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Veröffentlicht am 22.07.2025

Eines der besten und unterhaltsamsten Hörbücher!

Single Mom Supper Club
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Jacinta Nandi kannte ich zuvor nur von ihren kurzen Texten im Missy Magazine, die ich bereits sehr mochte. Und das Hörbuch zu „Single Mom Supper Club“ ist wirklich eines der besten, die ich je gehört habe! ...

Jacinta Nandi kannte ich zuvor nur von ihren kurzen Texten im Missy Magazine, die ich bereits sehr mochte. Und das Hörbuch zu „Single Mom Supper Club“ ist wirklich eines der besten, die ich je gehört habe! Britta Steffenhagen ist eine fantastische Sprecherin, die es wie kaum eine andere geschafft hat, den vielen Single Moms einen Charakter zu verleihen. Ihr Einsatz von Akzenten und Stimmvarianz ist schlicht bemerkenswert. Ich kann immer schwer einschätzen, ob mir das Buch beim Lesen genauso viel Freude bereitet hätte, aber das Hörbuch war ein absoluter Genuss!

Nandi hat hier eine episodenhafte Satire geschrieben, die einige Wahrheiten enthält - ohne diese aber je klar auszuformulieren. Die Perspektiven der kurzen Kapitel wechseln zwischen den verschiedenen Müttern, der grundlegende Ton bleibt aber vergleichbar. Die Autorin ist einfach witzig und das schlägt sich in ihren Figuren nieder. Die Frauen geraten über diverse Themen auf eine trockene, nüchterne und zugleich ernsthafte Art aneinander, die ich äußerst unterhaltsam finde.

Themen wie Rassismus, inklusive Sprache, AfD im Osten sowie Ostfeindlichkeit, Ungleichheit bei Care-Arbeit, das deutsche Steuersystem, Klassismus und natürlich Feminismus spielen eine Rolle. Manche Aussagen sind klar, aber meistens bleibt das endgültige Urteil den Lesenden vorbehalten. Einige Szenen darf mensch auch wirklich nicht so ernst nehmen (Ist ein bisschen Koks okay, wenn die Mutter gerade auf ihre Kinder aufpasst?), denn Nandi arbeitet oft mit einer extremen Überspitzung. Für mich war immer klar, wie ich die Szenen zu verstehen habe, sodass mich die skurrile Ernsthaftigkeit ihrer Figuren in diesen Situationen oft hat schallend lachen lassen.

Ich finde nicht, dass der Roman den Anspruch hat, besonders gesellschaftskritisch zu sein. Auf einige Dinge weist die Autorin mit ihrer ironischen Art auf jeden Fall hin, doch ich verstehe die Geschichte vor allem als äußerst unterhaltsame, kurzweilige Impulsgeberin. Und über so einige Dinge können wir schließlich nur noch lachen, weil wir sonst über sie weinen müssten. Große Empfehlung für diesen Roman und seine Autorin!

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Ein spannendes Gedankenspiel auf fantastische und emotionale Weise umgesetzt

Im Leben nebenan
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Anne Sauer bleibt nach diesem Romandebüt auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalte. Nicht nur schafft sie es, eine innovative Idee in Buchform zu bringen, sondern sie setzt diese dann auch noch ...

Anne Sauer bleibt nach diesem Romandebüt auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalte. Nicht nur schafft sie es, eine innovative Idee in Buchform zu bringen, sondern sie setzt diese dann auch noch mit so viel Fein- und Taktgefühl um, dass es mich emotional kaum losgelassen hat. An den richtigen Stellen ist der Text stilistisch besonders, ohne zu extravagant zu sein und damit von der Emotionalität der Handlung abzulenken.

