Profilbild von Seitenseglerin

Seitenseglerin

Lesejury Star
offline

Seitenseglerin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Seitenseglerin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.06.2018

Gelungener, feministischer Roman mit Schwächen

Der Zopf
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Autorin erzählt drei Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Frauen und verflicht diese zu einem literarischen Zopf. Die Inderin Smita setzt alle Hebel in Bewegung, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Autorin erzählt drei Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Frauen und verflicht diese zu einem literarischen Zopf. Die Inderin Smita setzt alle Hebel in Bewegung, um ihrer Tochter die Schule zu ermöglichen. Die Italienerin Giulia kämpft um das Weiterbestehen der Firma ihres Vaters, und die erfolgreiche Anwältin Sarah erhält auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine niederschmetternde Diagnose. Neben ihrem Mut, ihrer Kraft und Entschlossenheit haben die Frauen noch etwas anderes gemeinsam: Haare bedeuten ihnen auf ganz unterschiedliche Art die Welt.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: aus drei verschiedenen Perspektiven (Smita, Giulia, Sarah)
Kapitellänge: mittel
Tiere im Buch: - Es wird genau beschrieben, wie Ratten getötet werden. Allerdings werden diese dann zumindest auch verwertet, indem sie gegessen werden. So war ihr Tod wenigstens nicht ganz umsonst. Es gibt außerdem einen Vergleich mit einem sterbenden Stier in der Arena.
Gewalt gegen Kinder: - Ein Mädchen wird von seiner Mutter geschlagen.

Warum dieses Buch?

Im Vorfeld habe ich nur positive Lesermeinungen gehört. Dadurch wurde meine Neugier entfacht.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Ich habe sehr schnell und leicht ins Buch gefunden. Die Schilderungen des Lebensalltages in Indien haben mich sehr schockiert und sofort mit Smita mitfühlen lassen. Zu den anderen Figuren habe ich langsamer eine Bindung aufgebaut, aber auch das dauerte nicht allzu lange. Bezeichnend ist bereits die Widmung („Den mutigen Frauen!“), die ankündigt, dass es sich um ein feministisches Buch handeln wird.

„Heute ist ein Tag, an den sie sich ihr Leben lang erinnern wird. Heute kommt ihre Tochter in die Schule.
Smita selbst hat keine Schule je von innen gesehen. In Badlapur haben Leute wie sie da nichts zu suchen. Smita ist eine Dalit. Eine Unberührbare.“ E-Book, Position 48

Inhalt, Themen & Botschaften (+)

„Der Zopf“ erzählt drei ganz unterschiedliche Geschichten, die alle durch das Thema Haare eher lose, aber dennoch geschickt miteinander verknüpft sind. Nicht alle Leben sind dabei immer gleich interessant, dennoch wird es, auch durch die kleinen Cliffhanger am Kapitelende, niemals langatmig. Ich war stets neugierig, wie es weitergehen würde. Am interessantesten fand ich jedoch Smitas Erzählstrang. Die Unberührbare hat so gut wie keine Rechte, ihre tägliche Arbeit besteht im Leeren der Toilettenecken in den Höfen und Häusern. Der Gestank wird so eindringlich beschrieben, dass man beim Lesen lieber nicht gerade frühstücken sollte. Die Lebensumstände und der Alltag in Indien erschrecken: überall Dreck, in Flüssen treiben Opfergaben, Blumen und Leichen, deren Einäscherung nicht bezahlt werden kann, nebeneinander dahin, durch die schlechte hygienische Lage gibt es viele Krankheiten. Am schockierendsten für jeden Menschen mit einem Funken Mitgefühl, besonders aber für FeministInnen wie mich ist die Stellung der Frau. Heiße Wut beginnt im Bauch zu brodeln, wenn man liest, wie Vergehen in Indien hauptsächlich bestraft werden: durch Vergewaltigungen. Als wäre diese Strafe nicht schrecklich genug, werden Frauen nicht nur für eigene Vergehen bestraft, sondern auch für jene ihrer Ehemänner, Väter und Brüder. Die Zustände dort sind unerträglich. Auch heute noch weibliche Babys lebend begraben, werden Frauen meist von ihren Schwiegermüttern grausam behandelt und sind Witwen geächtet. Gerade deshalb fiebert man auch so mit Smita mit: Sie will aus diesem Kreislauf ausbrechen und ihrer Tochter den Schulbesuch, die Chance auf ein besseres Leben, ermöglichen.

„Dabei tötet man nicht weit von hier neugeborene Mädchen. In den Dörfern von Rajasthan verscharrt man sie lebend in einer Kiste unter dem Sand, gleich nach ihrer Geburt. Es dauert eine ganze Nacht, bis die kleinen Mädchen sterben.“ E-Book, Position 110

Giuilas und Sarahs Erzählstrang können mit Smitas nicht mithalten, sie wirkten auf mich weniger intensiv. Jedoch haben auch sie durchaus ihre Stärken. Man erfährt beispielsweise einige interessante Informationen über das Geschäft mit den Haaren und über das Dasein als erfolgreiche Anwältin. Das Buch behandelt viele wichtige Themen (manche tiefgreifender als andere) wie die Lebensumstände in Indien, die Ersetzbarkeit eines Menschen in unserer Leistungsgesellschaft, die Veränderungen unseres Zeitalters. Meiner Meinung nach ist das Buch aber auch feministisch: Starke Frauen stehen im Zentrum, sie zeigen Mut und Entschlossenheit, sind kompetent, emanzipieren sich von ihrer Familie und kämpfen für das, was ihnen wichtig ist. Smita, Giulia und Sarah haben also durchaus Vorbildwirkung für LeserInnen jeden Alters.

