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Veröffentlicht am 15.04.2025

Ohren auf!

Der Klang des Bösen
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Der vierte Fall, den die True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge und der forensische Phonetiker Professor Matthias Hegel gemeinsam angehen, ist persönlicher Natur. Hegel, der praktisch schon auf dem OP-Tisch ...

Der vierte Fall, den die True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge und der forensische Phonetiker Professor Matthias Hegel gemeinsam angehen, ist persönlicher Natur. Hegel, der praktisch schon auf dem OP-Tisch liegt, versucht, das Rätsel um den Tod einer alten Freundin zu lösen. Verdächtiger Nummer eins ist deren Sohn, der just an diesem Tag aus der geschlossenen Jugendpsychiatrie entlassen wurde. Als die Polizei endlich am angeblichen Tatort ankommt, gibt es keine Leiche.

Kliesch greift auf sein bewährtes Muster zurück: Kurze Kapitel, die häufig mit einem Cliffhanger enden und einer raschen Handlung, in der immer wieder unverhoffte Ereignisse um die Ecke kommen. Dieses Mal spielt die Geschichte an einem einzigen Tag, was den Plot natürlich sehr zusammenzieht, d.h. es passiert ziemlich viel auf engem Raum.

Man kann dieses Buch auch ohne die Kenntnis der anderen Bände lesen, aber die Reihenfolge einzuhalten, macht schon Sinn. Wer die Serie kennt, wird sich über ein Wiedersehen mit Julas Bruder Elyas und dessen Kumpel Friedrich freuen. Für mich stiehlt Elyas allen die Show, wenn er seine Auftritte hat.

Ingesamt ein Thriller, der mich nicht vor Spannung hat erzittern lassen, aber der sich gut in die Reihe einfügt und der die Fans der Serie nicht enttäuscht.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Flucht aus Sibirien

Fanny oder Das weiße Land
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Für die beiden österreichischen Brüder Karl und Viktor ist der Erste Weltkrieg schnell vorbei. Bereits im Januar 1915 wartet Karl in der Nähe von Moskau auf den Transport in ein sibirisches Lager. Im Herbst ...

Für die beiden österreichischen Brüder Karl und Viktor ist der Erste Weltkrieg schnell vorbei. Bereits im Januar 1915 wartet Karl in der Nähe von Moskau auf den Transport in ein sibirisches Lager. Im Herbst des folgenden Jahres ist auch Viktor dort. Gemeinsam stehen sie drei harte Winter in dem Offizierslager durch, gemeinsam mit vier engen Freunden. Im Frühjahr 1918 wagt die Gruppe die Flucht in Richtung Heimat.

Das Buch handelt von dieser Flucht, die sich über Jahre hinzieht und die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Auch das beschriebene Lagerleben hat mich überrascht: Die Gefangenen hatten Freigang in die Stadt. Sie konnten Post und Pakete empfangen, Briefe verschicken und sie bauten Möbel für ihre Unterkunft. Sicher ging es in anderen Lagern anders zu, aber so wie hier beschrieben, in Chabarowsk, war es wohl in vielen Offizierslagern. Die Flucht beginnt unerwartet mit einer Zugfahrt und bringt die Männer schon ein gutes Stück voran - aber das Land ist riesig. Karls Freundin Fanny schreibt aus Wien: "Du bist dem Pazifik näher als ich dem Atlantik." (S. 13)

Die Erinnerung an Fanny und ihre Briefe sind es auch, die Karl helfen, die Gefangenschaft und die Entbehrungen der Flucht durchzustehen.

Die Fluchtgeschichte war für mich ungewöhnlich und hat mir wirklich gut gefallen. Es gibt zahlreiche Stationen, die die Gruppe passiert und immer wieder geschieht Außergewöhnliches, haben die Freunde Glück im Unglück. Ich habe viel Neues erfahren, z.B. dass es Elsa Hanneken, die Frau eines in der Nähe von Peking lebenden Industriellen war, die den Postbetrieb zwischen den Lagern und Europa organisierte.

Insgesamt ist die Handlung, trotz aller Dramatik, eher ruhig und nüchtern erzählt. Was mich aber praktisch gar nicht erreicht hat, ist die Liebe zwischen Fanny und Karl, die Karl immer wieder heraufbeschwört, indem er sich an die Vergangenheit erinnert oder aus den auswendig gelernten Briefen zitiert. Das hat die Handlung - für mich - eher gestört. Über die Gruppe, ihren Zusammenhalt und Erfindungsreichtum habe ich sehr gerne gelesen, aber mir war von Beginn an klar: Alle werden es nicht nach Hause schaffen. Bedrückt hat mich auch, dass die Gabe, die Karl und seine Freunde mehr als einmal rettet und die ihm viel bedeutet, aus seinem Leben verschwindet.

Die Autorin hat den Roman übrigens auf der Basis von verschriftlichten Erinnerungen eines Offiziers der k.&k.-Armee geschrieben.

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Veröffentlicht am 01.04.2025

Moloch Tübingen

WintersSchlaf
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Der erste Teil der Reihe konnte mich noch nicht ganz überzeugen, den zweiten habe ich nicht gelesen und den dritten fand ich ganz unterhaltsam. Die Autorin schickt hier ihre Ermitterin Henry Winter ein ...

Der erste Teil der Reihe konnte mich noch nicht ganz überzeugen, den zweiten habe ich nicht gelesen und den dritten fand ich ganz unterhaltsam. Die Autorin schickt hier ihre Ermitterin Henry Winter ein weiteres Mal auf Verbrecherjagd durch Tübingen. Von den ursprünglichen Verbindungen nach Skandinavien ist in diesem Band nicht mehr ganz so viel übrig geblieben.

