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Veröffentlicht am 26.02.2025

„… AND MOVED MY HEART“

Für Polina
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Dieser neue Roman von Takis Würger hat nicht nur, wie ich es im Titel zitiere, mein Herz bewegt, er ist mir tief eingedrungen in Herz und Seele und Verstand. Ich habe vor Jahren „Stella“ gelesen, seitdem ...

Dieser neue Roman von Takis Würger hat nicht nur, wie ich es im Titel zitiere, mein Herz bewegt, er ist mir tief eingedrungen in Herz und Seele und Verstand. Ich habe vor Jahren „Stella“ gelesen, seitdem sehr viel anderes, aber kein weiteres Buch von ihm. Das könnte sich nun auch rückwirkend ändern. Ich habe schon einige Rezensionen zu „Für Polina“ gelesen, die allermeisten Leser sind begeistert und berührt. Da stimme ich gern zu. Der Inhalt wurde jedoch schon oft genug beschrieben, das will ich also nicht wiederholen.
Was mich an diesem Roman besonders fasziniert hat, ist die Tatsache, dass ich ein recht unmusikalischer Mensch bin, aber bei diesem Buch von der ersten bis zur letzten Zeile immer das Gefühl hatte, ich hörte leise im Hintergrund Musik und lauschte „dem Rhythmus“ der Wörter von Polina und der Gedanken von Hannes. Dieses ungleiche Königskinderpaar ist ein literarisches Geschenk, man kann sich ihrer Geschichte hingeben, egal ob sie zusammen sind oder getrennt. Hannes, der zierliche und willensstarke junge Mann, wird zu jedermanns Überraschung ein MOVER, ein Möbelpacker mit ganz besonderen Fähigkeiten. Die versteckt er gut, auch seine Gedanken und Gefühle hält er unter Verschluss. So fällt es nicht nur Polina schwer, ihn zu erkennen und zu durchschauen.
Im Zusammenhang mit Erkennen und Durchschauen erfand Takis Würger eine der wunderschönsten Wortschöpfungen heutiger Zeit: die Schwerbegrifflichen. Davon gibt es wahrlich genug. Hannes gehört definitiv nicht in diese Kategorie, auch wenn er manchmal länger über etwas nachdenken muss, ehe er sich Klarheit im Kopf verschaffen kann. Bei ihm könnte man das eher Sezieren als Nachdenken nennen.
Die jahrelange Freundschaft zu seinem Arbeitskollegen Bosch ist etwas ganz Besonderes in diesem Roman. Ich habe diese Figur, den türkischen Möbelträger mit dem großen Herzen, in mein eigenes Herz geschlossen wie einen guten Freund.
Auch die anderen Protagonisten, die nach und nach auftauchen und bisweilen wieder verschwinden, beschreibt Takis Würger wahrhaftig und genau, egal wie groß oder klein ihre Rolle im Roman ausfällt. Niemand ist nur da, alle hinterlassen Spuren. Besonders Hannes‘ Mutter bleibt bis zum Ende des Romans immer im Gedächtnis, in seinem und in meinem auch. Dazu trägt auch die Figur des Heinrich Hildebrand bei, der tiefer in Hannes Seele schaut als alle anderen. Bisweilen geht auch Materielles verloren, bisweilen taucht es wieder auf. Jede Seite bringt eine andere Überraschung ans Licht.
Ein Zitat habe ich mir bis zum Ende aufgehoben: „Vielleicht ist Liebe nur ein anderes Wort für Hoffnung.“ Diese Erkenntnis behalte ich in Erinnerung. Und freue mich auf Neues und Altes von Takis Würger. Ich habe gelesen, dass er unter anderem in Cambridge Ideengeschichte studiert hat, das passt gut zu seiner überraschenden Leichtigkeit und Finesse in der Wahl jedes Wortes, in der Formulierung jeder Idee. Für mich ist dieses Buch dadurch ein literarisches Feuerwerk geworden, und ich fühlte mich wie ein Freischwimmer im Rhein bei Basel, der vom Fluss der Worte hinweggetragen wird und am Abendhimmel dem Feuerwerk mit Musik zusieht.
Fazit: Für mich schon jetzt das schönste Buch des Jahres, und unbedingt buchpreisverdächtig. Mehr als 5 Sterne sind ja leider nicht möglich.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Aufmachen und zumachen – man sagt sich niemals alles

Wir hätten uns alles gesagt
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Beinahe zwei Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von „Wir hätten uns alles gesagt“ fiel mir dieses Buch auf, ich nahm es und verschlag es in kaum drei Tagen. Es ist nicht dick, aber es ist inhaltsschwerer ...