Abwechselnd begleitet man die Frauen ein eher kurzes Stück auf ihrem Weg. Einige wenige Logiklöcher und Klischees sind mir hierbei aufgefallen. Woher kommt zum Beispiel auf einmal das praktische Rad, das Smita gehört, obwohl sie doch so arm ist, dass sie sich nicht einmal Essen leisten kann? Das Ende kam mir dann viel zu schnell, unzählige Fragen waren noch offen, ließen mir keine Ruhe und mich unzufrieden zurück.

Schreibstil (+)

Der Schreibstil gefiel mir eigentlich richtig gut. Ich fand ihn sehr anschaulich, flüssig und angenehm lesbar. Es gibt keine Wiederholungen und ich hatte das Gefühl, dass die Autorin sehr routiniert und gekonnt erzählt. Die Sätze sind teilweise lange Hauptsatzreihen, teilweise sehr kurz, es gibt treffende, schöne Vergleiche und teilweise wird es sogar philosophisch. Manchmal hätte es bei den Emotionen und Gedanken der Figuren aber durchaus noch etwas mehr ins Detail gehen können, mehr Dialoge statt indirekter Rede hätten dem Buch außerdem gutgetan. Eines hat mich gestört: Bei einigen Worten wurde beschlossen, sie nicht zu übersetzen oder zu erklären, vermutlich um ein gewisses z. B. italienisches Flair zu erhalten. Manche Worte konnte ich mir noch irgendwie herleiten oder durch den Kontext erschließen. Andere allerdings definitiv nicht. Ein solches Buch sollte auch für Menschen, die die jeweiligen Sprachen nicht sprechen, verständlich sein, ohne ständig Google bemühen zu müssen. Mehr Erklärungen (oder Übersetzungen) wären hier sinnvoll und angebracht gewesen.

„Es empfahl sich eher zu lügen, eine Ausrede parat zu haben, irgendeine Geschichte zu erfinden, alles war vorteilhafter als zuzugeben, dass man Kinder hatte, mit anderen Worten: Fesseln, Bande, Verpflichtungen. Etwas, das die Verfügbarkeit einschränkte, die Entwicklung der Karriere ausbremste.“ E-Book, Position 326

Protagonistin & Figuren (+/-)

Die Hauptfiguren sind sympathisch, ich bin ihrer Geschichte gerne gefolgt. Jedoch hätten dem Buch einige Seiten mehr gutgetan, da die Charaktere dann liebevoller und einzigartiger gezeichnet werden hätten können. Auch bei den Gedanken und Gefühlen der Protagonistinnen hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. Nach dem Lesen wurde nämlich schnell deutlich, dass die etwas flachen Figuren wohl schnell wieder vergessen sind. Smita, Giulia und Sarah erscheinen stellenweise eher einen gewissen Menschentyp darzustellen (der stellvertretend für eine ganze Gruppe steht) als eigenständige, lebendige, komplexe Menschen. Auch wenn ich durchaus mit ihnen mitgefiebert habe.

„Auf diese Weise hatte Sarah eine undurchlässige Mauer zwischen ihrem beruflichen und ihrem Privatleben errichtet, beide verliefen parallel zueinander, es gab keine Berührungspunkte. Die Mauer war fragil, zeigte hier und dort Risse, vielleicht würde sie eines Tages einstürzen.“ E-Book, Position 341

Die Nebenfiguren blieben großteils blass. Nur wenige nehmen eine wichtigere Rolle ein, nur wenig erfährt man über sie. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Besonders unsympathisch fand ich den cholerischen Vater von Giulia (egal, wie oft sie von seiner Liebe schwärmt), denn mit Menschen, die glauben, alle Welt müsse es verstehen, wenn sie ständig die Beherrschung verlieren, kann ich leider gar nichts anfangen.

Spannung & Atmosphäre (+)

Dieses Buch ist zwar nicht atemlos spannend, jedoch schafft es die Autorin, die Neugier konstant zu schüren. Ich wollte immer unbedingt wissen, wie es weitergeht. Die kleinen Cliffhanger am Ende der Kapitel sind natürlich ein sehr wichtiges Werkzeug, um diese Wirkung zu erreichen. Manches war ein wenig vorhersehbar, was mich aber nicht weiter gestört hat. Atmosphärisch hätte das Buch stellenweise noch etwas dichter sein können.

Geschlechterrollen (+)

Durch das Aufzeigen der Stellung der Frau in Indien wird Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema gelenkt, das vielen LeserInnen möglicherweise vor der Lektüre dieses Buches nicht in diesem Umfang bewusst war. Dies kann helfen, die Lage in Indien zu verbessern. Doch auch der Alltagssexismus im Job der ambitionierten Anwältin und die gläserne Decke, die leider immer noch Tatsache ist, werden gnadenlos enttarnt. Wie die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem TED-Talk sagt: 52% der Weltbevölkerung sind Frauen. Warum wird die Erde dennoch hauptsächlich von Männern regiert? Die Botschaft von Laetitia Colombani scheint klar: Es muss sich etwas ändern und es ist heuchlerisch, nur mit dem Finger auf Schwellen- und Entwicklungsländer zu zeigen, denn auch bei uns ist es noch ein weiter Weg! Auch wenn die Autorin hier kein feministisches Manifest geschrieben und Lösungswege aufgezeigt hat, ist das Thema schon zentral im Buch. Die starken, mutigen, sich emanzipierenden Frauenfiguren der Geschichte unterstreichen diesen Eindruck nur.

