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Veröffentlicht am 03.07.2025

Eine Reise durch die Welt der Bücher - nicht ganz so persönlich wie erwartet

Einfach Literatur
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Die Beschreibung des Buches hat mich als Literatur- und Antiquariats-Begeisterte gleich angesprochen. Mich reizte der sehr persönlichen Ansatz eines Menschen, der sein Leben den Büchern gewidmet hat und ...

Die Beschreibung des Buches hat mich als Literatur- und Antiquariats-Begeisterte gleich angesprochen. Mich reizte der sehr persönlichen Ansatz eines Menschen, der sein Leben den Büchern gewidmet hat und sicher Empfehlungen geben würde, die über das Übliche hinausgehen würden (was, soviel nehme ich vorweg, leider nicht der Fall war).

Der Einband des Buches ist ansprechend, erinnert ein wenig an eine nostalgische Tapete, ist schlicht und dadurch stilvoll. Auch der Titel ist gelungen.

Die Einführung von Willbrands Co-Autorin Daria Razumovych paßt hervorragend zu der persönlichen Perspektive und stellt den passionierten Antiquar und Leser Klaus Willbrand auf warmherzige, bildhafte Weise vor. Ich kannte ihn bisher nicht und las mit Genuss von der Freundschaft der beiden, das verbindende Element Buch und einer Art des Influencings, die sogar ich hervorragend finde. Eine ungewöhnliche, anrührende Geschichte, von Razumovych in angenehmem Stil verfasst.

Der Einführung folgt eine Mischung aus Willbrands Lebensgeschichte und seinen Leseempfehlungen. Die Lebensgeschichte ist in einem gut lesbaren Plauderton gehalten, man fühlt sich, als ob man sie in einem gemütlichen Gespräch erzählt bekommt. Das hat mir gefallen, auch die Erlebnisse selbst waren interessant. Davon hätten es ruhig noch mehr sein können – allerdings ist der Autor bedauerlicherweise während der Arbeit am Buch gestorben, vielleicht ist das eine Auswirkung davon.

Die Buchempfehlungen waren für mich leider eine gemischte Erfahrung. Zunächst einmal gehen sie nur in ganz seltenen Fällen über das hinaus, was man in so ziemlich jeder „Diese Bücher sollte man gelesen haben“-Auflistung findet. Ich hatte mir wesentlich mehr Originalität erwartet (und leider ist auch hier Walter Kempowski, einer der wichtigsten Roman-Chronisten des 20. Jahrhunderts, komplett ignoriert worden). Die Auswahl ist leider ziemlich einfallslos und ich habe hier so gut wie nichts Neues erfahren.

Auch inhaltlich überzeugten mich viele der Empfehlungen nicht. Ein stilistisches Ärgernis sind die Gendersternchen. Ganz abgesehen von der Leseunfreundlichkeit und der künstlichen, unschönen Wirkung auf die Sprache sowie der Tatsache, daß ein Großteil der Bevölkerung diese Konstruktion ablehnt, paßt es einfach nicht zu einem über 80jährigen Herrn. Ich habe mir extra einige der Videos angesehen, um herauszufinden, ob Klaus Willbrand vielleicht ungewöhnlicherweise ein passionierter Gendersternchenbenutzer war – nein, in den Videos spricht er ganz normal. Und so wirkt diese sprachliche Verballhornung außerdem oktroyiert oder zumindest unauthentisch.