Beinahe zwei Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von „Wir hätten uns alles gesagt“ fiel mir dieses Buch auf, ich nahm es und verschlag es in kaum drei Tagen. Es ist nicht dick, aber es ist inhaltsschwerer als mancher 1000-Seiten-Roman. Von Beginn an fesselten mich einige Details, Übereinstimmungen, Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend: Die Autorin und ich tragen den gleichen Vornamen, sie wuchs wie ich in Berlin auf – sie im Westen, ich im Osten – mit ihrer Oma im Haushalt, auch bei ihr gab es Pellkartoffeln, Quark und Leinöl, es nannte sich nur anders. Auch später gab es etwas, das mich nicht losließ, ihr Kind. Ihr Kind ist ein Junge, aber sie spricht von ihm immer, egal wie alt, von ihrem Kind. Mein erstes Kind war ein Mädchen, ich habe nie von ihr als Tochter gesprochen, immer war sie mein Kind. Mein Kind mochte das nicht, sie fand es anonym und befremdlich, für mich war „mein Kind“ schon da, als es noch nicht geboren war, und es blieb dabei, verbunden, als wäre die Nabelschnur noch dran. Wie das Kind von Judith Hermann diese Bezeichnung findet, das weiß ich nicht, es kommt nie zur Sprache.
Zur Sprache kommen die Eltern, die besondere Problematik des Vaters, der für Jahre in einer psychiatrischen Klinik lebt, die Problematik der Mutter, die immer alles aushält, am Ende werden beide trotzdem füreinander da sein. Das ist tröstlich. Zur Sprache kommt die Freundin Ada, die sich in den Gedanken und Gefühlen der Autorin einnistet wie ein Kuckuckskind. Die immer da ist, auch wenn jahrelange Funkstille herrscht, die Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlt, erdet. Und dann ist da Jon, der erst im dritten Teil auftaucht, aber als Partner zu sehen ist, der sich schwertut mit den Gedanken, Geheimnissen und den Worten, die an beiden haarscharf vorbeigehen, ohne beim anderen Gehör zu finden. Hier findet sich auch der Titel des Buches, aber da weiß man schon, dass man sich niemals alles sagen kann und will. Weder im Buch noch im echten Leben.
Daran sind auch die Träume schuld, sie verweben mit den Tatsachen, die Geschichten werden Träume, die Träume werden Wahrheit oder Lüge. Nichts ist wie es scheint. Und trotzdem wird die Autorin von einem Abend erzählen mit ihrem Vater, sie gehen ins Theater und danach suchen sie im Überangebot ein passendes Restaurant. Der so oft fremd und entrückt wirkende Vater wird ihr unvergesslich um Mitternacht zum Geburtstag gratulieren. Das ist etwas, was ich mit der Autorin nicht gemein habe, mein Vater schickte im besten Fall seinen Fahrer mit einem Geschenk, und das meist am falschen Tag. Bei mir hat die Geburtstagsszenerie ein ganzes Kinderleben an Erinnerungen heraufbeschworen.
Wir machen auf und wir machen zu, unser Leben passiert genau dazwischen. Hermann schreibt „Altwerden ist was für Helden. … Es ist eine absolute und bodenlose Zumutung.“ Ja, stimmt, nur bin ich 15 Jahre älter als sie und kann ihr nur raten, sich diesen Satz noch etwas aufzuheben. Ja, es gibt „immer mehrere Wahrheiten“, das Leben, die Träume, die Gedanken.
Selbst die Pandemie wurde mit dem Schreiben, Lesen, Denken und Erinnern einfacher, endlicher, löste sich auf in verpassten Gelegenheiten und angenehmer Einsamkeit. Rückblickend eine Farce, wenn auch tödlich, so doch nur sanfter Erinnerung wert.
Gerne hätte ich die Poetikvorlesungen von Judith Hermann gehört, um noch länger und intensiver in ihrer Gedankenwelt zu schweben. Obwohl das Buch nicht wenige traurige, ja tragische Momente hat, bringt es mich immer wieder auf neue Ebenen, die angenehm, ruhig, vollkommen sind. Man vertreibt den inneren Dibbuk und beginnt einfach wieder von vorn.
Fazit: Judith Hermanns Buch, ihre Bücher, zu lesen, das heißt, sich darauf einzulassen. Ich habe es getan und mich in ihrer Gegenwart sehr gut gefühlt.