„Die Rolle der Frau besteht darin, den Mann glänzen zu lassen, so hat ihre Mutter es ihr beigebracht.“ E-Book, Position 834

Mein Fazit

„Der Zopf“ ist ein gelungenes, interessantes Buch, das geschickt die Lebensgeschichten dreier ganz unterschiedlicher Frauen verknüpft. Der Schreibstil ist flüssig und routiniert, die Figuren sympathisch, wichtige Themen werden angesprochen. Dieses Buch ist außerdem ohne Frage ein feministischer Roman: Alltagssexismus, die extreme Benachteiligung und schlechte Behandlung der Frauen in Indien und die gläsernen Decken, die auch bei uns noch gibt und die es verhindern, dass talentierte, kompetente Frauen in hohe politische und unternehmerische Positionen aufsteigen, werden gnadenlos enttarnt. Smita, Giulia und Sarah sind selbstbestimmte, mutige, starke, ambitionierte Frauen, die ohne Zweifel Vorbildwirkung haben. Für kleinere Schwächen wie die etwas flachen, austauschbaren Figuren, die Logiklöcher und die teilweise fehlende Tiefe ziehe ich nur einen Stern ab, weil „Der Zopf“ insgesamt ein wirklich angenehmes Leseerlebnis war.

Empfehlung: Uneingeschränkte Leseempfehlung, besonders für Frauen (aber auch für Männer)!

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 4 Sterne
Ausführung: 4 Sterne
Schreibstil: 4,5 Sterne
Protagonistinnen: 3,5 Sterne
Figuren: 3 Sterne
Atmosphäre: 4 Sterne
Spannung: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 4 Sterne
Geschlechterrollen: +

Insgesamt:

❀❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 4 zufriedene Lilien!

Veröffentlicht am 13.07.2025

Erste Hälfte klischeehaft und langweilig, zweite Hälfte ungewöhnlich und (emotional) fesselnd…

All Lovers Lost
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Medizin-Studentin Sina ist geschockt, als sie herausfindet, was der Mann, in den sie sich verliebt hat, wirklich ist: nämlich ein Vampir. Doch trotz seiner übermenschlichen ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Medizin-Studentin Sina ist geschockt, als sie herausfindet, was der Mann, in den sie sich verliebt hat, wirklich ist: nämlich ein Vampir. Doch trotz seiner übermenschlichen Stärke schwebt er in Lebensgefahr, weil eine fremde Vampirin Hamburg mit Leichen übersät (und dadurch Aufmerksamkeit erregt) und weil eine Vampirjäger:innengilde hinter ihm her ist…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band 1 von 2
Erzählweise: personale Erzählweise, Präteritum
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive (vier verschiedene Perspektiven)
Kapitellänge: kurz

Inhaltswarnung: Blut (viel), Gewalt, Verletzungen, psychische Krankheiten (Depression), Alkoholmissbrauch, Tod von Menschen, Freiheitsberaubung
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Weib, M+ststück, Schla+++

Diese Geschichte solltest du lesen, wenn dir folgende Themen/Dinge in Büchern gut gefallen:

- Setting: Stadt, Hamburg
- typische Vampir-Liebesgeschichte
- altmodischer Love Interest, großer Age Gap (mehrere Jahrhunderte)
- überraschende Twists
- blutig / ungeschönt

Lieblingszitate

„‘Und was genau bist du?‘“, hakte Sina nach. ‚Ein Alien? Cyborg? Babylonischer Dämon?‘
‚Ein Vampir.‘“ Seite 82

„Weg von diesem Mann […] der sich nun von ihr ernährte, sie austrank, als wäre sie eine viel zu kleine Saftpackung.“ Seite 123

„Seine Hände glichen einem Sicherheitsnetz, das sie auffing […].“ Seite 146

Meine Rezension

„All Lovers Lost“ habe ich gekauft, weil ich in mehreren Rezensionen zum Buch gelesen hatte, dass es sich um eine ungewöhnliche Vampirstory handeln soll, die Genre-Konventionen bricht. Als Fan von Vampirliteratur hat man schließlich irgendwann fast alles gesehen und würde jeglicher frischen Brise fast überallhin folgen… Mittlerweile ist es schon Tradition, dass ich von Zeit zu Zeit mit Marieke Kessler (@mariekekessler auf Instagram) ein Vampirbuch lese – und auch bei diesem hier war sie wieder mit dabei.

Eines möchte ich gleich vorwegschicken, und zwar teilt sich der vorliegende Romantasy-Roman für mich in zwei Teile – in einen klischeehaften und langweiligen ersten und einen zauberhaften und emotional mitreißenden zweiten. Dazwischen befindet sich ein Twist, der seinesgleichen sucht und mich vollkommen eiskalt erwischt hat – dafür gibt es von mir einen Daumen nach oben!

