Platzhalter für Profilbild

leseleucht

Lesejury Star
offline

leseleucht ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit leseleucht über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.03.2025

Eine feine, leise Weise

Für Polina
0

Das Buch hat mich auf jeden Fall gepackt, an einem Tag begonnen, am anderen ausgelesen. Das liegt auf jeden Fall an Hannes und seiner Mutter, Fritzie Prager. Allein mit einem unehelichen Kind ohne Ausbildung ...

Das Buch hat mich auf jeden Fall gepackt, an einem Tag begonnen, am anderen ausgelesen. Das liegt auf jeden Fall an Hannes und seiner Mutter, Fritzie Prager. Allein mit einem unehelichen Kind ohne Ausbildung findet sie Zuflucht in der heruntergekommen Villa in einem Naturschutzgebiet bei dem kautzigen Lebenskünstler Heinrich. Mit diesen schlechten Rahmenbedingungen aber schafft sie für Hannes, dem Jungen mit dem besonderen Gehör, das Idyll einer Kindheit voller Liebe, Angenommensein und Zufriedenheit. Ein wichtiger Bezugspunkt seiner Kindheit ist auch Polina, mit der er von Klein auf aufwächst und mit der ihn ein besonderes Band verbindet. Doch als die Idylle zerbricht, verliert Hannes auch Polina und seine Musik. Es wird ein langer Weg zurück zur Musik, aber auch zu Polina?
Würger entwickelt faszinierende, vielfach liebenswerte Figuren. Sie haben alle ihre Stärken und ihre Geheimnisse und sie sind mehr oder weniger für Hannes da. Ohne Polina, ohne seinen Kumpel Bosch, den grobschlächtig wirkenden, aber so feinen Möbelpacker, mit dem er für eine Transportfirma Klaviere schleppt, ohne Heinrich, der sich auch zu verlieren droht und ohne einige schicksalshafte Wendungen hätte Hannes sich vermutlich verloren. Wenn auch einige der Figuren, wie sie biologischer Vater oder sein Chef ein wenig klischeehaft wegkommen und manche Fügungen doch ein wenig arg wundersamen erscheinen, hat mich das Buch mit ganz unterschiedlichen Gefühlen erfüllt: Traurigkeit über den Verlust, Sehnsucht, Einsamkeit, aber durch all das hindurch auch eine Ruhe, eine Stärke und eine Art Gewissheit, dass es im Leben ganz einfache Dinge gibt, ein Geruch, eine Melodie, Natur oder eine Stange saurer Rhabarber mit braunem Zucker, die Trost und Zuversicht und Heimat geben. Würgers Schreibstil entwickelt die anfangs beschriebene Wirkung. Es sind die leisen Töne und die Zwischenräume, die dem Leser Platz lassen für das Nachfühlen, Nachspüren und Nachdenken wie die Musik.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.03.2025

Nicht nur ein Leseabenteuer

FREI – Bester Sommer (FREI 1)
0

Joshua ist Kummer gewöhnt. Immer wieder muss er mit seiner Mutter aus beruflichen Gründen umziehen. Freunde - Fehlanzeige, Zuhausefühlen - nicht wirklich. Doch jetzt hat seine Mutter den Vogel abgeschossen ...

Joshua ist Kummer gewöhnt. Immer wieder muss er mit seiner Mutter aus beruflichen Gründen umziehen. Freunde - Fehlanzeige, Zuhausefühlen - nicht wirklich. Doch jetzt hat seine Mutter den Vogel abgeschossen und ihn in das allerletzte Kuhkaff gesteckt. Was soll er hier mit sich anfangen? Ganz unerwartet ist es ausgerechnet Schule, die ihn hier, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen, in ein Abenteuer verwickelt, von dem er nicht zu träumen gewagt hätte: mehrere Tage in Keingruppen Gleichaltriger im Wald ohne Erwachsene. Und plötzlich ist so etwas wie Freundschaft und ein Gefühl von Zuhause zum Greifen nah. Dies könnte der beste Sommer seines bisherigen Lebens werden...
Ein tolles Leseabenteuer, lustig und humorvoll geschrieben. Aus der Sicht Joshuas, der uns gleich mit hinein nimmt in das große Sommerabenteur, das ihn und den Leser hier erwartet. Sehr authentisch schildert die Autorin die Gedanken und Gefühle, die Joshua bewegen. Eine klare Leseempfehlung für Jung und Alt!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.03.2025

Positiv überrascht

Von Jade und Drachen (Der Sturz des Drachen 1): Silkpunk-Fantasy mit höfischen Intrigen – Mulan trifft auf Iron Widow
0

Mit dem Begriff Steam Punk oder Silk Punkt konnte ich zunächst gar nichts anfangen. Ich hatte den Begriff nur einmal vage im Zusammenhang mit einem Computerspiel gehört. Da ich mich aber nicht sonderlich ...