Winters Freund und früherer Kollege, Professor Christian Singer, ein charmanter Wiener, steckt in Schwierigkeiten. Versehentlich war er auf der Zugfahrt nach Wien in ein falsches Abteil getreten, in dem fatalerweise später eine Leiche gefunden wird. Singer ist der Verdächtige Nummer eins und wird umgehend verhaftet. Bereits nach kurzer Zeit treten Verbindungen nach Tübingen auf und Kommissarin Winter und ihre Kollegen ermitteln.

Regionalkrimis sind immer ganz unterhaltsam für diejenigen, die sich im beschriebenen Handlungsort auskennen. So ist es auch hier. Die Autorin geht sogar so weit, Personen beim Namen zu nennen, die in gleicher Profession in Tübingen tätigen sind, so wie im Krimi dargestellt. Wenn man als Leserin dann über eine Bekannte, die mit der genannten Person eng verwandt ist, quasi noch dichter in die Handlung gezogen wird, ist das wirklich "nett". Dieser Krimi lebt vom Lokalkolorit und von den Hauptfiguren, die witzig miteinander umgehen und alle ganz freundlich agieren. Vielleicht fehlt hier der eigentlich typische Querschießer, der vielen Krimis den nötigen Pfiff gibt. Der Plot ist gut durchdacht und bietet auch Überraschungen.

Insgesamt hat mich dieser dritte Teil gut unterhalten, auch wenn er stellenweise etwas sehr leicht daherkommt.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Landkarte eines Lebens

Das rote Adressbuch
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Die Schwedin Doris ist 96 Jahre alt und gestürzt. Im Krankenhaus ist ihr einziger Kontakt ihre Großnichte in San Francisco, mit der sie sich über Skype austauscht. Gleichzeitig schreibt Doris ihr Leben ...

Die Schwedin Doris ist 96 Jahre alt und gestürzt. Im Krankenhaus ist ihr einziger Kontakt ihre Großnichte in San Francisco, mit der sie sich über Skype austauscht. Gleichzeitig schreibt Doris ihr Leben auf. Dabei hangelt sie sich an ihrem roten Adressbuch entlang und erzählt von den Menschen, die sich hinter den Namen verbergen. Neben den vielen ausgestrichenen Namen steht das Wort "tot". Doris ist die letzte, die noch lebt. Ein Gedanke, der ihr nicht besonders behagt.

Über das Leben von Doris habe ich sehr gerne gelesen, die mit 13 von zu Hause fortgeschickt wird, um arbeiten zu gehen und dann über Umwege in Paris zum Modell wird. Als der Krieg ausbricht, geht ihre Reise weiter.

Der Roman läßt sich wunderbar leicht lesen und auch wenn es gelegentlich etwas kitschig oder rührselig wird, hat er mir gut gefallen. Eine Reise durch das letzte Jahrhundert und zahlreiche Länder.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Das Schweigen der Schwarzen Löcher

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Vier Frauengenerationen (am Ende kommt sogar noch eine weitere dazu), die wir durch das letzte Jahrhundert bis in die Gegenwart begleiten. Schicksalhaftes wird von einer Generation in die nächsten getragen, ...

Vier Frauengenerationen (am Ende kommt sogar noch eine weitere dazu), die wir durch das letzte Jahrhundert bis in die Gegenwart begleiten. Schicksalhaftes wird von einer Generation in die nächsten getragen, ohne die Fähigkeit, Worte dafür zu finden. Das (Ver-)Schweigen zieht sich als Motiv durch den ganzen Roman.

Raisa hat abenteuerliche Reisejahre hinter sich, als sich ihre Mutter Martha entschließt, in ihren kleinen Heimatort in Norddeutschland zurückzukehren, damit Raisa dort zur Schule gehen kann, Ende der 1980er Jahre. Aber Martha ist nicht glücklich. Sie ist ängstlich, verschlossen und ausweichend, wenn Raisa sie befragt. Sie hat eine Vergangenheit, die sie vergessen möchte.

Mit Martha und Raisa beginnt der Roman, um dann in zahlreichen Rückblenden, die nicht chronologisch angelegt sind, die Lebensgeschichten der Vorfahren hinzuzufügen. Die Frauen und ihre Schicksale stehen im Zentrum. Nur langsam erschließen sich die Zusammenhänge, vieles bleibt bis zum Schluss im Dunkeln oder wird nur angedeutet. Das wiederholt auftretende Motiv der Schwarzen Löcher greift hier besonders gut: Sie schlucken alles Licht und lassen nichts, was einmal in sie hineingefallen ist, wieder heraus. Es bleibt verschlossen, eingeschlossen, so wie die Traumata.

Das Buch ist ohne Frage eine Herausforderung, formal und inhaltlich. Ohne den beigefügten Stammbaum ist es gelegentlich schwer, den Überblick zu behalten. Wer hat nochmal was mit wem und wann erlebt? Es wiederholen sich Dinge, manchmal verschwimmen Teile, die man falsch zugeordnet hatte. Briefe werden geschrieben, Teile davon wieder durchgestrichen. Zettel werden in einer Steinmauer versteckt, die der Versuch sind, der Sprachlosigkeit zu entkommen. Die Autorin läßt bewusst einiges in der Schwebe. Das ist sehr kunstvoll gemacht, ebenso wie die verschiedenen Stimmen, die sie für die unterschiedlichen Figuren findet.

Die zahlreichen Figuren, unterschiedlichen Zeitebenen und -spünge, das nicht Auserzählte verhindern aber auch ein geschmeidiges Lesen. Ein eigenständiger und eigenwilliger Roman mit Ecken und Kanten, für den man sich Zeit nehmen muss.

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