Eine inhaltliche Enttäuschung war für mich die Formulierung vieler der Empfehlungen. Anstatt der ganz persönlichen Eindrücke Willbrands, einiger Anekdoten, seinem eigenen Blick gibt es in den meisten der Empfehlungen trockene Texte, die an Wikipedia erinnern. Lebensdaten, ein wenig Biographisches und Zusammenfassungen der wesentlichen Werke des jeweiligen Autors, so liest sich das meistens – und enttäuscht damit. Dann gibt es vereinzelt geradezu lieblos wirkende Texte, wie die gerade mal halbe Seite über Gabriele Wohmann – Zeilen, in denen absolut nichts auf diese Autorin neugierig macht oder dem Thema „Eine Einladung“ entspricht, denn da ist nichts Einladendes. Es war auch einer der Einträge, bei denen ich mich fragte, was Willbrand dazu bewogen hat, diese Empfehlung ins Buch aufzunehmen – oft hatte ich nämlich das Gefühl, der übliche Kanon würde einfach abgearbeitet, und genau das wollte dieses Buch doch nicht tun. Eine ausgezeichnete Idee war es dagegen, mit Fettdruck einige Zitate Willbrands über die jeweiligen Autoren hervorzuheben, das bot etwas von der persönlichen Note und fasste Autor und Werk treffend zusammen.

Neben diesen Texten gab es aber auch ganz herrliche Empfehlungen, die all das hatten, was ich mir eigentlich allgemein erwartet hatte. Der Eintrag über Proust ist z.B. so persönlich, so liebevoll und anerkennend, hat eigene Erlebnisse, daß es eine Freude war, diesen zu lesen. Auch z.B. im Eintrag über Joyce blitzt so viel Persönliches durch. Schade, daß diese passionierten, lebensnahen Empfehlungen in der Minderzahl sind, denn genau das wäre doch eigentlich die Trumpfkarte dieses Buches gewesen.

Das Buch endete mit einem erneut sehr persönlichen Nachwort Razumovychs, deren Schreibstil wieder zu erfreuen weiß. Man merkt die Zuneigung zu Willbrand und man erkennt, was für ein gutes Team die beiden waren. Die im persönlicheren Stil verfassten Beiträge Willbrands und allgemein der nahbare Stil Razumovychs lesen sich wundervoll und ich glaube, sie hätten noch viel bewirken können. So haben wir aber nun diesen Einblick, der zwar leider nicht in seiner Gesamtheit die erwartete persönliche Note hat, der aber dort, wo diese vorhanden ist, richtig Freude bereitet.

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Geschichte eines interessanten Lebens mit etwas viel Drumherum

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Henning Sussebach beschreibt in diesem Buch ein äußerst interessantes Projekt und berührt Fragen, die wohl jeden, der die eigenen Vorfahren recherchiert, beschäftigen. Oft hat man nur Namen, Daten, vielleicht ...