Mit dem Begriff Steam Punk oder Silk Punkt konnte ich zunächst gar nichts anfangen. Ich hatte den Begriff nur einmal vage im Zusammenhang mit einem Computerspiel gehört. Da ich mich aber nicht sonderlich für Computerspiele interessiere, ging ich also ohne große Erwartungen – oder eher ein wenig skeptisch ob so neumodischen Krams – an die Lektüre. Und wurde sehr positiv überrascht.
Amber Chen schreibt im ersten Band ihrer Reihe, „Von Jade und Drachen, von der jungen Ying, die den Mord an ihrem Vater mitansehen muss und fest entschlossen ist, ihn zu rächen. Ihr Vater war einst Mitglied der Ingenieursgilde, und sein Mord steht in Zusammenhang mit seinen Erfindungen. So macht Ying sich auf in die Hauptstadt des Reiches. Aber nicht nur um den Mörder ihres Vaters zu finden, sondern auch weil ihr sehnlichster Wunsch ist, Teil der Ingenieursgilde zu werden. Allerdings ist Mädchen der Zutritt verboten. Und allein die Verkleidung als Junge hätte ihr vielleicht wenig geholfen, wenn sie nicht einen einflussreichen Gönner getroffen hätte. Allerdings verfolgt dieser nicht nur uneigennützige Pläne.
Chen schreibt voller Phantasie. Wenn sie die fremden Welten, die aus einer Mischung von altem Flair und moderner Technik bestehen – Steam Punk eben!, beschreibt, dann entstehen sehr plastische und teils stark beeindruckende Bilder. Ihren Figur haucht sie ebenso Leben ein, und der Leser fiebert und leidet gleich von der ersten Seite mit Ying, die sich auf einen Weg voller Abenteuer und Gefahren macht. Den Spannungsfaden lässt Chen keine Minute abreißen, sodass der Leser bis zum Schluss gefesselt ist. Immer wieder reißen ihn unerwartete Wendungen aus der Ruhe, die ihm die schönen Beschreibungen für kurze Augenblicke gewährt.
Ein packendes Leseabenteuer mit einer Priese Liebe und ganz viel Phantasie! Her mit Band 2!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Geist und Ungeist

Heimweh im Paradies
0

Martin Mittelmeier zeichnet in „Heimweh im Paradies“ ein lebendiges Bild der Jahre, die Thomas Mann in Kalifornien im Exil verbrachte. Dort entstand unter anderem Manns Roman „Dr. Faustus“, der das Wesen ...