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Veröffentlicht am 17.02.2025

„Wir würden in einer gerechteren Welt leben.“

Die Farben der Revolution. Éléonore und Robespierre
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Vor nicht ganz drei Jahren lernte ich „Die Fliegerinnen“ von Jeanette Limbeck kennen, ein Roman, der mich sehr bewegt hat, über sowjetische Kampffliegerinnen im Zweiten Weltkrieg. Dieses wunderbare Buch ...

Vor nicht ganz drei Jahren lernte ich „Die Fliegerinnen“ von Jeanette Limbeck kennen, ein Roman, der mich sehr bewegt hat, über sowjetische Kampffliegerinnen im Zweiten Weltkrieg. Dieses wunderbare Buch stand bei seiner Veröffentlichung im März 2022, entstanden in der fürchterlichen Pandemie, unter einem riesigen Druck, weil gerade der russische Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Zu meiner Freude war es trotzdem erschienen.
Schon damals erfuhr ich, was das nächste Romanthema sein würde, die Französische Revolution, die Malerin Duplay und der umstrittene Revolutionär Robespierre. Für mich eine große Überraschung, denn diese Thematik hätte ich nicht erwartet, und sie entspricht so gar nicht meinem „Beuteschema“ bei der Literaturauswahl. Für mich sind seit Jahren das 20. Jahrhundert, die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, der Holocaust und die Nachkriegszeit meine bevorzugten Themen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verfolgte ich über lange Zeit die Entstehung des neuen Romans, immer noch unsicher, ob ich bereit wäre, rund 500 Seiten über die Französische Revolution zu lesen, von der ich bewusst wohl nur im Geschichtsunterricht Kenntnis genommen hatte, der nun schon über 50 Jahre zurückliegt.
Seit der Roman Anfang Februar erschienen ist, habe ich deshalb erst einmal interessiert die ersten Rezensionen verfolgt und eine Leseprobe gelesen, beides hat mich noch neugieriger gemacht. Also bestellte ich das Buch und stellte schon nach kurzer Zeit fest, dass meine Bildungslücke dringend der Verbesserung bedurfte. Deshalb habe ich mich nach dem ersten Kapitel „Paris, 2017“ doch zuerst im Internet informiert, Zeittafeln, Kurzbiografien von Robespierre und Duplay und allgemeine Artikel über die Revolutionszeit gelesen. Vom Reclamverlag fand ich „Die Französiche Revolution“ von Axel Kuhn, das Buch war mir auch nach der Romanlektüre noch hilfreich. Wieder etwas aufgefrischt, habe ich mich regelrecht festgelesen im Roman und konnte ihn kaum mehr weglegen. Der literarische Schreibstil, der mir von den Fliegerinnen so gut im Gedächtnis geblieben war, findet sich auch in diesem Roman wieder. Die Autorin versteht es, eine fremde, weit zurückliegende Zeit, die Menschen, ihre Gedanken und Gefühle so in eine heutige Sichtweise zu übertragen, dass ich mich gut in die Protagonisten und ihr Leben einfühlen konnte. Es gibt keine steifen Dialoge, die Wortwahl ist modern und der Roman folgt konsequent einer Zeitschiene von 1791 bis 1795.
Das Buch macht den Leser mit Éléonore Duplay bekannt, einer jungen Frau, die im Schreinerhaushalt ihrer Eltern lebt und die ihr zeichnerisches Talent, ihre Fantasie und ihre Gefühle im Malen ausdrücken möchte. Ein schwieriger Weg liegt vor ihr im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Revolution von 1789 hat bei weitem noch nicht alle Wege für die Gleichberechtigung der Frauen geebnet, die alten Meinungen, Sitten und Gebräuche sind tief verwurzelt. Zu ihrem Glück findet sich eine Malklasse für Frauen im Louvre, der Vater übernimmt die Studienkosten für seine Tochter. Beides keine Selbstverständlichkeit.
Selbst als Léo, wie sie kurz genannt wird, den Revolutionär Maximilien Robespierre kennenlernt, wird sie erkennen, dass auch er nicht immer ihrer Meinung ist. Als er in das Haus der Duplays zieht und Léos Malzimmer zu seinem wird, empfindet sie das als herbe Ungerechtigkeit. Trotzdem verspüren beide eine große Zuneigung zueinander, die aber durch die traditionellen Einflüsse in ihrem Erblühen sehr beschränkt wird. Léos Enttäuschung über den Verlauf der Beziehung ist immer spürbar. Da helfen auch kleine Malerfolge nicht, denn wirklich anerkannt fühlt sie sich weder daheim noch bei ihren Mallehrern.
Die unsicheren Zeiten, in denen diese Liebe nicht ausgelebt werden kann, werden von der Autorin sehr lebendig und nachvollziehbar in die privaten Beziehungen eingebunden. Léo beginnt selbst, politisch tätig zu werden, Robespierre versucht sie zu schützen, denn er ahnt, dass sein Leben in Gefahr ist und damit auch das ihre.
