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Madamebiscuit15

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.03.2025

Berührend, authentisch und lesenswert

Zehn Bilder einer Liebe
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Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen und merkt ganz schnell, wie fast jeder Satz in einem nachhallt. Wie die Gedanken und Aussagen der Figuren ein Sich-Wiedererkennen in einem selbst bewirken und dann ...

Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen und merkt ganz schnell, wie fast jeder Satz in einem nachhallt. Wie die Gedanken und Aussagen der Figuren ein Sich-Wiedererkennen in einem selbst bewirken und dann weiß man „das hier wird richtig gut“. So ging es mir mit diesem Buch.
Die Geschichte von Luisa und David ist frei von Pathos und Glitzer, es ist eine unprätentiöse und unheimlich ehrliche Liebesgeschichte. Und genau daraus resultiert ihre besondere Kraft. Hannes Köhler erzählt dabei zehn Episoden aus ihrer gemeinsamen Zeit und lässt immer beide Charaktere zu Wort kommen. So sind wir bei ihrem ersten Kennenlernen auf Milos dabei, oder auch als David einen schweren Schicksalsschlag verkraften muss. Wir lernen sie in ihren glücklichen Momenten kennen und sind ihnen auch bei ihren Zweifeln und Diskussionen ganz nah. Gerade durch den Perspektivwechsel konnte ich beide Personen gleichermaßen verstehen und sehr gut mit ihnen fühlen.
Einen besonderen Schwerpunkt des Romans stellt dabei das Thema Kinderwunsch und Vaterschaft gerade aus Davids Position dar. Luisa bringt in die gemeinsame Beziehung ihre Tochter Ronya mit und David wächst ganz wunderbar in seine neue Rolle als Bonuspapa hinein. Dabei zeigt der Autor hier besonders einfühlsam auf, wie emotional herausfordernd diese Situation für den nicht leiblichen Elternteil sein kann und welches Gefühlschaos es immer wieder auslöst. Auch der Wunsch nach einem weiteren, gemeinsamen Kind ist berührend und klug geschrieben. Ob er sich am Ende erfüllt, verrate ich an dieser Stelle allerdings nicht, denn dafür wünsche ich mir viel zu sehr, dass Ihr das Buch selbst lest. Denn von mir gibt es einen uneingeschränkte Leseempfehlung.
Für mich war es eine ganz besondere Geschichte, in die ich mich mühelos einfühlen konnte und die mich mit warmen Emotionen zurückließ. Nur zu gerne wäre ich mit diesem Paar befreundet.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Starke Frauenfigur der griechischen Sagenwelt

Ich bin Circe
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Circe, die Tochter des Sonnengott Helios und der Nymphe Perse, ist nicht wie die anderen Göttinnen. Sie fühlt sich den Menschen nahe und bringt dadurch ihre Familie gegen sich auf. Was folgt ist ihre Verbannung ...

Circe, die Tochter des Sonnengott Helios und der Nymphe Perse, ist nicht wie die anderen Göttinnen. Sie fühlt sich den Menschen nahe und bringt dadurch ihre Familie gegen sich auf. Was folgt ist ihre Verbannung auf eine einsame Insel und am Ende steht ihr eine endgültige Entscheidung bevor.
 
„Viele Redensarten beschreiben Frauen als zarte Geschöpfe, als fragile Blüten, rohe Eier, alles, was womöglich schon bei der kleinsten Unachtsamkeit zerbricht. Wenn ich daran jemals geglaubt hatte, war es damit jetzt vorbei.“ S. 410
 
Was für eine Frau!!! Circe hat mich ab der ersten Seite in ihren Bann gezogen und ich bin durch ihre Geschichte geflogen. Den besonderen Reiz, neben der Hauptfigur, hat dabei der andere Blickwinkel für mich aus gemacht. Ich habe vor Jahren bereits die griechischen Sagen und die Geschichte über Odysseus gelesen. Diese jetzt noch einmal aus der Sicht von Circe zu lesen, hat den Blick darauf so viel weiter gemacht. Zusammenhänge wurden in ein anderes Licht gerückt, bekamen eine weitere Erklärung oder eine völlige Neuinterpretation. Absolut gelungen.

Und zum anderen war es eben Circe selbst. Eine Sagenfigur, die bereits mehrere tausend Jahre auf dem Buckel hat und gleichzeitig vollkommen aktuell und modern in den Ansichten, Gedankengängen und ihren Handlungen dargestellt wird, bereitete mir ein großes Lesevergnügen.