Martin Mittelmeier zeichnet in „Heimweh im Paradies“ ein lebendiges Bild der Jahre, die Thomas Mann in Kalifornien im Exil verbrachte. Dort entstand unter anderem Manns Roman „Dr. Faustus“, der das Wesen des Deutschen ergründet und nach seiner Verführbarkeit durch das Böse, das Dämonische fragt. Diese Frage drängt sich natürlich dem exilierten Autors auf, da er seine Heimat verlassen musste, weil das Dämonische dort die Macht übernommen hatte. Manns Verhältnis zu seiner Heimat, aber auch zu den anderen deutschen Emigranten und das Verhältnis der Amerikaner zu den Deutschen, insbesondere der Deutschen im Exil sind weitere Themen dieser spannenden Zeit in Manns leben.
Der Kampf gegen das Dunkle, Dämonische beginnt in Manns Persönlichkeit selber, der seine eigenen dunklen Seiten mit dem Bildungsbürgerdasein zu unterdrücken versucht. Den Ungeist des deutschen Volkes versucht er in seinem Wesen zu ergründen. Dazu dienen ihm auch die Ideen Horkheimers und Adornos. Beide quasi Nachbarn im Exil, letzterer eine Inspirationsquelle für die Darstellung des Musikers Leverkühn im „Doktor Faustus“. Wie begegnet man dem deutschen Volk, dessen Geist Mann in sich trägt und den er nach außen zu verkörpern beansprucht? Wie ist ein Neustart Deutschlands nach dem Ende der Barbarei möglich? Dabei stehen verschiedene Ideen der Exilanten, aber auch der Amerikanischen Ideologie in Widerstreit. So wie Manns Leben in den Zeiten des Exils im Widerstreit steht zwischen dem Schriftsteller, der die Ruhe zum Schreiben braucht, und dem Mann der Öffentlichkeit, der als führende Persönlichkeit im Exil immer wieder zur Stellungnahme aufgefordert wird.
Mittelmeier spannt in dem kleinen Bändchen beeindruckende Bögen zwischen literatur-, musik-, philosophie- und ideologiegeschichtlichen Entwicklungen. Mit großer Kennerschaft bindet er immer wieder Manns schriftstellerische Werke ein in die aktuellen politischen und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen der Zeit. Er schildert die verschiedenen, zerbrechlichen Beziehungen Manns nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch zu seinen amerikanischen Gönnern und der Exilantengemeinde, die ihm nicht alle freundschaftlich gesonnen sind. Denn Thomas Mann nimmt eine Sonderrolle ein, quasi die des Königs im Exil. Seine Stimme zählt, sein Einfluss ist groß, seine Werke werden gelesen. Er leidet nicht die materiellen Nöte manch seiner Kollegen wie auch seines Bruders. Er sieht sich bei allem Heimweh nicht in seiner Existenz in Frage gestellt. Sein Leben geht weiter, auch wenn er von mancher Seite, wie auch aus Deutschland seiner Heimat, wegen seines Lebens, seiner Haltung angefeindet wird.
Ich finde die Darstellung dieser kurzen Zeit von 1938 bis 1952 auf knappen 200 Seiten überwältigend komplex, lehrreich, unterhaltend und so packend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Zudem ist es mit seinen Einschätzungen zur Demokratiefähigkeit des deutschen Volkes, wie Thomas Mann und Goethe hier zitiert werden, äußerst aktuell im Hinblick auf die jüngsten politischen Entwicklungen.
Insgesamt ein spannendes Kapitel aus Thomas Manns Leben und ein lohnenswerter Beitrag zum Jubiläumsjahr 2025!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2025

"Elektrisierend" trifft es in der Tat

Wackelkontakt
0

Eschers Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. Und er wartet auf den Elektriker. Derweil legt er einen Puzzle. Er hegt eine Leidenschaft fürs Puzzeln, seit er zu seinem 19. Geburtstag von einer ...

Eschers Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. Und er wartet auf den Elektriker. Derweil legt er einen Puzzle. Er hegt eine Leidenschaft fürs Puzzeln, seit er zu seinem 19. Geburtstag von einer Angebeteten ein Puzzle mit dem Bild eines namensverwandten Künstlers geschenkt bekam, auf dem zwei Hände abgebildet sind, sich beim Malen malen. Das programmatische Motiv des Romans. Danach liest er ein Buch über einen Kronzeugen gegen die Mafia. Dieser kann nachts in seiner Zelle nicht schlafen, weil er um sein Leben fürchten muss. Und so liest er ein Buch über einen Mann namens Escher, der ein Buch liest über einen Mann in einer Zelle, der nicht schlafen kann.
Was wie eine harmlos lustige Endlosschleife klingt, ist mehr als nur eine originelle Idee zur Komposition des Romans „Wackelkontakt“ von Wolfgang Haas. Der Roman ist gleich von Anfang an nicht nur brillant konstruiert durch die immer wieder auf sich selbst verweisenden Motive. Sondern Haas schreibt so en passant noch einen von der ersten Seite an packenden Thriller über Mafia, Kronzeugen, Schutzprogramme und Todesfälle. Galant vermischen sich die Erzählebenen und Leben von Escher und Elio Russo, dem Kronzeugen. Dabei entsteht im Leser schon auf den ersten Seiten, dass das Konsequenzen haben muss für beider Leben.
Originell, entwickelt, klug durchdacht, von Beginn an packend und dabei herrlich leicht geschrieben! Absolutes Lesevergnügen garantiert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere