und ihre Behandlungsformen, das Einweben von literarischen und philosophischen Überlegungen zu psychischer Krankheit. All das klingt eigentlich nach genau einem Buch für mich. Aber leider konnte er mir zwar den ein oder anderen Lacher entlocken, mich aber nicht mit seinem reduzierten Schreibstil für sein Buch begeistern. Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Generationen, Familienseiten und Personen mit ihren Krankheitsgeschichten machte es schwer, zu folgen und die Personen auseinanderzuhalten oder einzuschätzen, in welcher Zeitebene das Erzählte jetzt gerade stattfindet.

Es steht fest, dass Leon Engler hier sehr viel Recherche in seinen Roman gesteckt hat und dass er durchaus gut schreiben kann, nur vom Hocker hat mich das Endresultat nicht hauen können. Trotzdem habe ich das Buch durchaus gern und kurzweilig gelesen.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 19.06.2025

Spannender Auftakt zu einer (aktuell noch) unkonventionellen Trilogie

Don't
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Lothar Mischke schlägt mit seinem Trilogie-Auftakt „Don‘t“ einen noch (relativ) neuen Weg in der Hard-Sci-Fi-Literatur ein. Ein Weg, der zuvor maximal von weiblichen Autorinnen gewählt wurde. Und zwar ...

Lothar Mischke schlägt mit seinem Trilogie-Auftakt „Don‘t“ einen noch (relativ) neuen Weg in der Hard-Sci-Fi-Literatur ein. Ein Weg, der zuvor maximal von weiblichen Autorinnen gewählt wurde. Und zwar besetzt er sie Stellen der Hauptfiguren in seinem rasanten Weltraumabenteuer mit vorwiegend weiblichem Personal, vor allem auf den Führungsebenen. Hier sind Frauen nicht nur der sexy Sidekick, sondern die Entscheidungsträgerinnen an Bord der Dawnrazor, die sich irgendwann im 22. Jahrhundert auf den Weg macht, sich weiter in das All vorzuwagen, als es die reguläre Raumfahrt bis dahin geschafft hat, nämlich 46 Lichtjahre von der Erde entfernt, um einem scheinbar außerirdischen Artefakt auf die Spur zu kommen. In geheimer Mission macht sich das Schiff auf den Weg und es wird nicht nur ein Rennen gegen die Konkurrenten der chinesisch-afrikanischen Allianz, die einen Spion auf die Dawnrazor schmuggeln konnten, sondern auch gegen die Zeit, denn es nähert sich noch eine ganz andere, unerwartete Gefahr.

Haben die beiden weiblichen Hauptfiguren Joan Landor (Captain der Dawnrazor) und Dr. Lana Hayward (Wissenschaftsoffizierin) zu Beginn noch etwas Startschwierigkeiten bezüglich ihrer Figurenzeichnung, so entwickelt nicht nur diese beiden sich im Laufe der mehrmonatigen Geschehnisse kontinuierliche weiter und können ihre bekannten und unbekannten Kompetenzen komplett ausagieren. Zu Beginn werden die Frauen leider zu sehr darauf reduziert, dass sie sich an Männer ranschmeißen, bevor sie ihr volles Potenzial der Leserschaft beweisen können. Vor allem die kommandierende Offizierin Joan Landor, die angeblich über jahrelange Gefechtserfahrung als Pilotin verfügt, wird als äußerst impulsiv, überbordend emotional und selbstunsicher dargestellt. Das prägt zunächst ein Frauenbild, welches jahrhundertelang in unserer Historie dazu geführt hat, dass Frauen keine Führungspositionen zugetraut wurden. Passagierflugzeuge durften sie auch erst ab den 1980/90ern fliegen, da sie ja „zu hysterisch“ und vor allem „an den gewissen Tagen im Monat zu unzurechnungsfähig“ seien, um ihnen die Leben anderer Menschen anzuvertrauen. Zum Glück dürfen nicht nur die beiden genannten sondern auch andere weibliche Figuren in Mischkes Roman im Laufe der Geschehnisse beweisen, dass sie über sich hinauswachsen und einen kühlen Kopf bewahren können.

Da mit fortschreitender Geschichte auch immer mehr technisch sehr präzise und gleichzeitig verständlich ausgeführte Details eingebaut werden, hat mir das Buch zum Ende hin am besten gefallen. Es tauchen verschiedenste Gefahren auf, die sich die Bordcrew stellen muss, die nicht nur actionreich sondern vor allem auch wissenschaftlich plausibel angegangen werden. Und in einer Szene können die Entscheidungsträgerinnen dann noch einmal zeigen, worin ihre heutzutage schon wissenschaftlich nachgewiesene psychologische Stärken liegen: Verhandlungsfähigkeit und Kommunikation.

Mischke findet hierfür immer eine solide, kurzweilige süffige Sprache, die niemals Längen entstehen und die 412 Seiten wie nichts weglesen lässt. Das Ende des Buches verspricht mehr und darauf freue ich mich bereits. Sehr gern verfolge ich diese Hard-Sci-Fi-Reihe weiter und bin gespannt darauf, was der Autor für den nächsten Band plant.

Als Anmerkung für Personen, die eher von epubli-, books on demand- etc.-Veröffentlichungen zurückschrecken, da ihnen die Druckqualität nicht zusagt: Hier kann ich Entwarnung geben. Die Papierqualität ist sehr gut, nicht zu stark gebleicht und der Satz verursacht keinen Augenkrebs. ;)

Insgesamt hat mir die Lektüre des Romans gefallen und mein Interesse an der Trilogie geweckt. Und da wir ja nun die „Männergeschichten“ abgehandelt haben, kann es in den nächsten Bänden gern so weitergehen, wie es sich in der zweiten Hälfte von „Don‘t“ schon abzeichnet.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 18.05.2025

Eine Frau, die nie aufgegeben hat

Schwebende Lasten
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Die in Magdeburg geborene Autorin Annett Gröschner beschäftigt sich in ihrem Roman „Schwebende Lasten“ mit dem gesamten Leben einer Frau, die bis auf eine kurze Unterbrechung mit Aufenthalt in Berlin durchgängig ...

Die in Magdeburg geborene Autorin Annett Gröschner beschäftigt sich in ihrem Roman „Schwebende Lasten“ mit dem gesamten Leben einer Frau, die bis auf eine kurze Unterbrechung mit Aufenthalt in Berlin durchgängig in Magdeburg lebte, arbeitete und eine Familie gründete. Dabei umspannt das nur 280 Seiten dünne Buch einen Zeitraum von über 80 Jahren, tangiert kurz die Weimarer Republik, die Zeit des Dritten Reichs, die Entstehung der DDR und deren Übernahme durch die BRD. All diese Geschichte passiert hier allerdings vorwiegend am Rande, denn eigentlich geht es um Hanna Krause, die früh ihre Mutter verliert, der polnische Vater nie anwesend, quasi als Vollwaise von ihren Halbschwestern aufgezogen, ausgebildet als Blumenbinderin und mit eigenem Blumenladen ein wenig erfolgreich, wird sie Jahrzehnte lang dafür kämpfen ihre Familie zusammenzuhalten und nicht immer erfolgreich dabei sein. In der zweiten Hälfte ihres Arbeitslebens wird sie in der DDR Kranführerin sein und letztlich daran wachsen. Hier gibt es viel Last, die diese Figur tragen muss, aber auch Momente, die wie ein Dahinschweben in der Zeit wirken.

Sprachlich unaufgeregt erzählt Gröschner von diesem Leben, welches von Höhen und Tiefpunkten gezeichnet ist, aber die Figur Hanna niemals in die Knie gänzlich zwingt. Nach meinem Empfinden passiert dies größtenteils mit einer Distanz zur Figur und einer Art Abgeklärtheit, die viele Ereignisse auf wenige Seiten packt, sodass ich selbst nur selten Hanna und ihrem Befinden nah sein konnte. Nur in einzelnen Szenen, wie ein Feuersturm bei einer Bombardierung Magdeburgs und dessen Folgen, packte mich der Erzählstil und ich konnte mir die Ausmaße dieser Katastrophe sehr genau – wenn natürlich auch nicht ansatzweise originalgetreu – vorstellen. Insgesamt ging mir alles zu schnell, um richtig mit Hanna und ihrer Familie mitzuschwingen. Ihr soziales Umfeld blieb für mich größtenteils nur Namen, ohne konkretes Bild zu ihnen und ihrer Persönlichkeit.