Henning Sussebach beschreibt in diesem Buch ein äußerst interessantes Projekt und berührt Fragen, die wohl jeden, der die eigenen Vorfahren recherchiert, beschäftigen. Oft hat man nur Namen, Daten, vielleicht ein paar Anekdoten und Erinnerungsstücke, und anhand dessen versucht man, sich Leben und Persönlichkeit eines Menschen vorzustellen, der schon lange tot ist. Der Autor beschreibt die Schwierigkeiten, die damit einhergehen, ehrlich und gut, manchmal etwas zu pathetisch und ausführlich. Er verfügt über wenige Informationen und es ist einerseits beeindruckend, was er durch weitere Recherche oder genaue Betrachtung herausfindet. Andererseits neigt er zur Überinterpretation, oder, wie er selbst schreibt, zum Überdeuten. Bei seiner anfänglichen Beschreibung von Annas Leben als Lehrerin schüttelte ich oft mit den Kopf und fragte mich, wie er zu dieser Interpretation kommt – später erklärt er mehrfach, Anna seine Interpretation oft zu stark übergestülpt zu haben.
Auch stellt er sich zahlreiche Fragen, sinniert häufig und leider auch wiederholend, was die Lektüre zumindest für mich anstrengend und oft ziellos machte.
Es handelt sich um einen Bericht, sowohl über Annas Leben wie auch über die Annäherung ihres Urgroßenkels an ebendieses Leben, den Versuch, aus Fakten die Person Anna zu rekonstruieren. Sussebach bedient sich hier einer Mischung verschiedener Informationsquellen, was mir ausgezeichnet gefallen hat. Es finden sich alte Fotos, vereinzelte Anekdoten, zitierte Korrespondenz, Hintergrundfakten über Annas Wohnorte, historische Informationen, Einblicke in die damalige Gesetzeslage, in Arbeitsbedingungen. So verwebt der Autor das persönliche Schicksal Annas mit der Welt ihrer Zeit und macht diese persönliche Reise auch zu einem Buch über die Entwicklungen des heutigen Deutschlands zwischen 1870 und 1932.
Das ist von der Idee her ausgezeichnet, von der Umsetzung sagte es mir nur teilweise zu. Das liegt überwiegend daran, daß die Geschichtsausführungen zu viel Platz einnehmen (und das sage ich als geschichtlich äußerst interessierte Person). Insgesamt 22 Seiten (also mehr als 10 % des Buches) bestehen aus einer Aufzählung von Jahreszahlen und Geschehnissen. An sich eine gute Idee, aber oft nehmen diese Aufzählungen eine ganze Seite (auch mal zwei Seiten) am Stück ein – derart lange Aufzählungsabschnitte sind nicht lesefreundlich. Hinzu kommen weitere, für den Rahmen zu ausführliche Abhandlungen. Die meisten diese Fakten sind geschichtlich einigermaßen informierten Menschen zudem bereits bekannt. Ich las mich in diesen Geschichtsausführungen seitenweise durch Dinge, die ich schon längst wußte. Interessant fand ich in dieser Hinsicht nur die Informationen aus der Dorfchronik. Es wäre m.E. wesentlich sinnvoller gewesen, sich auf die Hintergrundinformationen zu beschränken, die für Annas Leben relevant waren. Wann z.B. Tutanchamuns Grab entdeckt wurde oder wann van Gogh umzog ist im Zusammenhang des Buches weder interessant noch relevant.
Auch sonst neigt der Autor dazu, von allem etwas zu viel zu schreiben. So gibt es Auszüge aus Schulbüchern jener Zeit, in der Anna als Lehrerin arbeitete. Auch hier: tolle Idee, durchaus relevant, aber müssen es fast fünf Seiten davon sein?