Die Geschichte dreht sich um Antonia und Toni - erstere im Heimatdorf mit frisch geborenem Kind und verheiratet mit ihrer Jugendliebe, letztere in der Stadt ohne Kinder und in einer festen, unkomplizierten Beziehung mit einem anderen Mann. Nur… es handelt sich um die gleiche Person und Antonia wacht eines Tages als Mutter auf, obwohl sie gestern noch als Toni ein kinderloses (oder -freies?) Leben führte. Die beiden Perspektiven laufen immer wieder ineinander, scheinen sich manchmal sogar fast zu kreuzen. Zwei Perspektiven, die irgendwie eine sind und doch auch wieder nicht - Knotenpotenzial für den Kopf, aber ich fand es genial und intelligent umgesetzt.

Es ist sehr klar, dass es sich hier um Fiktion handelt und trotzdem habe ich bangend auf eine logische Auflösung gewartet - so gut kann die Autorin schreiben. Beide Versionen der Protagonistin sind vielschichtig. Antonia struggelt in verschiedener Hinsicht mit ihrer Mutterrolle, obwohl sie sich diese als Toni gewünscht hatte - hat sie doch jahrelang vergeblich versucht, schwanger zu werden. Anne Sauer webt wiederholt gesellschaftliche Elemente in die Geschichte ein und schafft es, Eltern und Nicht-Eltern nebeneinanderzustellen ohne in ein Werten oder gar Vergleichen zu verfallen. Deshalb können meiner Meinung nach alle Lesenden ungeachtet der eigenen Situation etwas aus dem Roman ziehen.

Mich haben beide Seiten der Geschichte restlos überzeugt. Am Ende geht es weniger um die Frage „Kinder - ja oder nein?“, sondern vielmehr um Lebensentscheidungen und dem Umgang mit ihnen im Allgemeinen. Mal schwermütig und verzweifelt, mal hoffnungsvoll und proaktiv gehen beide Versionen der Protagonistin durch eine bestimmte Phase ihres Lebens. Die beiden Partner haben mir als Nebenfiguren gut gefallen, da auch sie sich jeglicher Eindeutigkeit entziehen und eben einfach menschlich sind - mit nervigen und liebenswerten Seiten.

Das Ende ist kryptisch, aber mir ist fast die Kinnlade herabgefallen, so gut fand ich es! Ich habe auch wirklich ein paar Tränchen verdrückt, die gar nichts mit einem besonders konkreten Drama zu tun haben, sondern sich einfach mit der sanften Echtheit der Geschichte begründen lassen. Ein großartiges Debüt, mit dem die Autorin zeigt, wie viel Mitgefühl und Verständnis sie für verschiedene Lebensentwürfe aufbringen kann!

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Veröffentlicht am 26.05.2025

Eine Romance, in der Ernsthaftigkeit und Humor zusammenkommen

Just for the Summer
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Abby Jimenez schreibt ganz besondere Romance, die sich weniger durch Spice oder eine klassische Love Story kennzeichnet, sondern vielmehr durch Figuren mit ungewöhnlich vielschichtiger und durchaus auch ...

Abby Jimenez schreibt ganz besondere Romance, die sich weniger durch Spice oder eine klassische Love Story kennzeichnet, sondern vielmehr durch Figuren mit ungewöhnlich vielschichtiger und durchaus auch schwerer Vorgeschichte. Das Cover, welches zudem mit der üblichen Optik der Reihe bricht, halte ich für eine fragwürdige Entscheidung des Verlags und es wirkt auf mich ehrlicherweise auch ziemlich banal, was der Tiefe des Romans gar nicht gerecht wird.

Wie schon gewohnt gibt Jimenez ihren Figuren nämlich ein Profil voller Komplexität: schwere bis traumatische Kindheitserfahrungen, PTBS und andere Traumareaktionen, Herausforderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, Verantwortung für das eigene Leben. Und trotzdem sind die Protagonist*innen immer so freundlich, dass es mein Herz sehr berührt. Das Drama in Jimenez’ Romanen entsteht weniger durch die üblichen Missverständnisse und Fehlinterpretationen, sondern kommt vielmehr aus den Figuren, die mit der eigenen Prägung umzugehen versuchen. Dass das geht, ohne andere Menschen extrem zu verletzen, finde ich ehrlich gesagt erfrischend und wohltuend.

Spice spielt weniger eine Rolle, stattdessen habe ich Emma und Justin von Anfang an einfach gern begleitet. Die beiden haben eine unglaublich gute Chemie und ich mochte das gegenseitige Verständnis sowie ihren Humor so gern, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen. Die Verhalten beider Protas empfand ich stets als nachvollziehbar angesichts ihrer Vorgeschichten und aktueller Herausforderungen.

Gleichzeitig finde ich es einfach nur toll, dass auch hier wieder eine Freundinnenschaft so eine zentrale Rolle spielt. Emma wird nicht von Justin gerettet, stattdessen spielen ihre beste Freundin Maddy und Therapie eine wichtige Rolle. Generell existiert um die Hauptfiguren herum einfach noch ein Leben mit anderen Bezugspersonen, was die Geschichte für mich umso glaubhafter macht. Wie schon bei „Yours Truly“ ging es mir am Ende dann ein wenig zu schnell, aber insgesamt fand ich den letzten Teil der Reihe ganz toll und ich habe mich gefreut, einige bekannte Figuren des Universums wiederzusehen.

Klare Leseempfehlung für alle, die humorvolle Romance suchen, sich aber auch nicht vor Figuren scheuen, welche mit ihren eigenen Dämonen kämpfen. Ich lobe extrem, dass mentale Gesundheit bei Jimenez immer so viel Raum bekommt und finde es beeindruckend, wie sie aus dem Leben gegriffene Geschichten schreibt, die mitreißend sind ohne konstruiert dramatisch zu sein.

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Veröffentlicht am 23.05.2025

Ein ruhiger Generationsroman voller Tiefe und emotionaler Komplexität

Halbinsel
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Kristine Bilkau ist so eine Meisterin darin, ruhige Texte voll menschlicher Tiefe und Nahbarkeit zu schreiben, dass es mich nach „Nebenan“ nun schon zum zweiten Mal von den Socken gehauen hat.

Dieser ...

Kristine Bilkau ist so eine Meisterin darin, ruhige Texte voll menschlicher Tiefe und Nahbarkeit zu schreiben, dass es mich nach „Nebenan“ nun schon zum zweiten Mal von den Socken gehauen hat.

Dieser Roman ist eine Mutter-Tochter-Geschichte und so viel mehr. Er ist eine Erzählung über die Verantwortung älterer Generationen gegenüber den jüngeren und eine Ode an zwischenmenschlichen Respekt. Annett ist, als ihre Tochter Linn nach einem Zusammenbruch ihren Job kündigt und wieder zu ihr zieht, nicht nur mit ihren Erwartungen an Linn konfrontiert, sondern reflektiert dadurch ausgelöst auch über ihre eigenen Lebenswünsche. Dabei ist sie ausgesprochen authentisch, ohne je ihrer Tochter gegenüber abwertend zu sein. Im Endeffekt ist Annett (und damit offenbar auch Bilkau selbst) für mich wie ältere Generationen sein sollten: reflektiert und emotional zugänglich.

Schon vor der Lektüre habe ich Bilkau in einem Interview so respektvoll über junge Menschen und deren Herausforderungen in der heutigen Zeit sprechen hören, dass ich sie direkt ins Herz geschlossen habe. Und „Halbinsel“ unterstreicht ihre Einstellung noch einmal ganz deutlich. Es sollte natürlich keiner Komplimente bedürfen, wenn Menschen mit mehr Lebensjahren nicht überheblich auf jüngere Generationen gucken und dann auch noch ihre Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft anerkennen. Und doch ist das einfach nicht oft der Fall. Ich habe selten eine Autorin gelesen, die nicht nur gut über ihre eigene Generation, sondern auch so menschlich und greifbar über eine jüngere schreiben kann. Dadurch konnte ich mit beiden Figuren gleichermaßen mitfühlen und hatte keine Chance, in eine einseitige Solidarität zu verfallen.

Bilkaus Sprache ist präzise, leise und zart, mit einem Hauch Melancholie, aber nie verträumt. Mich zieht es immer wieder hinein in diese norddeutschen Geschichten, weil sie mich mit ihrer Tiefe begeistern, ohne zu sehr aufzuregen. Das kann dazu führen, dass manche die Handlung zu plätschernd finden. Als eine Person, die sich bei banalen Geschichten schnell langweilt, kann ich das überhaupt nicht bestätigen. Was an Drama „fehlt“, wird durch emotionale Komplexität dreimal wieder rausgeholt.

Ich kann meiner Begeisterung für diese Autorin unmöglich angemessene Worte verleihen. Ihre Erzählungen sind von einer solchen Prägnanz und Aktualität, dass sie mich niemals kalt lassen. Lest ihre Bücher, wenn ihr zwischenmenschliche Geschichten sucht, die besonders bei jüngeren Menschen wie eine Umarmung wirken können, weil die Autorin sich über ihre Erzählerin auch mit jungem Widerstand solidarisiert.
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„Wer kann mit Gewissheit sagen, dass die Älteren in der Überwindung von Krisen besser geschult sind als die Jüngeren? Wie krisenfest ist ein Erwachsener, der an einem beliebigen Morgen am Straßenrand steht und angesichts einer Gruppe von Menschen, die mit ihrem Protest andere Menschen am Weiterfahren hindern, einer jungen Frau gegen den Kopf tritt?“

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Ein unglaubliches Werk, das persönlich erfahren werden muss

In ihrem Haus
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Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber ...

Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber dieser ist einfach ein unglaubliches Werk, das völlig zu Recht für den Booker Prize nominiert war.

Zu Beginn dachte ich noch, das historische Setting um 1960 in den Niederlanden könnte mir zu langweilig sein - mehr hätte ich mich nicht täuschen können! Die Zeit ist meiner Meinung nach sehr akkurat abgebildet und mit der entsprechenden Sprache sowie Atmosphäre habe ich gerne mal meine Schwierigkeiten. Aber Yael van der Wouden hat mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich quasi mit angehaltenem Atem gelesen habe.

Isabel wirkte mir am Anfang noch etwas distanziert und das ist sie ja schließlich auch, so isoliert wie sie lebt. Beim Lesen in ihrem Kopf zu sitzen war nicht immer einfach, aber sie kann als Protagonistin die Geschichte wirklich außerordentlich gut tragen. Eva hingegen ist eine unglaublich vielschichtige Figur, die so viel mit sich herumzutragen scheint und sich stückchenweise für uns Lesende entschlüsselt, dass ich nur von ihr schwärmen kann. Und nicht nur die beiden Figuren selbst sind für mein Empfinden makellos geschrieben, auch die Beziehungsdynamik zwischen den zwei Frauen sucht ihresgleichen in der Literatur.

Dabei ist die queere Anziehung mit all ihren Herausforderungen der damaligen Zeit so greifbar und echt beschrieben, dass mein Herz ordentlich mitgelitten hat. Die absolute Ambivalenz der inneren Gefühlswelt hat mich wirklich alles andere als kalt gelassen. Und doch ist der Roman noch so viel mehr, was hier unmöglich spoilerfrei beschrieben werden kann. Deshalb sage ich an der Stelle nur so viel: Das Erbe dieser Nachkriegszeit verwebt Eva und Isabel auf eine Art, die für mich schlicht beispiellos ist.

Eine sanfte und gleichzeitig harte Geschichte, die den Grat entlang möglicher Versöhnung in verschiedener Hinsicht auszuloten versucht und dabei auf mündige Leser*innen angewiesen ist. Denn dieser Pageturner ist keine passive Lektüre, sondern zerrt an den eigenen Überzeugungen. Die Spannung ist subtil und überlädt die feinen Zwischentöne nicht, von der Auflösung war ich trotzdem im positiven Sinne überwältigt.

Eine Ausnahmeautorin, die ich auf jeden Fall weiterverfolgen werde und ein Buch, das ich als eines meiner Jahreshighlights gar nicht ausdrücklich genug empfehlen kann.

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