Zuerst will ich aber auf die schwache erste Hälfte näher eingehen. Gestört hat mich, dass wir als Leser:innen hier im Prinzip eine 0815-Vampir-Lovestory voller Klischees serviert bekommen, wie wir (als Fans des Genres) sie schon unzählige Male gelesen haben: Jahrhundertealter, altmodischer Vampir verliebt sich auf den ersten Blick unsterblich in junge, moderne Frau, die natürlich ETWAS GANZ BESONDERES ist. Er kämpft gegen seine Instinkte, sie mit dem Wissen um seine Natur. (Ihr hört mich gähnen.) Bis hierhin fand ich die Geschichte oberflächlich, langweilig, blutleer und ohne jeden Biss. Noch kurz ein paar Worte zu den Figuren: Sina, eine Medizin-Studentin mit Helfer-Syndrom, Gewissen und gutem Herz, fand ich als Protagonstin ganz nett – aber mehr leider auch nicht. Sie wird mir nicht lange in Erinnerung bleiben, fürchte ich. Die anderen Figuren waren ebenfalls „okay“ (kein anderes Wort beschreibt meine Gefühle besser), die meisten von ihnen hätten allerdings noch mehr Farbe und Persönlichkeit vertragen können…

Doch dann rückte in der zweiten Hälfte der Geschichte eine neue Person ins Zentrum (nämlich Cassius ♥) – und da war es um mich geschehen, ich war wirklich ganz verzaubert und entzückt von ihm! Erst hier konnte die Autorin wirklich zeigen, was in ihrem Schreibstil steckt – der mir auch vorher schon als flüssig und angenehm aufgefallen war, aber nun wirklich überzeugte und in die Tiefe ging! Ich hatte das Gefühl, dass hinter ihren Sätzen ENDLICH Leidenschaft und Liebe für ihr eigenes Buch zu spüren waren – als hätte sie selbst nur auf diese Kapitel hingefiebert. So kommt es, dass ich nun doch mit dem Gedanken (den ich zuvor eigentlich schon ausgeschlossen hatte) spiele, Band 2 auch noch zu lesen…

Sehr gut gefallen haben mir neben dem Humor und ungeschönten Erzählweise (Vampirbisse werden hier wirklich nicht durch die rosarote Brille dargestellt, erfrischend!) auch die starken, teilweise sogar furcheinflößenden Frauenfiguren und dass in den Liebesbeziehungen weibliche Selbstbestimmung und Consent sehr zentral sind. Einen Punkt Abzug gibt es von mir für die (immerhin wenigen) vage se+istischen und klassistischen („Vampire stehen über Menschen“) Aussagen von Cassius.

Mein Fazit

„All Lovers Lost” lässt mich so zwiegespalten zurück, wie die Geschichte es in meinen Augen ist. Langeweile, Klischees und Enttäuschung (erste Hälfte) treffen auf einen fesselnden Schreibstil, große Emotionen und Begeisterung (zweite Hälfte). Wenn man das alles zusammenrechnet, kommen am Ende ganz gute/solide dreieinhalb Sterne heraus. Eine Leseempfehlung gibt es von mir nur für den zweiten Teil des Buches – aber um den lesen zu können, müsst ihr leider durch die ersten Kapitel durch. Ob es euch das wert ist, müsst ihr selbst entscheiden…

Bewertung (in Schulnoten)

Cover / Aufmachung (altes Cover): 3
Idee: 3
Inhalt, Themen, Botschaft: 2-3
Tiefe: 3
Umsetzung: 2-3
Worldbuilding: 2-3
Einstieg: 4
Ende: 2
Schreibstil: 2
Protagonistin: 2-3
Figuren: 2-3
Spannung: 3
Pacing/Tempo: 3-4
Wendungen: 1+ ♥
Atmosphäre: 2-3
Emotionale Involviertheit: 2-3
Feministischer Blickwinkel: 2
Einzigartigkeit: 3

Insgesamt:

Note 2-3

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Blieb leider hinter meinen Erwartungen zurück…

The Trap. Wie weit würdest du gehen, um deine Schwester zu retten?
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Jede Nacht lässt sich eine junge Frau von einem fremden Mann im Auto mitnehmen – immer in der Hoffnung, an das Monster zu geraten, das ihre Schwester entführt hat. In ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Jede Nacht lässt sich eine junge Frau von einem fremden Mann im Auto mitnehmen – immer in der Hoffnung, an das Monster zu geraten, das ihre Schwester entführt hat. In der Hoffnung, sie so retten zu können, falls sie überhaupt noch lebt…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzählweise, Du-Erzählweise, hauptsächlich figurale Erzählweise
Perspektive: mehrere Perspektiven (männliche und weibliche)
Kapitellänge: mittel

Inhaltswarnung: Gewalt gegen Frauen, se+ualisierte Gewalt (bis Vergew+ltigung), Mord, Blut, Verletzungen, Trauer, Stalking
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: L+der, M+ststück (mehrmals), Hexe

Diese Geschichte solltest du lesen, wenn dir folgende Themen/Dinge in Büchern gut gefallen:

- Geschwisterliebe, Leben als Angehörige einer vermissten Person
- (se+ualisierte) Gewalt gegen Frauen im Fokus
- unerwartete Wendungen
- Polizeiarbeit
- verschiedene Perspektiven
- Setting: Irland

Lieblingszitate

„Den Teil des Abends, der ihm am liebsten war [Anmerkung: nächtlicher Fußmarsch nach Hause], musste SIE überleben.“ Seite 9

„Sie […] tut so, als wäre sie ein Mädchen, das es nicht geschafft hat, nach Hause zu kommen, und hofft, dass ein Monster anhält, um sie mitzunehmen. DAS Monster. Das Monster, das ihre Schwester mitgenommen hat.“ Seite 21

„Ich besitze keine besonderen Fertigkeiten, schon gar keine Superkräfte. Theoretisch könnte jeder tun, was ich getan habe, wenn er es nur wollte. Das ist für die Menschen besonders furchteinflößend […]“ Seite 130

Meine Rezension

"The Trap" habe ich letztes Jahr auf meiner Irland-Reise in einem Buchladen gesehen und seitdem ist es mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen... Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich erfahren habe, dass ich bei der Leserunde zum Buch dabei sein darf. Die ersten Seiten, auf denen man eine junge Frau dabei begleitet, wie sie versucht, sich vom Entführer ihrer Schwester im Auto mitnehmen (= ebenfalls entführen) zu lassen, um sie zu retten, haben mich sofort gefesselt und berührt – doch ist es danach auch so gut weitergegangen?

Die Antwort auf diese Frage ist leider ein klares Nein: Was der Anfang des Buches verspricht, kann der Rest nicht halten. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden und sich die Geschichte in eine ganz andere Richtung entwickelte als erhofft. Der Fokus verschiebt sich nämlich in Richtung Polizeiarbeit und die riskanten und lebengefährlichen Aktionen der jungen Frau (die im Klappentext angeteasert werden) nehmen kaum Raum ein, was bei mir ein Gefühl der Enttäuschung zurückließ. Dazu kommen noch Spannungseinbrüche im Mittelteil und die Tatsache, dass der Thriller bei wichtigen Themen wie (se+xualisierter) Gewalt gegen Frauen, Geschwisterliebe und der Schilderung der Ausnahmesituation als Angehörige eines Entführungsopfers eher oberflächlich bleibt. Die Figuren waren gut ausgearbeitet und ganz interessant – aber leider nichts Besonderes, sie werden mir nicht lange in Erinnerung bleiben.

Dabei ist „The Trap“ sicher kein schlechtes Buch – versteht mich bitte nicht falsch! Es gibt auch einiges, was mir daran sehr gut gefallen hat. Eine der größten Stärken der Geschichte ist zum Beispiel der sehr angenehme und flüssig lesbare Schreibstil, durch den man nur so durchs Buch fliegt. Auch die schönen Vergleiche und treffenden Allegorien haben mein Leserinnen-Herz höherschlagen lassen! Gelungen fand ich auch die vereinzelten wirklich beklemmenden Momente und die beschriebenen Ängste (z. B. vor dem Heimweg in der Nacht), die man sooo gut nachempfinden kann, weil sie alle Frauen miteinander verbinden. Wie traurig ist das eigentlich? Begeistert haben mich außerdem die (ausnahmsweise mal) gut geschriebenen Kapitel aus der Sicht des Täters und die unerwarteten Wendungen, die so manche Situation im Nachhinein in ein ganz anderes Licht rücken. Da blieb mir an mancher Stelle wirklich der Mund offen stehen! Deshalb werde ich Catherine Ryan Howard auf jeden Fall noch eine Chance geben.

Aus feministischer Sicht bleiben zudem kaum Wünsche offen. Ja, die Opfer sind (mal wieder) junge Frauen, aber der Rest des Buches könnte nicht feministischer sein! Die Beschäftigung mit wichtigen und ernsten gesellschaftlichen Themen (Gewalt gegen Frauen in ihrer extremsten Form, Misogynie, R+pe Culture, Victim Blaming) und die zahlreichen starken, intelligenten und engagierten Frauen mit Ecken und Kanten überzeugen hier auf ganzer Linie.

Mein Fazit

„The Trap“ ist für mich ein solider Thriller, den ich über weite Strecken gerne gelesen habe. ABER: Er hätte SO VIEL mehr sein können. Da wurde so unglaublich viel Potential verschenkt (die Idee ist einfach genial!), dass ich insgesamt auf jeden Fall ernüchtert, vielleicht sogar ein wenig enttäuscht zurückbleibe, weil ich mir einfach mehr erhofft habe…

Bewertung (in Schulnoten)

Cover / Aufmachung: 3-4 (Original schöner)
Idee: 1+ ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 2
Tiefe: 2-3
Umsetzung: 2-3
Worldbuilding: 3
Einstieg: 1+ ♥
Ende: 1-2
Schreibstil: 1+ ♥
Figuren: 2-3
Spannung: 3
Pacing/Tempo: 3-4
Wendungen: 1-2
Atmosphäre: 3
Emotionale Involviertheit: 2-
Feministischer Blickwinkel: 1-2
Einzigartigkeit: 2

Insgesamt:

Note 2-3

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Spannung
  • Cover
Veröffentlicht am 17.01.2025

3,5 Sterne: Nicht schlecht, aber auch kein Highlight – kam auch bei meiner Klasse nicht wirklich an!

Sankt Irgendwas
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt (Klappentext)

Viele Gerüchte ranken sich um die angeblich extrem aus dem Ruder gelaufene, vollkommen schiefgegangene Schullandwoche der 10B. Ein Elternabend wurde einberufen, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt (Klappentext)

Viele Gerüchte ranken sich um die angeblich extrem aus dem Ruder gelaufene, vollkommen schiefgegangene Schullandwoche der 10B. Ein Elternabend wurde einberufen, möglicherweise wird die gesamte Klasse der Schule verwiesen? Was ist wirklich passiert? Das dürfen wir Leser:innen den Protokollen entnehmen, die von den Schüler:innen verfasst wurden.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzählweise
Perspektive: viele verschiedene Perspektiven
Kapitellänge: mittel

Inhaltswarnung: Mobbing, S+xismus, Machtmissbrauch
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: --- ♥

Diese Geschichte solltest du lesen, wenn dir folgende Themen/Dinge in Büchern gut gefallen:

- viele verschiedene Perspektiven und Schreibstile
- Protokollstil
- Setting: Schulreise
- Freundschaft, Klassengemeinschaft, Zusammenhalt
- Konflikte zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen
- Mobbing, Machtmissbrauch