Annas Urlaub in Salzuflen wird auf acht Seiten beschrieben, von denen sechs Seiten aus Zitaten aus Werbeprospekten, Veranstaltungshinweisen, Beschreibungen von Kuranwendungen u.ä. bestehen. Ich kann verstehen, daß der Autor versucht, die Umgebung, die Situationen, in denen er seine Urgroßmutter wußte, gedanklich heraufbeschwören, sich ein Bild schaffen möchte. Nur waren es für meinen Geschmack wesentlich zu viele allgemeine Informationen, versehen mit vagen Fragen und Überlegungen, was davon Anna wohl gesehen oder erlebt hat.
Das Buch ist da am besten, wo es sich Anna ohne großes Drumherum widmet, die Informationen betrachtet, die relevanten Hintergründe schildert. Annas Leben ist interessant und facettenreich. Es wäre nicht nötig gewesen, die vorliegenden Fakten durch endlose Fragen, erdachte Situationen und viel zu umfangreiche Hintergrundinformationen aufzupolstern. Seltsamerweise wird der Autor, der sonst gerne drei Sätze schreibt, wo einer ausgereicht hätte, an einer wichtigen Stelle wortkarg – Anna und Clemens Vogelheim möchten heiraten, der soziale Unterschied ist für Clemens‘ Familie nicht akzeptabel und so: „Also legen die Vogelheims ihr Veto ein.“ Hier hätte mich brennend interessiert, in welcher Form das geschah und woher der Autor diese Information hat. Aber er, der sonst vorbildlich erklärt, wie er zu seinen Informationen kommt, belässt es bei diesem Satz, der viele Fragen offenlässt.
Dafür sinniert er an späterer Stelle eine ganze Seite lang darüber, wie lang zwölf Jahre sind, mit einer Fülle an Beispielen, was in der Weltgeschichte alles schon zwölf Jahre lang gedauert hat. Das ist anfänglich eine gute Idee, aber wo zwei Beispiele gereicht hätten, stehen hier unzählige und schwächen dadurch den Vergleich. Das ist symptomatisch für das Buch.
Anstatt sich auf die vielversprechende und spannende Geschichte zu beschränken, gießt der Autor wesentlich zu viel Drumherum dazu. Annas Leben und Leistung steht für sich, es wäre nicht nötig gewesen, einen krampfhaften Bezug zur Frauenbewegung herzustellen. Es wäre nicht nötig gewesen, unzählige Ereignisse aufzuzählen, die mit Annas Leben nichts zu tun haben.
Sein Hinweis, daß man die Lebenswege früherer Zeiten nicht mit den Maßstäben der Gegenwart betrachten darf, ist wichtig. Es hätte aber gereicht, dies einmal dazulegen, nicht mehrere Male und nicht verbrämt mit allerlei philosophischen Gedanken.
Weniger Überinterpretation hätte den Lesern ermöglicht, sich ein eigenes Bild zu machen. Weniger Fragen und Wunschvorstellungen hätten das Wesentliche klarer für sich stehen lassen. Es ist ein äußerst persönliches Buch – das ist einerseits ehrlich und erfreulich, aber für mich, die ich etwas über Anna erfahren wollte, lenkte dies den Fokus von ihr weg und zu Sussebach hin.
Die Umsetzung hat mir also nur eingeschränkt zugesagt. Die Idee fand ich allerdings hervorragend und vieles, was der Autor berichtet, ist äußerst interessant, auch finde ich seine Recherche beeindruckend (zum Vorgehen hätten mich einige Seiten, vielleicht als Anhang, interessiert). Es hat Spaß gemacht, Anna kennenzulernen, sie hat mich beeindruckt, ihre Lebensumstände sind durch die Hintergrundinformationen gut in ihre Zeit eingebettet. Das Vorhaben, Anna dem Vergessen zu entreißen, ist m.E. absolut geglückt.

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Die Tänzerin lernte ich kennen, den Menschen dahinter nicht

Der ewige Tanz
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Einen Roman über jemanden zu schreiben, dessen Leben wirklich der reinste Roman war, ist eine ausgezeichnete Idee und so war ich sehr gespannt, wie Steffen Schroeder die schillernde Anita Berber erfassen, ...

Einen Roman über jemanden zu schreiben, dessen Leben wirklich der reinste Roman war, ist eine ausgezeichnete Idee und so war ich sehr gespannt, wie Steffen Schroeder die schillernde Anita Berber erfassen, darstellen würde. Ich wußte bis dahin über sie und ihr Leben einige Dinge, über sie als Mensch aber noch recht wenig. Um es vorab zu sagen: ich habe durch dieses Buch viel über sie erfahren, der Mensch Anita Berber blieb mir leider trotzdem fremd.
Das liegt zu einem Großteil an der distanzierten Erzählweise. Steffen Schroeder schreibt einen an sich guten, sehr eigenen Stil und mir gefiel diese Individualität seines Schreibens. Dazu kommen zahlreiche gekonnte Formulierungen, an denen ich viel Freude hatte. Auch die Atmosphäre der Zeit erweckt der Autor gelungen zum Leben. Mit vielen Details schafft er die Welt, in der Anita Berber sich bewegte, die Leser machen praktisch mit ihr einen Streifzug durch das Nachtleben Berlins und Wiens, durch drogengeschwängerte Feste, betrunkene Auseinandersetzungen, desillusionierte Morgenstunden in diversen Hotelzimmern. Ich konnte in das Buch richtig eintauchen.
Was der Autor bei der Atmosphäre so meisterhaft beherrscht, konnte oder wollte er beim Charakteraufbau leider nicht leisten. Neue Charaktere werden plötzlich in die Geschichte hineingeworfen, irgendwann taucht ein neuer Name auf und man fragt sich, wer das sein soll. Manchmal gibt es einige Erklärungen und manchmal eben nicht. So bleiben die Charaktere oft bloße Namen, manchmal lernt man sie ein wenig kennen, aber während die Handlungsorte sich so eindrucksvoll entfalten, wabern die Charaktere größtenteils konturlos durch die Geschichte. Auch Anitas Familie bleibt blass, was sehr enttäuschend ist. Die innige Beziehung zu ihrer Großmutter klingt ein wenig durch, die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, die so viel erzählerisches Potential geboten hätte, wird nur gelegentlich angedeutet. Auch die Beziehungen zu ihren Ehemännern werden höchstens angerissen. Man erfährt seitenlang, wie Anita Berber sich schminkt und welche Tanzschritte sie in welcher Formation verwendet, aber ihre Beziehungen zu den Menschen in ihrem Leben, die doch den Menschen Anita geformt haben und ausmachen, bekommen in diesem Theater ihres Lebens Plätze in der hinteren Reihe. Das liegt unter anderem auch an dem oft berichtsartigen Schreibstil, der nur wenige Dialoge verwendet und uns Gespräche oft erzählt, anstatt uns an ihnen teilhaben zu lassen. Es fehlt zu oft die Unmittelbarkeit.
Im Gegensatz dazu steht dann hingebungsvolles Infodumping, ein Aspekt, der mich an diesem ansonsten guten Buch geärgert hat. Unablässig läßt Schroeder seine Charaktere Vorträge halten, deren Inhalt mit der Handlung höchstens marginal zu tun hat und meistens komplett entbehrlich ist. Selbst bei den für die Geschichte notwendigen Fakten ist es leider eine sehr plumpe Art, diese so in die Geschichte einzubauen. Im Buch erfahren wir also nun seitenweise etwas über Schmetterlinge, über technische Aspekte von Ton- und Stummfilm, über Heiligenfiguren, Schminktechniken, Bauweisen von Filmstudios, eine stereotype Showhypnose und vieles mehr. Vieles ist komplett unnötig, anderes hätte sich wesentlich eleganter einflechten lassen. Auch einige bekannte Zeitgenossen Anitas werden etwas plump zum Gesprächsthema gemacht, nur um sie mal erwähnt zu haben, überhaupt sind viele Dialoge keine echten Dialoge, sondern Infodumping. Wenn diese Detailfreude und dieser Aufwand stattdessen in die Charakterentwicklung gegangen wäre, hätte das Buch m.E. sehr gewonnen.
Insgesamt aber ist das Buch lesenswert. Der Stil ist zugleich gekonnt und leicht lesbar, es gab abgesehen von den Infodumping-Passagen keinen Moment, in dem ich mich gelangweilt habe. Es wird episodisch erzählt, was gerade am Anfang dazu führte, dass ich mir einige verbindende Informationen gewünscht habe, aber letztlich erfährt man alles Wichtige über Berbers Leben und merkt in jedem Satz die sorgfältige Recherche. Die Szenen ihres langsamen Dahinsiechens, welche immer wieder eingestreut sind, haben etwas leise Sensibles, etwas Anrührendes. Hier sieht man auch wieder Schroeders Talent für das Atmosphärische – man erlebt im Buch so viele verschiedene Stimmungen mit und spürt sie beim Lesen ganz hervorragend. Diesen eigenen, gekonnten Schreibstil des Autors kann ich nur noch einmal erfreut hervorheben und er hat einige der Punkte wettgemacht, die mir nicht zugesagt haben. Eine überwiegend erfreuliche Leseerfahrung mit hohem Informationsgehalt und interessanter Sprache.

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Veröffentlicht am 19.10.2024

Zuerst etwas ziellos, dann sehr berührend

Die Abende in der Buchhandlung Morisaki
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Dieses Buch bezaubert schon durch den wundervoll gestalteten Einband, dessen Motiv Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlt. Auch haptisch überzeugt der feste, wertige Einband. Der Ort der Handlung, die Buchhandlung ...