Da die Hauptperson des Romans eine Frau ist, werden auch die feministischen Aspekte sehr ausführlich dargestellt. Me Too und lesbische Beziehungen, der Wunsch nach Anerkennung abseits von Küche und Kindern, die schwierige Teilnahme am politischen Leben werden thematisiert. Das nicht einmal von den fortschrittlichsten Revolutionären geforderte Wahlrecht für Frauen wird in Frankreich erst 1949 eingeführt. Andererseits musste ich doch etwas lachen, wenn Éléonore Duplay allgemein von den Leuten als Madame Robespierre und viel später dann als Witwe Robespierre bezeichnet wird. Ohne jeglichen Trauschein.
Was mir besonders aufgefallen ist, sind die Parallelen, die man zu heutigen politischen Ereignissen und Entwicklungen immer wieder findet, z. B. die Szene zwischen Robespierre und Léo, in der er ihr versucht klarzumachen, dass andere Nationen nicht darauf warten, dass ihnen die Revolution und ihre Errungenschaften als Geschenk präsentiert werden. Robespierre belehrt Léo eines Besseren, als er sagt „Woher weißt du, was irgendwelche Deutschen, Italiener oder Holländer erwarten?“ Und gleich noch eins draufsetzt mit „Bevor wir andere belehren, müssen wir erst einmal Einigkeit im Inneren erreichen.“
Aber auch Parallelen zu späteren Revolutionen und Umbrüchen in anderen Ländern sind zu spüren. Nicht nur einmal ging mir der Satz „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ durch den Kopf. Immer wieder in der Geschichte entstehen aus revolutionären und fortschrittlichen Ideen Diktaturen und Terrorapparate. Beispiele par excellence sind für mich Lenin und Stalin, die vielleicht ihre Vorbilder für den großen Terror in Frankreich ausgemacht haben. Für mich ist das erschütternd, manchmal habe ich das Gefühl, die Menschheit lernt nichts, und seien die Fehler noch so groß.
Dass die herzzerreißende Liebesgeschichte von Éléonore Duplay und Maximilien Robespierre ein tragisches Ende nimmt, das weiß man seit der ersten Seite, trotzdem habe ich es am Ende als sehr traurig empfunden.
Ganz ohne die Hilfe meiner Zeittafel wäre ich nicht ausgekommen, ich habe doch ab und zu noch einmal nach den Ereignissen geschaut. Und ich habe festgestellt, dass eingefahrene Gleise auch einmal verlassen werden können, um Neues und Unbekanntes zu erfahren. Dafür danke ich der Autorin sehr! Ich hoffe, dass viele Leser diese Erfahrung machen werden. Und ich möchte unbedingt hinzufügen, dass ich große Achtung vor ihrer Arbeit an diesem Buch habe, nicht nur der jahrelange Durchhaltewille (neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit), sondern vor allem das Recherchieren und die Schreibarbeit an sich bewundere ich sehr. Schön, wenn ein Gehirn wegen alltäglicher Unterforderung zu solchen Ergebnissen kommt!
Noch eine Bemerkung zum Anhang: Die Danksagung bringt zum Ausdruck, welche Kraftanstrengung dieser Roman erfordert hat, der eine „Evolution“ erlebte. Die toten Revolutionäre werden das Leben der Autorin und ihrer Familie ordentlich durchgeschüttelt haben. Das Glossar ist auch im Nachhinein hilfreich, Tüpfelchen auf dem i wäre, wenn die Zeitungsnamen bzw. Eigennamen z. B. der Sociétés ins Deutsche übersetzt wären. Nicht jeder hatte Französisch in der Schule. Zusätzlich zu den am Anfang genannten wichtigsten Personen des Romans werden dann noch einmal alle Personen in der Reihenfolge ihres Auftritts aufgeführt. Hier hätte ich eine alphabetische Folge für günstiger gehalten, gerade wenn man zu jemanden etwas nachlesen möchte. Wenn bekannt, wäre dann auch das Todesdatum noch interessant. Auf die Genauigkeit der historischen Ereignisse und ihre Wiedergabe im Buch zu verweisen, ist sicher für Historiker von Belang, ich als Leser gehe an Romane eher unbefangen heran. Wer nur an historischer Genauigkeit interessiert ist, wäre mit einem Sachbuch besser beraten. Ich empfinde die schriftstellerische Freiheit und Auslegung der Tatsachen als sehr bereichernd in diesem Roman. Insbesondere, wenn er so schön geschrieben ist wie dieser!
Ich habe das gedruckte Buch nicht gesehen, aber auch die Gestaltung des E-Books hat mir gut gefallen. Die Umsetzung in der Kindle-App ist leider nicht optimal. Das Cover wirkt am Bildschirm sehr ansprechend, wenn ich demnächst in einer Buchhandlung bin, werde ich danach Ausschau halten.
Die Überschrift meiner Rezension ist ein Zitat, Worte die Éléonore zu einer Vertrauten sagt. Sie spiegeln ihren politischen und weltlichen Anspruch im ganzen Roman wider. Aber den Wunsch nach einer Regierung der Tugend, den konnte ihr auch der geliebte Robespierre nicht erfüllen.
Fazit: Ein historischer (Liebes)-Roman vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, der die Leser auf neue und ungewohnte Spuren führt. Ich empfehle das Buch von ganzem Herzen. Uneingeschränkte 5 Sterne!

DieFarbenderRevolutionÉléonoreundRobespierre

NetGalleyDE

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Veröffentlicht am 13.02.2025

Alle meinen es immer gut

Von hier aus weiter
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Zufällig habe ich in den letzten Wochen zwei Hörbücher von Susann Pásztor gehört, die mir sehr gefielen, es waren „Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts“ und „Und dann steht einer auf und öffnet ...

Zufällig habe ich in den letzten Wochen zwei Hörbücher von Susann Pásztor gehört, die mir sehr gefielen, es waren „Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts“ und „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“, dagegen ist der Titel des neuen Buchs ja schon fast minimalistisch zu nennen. Ganz im Gegensatz zum Inhalt, der sich mit den Grundfesten des Lebens beschäftigt. Susann Pásztor schreibt „Von hier aus weiter“ in der Ich-Form, sie ist Marlene, Ende 60, die Frau von Rolf, der sich mit einem Suizid aus ihrem dreißigjährigen Eheleben entfernt hat, bevor ein Hirntumor das tun konnte. Diese tragische Grundkonstellation ist der Ausgangspunkt für Marlenes neues Leben. Alle sind ihr zumindest äußerlich gewogen, sie aber springt mit ihren Gedanken zwischen Leben und Tod hin und her, die absurde Trauerfeier übersteht sie mit Hängen und Würgen. Ich war sehr gespannt, ob und wie sie sich von Trauer, Verlustangst und Valium befreit in diesem Buch.

Gänzlich unerwartet begegnet sie Jack, einem ehemaligen Schüler, und ehe sie sich‘s versieht, wohnt er vorübergehend bei ihr und bekocht sie und auch ihre Gäste auf wunderbare Weise. Hinter ihr Geheimnis kommt er aber nicht so schnell. Marlene erzählt ihm viel, aber niemals alles, so bleibt ihre Beziehung im Wagen. Als er von ihr wegen eines kleinen Notfalls zu Ida, ihrer befreundeten Ärztin und Nachfolgerin in der Praxis ihres Mannes, gebracht wird, verlieben sich die beiden vollkommen unterschiedlichen Menschen ineinander. Marlene beobachtet es staunend. Als dann ihre Freundin Wally aus Wien vermeldet, dass sie für Marlene einen Brief von Rolf hat und ihn nur persönlich übergeben darf, beginnt ein modernes Roadmovie seinen Lauf zu nehmen.

Der Schreibstil ist ganz wunderbar und wenn man selbst in dem Alter der Protagonistin ist, wird es noch interessanter. Susann Pásztor hat ein großes Talent, ihre Protagonisten auch noch die schwierigsten Themen auf leichte, liebevolle Art bewältigen zu lassen. Das Buch ist nicht besonders umfangreich, aber es lohnt sich jede Minute des Lesens. Ironie, eine Portion Spaß und psychologischer Tiefgang werden aufs Feinste gemischt. Gute Unterhaltung!

Fazit: Manchmal ist das Ende ein neuer Anfang. Sehr feinfühlig erzählt. Meine Lese- und später Hörempfehlung fürs Frühjahr 2025. Volle 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Zwischen den Mühlsteinen der „Unbegabten“

Die Allee
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Was fiel mir zuerst ins Auge, der Titel oder das Coverbild? Es war wohl beides. „Die Allee“ löste bei mir sofort einen Gedankengewitter aus, Stalinallee, 17. Juni 1953, 13. August 1961, Haus des Kindes, ...

Was fiel mir zuerst ins Auge, der Titel oder das Coverbild? Es war wohl beides. „Die Allee“ löste bei mir sofort einen Gedankengewitter aus, Stalinallee, 17. Juni 1953, 13. August 1961, Haus des Kindes, Kino International, Kongresshalle, Fernsehturm usw. Als Berlinerin erinnere ich mich an viele Details, mein Vater arbeitete am Nationalen Aufbauprogramm mit. Das Coverbild erinnert mich aber sofort auch an Kat Menschiks Cover für MOABIT, dass ich da richtig lag, las ich dann im Impressum. Wobei mir dieses Allee-Cover noch viel besser gefällt. Gehört habe ich erstmals von Florentine Anders und ihrem Roman in der Vorschau auf die Literaturereignisse 2025 beim NDR. Nur noch ein kleiner Schritt wars bis zu meiner Bücherwunschliste.
Nun habe ich dieses wunderbare Buch beendet und bin fast traurig, dass ich nicht noch mehr lesen kann über die Familie Henselmann, den Architekten Hermann Henselmann, der an vielen der oben genannten Architekturikonen in Berlin seinen Anteil hatte. Und über seine Ehefrau Isi, seine vielen Kinder, allen voran über Isa, die Mutter der Autorin, aber auch über die zahlreichen Enkelkinder der Familie, über Freunde, Verwandte, Bekannte und Feinde. Florentine Anders eröffnet dem Leser ein riesiges Kaleidoskop an unterschiedlichen Menschen, aber sie hat eine so perfekte Struktur in ihren Roman gebracht, dass es nicht allzu schwerfällt, alle Namen immer wieder richtig einzuordnen. Und diese Struktur spiegelt sich auch in der klaren Ordnung ihrer Kapitel wider. Auch wenn Rückblenden eingearbeitet wurden oder eigene Bemerkungen, immer weiß man als Leser, wann, wo und bei wem man gerade ist. Einhergehend mit der zeitlichen Struktur entwickelt sich nicht nur die Ehe und Familie der Henselmanns, auch die zeitgeschichtlichen Ereignisse werden so gut lesbar und ohne jeden erhobenen Zeigefinger in den Roman integriert.
Wie zufällig ist die Mehrzahl der Kinder und Enkelkinder weiblich, die Durchsetzungskraft, das Urteilsvermögen, manchmal auch das falsche Urteilsvermögen, die festen Regeln der männlichen Vorherrschaft, die immer wieder aufgebrochen werden, all das lässt diesen (autbiografischen und gleichzeitig (autfiktionalen Roman auch zu einem Frauenroman werden, ohne dass übertrieben feministisches Gebaren mich nervte.
Die Lebenswelt der Henselmanns begann Anfang der 1930er Jahre, übersteht Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, führt durch die Nachkriegszeit ins Bauhaus, dann nach Berlin. Der Architekt Henselmann macht sich erneut einen Namen, will beim Aufbau des neuen Berlins ebenso mitwirken wie beim Aufbau eines neuen Deutschlands. Dass er immer wieder auch auf Widerstände stößt, dass seine Ideen nicht angepasst sind, weder an die des „Großen Bruders“ noch an die „Kleingeister“ und „Unbegabten“ in den neuen Machtstrukturen, das macht ihm und damit auch seiner Familie das Leben schwer.
Dieser Roman, der die Atmosphäre der frühen wie der späteren DDR-Jahre wunderbar authentisch einfängt, liest sich mit großer Leichtigkeit in der Wortwahl und in den Dialogen, und trotzdem mit viel gleichzeitiger Trauer, Verletzlichkeit und Angst. Besonders Isa hat schwer unter den cholerischen Ausbrüchen ihres Vaters zu leiden, die Angst vor ihm wird erst weichen, als er stirbt. Diese Erfahrung zieht sich durch das ganze Buch, auch wenn viele andere Protagonisten auftreten, mit all ihren Schwächen und Stärken, wird es Isa sein, die sich mir ins Gedächtnis gräbt. Und das auch, weil ihre Mutter nicht versucht hat, sie zu beschützen. Dass auch Henselmanns Ehefrau Isi unter ihrem Mann leidet, eigentlich acht Kinder mehr oder weniger allein großzieht, immer die „Niveauhebe“ gibt, wenn erforderlich, alle Feiern und Feste organisiert, sich immer wieder betrügen lässt und trotzdem bis ans Ende zu ihm hält, ist bewundernswert. Diese bedingungslose Aufopferung wird sie nicht allen Kindern vererben. Aber sie bleibt die Frau mit dem „dicken Kopf“.
Interessant sind natürlich auch die Passagen, in denen es um die Staatssicherheit, die ständige Beobachtung, die ekelhafte Einmischung in Privates, die bösartige Macht im Hintergrund geht. Niemand in der DDR war vor diesen Eingriffen sicher, schon gar nicht Familien wie die Henselmanns, mit Kontakten zum und Verwandten im „Westen“. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte sich die Paranoia bei den DDR-Granden noch mehr verstärkt und ließ niemanden ungeschoren, der nicht auf Linie war, wie man das nannte.
Dass trotzdem der Fall der Mauer nicht überall auf Gegenliebe stieß, mag den einen oder anderen Leser verwundern. Aber es war so, dass plötzlich die Vergangenheit in einem rosigeren Licht gesehen wurde. Und dass es nach 1989 nicht leicht war, sich zu behaupten, das zeigt die Autorin sehr anschaulich.
Meine Lieblingsfigur im Roman ist die mit beiden Beinen im Leben stehende Isa, der ich jeden Respekt zolle. Allein die Zeit, in der sie in einer Gartenkolonie in einem wahrlich nicht komfortablen Häuschen wohnt und jeden Tag den Arbeitsweg mit zwei kleinen Kindern auf sich nimmt, ist bewundernswert. Nur Berliner werden wissen, wie lange es dauerte, mit der Straßenbahn 49 von Endstation zu Endstation zu zockeln, die Fußwege sind da noch gar nicht eingerechnet. Aber Isa liebte ihre Arbeit und war von heutigen Life-Balance- und Wohlfühlansprüchen kilometerweit entfernt.
Hermann Henselmann hat nicht nur im Buch tiefe Spuren hinterlassen, sein architektonisches Erbe geht weit über Berlin hinaus. Obwohl dieser Mann nicht gerade der Sympathieträger des Romans ist, erkenne ich in seinen Arbeiten, aber auch in unvollendeten Projekten eine große Entschlossenheit und Perfektion. So manche verworfene Idee würde noch heute Bestand haben und die Welt verschönern. Für mich war insbesondere der Strausberger Platz mit dem Haus des Kindes und dem Haus Berlin immer einer der schönsten Orte in Ostberlin, früher und auch jetzt noch.
Und ich zolle auch Florentine Anders großen Respekt für ihre exakten, bestimmt langwierigen Recherchen. Diese werden gerade in der Familie nicht leicht gewesen sein. Wer sieht schon gern sich oder die Verwandten in kritischem Licht, benennt Fehler und Fehlentscheidungen; besonders wenn es um Vater und Mutter oder Geschwister geht, ist das oft sehr problematisch und schmerzhaft. Gerade deshalb bewundere ich das Ergebnis, den vorliegenden Roman, umso mehr. Mit den vielen Familienmitgliedern, ihrem prallen Leben und den rund 70 Jahren deutscher Geschichte, die in diesem Roman stecken, ist es der Autorin gelungen, weit unter 400 Druckseiten zu bleiben und das Buch nicht zu überfrachten. Ein echtes Lesevergnügen.
Fazit: Eine ergreifende Familiengeschichte, ein Berlin- und Architekturroman vom Feinsten. Von mir eine große Leseempfehlung und gern mehr als fünf Sterne.

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