Lieblingszitate

„‘Was wollen die denn machen, eine ganze Klasse von der Schule schmeißen? Oder alle sitzen bleiben lassen? Das geht doch gar nicht, oder?‘“ Seite 5

„‘Ich mag Multiple Choice.‘
‚So siehst du auch aus.‘“ Seite 15

„Herr Utz machte im Bus tatsächlich den Witz, wie man unterscheiden kann, was Stalaktiten und Stalagmiten sind. Und lachte blöde (und alleine), bis irgendwer von hinten ‚s+xistischer Sche+ßdreck‘ gesungen hat.“ Seite 41
„Wir stehen da und sind so jung. Wir sind so schnell vorbei wie ein Fingerschnippen.“ Seite 89

Meine Rezension

„Sankt Irgendwas“ (ab 14 Jahren) wurde mir von einer Kollegin empfohlen, die es seit Jahren mit ihrer 9. Schulstufe liest. Die Kürze des Buches (die für den Einstieg in den Literaturunterricht in der Oberstufe perfekt ist, weil sie auch Lesemuffel nicht so schnell abschreckt) und die ungewöhnliche Erzählweise haben mich sofort neugierig gemacht!

Ganz überzeugen konnte mich die Novelle allerdings am Ende nicht – ich fand sie okay, nicht schlecht, mehr aber auch nicht. Dabei gibt es durchaus einige Aspekte, die dieses Buch zu etwas Besonderem machen und positiv überraschen. Als besonders gelungen empfand ich den ungewöhnlichen Anfang – nur direkte Reden ohne Begleitsätze, nur Gerüchte, die über die 10B im Umlauf sind. Hier kann man natürlich gleich ansetzen und als Lehrer:in die Jugendlichen um ihre eigenen Theorien bitten, was wohl passiert sein könnte, dass nun womöglich eine ganze Klasse der Schule verwiesen wird. Das gemeinsame Rätseln hat den Jugendlichen sichtlich Spaß gemacht (mir auch!).

Der Protokollstil und die vielen Perspektivwechsel sind zudem erfrischend anders und eignen sich sehr gut, um über verschiedene Erzählperspektiven und deren Stärken und Schwächen zu sprechen. Themen wie Mobbing, Machtmissbrauch, Freundschaft und Zusammenhalt werden mit (zumindest für die Kürze der Geschichte) angemessener Tiefe behandelt und die Auflösung wird bis ganz zum Schluss hinausgezögert, was zum Weiterlesen animiert. Aus feministischer Sicht habe ich bis auf vereinzelte Rollenklischees nichts auszusetzen, da der S+xismus eines Lehrers sogar offen kritsiert wird.

Enttäuscht waren die Kinder als auch ich vom kaum vorhandenen Spannungsbogen (es passiert sehr wenig Interessantes) und der (vergleichsweise) harmlosen Auflösung. Nach all dem Drama, nach den ganzen Gerüchten haben wir uns da alle einfach mehr erwartet. Probleme haben den Schüler:innen auch die vielen Perspektivwechsel gemacht, durch die es schwer für sie war, sich in Figuren hineinzuversetzen und mit ihnen mitzufühlen. Dafür lernt man sie einfach nicht gut genug kennen.

Obwohl das Buch bei meiner Klasse nur mittelmäßig bis schlecht angekommen ist (von 3 Sternen bis hin zu einem Stern waren alle Bewertungen dabei), würde ich es zumindest eingeschränkt anderen Lehrpersonen und generell Jugendlichen empfehlen, weil es dünn (perfekt für Lesemuffel!) und altersgemäß ist und genug Stoff zum Diskutieren bietet. Allerdings muss man sich auf die unkonventionelle Erzählweise (Protokollstil, viele Perspektivwechsel) einlassen können, um an dem Buch Freude zu haben. Ich werde es in den kommenden Jahren bestimmt noch einmal mit einer anderen Klasse versuchen!

Mein Fazit

„Sankt Irgendwas“ ist eine unkonventionell erzählte Novelle mit einer sehr guten Grundidee, aus der man jedoch noch deutlich mehr herausholen hätte können. Was am Anfang versprochen wird, können der Spannungsbogen und die Auflösung nicht halten. Von mir gibt es eine eingeschränkte Leseempfehlung für Klassen und Jugendliche, die sich auf die ungewöhnliche Erzählweise einlassen können.

Bewertung (in Schulnoten)

Cover / Aufmachung (altes Cover): 3
Idee: 2
Inhalt, Themen, Botschaft: 2-3
Tiefe: 2-3
Umsetzung: 2-3
Worldbuilding: 3
Einstieg: 1+ ♥
Ende: 3
Schreibstil: 3
Figuren: 3
Spannung: 3-4
Pacing/Tempo: 4
Wendungen: 3-4
Atmosphäre: 4
Emotionale Involviertheit: 3
Feministischer Blickwinkel: 2
Einzigartigkeit: 2

Insgesamt:

Note 2-3

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2024

3,5 Sterne: Hat mich zum Weinen gebracht – und trotzdem habe ich mehr erwartet…

Die Straße
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Welt ist verbrannt, besteht nur noch aus verkohlten Bäumen, dreckigen Flüssen und Asche. Tiere gibt es keine mehr, dafür gefährliche Stekten und Kannibalen. In ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Die Welt ist verbrannt, besteht nur noch aus verkohlten Bäumen, dreckigen Flüssen und Asche. Tiere gibt es keine mehr, dafür gefährliche Stekten und Kannibalen. In dieser geschwärzten Welt folgen ein Vater und sein Sohn einer Straße Richtung Süden, der drohende Tod ist ihr ständiger Begleite – doch noch sind sie am Leben, noch gibt es Hoffnung…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Figurale Erzählweise, Präteritum
Perspektive: männliche Perspektive
Kapitellänge: keine Einteilung in Kapitel, sondern in kurze Absätze