Stilistisch treten den Kapitelanfänge hervor, welchen jeweils ein Eintrag zu verschiedenen Blumensorten vorangestellt ist. So wird hier ein Blumenstrauß zusammengestellt, bei dem man sich fragt: Kann ein Mensch das überhaupt alles erlebt haben? Ähnlich einem Strauß, zu dessen Anfertigung Hanna gebeten wird, der aber gar nicht so zu binden geht, weil die Pflanzen zu ganz unterschiedlichen Jahreszeiten blühen. Hanna Krause hat zu ganz unterschiedlichen historischen „Jahreszeiten“ gelebt und ihr Leben wird in diesem Buch geschickt zusammengebunden zu einem eng verknüpftem, sehr durchmischten Strauß. Sehr interessant gemacht.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Rätselhaft-dystopisches Szenario

Schweben
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Amira Ben Saouds Debütroman skizziert eine Zeit in der Zukunft, in der es nur noch vereinzelte menschliche Enklaven gibt, die untereinander nur durch Warenaustausch Kontakt hegen. Den Menschen in den Siedlungen ...

Amira Ben Saouds Debütroman skizziert eine Zeit in der Zukunft, in der es nur noch vereinzelte menschliche Enklaven gibt, die untereinander nur durch Warenaustausch Kontakt hegen. Den Menschen in den Siedlungen wird gesagt, sie würden sterben, falls sie die Siedlung verlassen sollten. Ein Ausstoß ist also die Höchststrafe für die Bewohner und Eindringlinge aus anderen Siedlungen werden direkt an der Grenze erschossen. In dieser Welt, in der „das System“ solch einengende Gewalt an seinen Bürgern ausübt, soll es keine Gewalt mehr geben, denn sie ist verboten. Aber irgendetwas rumort hier. Jugendliche verprügeln sich gegenseitig, es gibt Tote und es gibt Menschen, die die Siedlung angeblich verlassen, trotz der drohenden Gefahren im Außen. Eine davon ist Emma gewesen und deren Ehemann Gil versucht nun durch ein sogenanntes „Begegnung“-Erlebnis mit der Hauptfigur, die ihren eigenen Namen nicht mehr kennt, weil sie schon zu lange beruflich in die Rollen fremder Menschen schlüpft, die Beziehung nachzustellen, um besser über den Verlust Emmas hinwegzukommen. Emma sei verrückt gewesen und umso länger sich unsere Hauptfigur in der Rolle Emmas befindet, umso verrückter wirkt sie selbst. Die Realität scheint aus den Fugen zu geraten.

Die Autorin bindet in ihren Roman interessante Ideen zu einem zukünftigen Gesellschaftsentwurf ein, die nie ganz ausgearbeitet werden und häufig nur angedeutet bleiben. Das System dahinter bleibt vage, lässt aber eindeutig vermuten, dass es sich hier um eine dystopische Zukunft handelt. Alles läuft immer mehr aus der Bahn, nicht nur die Gedanken und das Handeln der Hauptfigur. Diese ist ebenso rätselhaft wie das Szenario angelegt. Da sie neben ihrem eigenen Namen auch ihre eigene Persönlichkeit unter den vielen angenommenen vergraben zu haben scheint, ist sie und ihre Motive auch sehr schwer greifbar, ebenso wie wichtige Nebenfiguren. Das erschwert nicht das Lektüreerlebnis, denn der Roman lässt sich sehr angenehm lesen. Aber es erschwert das Dahintersteigen, hinter die Figuren, das System, die Handlung. Unbeantwortete Fragen und offene Erzählstränge muss man gut tolerieren können, genauso wie surreale Ereignisse.

Das ergibt insgesamt einen durchaus interessanten Genremix, der literarisch ansprechend geschrieben ist und anregende Gedankenexperimente andeutet. Das Buch reißt auch Themen wie Identitätsprägungen und toxische Beziehungen an, ohne die Verhaltensweisen und Beweggründe der agierenden Personen genauer auszuleuchten. So werden mir etwas zu viele Themen und Ideen angesprochen. Eine Konzentration auf weniger, dann aber detaillierter, hätte mir etwas besser gefallen. Das Buch habe ich durchgängig gern gelesen, bleibe jedoch nach der Lektüre zu stark orientierungslos schwebend zurück.

Für alle, denen das lobende Zitat von Clemens J. Setz im Klappentext aufgefallen ist: Ja, die Leser:innen seiner Bücher finden „Schweben“ ob des Stils sicherlich auch sehr ansprechend. Mit 187 Seiten wäre das bei Setz allerdings „nur“ eine Novelle. ;)

3,5/5 Sterne

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