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Veröffentlicht am 12.05.2025

Ein unglaubliches Werk, das persönlich erfahren werden muss

In ihrem Haus
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Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber ...

Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber dieser ist einfach ein unglaubliches Werk, das völlig zu Recht für den Booker Prize nominiert war.

Zu Beginn dachte ich noch, das historische Setting um 1960 in den Niederlanden könnte mir zu langweilig sein - mehr hätte ich mich nicht täuschen können! Die Zeit ist meiner Meinung nach sehr akkurat abgebildet und mit der entsprechenden Sprache sowie Atmosphäre habe ich gerne mal meine Schwierigkeiten. Aber Yael van der Wouden hat mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich quasi mit angehaltenem Atem gelesen habe.

Isabel wirkte mir am Anfang noch etwas distanziert und das ist sie ja schließlich auch, so isoliert wie sie lebt. Beim Lesen in ihrem Kopf zu sitzen war nicht immer einfach, aber sie kann als Protagonistin die Geschichte wirklich außerordentlich gut tragen. Eva hingegen ist eine unglaublich vielschichtige Figur, die so viel mit sich herumzutragen scheint und sich stückchenweise für uns Lesende entschlüsselt, dass ich nur von ihr schwärmen kann. Und nicht nur die beiden Figuren selbst sind für mein Empfinden makellos geschrieben, auch die Beziehungsdynamik zwischen den zwei Frauen sucht ihresgleichen in der Literatur.

Dabei ist die queere Anziehung mit all ihren Herausforderungen der damaligen Zeit so greifbar und echt beschrieben, dass mein Herz ordentlich mitgelitten hat. Die absolute Ambivalenz der inneren Gefühlswelt hat mich wirklich alles andere als kalt gelassen. Und doch ist der Roman noch so viel mehr, was hier unmöglich spoilerfrei beschrieben werden kann. Deshalb sage ich an der Stelle nur so viel: Das Erbe dieser Nachkriegszeit verwebt Eva und Isabel auf eine Art, die für mich schlicht beispiellos ist.

Eine sanfte und gleichzeitig harte Geschichte, die den Grat entlang möglicher Versöhnung in verschiedener Hinsicht auszuloten versucht und dabei auf mündige Leser*innen angewiesen ist. Denn dieser Pageturner ist keine passive Lektüre, sondern zerrt an den eigenen Überzeugungen. Die Spannung ist subtil und überlädt die feinen Zwischentöne nicht, von der Auflösung war ich trotzdem im positiven Sinne überwältigt.

Eine Ausnahmeautorin, die ich auf jeden Fall weiterverfolgen werde und ein Buch, das ich als eines meiner Jahreshighlights gar nicht ausdrücklich genug empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Zwei Geschichten in einer

Great Big Beautiful Life
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Zu Emily Henry muss eigentlich gar nicht mehr viel gesagt werden. Für mich ist sie eine der besten Autorinnen des RomCom-Genres, bei der ich genau weiß, was ich bekomme: Spice, Liebe und einen außerordentlich ...

Zu Emily Henry muss eigentlich gar nicht mehr viel gesagt werden. Für mich ist sie eine der besten Autorinnen des RomCom-Genres, bei der ich genau weiß, was ich bekomme: Spice, Liebe und einen außerordentlich tollen Humor. Deshalb stand es für mich auch gar nicht zur Debatte, ob ich ihren neuen Roman lese.

Und tatsächlich hat sie es geschafft, mich trotz meiner Erfahrung mit ihrem Werk ordentlich zu flashen! Sie ist für „Great Big Beautiful Life“ nämlich neue Wege gegangen, die sich zwar noch immer in der gewohnten Romance-Welt befinden, aber einen unerwarteten Spannungsbogen mit sich bringen.

Normalerweise sind die Tropes bei Romance ebenso vorhersehbar wie die Handlung - und das finde ich völlig in Ordnung. Ich weiß, dass am Ende alles gut sein wird und kann so der viel komplexeren Realität ein wenig entfliehen. Henry hat für ihr neuestes Buch den Trope „Griesgram trifft Sonnenschein“ gewählt. Nicht unbedingt mein liebster, aber sie löst es schnell genug auf und so war ich schon früh sehr glücklich mit den beiden Protas. Sowohl Alice, der Optimismus in Person, als auch Hayden sind grundlegend liebenswerte Figuren, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Sie begegnen einander nach anfänglicher Distanz mit viel Respekt und das lese ich immer gern.

Der Slow Burn ist der Autorin meiner Meinung nach auch extrem gut gelungen. Die hingeworfenen Häppchen fand ich perfekt dosiert und obwohl ich bei zu viel Slow auch gern mal vorblättere, hatte ich hier tatsächlich NICHT das Bedürfnis. 😅 Den Epilog fand ich etwas zu sehr Happy End, aber das ist mein einziger Kritikpunkt.

Ganz besonders an diesem Roman ist, dass es eigentlich zwei Geschichten in einer sind. Über die Gespräche von Alice als potenzielle Biografin mit Margaret Ives, Tochter einer skandalumwitterten reichen Familie und seit vielen Jahre selbstgewählt von der Bildfläche verschwunden, tauchen wir ein in deren Familiengeschichte voller Verstrickungen und Geheimnisse. Bis kurz vor Ende bleibt unklar, ob Margaret selbst eigentlich die (ganze) Wahrheit sagt, sodass die Spannung hier unglaublich gut aufrecht erhalten wird. Ich habe die Auflösung nicht kommen sehen!

Henry vereint Humor mit Ernsthaftigkeit und Spice mit Liebe - und bei letzterer ist erfrischenderweise auch die zentrale Romanze gar nicht mal so präsent, stattdessen geht es auch um Liebe zu Familienmitgliedern und Freund*innen. Außerdem wirft die Autorin ein gutes Schlaglicht auf den öffentlichen Umgang mit prominenten Menschen sowie die Instrumentalisierung deren Leben in der Presse.

Ich war dank der zwei sich parallel entwickelnden Geschichten von vorn bis hinten gefesselt, mochte das Pacing richtig gern und behalte das Buch als eines ihrer besten in sehr guter Erinnerung!

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Ich fasse mich kurz: Lesen!

Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen
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Mareike Fallwickl gehört zu den Autor:innen, deren Werke ich immer sehr vertrauensvoll lese. Und sowieso mag ich die Reihe des Kjona-Verlags gern, in welcher verschiedenste Autor:innen kurze Texte an nachfolgende ...

Mareike Fallwickl gehört zu den Autor:innen, deren Werke ich immer sehr vertrauensvoll lese. Und sowieso mag ich die Reihe des Kjona-Verlags gern, in welcher verschiedenste Autor:innen kurze Texte an nachfolgende Generationen schreiben. Sie sind immer von einer ergreifenden Emotionalität und Hoffnung geprägt, obwohl sie nur etwa 70 Seiten umfassen.

Die Ausgabe von Fallwickl hat mir außerordentlich gut gefallen und einen sehr aktuellen Nerv getroffen. Sie richtet ihren Text zwar nicht direkt an eine nachfolgende Generation, sondern an die befreundete Regisseurin Jorinde Drüse, schafft es aber trotzdem, ihrer Hoffnung angesichts heranwachsender Menschen klar Ausdruck zu verleihen.

Die Autorin schreibt nahbar, emotional komplex und einfach unglaublich wohltuend, obwohl die Hintergründe so ernst sind. Vorrangig ist der Text ein Appell an den Feminismus - um wirklich das Patriarchat stürzen zu können, müssen Männer inkludiert werden. Dabei gelingt es ihr eindrücklich, den Druck zu benennen, der auf männlich sozialisierten Menschen liegt, sowie das damit einhergehende Leid, ohne jedoch eben diese Personen von ihrer Verantwortung freizusprechen. Feminist:innen dürfen Männer nicht ausschließen, aber ebenso darf es nicht an den Marginalisierten liegen, Wandel herbeizuführen - Männer müssen Männlichkeit selbst dekonstruieren und neu gestalten. Ein Grat, den ich selbst schwer zu treffen finde, weil ich oft so wütend auf cis Männer bin, ein ganzes Geschlecht aber auch nicht pauschalisieren möchte, zumal ich Geschlecht als Kategorie so gern dekonstruiert sähe.

Fallwickl mangelt es auch nicht an Wut und doch gehe ich aufgefangen aus der Lektüre heraus. Sie präsentiert uns eine Ambiguitätstoleranz, die ich oft vermisse und umso dringender suche. Sie appelliert und benennt klar, hat aber dennoch Raum für den Schmerz gerade junger Männer. Die Idee eines Feminismus des Miteinanders gefällt mir außerdem wirklich gut. Er ist, gerade als marginalisierte Person, aus vielerlei Gründen wahrscheinlich hart zu erkämpfen, aber ich stimme der Autorin klar zu insofern, dass das unsere beste Chance auf echte Veränderung ist: gemeinsam statt gegeneinander.

Eine wundervolle Autorin, deren Text mir gut getan und mich wütend gemacht hat, der aber zumindest ein wenig auch zu meiner Versöhnung mit cis Männern beitragen konnte. Lest es unbedingt als einen Impuls, der euch vielleicht fordern, aber bestimmt auch weiterbringen wird.

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Veröffentlicht am 11.04.2025

Leicht verständlich und eindringlich - absolute Pflichtlektüre!

Behindert und stolz
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Luisa L’Audace ist mir als Aktivistin bereits bekannt und ich durfte schon viel von ihr lernen. Daher war ihr Buch in vielen Bereichen eine Auffrischung bereits vorhandenen Wissens, ich konnte aber auch ...

Luisa L’Audace ist mir als Aktivistin bereits bekannt und ich durfte schon viel von ihr lernen. Daher war ihr Buch in vielen Bereichen eine Auffrischung bereits vorhandenen Wissens, ich konnte aber auch noch einmal neue Zusammenhänge verstehen.

Die Autorin hat einen tollen Schreibstil, der eindringlich und zugleich sehr verständlich ist. Gleichermaßen empfehlen kann ich außerdem das von ihr selbst hervorragend eingesprochene Hörbuch. L’Audace webt in grundlegendes Wissen rund um Ableismus immer wieder persönliche Geschichten ein, was den Text unglaublich nahbar macht. Manchmal hätte das Private für mich strukturell zwar noch klarer vom Faktischen abgegrenzt sein können, aber das hat mich insgesamt nicht nennenswert gestört.

Das Werk ist wirklich ein absolutes Muss, gerade weil es so wenig Sichtbarkeit für Ableismus und die unter ihm leidenden Menschen gibt. Es enttarnt die zugrundeliegenden Denkmuster und verflicht diese Diskriminierungsform mit anderen. So konnte ich noch einmal neu verstehen, wie stark immer auch Kapitalismuskritik mit Anti-Ableismus einhergehen muss. Denn das Denken, Menschen seien aufgrund unterschiedlicher Leistung unterschiedlich wertvoll, ist untrennbar mit dem kapitalistischen System verbunden. Besonders die geschichtlichen Hintergründe rund um Eugenik allgemein und die NS-Zeit ganz konkret haben mich extrem berührt - ebenso wie die Erinnerung an gegenwärtige Opfer ableistischer Gewalt.

„Behindert und stolz“ kann ich als Einstiegswerk gar nicht deutlich genug empfehlen. Es macht so betroffen wie wütend und schafft es, trotz aller Frustration noch kämpferisch zu bleiben. Alle nicht-behinderten Menschen sollten es lesen, aktiv gegen Barrieren sowie fehlende Teilhabe angehen und lernen, dass Behinderung ein willkürlich geschaffenes Konstrukt ist, das ebenso wieder abgeschafft werden kann (und muss).

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe

Heartsick
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Dieses Buch hat mein Leben verändert. Und das meine ich völlig ohne Übertreibung und Pathos. Es ist einfach ein unglaublich schlaues Werk, ein Zuhause für viele unliebsame Gefühle, ein Jahreshighlight, ...

Dieses Buch hat mein Leben verändert. Und das meine ich völlig ohne Übertreibung und Pathos. Es ist einfach ein unglaublich schlaues Werk, ein Zuhause für viele unliebsame Gefühle, ein Jahreshighlight, ein süchtigmachendes Buch.

Jessie Stephens erzählt anonymisiert die Geschichten von drei echten Menschen, ganz konkret deren Liebe, dem Verlust dieser Liebe und allem, was danach passiert. Ich mag Bücher, die in der Lage sind, Gefühle stehen zu lassen, ihnen Raum zu geben und nicht den Anspruch haben, irgendetwas heile zu machen.

Und genau das passiert in „Heartsick“ auch nicht. Es ist von vornherein völlig klar, wie die Geschichten der drei Menschen enden werden. Damit tut es beim Lesen auch schon von Anfang an weh, obwohl Vieles gut erscheint. Alle porträtierten Personen sind absolut spannend. Ana ist seit 25 Jahren in einer Ehe mit Kindern, liebt aber auch einen anderen Mann und gerät angesichts der zu fällenden Entscheidung in einen Strudel aus Aufregung, Lügen und vor allem Schmerz. Patrick hat seine erste Beziehung mit Caitlin und wir dürfen ihn bei all dem Schönen und Erschütternden begleiten. Claire trifft auf Meggie und was schön beginnt, bekommt irgendwann schlimme Risse.

Das Sachbuch, welches wie ein Roman geschrieben und damit schlicht rasant zu lesen ist, gibt einem Gefühl, das oft existenziell bedrohlich erscheint, einfach wertfrei Raum. Die Charaktere treffen manchmal fragwürdige Entscheidungen, doch das lässt schlicht Raum für die Komplexität menschlichen Lebens und Liebens. Der Schmerz, den ich beim Lesen empfunden habe, sorgt gleichzeitig für das heilsame Gefühl eines Miteinanders. Trauer aufgrund einer Trennung fühlt sich für die Betroffenen fundamental an - warum gibt es für sie gesellschaftlich aber so gar keinen Akzeptanzraum oder wenn, dann nur zeitlich begrenzt? Wieso haben wir keine Trauerrituale, die auch im Falle einer Trennung greifen?

Stephens versucht nicht, diese Fragen zu beantworten, sondern vielmehr Worte zu finden für etwas, das so oft in Einsamkeit verarbeitet oder gar verdrängt wird. Sie schreibt so nah, so respektvoll über diese Menschen, versucht sie nicht in eine Form zu pressen und verwehrt sich jeglichen Urteils. Durch diese Echtheit kann wahrscheinlich jede:r Leser:in etwas aus diesem Werk ziehen und das macht es auch so wertvoll. Ich habe mich besonders in einer Figur so sehr wiedergefunden, dass es mir physische Schmerzen bereitet hat. Gleichzeitig hat es mir aber auch geholfen, einen Teil meines eigenen Lebens noch einmal neu zu betrachten.

„Jede romantische Zurückweisung steht für ein ungelebtes Leben. Für einen Weg, der an einer Klippe endet. […] Ich habe den Eindruck, dass wir diesen Teil unserer Realität nicht ernst genug nehmen.“

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