So feinfühlig wie eindringlich
sterben übenDie Schmerzen, der alte Körper, Sachertorte, Medikamente, Inkontinenz, Sauna.
Die Großma hat nicht geschlafen, in der Nacht, aber trotzdem die Fenster geputzt. Die Enkelin ist das Schatzilein und gerade ...
Die Schmerzen, der alte Körper, Sachertorte, Medikamente, Inkontinenz, Sauna.
Die Großma hat nicht geschlafen, in der Nacht, aber trotzdem die Fenster geputzt. Die Enkelin ist das Schatzilein und gerade zu Besuch. Sie sieht, wie die Großma gebeugt über dem Rollator steht. Die Beine sind angelaufen, dick geschwollene Gelenke und Waden mit Dellen. Die Venen schlingern sich über die weiße, schuppige Haut. Der Träger ihres Hemdchens ist heruntergerutscht. Schatzilein folgt der Großma in die Küche, packt die Einkaufstasche aus, räumt den Inhalt in die Schränke und schneidet die Zutaten für das Mittagessen.
Großma erzählt von ihrem ersten Mann, der mit zweiunddreißig an Nierenversagen starb. Da war Schatzileins Mutter gerade ein Jahr. Sie versteht sich nicht gut mit der Großma, immer herrscht eine Spannung zwischen den beiden. Danach kam Horsterle, ihr zweiter Mann, der hat sich um alles gekümmert. Sie berichtet über all die lieben Erlebnisse mit der Nachbarin von unten. Die ist jetzt in ein Heim gekommen, das ging nicht mehr allein in der Wohnung. Die hatte so ein schönes Pflegebett und die Großma überlegt jetzt, ob sie es den Kindern abkaufen soll. Lange hat sie ja nicht darin gelegen, es ist noch fast neu.
Die anderen Großeltern haben Schlafmittel genommen, wollten gemeinsam gehen. Die Großmutter konnte aber wiederbelebt werden und hat danach keinem mehr in die Augen geschaut. Schatzilein fragt sich, warum jemand die Pflege ablehnt.
Fazit: Katharina Feist-Merhaut hat sieben Jahre an ihrem Debüt geschrieben. Sie verfolgt das Altern ihrer Großmutter sehr gewissenhaft. Während sie sich zunehmend um die alternde Frau kümmert, seziert sie mit ihrer Hilfe alle Fragen rund um den letzten Gang. Sie macht sich Notizen und Sprachaufnahmen und sichtet alte Dias. Der Text, in Prosa geschrieben, liest sich teils wie ein Tagebuch, teils wie ein Einkaufszettel. Sie spricht auch über den zunehmenden Druck der Verantwortung, die auf ihr lastet, weil sie die einzige ist, die in direkter Nähe der Großmutter lebt. Wenn die Großmutter nicht ans Telefon geht, setzt Panik ein, alles muss stehen und liegen gelassen werden. Sie sprechen offen über die Möglichkeit, in ein Heim zu ziehen, das eine Rundumbetreuung gewährleisten würde. Doch der Großmutter wäre es lieber, die Enkelin würde das übernehmen. Die Autorin hat eine einnehmende, authentische Geschichte geschrieben, in der sie auch die intimen Segmente der Pflege umkreist und das nötige Vertrauen durchleuchtet. Ein eindringliches, feinfühliges Buch.