Inhaltswarnung: Tierquälerei (kurz), Gewalt, Tod, Mord, K+nnibalismus, Sklaverei, s+xualisierte Gewalt und Vergew+ltigung (erwähnt), Suizidgedanken, Depression, Blut, Krankheit
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): NICHT bestanden
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: H+re, Schl+mpe

Diese Geschichte solltest du lesen, wenn dir folgende Themen/Dinge in Büchern gut gefallen:

- düstere, hoffnungslose Grundstimmung
- Dystopien
- grausame Welt (K+nnibalismus, M+rd, Krankheiten, Sklaverei)
- distanzierter, einfacher Schreibstil
- Routinen und Wiederholungen
- Vater-Sohn-Beziehung
- Überleben im Fokus
- Tod als zentrales Thema

Lieblingszitate

„Dann marschierten sie im stahlgrauen Licht die Asphaltstraße entlang, schlurften durch die Asche, jeder die ganze Welt des anderen.“ Seite 9

„Vergiss nicht, dass das, was du in deinen Kopf lässt, für immer dort bleibt. […]
Aber manches vergisst man doch, oder?
Ja. Was man behalten will, vergisst man, und was man vergessen will, behält man.“ Seite 14

„Sind wir immer noch die Guten?, fragte er.
Ja, Wir sind immer noch die Guten.
Und das werden wir auch immer sein.
Ja. Das werden wir immer sein.
Okay.“ Seite 71

Meine Rezension

So viele Jahre lag die „Straße“ (übersetzt von Nikolaus Stingl) von Cormac McCarthy, die ja als Meisterwerk und zeitloser Klassiker gilt, auf meinem SUB – und nach und nach wurde der Wunsch, sie zu lesen, um endlich mitreden zu können, größer. Das lag unter anderem daran, dass eines meiner absoluten Lieblingslieder – das berührende „No Sound but the Wind“ von den Editors ♥ – von dieser Geschichte inspiriert wurde. Und auch der Spieleregisseur Neil Druckmann gibt das Buch als maßgeblichen Einfluss für seine großartigen „The Last of Us“-Spiele an. ♥ Dazu kamen dann noch Unmengen begeisterter Rezensionen, die ich über die Jahre gelesen hatte. Im August dieses Jahres (2024) war dann endlich der richtige Zeitpunkt gekommen: Ich organisierte eine Leserunde, damit wir uns gegenseitig auffangen und trösten und miteinander schwärmen oder über „Die Straße“ schimpfen konnten, denn ich hatte gehört, dass der Roman viele Menschen sehr aufgewühlt, traurig gemacht und runtergezogen hatte…

„Und?“, wollt ihr nun sicher wissen. „Ist ‚Die Straße‘ wirklich so gut, wie alle sagen? Ein Meisterwerk? Ein Buch, das dein Leben verändert, dich tief in deinem Kern berührt und nie wieder loslässt?“ Meine (ernüchterte) Antwort lautet: eher nicht. Aber hat es mich trotzdem am Ende gekriegt und zum Heulen gebracht: Jap!

Lasst mich das genauer erklären: Es gibt einiges, was mich an diesem Roman auf ganzer Linie überzeugt hat. Cormac McCarthy zeichnet eine unheimlich düstere, hoffnungslose postapokalyptische Welt – es ist wahrscheinlich die finsterste, deprimierendste Dystopie, die ich lese gelesen habe. Ich vermute auch, dass mir zukünftige dystopische Werke vorkommen werden wie der sprichwörtliche „Ponyhof“, weil es schwer sein wird, DAS zu überbieten – und alleine das ist schon eine Leistung! In „Die Straße“ gibt es außer verkohlten Bäumen, schmutzigen Flüssen und haufenweise Asche nichts mehr. Keine lebendigen Pflanzen, keine Tiere, dafür gefährliche Sekten, K+nnibalismus und kalte, nasse und lichtlose Nächte. Die wahren Schrecken werden oft nur angedeutet, trotzdem zeichnet der Autor eindringliche Bilder, die einen aufwühlen und sich einem ins Gedächtnis brennen: ein vom Blitz getroffener Mann, dem nicht geholfen werden kann, die kopflose Leiche eines Kleinkindes, die sich über einem Lagerfeuer auf einem Spieß dreht, immer wieder die unschuldige Frage des Sohnes an den Vater, ob sie auch WIRKLICH noch „die Guten“ seien, obwohl sie schreckliche Dinge tun müssen, um zu überleben…

Der Autor führt uns ganz nah an menschliche Abgründe, dorthin, wo es wehtut, zeigt uns, was es heißt, in einer solchen Welt zu überleben, was man dafür opfern muss. Er stellt auch immer wieder die philosophische Frage, ob es das überhaupt wert ist. Wofür jeden Tag aufstehen, wenn alles so mühsam ist und es keine Hoffnung auf Besserung gibt? Soll man trotzdem weiterkämpfen, obwohl das geliebte Kind jederzeit von den K+nnibalen gefangen, gequält und gegessen werden kann? Obwohl man ihm beibringen muss, wie es sich im Notfall mit der eigenen Waffe erschießen kann, um sich selbst Schlimmeres zu ersparern? Oder wäre es doch für alle besser, „es“ (das eigene Leben und das des Kindes) zu beenden? Das sind tiefgehende Gedankengänge, die man meist nicht wagt, sich zu stellen, Fragen, die einem noch Tage später schwer im Magen liegen. „Die Straße“ ist deshalb AUCH irgendwie eine Lektion in Dankbarkeit: SO schlecht geht es uns ja doch nicht…

Nach dem „Meisterwerk“ und der vielfach gelobten „Sprachgewalt“ habe ich aber dann leider doch vergeblich gesucht. Ich hatte damit gerechnet, dass mich dieses Buch emotional zerstören, ganz tief runterziehen, mein Leben verändern würde – doch all das blieb aus. Stattdessen erwarteten mich eine (bis auf einzelne Fachbegriffe) sehr einfache, eintönige Sprache, viele sprachliche und inhaltliche Wiederholungen (die Welt ist von Asche überzogen, we get it!), uninspirierte Satzanfänge (ständig „Er“) und minutiöse Schilderungen der immergleichen Abläufe: Essen suchen, Essen finden, Feuerholz suchen, Feuerholz finden, Feuer machen, Essen zubereiten, nach Gefahren Ausschau halten, Decken holen, zudecken, schlafen – und von vorne. Mir ist klar, dass die Sprache bewusst gewählt wurde, um zu zeigen, wie gleichförmig und mechanisch und anstrengend und langweilig und ganz und gar hoffnungslos das Leben des Vaters und Sohns ist – aber müssen die Leser:innen zwangsläufig auch leiden und sich langweilen? McCarthy würde vermutlich antworten: Unbedingt! Ich sage aber: Das geht besser!

Dazu kommt noch, dass die Sprache sehr distanziert und kühl ist, Dialoge weder Anführungszeichen noch Begleitsätze bekommen (die Zuordnung fällt teilweise schwer) und unsere Hauptfiguren nicht einmal einen Namen haben – auch diese schriftstellerischen Entscheidungen sind nachvollziehbar, muss man doch seine Gefühle in einer solchen Welt beseiteschieben, um das alles überleben zu können. Trotzdem hat auch das es für mich und meine Mitleser:innen schwer gemacht, mit den Charakteren mitzufühlen und mitzuleiden (obwohl sie sich glaubwürdig weiterentwickeln!). Am Ende hat mich der Autor aber doch noch gekriegt – gänzlich unerwartet übrigens, ich habe schon die letzten Seiten herbeigesehnt und gar nicht mehr damit gerechnet. In der einzigen Szene, in der dann endlich mal Gefühle gezeigt und besprochen werden, sind dann bei mir doch noch die Tränen gekullert – was mich gefreut hat. Und einem Buch, das mich zum Weinen gebracht hat, kann und will ich nicht weniger als 3,5 Sterne geben. Das Ende selbst war mir dann gleichzeitig zu positiv (und inkonsequent) und auch zu offen – auch wenn es natürlich mehrere Möglichkeiten gibt, es zu interpretieren…

Eine feministische Analyse fällt leider ernüchternd aus. Das Geschlechterverhältnis ist vollkommen unausgeglichen, das Buch ist meilenweit davon entfernt, den Bechdel-Test zu bestehen und die einzige Frau, die vorkommt, wird (abgesehen von ihrer Intelligenz) sehr negativ dargestellt. Außerdem wird sie ständig objektifiziert und sexualisiert (wer denkt nicht bei seiner verstorbenen Frau zuerst mal an ihre Brüste?), bezeichnet sich sogar selbst als „Schl+mpe“ und „H+re“. Ich meine, wer kennt sie nicht, diese Frauen, die sich selbst so nennen? Come on! Das ist einfach nur misogyn und unglaubwürdig, typischer Fall von „Männer schreiben Frauenfiguren, können sich aber nicht wirklich in die Lebensrealität von diesen hineinversetzen“. Dass McCarthy beim Verfassen dieses Romans bereits über 70 (= ein alter weißer Mann) war, ist hier leider nicht zu übersehen (auch das I-Wort und „schwachsinnig“ [Ableismus] kommen übrigens einmal im Buch vor). Pluspunkte gibt es immerhin dafür, dass hier ein alleinerziehender Vater mit seinem Sohn im Mittelpunkt steht und auch immer wieder Gefühle zeigt und vor dem Kind weint.

Mein Fazit

Ja, die „Straße“ hat mich am Ende doch noch gekriegt und zum Weinen gebracht, manche Bilder werde ich vermutlich nie mehr aus dem Kopf bekommen und keine Welt wird jemals wieder so düster und hoffnungslos und finster sein wie Cormac McCarthys – trotzdem habe ich mehr erwartet, denn ein absolutes Meisterwerk und neues Lieblingsbuch ist sie für mich leider nicht geworden. Dafür fand ich den postapokalyptischen Roman sprachlich und emotional nicht überzeugend genug. Wer endlich auch mitreden möchte, kann dieses Buch durchaus lesen – aber ein Must-read ist es meiner Meinung nach nicht…

Bewertung (in Schulnoten)

Cover / Aufmachung (altes Cover): 3
Idee: 1+ ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 2-3
Umsetzung: 2-3
Worldbuilding: 2
Einstieg: 2
Ende: 3
Schreibstil: 3
Figuren: 2-3
Spannung: 3-4
Pacing/Tempo: 3-4
Wendungen: 3
Atmosphäre: 2
Emotionale Involviertheit: 2-3
Feministischer Blickwinkel: 4
Einzigartigkeit: 2

Insgesamt:

Note 2-3

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere