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Veröffentlicht am 01.03.2025

Ein tolles Werk mit viel Tiefe und Sensibilität zu einem unterrepräsentierten Thema

Die erste halbe Stunde im Paradies
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„Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese ...

„Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ ❤️‍🩹

Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass das Buch so ein Highlight wird. Aber Janine Adomeit hat hier mit sehr klarer, unaufgeregter Sprache ein Werk geschaffen, das ich nicht aus der Hand legen wollte.

Familienromane reizen mich immer besonders und hier haben wir ein herausragendes Exemplar, in dem die Figuren mit ganz viel Tiefe und innerer Ambivalenz überzeugen. Anne ist Pharmavertreterin und möchte sich im nächsten Schritt auf ein Fentanyl-Pflaster für den Palliativbereich fokussieren. Sie ist zielstrebig, analytisch und menschlich eher reserviert. Warum das so ist, wird in sich abwechselnden Zeitebenen geschickt erzählt.

Wir erfahren nämlich von ihrer Vergangenheit als 11-Jährige, in der sie sich gemeinsam mit ihrem gerade erwachsenen Bruder Kai um deren chronisch kranke Mutter kümmern muss. Diese leidet an einer nicht klar benannten, aber sehr klar identifizierbaren degenerativen Erkrankung und kann sich nicht so recht überwinden, Hilfe von außen anzunehmen. Ich finde es bemerkenswert, wie die Autorin hier mit viel Feingefühl die Ambivalenzen dieser Situation herausgearbeitet hat. Denn die kleine Familie bildet eine herzerwärmende, loyale Einheit, die trotzdem nach und nach an ihre Grenzen gerät. Dank des nüchternen, klaren Schreibstils werden die Emotionen auf die Lesenden ausgelagert.

Und Emotionen hatte ich so einige! Ich war wütend auf die Mutter, weil sie ihren Kindern regelrecht trotzig einfach ihre Pflege aufbürdet. Aber ich habe auch zutiefst mitgefühlt mit ihrem Bedürfnis nach Normalität, habe ihre Scham regelrecht greifen können. Auch die Gleichzeitigkeit von Gefühlen bei den beiden Kindern spielt immer wieder eine Rolle - bedingungslose Liebe zueinander trifft hier auf Wut angesichts eigener Freiheitseinschränkungen. Die geteilte Vergangenheit führt schlussendlich dazu, dass Anne Kai nach jahrelangem Kontaktabbruch aus einer Entzugsklinik abholen soll, was in seiner Folge ein echtes moralisches Dilemma auslöst. Denn die Sucht ihres Bruders ist nicht loszulösen von ihrem nächsten Karriereschritt…

Ein absolutes Highlight aus Norddeutschland, das mich mit seiner Sprache und dem Spannungsaufbau durchweg mitgezogen hat. Das Thema der Medikamentenabhängigkeit, das übrigens ca. 3,5 % der deutschen Erwachsenen betrifft, wurde hier mit der nötigen Sensibilität behandelt. Auch der Themenkomplex rund um die Pflege von Angehörigen und wie Familien darunter zerbrechen können, hat hier auf eindringliche Art Raum gefunden. Die Figuren sind liebenswert, greifbar und authentisch, die immer wieder eingebundenen Science-Facts, wie bspw. zur Schmerzregulierung und Wirkung von Analgetika, fand ich einfach klasse. Die Ausführungen zu Annes moralischem Dilemma hätte ich mir zum Schluss zwar noch etwas ausführlicher gewünscht, grundsätzlich finde ich das offene Ende aber gut gewählt.

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Wie sollen Worte die Schönheit dieser Geschichte beschreiben?

Für Polina
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Ich verstehe wirklich nicht, was hier während der Lektüre mit mir passiert ist. Zu Beginn war ich kurz skeptisch, ob das sanfte Beobachten und die Ruhe der Erzählstimme mich würden mitreißen können. Und ...

Ich verstehe wirklich nicht, was hier während der Lektüre mit mir passiert ist. Zu Beginn war ich kurz skeptisch, ob das sanfte Beobachten und die Ruhe der Erzählstimme mich würden mitreißen können. Und ich bin ganz ehrlich: Selten wurde ich so überrascht.

Denn Takis Würger muss zaubern können, anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich knapp 300 Seiten angefühlt haben wie 30. Dabei war ich nicht in einem fast ungesunden Leserausch, wie ihn manche Fantasy bei mir hervorruft, sondern fühlte mich innerlich ganz ruhig, während ich die Figuren einfach nicht loslassen wollte.

Neben einem mir unbegreiflichen Talent für eine Sprache, die bannt ohne aufzuregen, hat Würger ein ebenso großes Feingefühl für seine Figuren. Alle, ausnahmslos alle Charaktere sind von ihm auf irgendeine Art mit Liebe gezeichnet. Nicht immer wirkt es im ersten Moment so, doch spätestens in Beziehung zu anderen zeigt sich ihre Sanftheit und Tiefe. Diese Wärme ist es schließlich, die der oft alltäglichen Handlung eine unglaubliche Fülle verleiht.

„Für Polina“ dreht sich um Zuneigung, menschlichen Zusammenhalt trotz aller Unterschiede und um Liebe in jeglicher Form. Außerdem geht es natürlich um die Bedeutung von Musik, die in den Hörenden selbst ihre tatsächliche und individuelle Wirkung entfaltet. Und das Geniale dabei ist, dass der Autor selbst genau das mit seinen Worten erwirkt. Denn trotz aller Klarheit steckt in der gewählten Sprache auch sehr viel Subtiles, das von den Lesenden selbst gefunden und interpretiert werden darf.

Ich bleibe im Unvermögen zurück, meine Begeisterung für dieses Buch in adäquate Worte zu packen. Es hat mich vollständig überzeugt und in eine warme Umarmung gehüllt. Auf zwei rassistische Bezeichnungen hätte ich im Text noch verzichten können, doch das ändert nichts daran, dass dieser leise und doch ausdrucksvolle Roman ein Highlight dieses Jahres ist.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Ein Brett von Buch und eine ganz wichtige Mahnung

Was wir nicht kommen sahen
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[TW: einige, aber primär Suiz!d, Mobbing, digitale Gewalt]

Manchmal weiß mensch vor der Lektüre schon, dass das Buch eine Gratwanderung sein wird zwischen Gefallen und Herausfordern. Genau so ging es ...

[TW: einige, aber primär Suiz!d, Mobbing, digitale Gewalt]

Manchmal weiß mensch vor der Lektüre schon, dass das Buch eine Gratwanderung sein wird zwischen Gefallen und Herausfordern. Genau so ging es mir mit „Was wir nicht kommen sahen“. Das Buch ist ein absolutes Brett. Beim Lesen hatte ich zu 50 % einen Kloß im Hals, zu 35 % Wut im Bauch und zu 15 % Trauer im Herzen. Für die Geschichte muss mensch definitiv gewappnet sein!

Ich bin beeindruckt davon, wie vielschichtig Katharina Seck dieses hochaktuelle Thema hier in ein anspruchsvolles und lesenswertes Buch mit thrillerhaften Zügen gepackt hat. Ada suiz!diert sich. Ihre Mutter Jenny hat daraufhin nicht nur mit der eigenen Trauer und den Herausforderungen einer Ehe nach dem Verlust des einzigen Kindes zu kämpfen, sondern versucht auch herauszufinden, was passiert ist. Ada kommt als zweite Erzählerin zu Wort und dröselt die Vergangenheit kurz vor ihrem Suiz!d nach und nach auf.

Ganz besonders in der Geschichte ist die sogenannte Anonymität. Diese dritte Erzählperspektive besteht nicht nur aus einer namenlosen Person, sondern umfasst viele. Mal ist es ein frustrierter Mann, dem die Frauen nicht geben wollen, was ihm seiner Meinung nach zusteht (= Incel). Mal ist es eine junge Frau, die selbst zum Mobbingopfer wurde und aus Selbstschutz nun lieber bei den Mobbenden mitmacht. Und dann ist es wieder ein Mann, der über Plattformen wie Telegram in ein extremes Verschwörungsdenken abgedriftet ist und versucht, seiner Wut online durch Hasskommentare gegen die „Eliten“ Platz zu machen. Insbesondere diese Kapitel habe ich mit enorm viel Druck auf der Brust gelesen, so beklemmend ist diese Realität. Manchmal schienen mir die Gedanken der radikalisierten Personen zu reflektiert zu sein, ich verstehe aber, was die Autorin damit erreichen wollte. Wir bekommen als Leser:innen ein Profil von Menschen, die sich an Hass beteiligen, und versuchen, ihre Hintergründe zu verstehen, ohne sie jedoch aus der Verantwortung zu nehmen. Eine Gratwanderung, die der Autorin eindrucksvoll gelungen ist.

Es werden viele weitere Themen in diesem Buch angeschnitten, denn besonders Ada macht sich als junge Frau realistischerweise Gedanken um gesellschaftliche Umbrüche und große Krisen wie etwa die Klimakrise. So finden neben digitaler Gewalt eben auch strukturelle Misogynie, Rassismus, Polizeigewalt oder Kapitalismuskritik Raum.

Durch die wechselnden Erzählperspektiven, die sich zudem auf verschiedenen Zeitebenen befinden, bekommen wir abwechslungsreich und eindrucksvoll die Geschichte einer jungen Frau erzählt, welche ungeplant viel öffentliche Aufmerksamkeit erhält und sich dadurch extremer Gewalt ausgesetzt sieht. Doch Ada wehrt sich, lässt sich von Sprüchen wie „Das gehört zu einem Leben im Internet eben dazu“ berechtigterweise nicht aus der Fassung bringen. Dies ist keine Geschichte des Aufgebens, wenngleich es sehr wohl eine Geschichte über Verlust und ein schlimmstmögliches Ende ist.

Die Autorin verflicht elegant Details zu einer runden Geschichte, die bei aller Schrecklichkeit Hoffnung machen kann. Die Figuren sind authentisch emotional und dadurch nah an den Leser:innen dran. Sowohl Adas als auch Jennys Wanken zwischen einerseits Angst und Widerstand sowie andererseits tiefer Trauer und dem Wunsch nach Gerechtigkeit sind extrem gut nachvollziehbar. Das Pacing wurde am Ende recht plötzlich langsamer, was der Handlung ein wenig an Eleganz geraubt hat - auch wenn ich verstehe, warum es so geschrieben wurde.

Das Internet und Soziale Medien sind das, was wir aus ihnen machen. Digitale Gewalt ist nichts, das wir akzeptieren dürfen und dieses Buch ist eine äußerst schmerzhafte Mahnung. Must-Read!

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Veröffentlicht am 10.01.2025

Messerscharfer und zugleich sanfter Roman einer Ausnahmeautorin

Drei Tage im Juni
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Anne Tyler war mir bislang nicht bekannt und ich bin froh, dass sich das nun geändert hat. Was für eine großartige Schriftstellerin mit einem riesigen Talent für geschliffen scharfe Worte, die exakt ins ...

Anne Tyler war mir bislang nicht bekannt und ich bin froh, dass sich das nun geändert hat. Was für eine großartige Schriftstellerin mit einem riesigen Talent für geschliffen scharfe Worte, die exakt ins Schwarze treffen! Mit „Drei Tage im Juni“ hat sie ein Familienporträt geschaffen, welches zwar ohne großes Drama auskommt, aber deshalb nicht minder unterhaltsam ist.

Vor allem das zentrale Paar, bestehend aus Gail und ihrem Ex-Mann Max, hat einfach einen ganz besonderen Vibe, wie er selten in Büchern zu finden ist. Die beiden sind auf der einen Seite sehr verschieden. Gail ist eher verschlossen, reserviert, vorsichtig und ängstlich, während Max spontan, offen, lebensfroh und etwas naiv zu sein scheint. Und doch funktionieren sie auf der anderen Seite auch nach der Scheidung noch so, als wäre es nie anders gewesen. Ich sah mich beim Lesen fast neben ihnen stehen und das viele Nonverbale beobachten, welches die Autorin hier geschickt zwischen den Zeilen vermittelt.

Und das ist wirklich, was mich am meisten beeindruckt hat: Tyler vermag es, mit wenigen Worten absolut authentische Menschen und Lebenssituation zu zeichnen. Es wirkte fast, als hätten die Figuren selbst den Text geschrieben, so greifbar war jeder Satz. Die ganze Handlung beschränkt sich auf drei Tage: den Tag vor der Hochzeit der gemeinsamen Tochter, die Hochzeit selbst und den Tag danach. Es passiert wenig Großes und viel Kleines. Besonders geliebt habe ich natürlich, dass eine Tierschutz-Katze hier ein ganz bestimmtes Herz gewinnt. ❤️

Weder Schreibstil noch Handlung sind sonderlich romantisch und trotzdem war das Lesen eine absolute Wohltat. Die Autorin lässt Raum für Figuren, die Fehler machen; Raum für Überlegungen, Scheitern, Zusammenfinden, Gemeinsamkeiten und Konflikte. Ich fand vor allem den subtilen Humor zwischen Gail und Max einfach nur herzerwärmend und habe an einigen Stellen ordentlich lachen müssen, obwohl es kein Humor ist, der mit einem großen Gong daherkommt. Stattdessen sind es einfach die Feinheiten, mit denen sich die beiden aufeinander beziehen und trotz der Trennung vor vielen Jahren einfach so gut kennen wie kaum jemand sonst.

Ein Buch mit einer leisen Handlung, unvergleichlich präziser Sprache und ganz viel Liebe für seine Figuren, die bereits Einiges an Lebenserfahrung mitbringen. Ich habe jeden Satz geliebt!

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Veröffentlicht am 05.01.2025

Süchtigmachende Romance mit fantastischem Setting und tiefgründigen Figuren

Check & Mate – Zug um Zug zur Liebe
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Was für eine tolle Romance! Das war mein erstes Buch von Ali Hazelwood und es wird nicht mein letztes bleiben! Ich bin schlicht obsessed mit ihrem Characterbuilding und dem Talent, einer Handlung Spannung ...

Was für eine tolle Romance! Das war mein erstes Buch von Ali Hazelwood und es wird nicht mein letztes bleiben! Ich bin schlicht obsessed mit ihrem Characterbuilding und dem Talent, einer Handlung Spannung zu verleihen.

Spätestens seit "The Queen's Gambit" bin ich komplett fasziniert von Schach, auch wenn sich diese Faszination nach einem gescheiterten Versuch, irgendetwas zu verstehen, schnell wieder in Luft auflöste. 😅 Aber die Basis war da und ich sofort wieder hooked beim Lesen dieser Geschichte. Mich kriegen so schlaue Charaktere, die ein mir unbegreifliches Verständnis komplexer Zusammenhänge haben, einfach immer komplett!

Ganz besonders toll fand ich natürlich, dass es hier eine überaus smarte Protagonistin gibt, die ihrem männlichen Gegenspieler schnell zeigt, wie der Hase läuft. Mallory ist aber noch viel mehr als ein Schach-Wunderkind. Sie macht sich große Vorwürfe für den Weggang ihres Vaters und fühlt sich entsprechend für ihre kranke Mutter sowie die beiden jüngeren Schwestern verantwortlich. Die ärmlichen Lebensumstände fühlen sich beim Lesen wie die Sackgasse an, die sie auch sind. Ganz nebenbei ist sie bi, woraus aber erfrischenderweise gar keine große Sache gemacht wird - ebenso wenig wie aus ihrer lesbischen besten Freundin. ❤️

Auch Nolan gefällt mir außerordentlich gut. Er gab mir durchweg neurodivergente Vibes, das wurde aber weder bestätigt noch dementiert. Auch wenn das Buch als Enemies-to-Lovers vermarktet wird, fand ich es gar nicht wirklich feindlich. Beide Figuren haben eine ziemlich komplexe Hintergrundgeschichte, die Hazelwood meisterinnenhaft bruchstückweise enthüllt. Und Nolan wirkt zwar introvertiert, aber immer aufrichtig. Und ich fand es wirklich toll, dass er in gewissen Bereichen unerfahren und dahingehend gar nicht fragil ist - ein sehr angenehmes Kontrastprogramm zu übermäßig selbstsicheren Männern.

Es gibt entsprechend eigentlich keine spicy Szenen, was absolut Sinn macht. Ich habe die schlauen Hauptfiguren ebenso geliebt wie die Nebencharaktere und konnte nicht aufhören zu lesen. Die Einblicke in die Schachwelt, vor allem auch in den vorherrschenden Sexismus dieses männerdominierten Sports, fand ich einfach perfekt. Ein echtes 5-Sterne-Buch für mich. ❤️

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