Dieses Buch bezaubert schon durch den wundervoll gestalteten Einband, dessen Motiv Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlt. Auch haptisch überzeugt der feste, wertige Einband. Der Ort der Handlung, die Buchhandlung Morisaki, ist ein uraltes Antiquariat im Stadtteil Jinbocho der Stadt Tokio. Ich hatte vorher noch nie von diesem Stadtteil gehört und fand es ganz faszinierend, diesen nun kennenzulernen. Schon allein dafür hat sich die Lektüre gelohnt. Die Atmosphäre von Laden und Viertel wird gut eingefangen – wahrscheinlich kennt jeder buchaffine Mensch diese besondere Stimmung, die von alten Antiquariaten ausgeht.

Ich habe den Vorgängerband nicht gelesen, dies schadete aber zum Glück nicht, denn dort, wo auf vorherige Geschehnisse Bezug genommen wird, gibt es entsprechende Erklärungen, so daß man auch als Neueinsteiger die relevanten Zusammenhänge versteht. Das ist gut gemacht. Allerdings sind einem die Charaktere nicht so vertraut und sie werden verständlicherweise nicht so ausführlich eingeführt, wie es wahrscheinlich im ersten Band der Fall ist. So brauchte ich eine Weile, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war – dies ist aber kein Manko des Buches. Die Handlung wirkt allerdings anfangs noch etwas unschlüssig und konnte mich länger nicht fesseln. Es wird viel Belangloses geschildert. Eine Episode, in der die Protagonistin zwei Freunden Schützenhilfe beim Zueinanderfinden leistet, fand ich wenig überzeugend und auch die Beziehung der Protagonistin selbst bleibt blass und uninteressant, ihr Freund ist durchweg farblos. Ich habe mich in der ersten Hälfte oft gefragt, was der Autor eigentlich erreichen, sagen möchte. Auch die Liebe zu Büchern und zum Lesen kam nicht so durch, wie ich anhand des Klappentexts und Themas erwartet hatte.

Auch der Schreibstil überzeugte mich nicht richtig. Er ist schlicht und die Dialoge wirken oft unnatürlich. Wenn man beim Lesen dauernd denkt: „Kein Mensch würde so reden!“, dann spricht das nicht für ein Buch. Allerdings gibt es auch einige wirklich sehr schöne Sätze, und zum Ende hin werden die Dialoge natürlicher. Erfreulich ist, daß das Buch leicht lesbar ist, es eignet sich gut als entspannende Schmökerlektüre.

Im letzten Drittel wurde das Buch dann wesentlich besser und zog mich in seinen Bann. Nun gab es eine wirkliche Handlung, gewannen die Charaktere der Protagonistin, ihrer Tante und ihres Onkels richtig Kontur. Wie erwähnt wurden die Dialoge natürlicher und auch die Emotionen wirkten nachvollziehbarer und authentischer. Es schien fast, als ob der Autor sich da erst wirklich in Form geschrieben hätte. Das erste Drittel hatte einen gewissen Reiz des Neuen, das zweite Drittel ließ mich oft mit einem „Was soll das?“-Schulterzucken zurück und das letzte Drittel ließ mich wünschen, das ganze Buch wäre so gewesen. Hier wird die Geschichte berührend, die Beziehungen zueinander sind nicht wie vorher mit dem Holzhammer geschildert, sondern ganz fein, nuanciert und enorm wirkungsvoll. Die ganze Klaviatur der Emotionen wird meisterhaft gespielt und ja, hier spürte man es dann: die Macht der Worte, der Literatur, der Emotionen und des Zusammenhaltens.

Es ist also in mehrerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Buch, das sich zu entdecken lohnt und das seine ganze Schönheit und Kraft zum Ende hin entfaltet.

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Veröffentlicht am 25.09.2024

Ungewöhnliche, originelle Geschichte, Erzählweise nicht ganz überzeugend

Sing, wilder Vogel, sing
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Die Geschichte hat durch den gelungenen, farbigen Einstieg gleich mein Interesse geweckt – die Protagonistin Honora arbeitet in einem Bordell im amerikanischen Westen und trägt offensichtlich eine schwere ...

Die Geschichte hat durch den gelungenen, farbigen Einstieg gleich mein Interesse geweckt – die Protagonistin Honora arbeitet in einem Bordell im amerikanischen Westen und trägt offensichtlich eine schwere innere Last auf den Schultern. Das macht neugierig und war lebhaft beschrieben. Nach diesem Einstieg reisen wir erst einmal zurück in der Zeit und erfahren, wie Honora an diesen Punkt gekommen ist. Wir begleiten sie ins Irland des Jahres 1849, mitten in die große Hungersnot. Das Geschehen ist sehr eindringlich beschrieben, auch wenn hier und da ein paar Hintergrundinformationen gefehlt haben (welche dem irischen Lesepublikum sicher bekannt sind). Die historische Situation ist gut recherchiert und in die Geschichte verwoben.

Die Charaktere sind allerdings abgesehen von Honora selbst nicht sonderlich gut ausgearbeitet, auch die Beziehungen fand ich manchmal nicht ganz nachvollziehbar. Besonders irritierte mich das, als Honora in einem Fall selbst ausführlich darüber nachdenkt, dass eine andere Person eine habituelle Lügnerin ist und man ihr nicht vertrauen kann, sie genau dieser Person dann aber in einer wichtigen Situation vertraut – ab da wurde die Geschichte dann sehr konstruiert.

Auch fand ich die Erzählweise oft seltsam distanziert – Honora passieren sehr viele schreckliche Dinge (irgendwann war es mir zu viel), aber das Geschehen erreichte mich emotional nicht. Auch werden relevante Passagen oft einfach übersprungen. Ein Beispiel dafür ist Honoras unfreiwillige Arbeit im Bordell – wir erfahren, daß sie dort arbeiten muß und dann gibt es einen Zeitsprung (dessen Länge wir nicht erfahren, überhaupt sind Zeitangaben leider zu vage gehalten) und viele Fragen bleiben offen: wie sie die anfängliche Zeit dort bewältigt hat, wie das für sie war, etc. So ist es immer, wenn sie in neue Situationen kommt – die Anfangszeit wird jedes Mal übersprungen, was wichtige Bestandteile der Geschichte unterschlug und dem Geschehen die Unmittelbarkeit nahm, weil das Geschehene dann nur kurz zusammengefasst wird.

Der Schreibstil liest sich gut und leicht. Es gibt viele farbige, gelungene Beschreibungen und es wurde – entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen – nicht zu blumig oder poetisch. Bei den Dialogen war mir die Sprache oft zu modern, so daß ich mir manchmal in Erinnerung rufen mußte, daß die Geschichte im 19. Jahrhundert spielt.

Die Geschichte an sich ist erfreulich ungewöhnlich und hebt sich vom Einerlei historischer Romane ab, auch wird die Situation der Iren sowohl in ihrem Heimatland, wie auch auf der Überfahrt nach Amerika und vor Ort gut dargestellt. Manches war zu langatmig geschildert, was in Verbindung mit dem bereits erwähnten Überspringen wichtiger Phasen eine ungünstige Gewichtung darstellt.

Zum Ende hin verlor mich die Geschichte zunehmend. Ich fand sie immer weniger plausibel, gerade weil die Beziehungen unter den Charakteren oft nicht nachvollziehbar sind. Vieles entwickelt sich aus dem Nichts und die Geschichte bekommt etwas zunehmend Konstruiertes.

So hat mich dieses Buch in der ersten Hälfte noch richtig in seinen Bann gezogen, mich dann aber in der zweiten Hälfte wesentlich weniger überzeugt. Hier hätte man bei besserer handwerklicher Umsetzung eine wesentliche überzeugendere Geschichte schaffen können.

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