Sie muss sich dabei mit den gleichen Herausforderungen und Themen auseinandersetzen, wie wir Frauen in der heutigen Zeit. Gerade ihre Rolle als Mutter und die damit einhergehende Zerrissenheit war so nachvollziehbar beschrieben, dass eine Identifikation mit Circe unumgänglich scheint. Ebenso gelingt das bezüglich des Lebens innerhalb eines Patriarchats. Sie ist eine sehr starke Figur, die clever, empathisch und zielorientiert handelt. Gleichzeitig kann sie aber auch unerbittlich sein, macht Fehler und kämpft für ihre Überzeugungen.
 
Wenn Ihr also Lust auf einen packenden Roman mit einer großartigen Frauenfigur habt, dann greift zu.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Starke Dystopie, die nachdenklich stimmt

Niemannswelt – Als ich mich verlor, habe ich dich gefunden
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Ist es utopisch sich eine Welt vorzustellen, in der Frauen die Macht haben?
Wie würde sie aussehen, wie würden Frauen die Geschicke der Welt lenken und wie wäre die Rolle der Männer darin?

Carina Bartsch ...

Ist es utopisch sich eine Welt vorzustellen, in der Frauen die Macht haben?
Wie würde sie aussehen, wie würden Frauen die Geschicke der Welt lenken und wie wäre die Rolle der Männer darin?

Carina Bartsch hat diese Überlegungen in ihrem Roman Wirklichkeit werden lassen. Er spielt in den Jahren 2196/2197 in Alaska. Nach einer verheerenden Katastrophe im Jahr 2045, die fast die gesamte Weltbevölkerung ausgelöscht hatte, sind nun die Frauen an der Macht und die Männer dienen nur noch der Fortpflanzung. Um dabei ein gewaltfreies Miteinander gewährleisten zu können, leben Männer nur noch eingesperrt und überwacht in Laboren.
Nur die Mitarbeiterinnen dieser Einrichtungen sehen Männer in live, alle anderen Frauen dieser Welt haben noch nie einen Mann zu Gesicht bekommen.

So geht es auch Zoe, Dozentin im Fach „Männliche Psychologie“, die im Labor einen Zweitjob annimmt. Dort begegnet sie Flynn, ihrem Forschungsobjekt.

„Männer besaßen keine Familie, daher hatten sie folglich auch keinen Nachnamen. Ihr Leben hatte keinen individuellen Wert, sie waren […] reine Forschungsobjekte.“ S. 116

Die Autorin hat hier eine wirklich spannende und faszinierende Geschichte geschrieben. Dabei ist es für mich nicht nur die Handlung, die mich in ihren Bann gezogen hat, sondern vor allem die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Zoe und Flynn und was dieses Aufeinandertreffen mit Zoes Weltbild macht.

„Bevor ich den Job im Labor angetreten hatte, hatte ich mir seltsamerweise nie die Frage gestellt, wie Männer es fanden, eingesperrt zu sein und keine Recht zu besitzen.“ S.353

Je länger dieser Kontakt andauert, desto mehr beginnt sie das System zu hinterfragen und muss feststellen, dass Flynn nicht den stereotypen Beschreibungen eines Mannes entspricht. Die Grenzen zwischen Professionalität und emotionaler Verbundenheit verschwimmen und lassen sie Partei ergreifen.

Die Entwicklung der Geschichte bringt aber nicht nur die Protagonistin zum Hinterfragen, sondern auch uns Lesende. Es wird immer klarer, dass das „perfekte“ System, eben doch nicht unfehlbar ist. Wie groß ist eigentlich die Gefahr eines Machtmissbrauchs unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit und wie sehr ist jede Gesellschaft ihren stigmatisierenden Vorstellungen über das „Fremde“ ausgeliefert?
Ist dieses Szenario denn wirklich eine Utopie, die wir Frauen uns wünschen sollten? Oder wäre es dann doch eher eine dystopische Zukunftsversion, in der wieder einzelne die Entscheidungsmacht innehaben und der Rest Unfreiheit auf einer anderen Ebene erfährt?

Besonders beeindruckt hat mich übrigens auch, in welcher Konsequenz und Vollumfänglichkeit, Carina Bartsch diese Welt erschaffen und durchdacht hat. Angefangen bei Auswirkungen auf Berufe, über Gestaltung von Wohnraum und Städten, bis hin zur individuellen Reisefreit.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für den 1. Band der „Niemannswelt“-Reihe. Taucht ab in eine mögliche Zukunft und nehmt Denkanstöße für die Gegenwart mit.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

Berührend Geschichte, die betroffen macht

Wünschen
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„Ich glaube halt, Liebesgeschichten wie unsere haben grundsätzlich nicht die Tendenz zu Happy Ends“ S. 271

Allein dieser Satz geht einem bereits nahe. Wie furchtbar ist es wohl in eine Beziehung zu starten ...

„Ich glaube halt, Liebesgeschichten wie unsere haben grundsätzlich nicht die Tendenz zu Happy Ends“ S. 271

Allein dieser Satz geht einem bereits nahe. Wie furchtbar ist es wohl in eine Beziehung zu starten und gleichzeitig diese Überzeugung im Hinterkopf zu haben?!

Allerdings ist es nicht die Aussage von Obiefuna, dem jungen Protagonisten dieses Romans, denn er ist ganz anders.
Ich lerne ihn als unschuldigen, teilweise kindlich-naiven Jungen kennen, der mir sofort ans Herz wächst.
Als sein Vater einen anderen Teenager als Mitarbeiter für seinen Laden mit nach Hause bringt, ist keinem klar, was für eine schicksalhafte Begegnung das darstellt.
Denn die Familie lebt in den 2010er Jahren in Nigeria und amouröse Gefühle unter Gleichgeschlechtlichen sind untersagt und werden gesellschaftlich geächtet.
Insofern bleibt seinem Vater keine Wahl und er steckt ihn ein autoritäres Jungeninternat.

Hier wird Obiefuna erwachsen, lernt durch brutale Erfahrungen das „Prinzip des Stärkeren“ kennen und vor allem seine sexuelle Orientierung zu verstecken.
Der Autor veranschaulicht in seinem Werk diese Machtstrukturen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Gesellschaften, ohne dabei zu explizit ins Detail gehen zu müssen. Die Beklemmung und Unterdrückung wird auch so spürbar.
Gleichzeitig schreibt er sehr zart und empfindsam über Emotionen zwischen den Charakteren und macht so ein Mitfühlen mühelos möglich.

Eine große Rolle in Obiefunas Leben spielt seine Mutter, der Chukwuebuka Ibeh den zweiten Handlungsstrang widmet. Auch sie veranschaulicht durch ihr Verhalten gesellschaftliche Normen des Landes und zeigt, wie schwer es ist sich dagegen aufzulehnen.

Für mich war es eine sehr berührende Lektüre, die mich bezüglich der herrschenden Realität in Nigeria betroffen zurückgelassen hat. Die Figure Obiefuna kam mir dabei sehr nahe und ich bewundere sie für ihre Kraft und ihre unverwüstliche Stärke.

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Veröffentlicht am 25.09.2024

packend erzählt, wirft aktuelle Fragen auf

Der Geruch des Paradieses
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Es geht um Peri, in ihren 30gern, wohnhaft in Istanbul und auf dem Weg zu einer Dinnerparty der High Society, als sie überfallen wird. Dabei fällt ihr ein Foto aus Studienzeiten in Oxford in die Hände ...

Es geht um Peri, in ihren 30gern, wohnhaft in Istanbul und auf dem Weg zu einer Dinnerparty der High Society, als sie überfallen wird. Dabei fällt ihr ein Foto aus Studienzeiten in Oxford in die Hände und weckt Erinnerungen.
Der Roman spielt somit auf zwei Zeitebenen, zum einen 2016 bei der Party und zum anderen in Peris Erinnerung an ihre Kindheit und besonders an ihre Zeit in England. Was der Autorin dabei meisterhaft gelingt ist die Vielzahl an gewichtigen Themen, die sie hier mühelos mit der Handlung verwebt. Peris gesamte Biographie, bis hin zur aktuellen Abendveranstaltung, veranschaulicht greifbar, was es heißt im kulturellen Kontext der Türkei aufzuwachsen und zu leben. Wie sehr die Frage des Glaubens oder der Säkularität ganze Familien prägt und entzweit. Wie (möglicherweise) die Ansicht der türkischen Oberschicht zur EU und der Demokratie aussieht.
„Demokratie ist reiner Luxus, wie Beluga-Kaviar, und genau das ist das Problem […] Einen solchen Luxus kann sich der Nahe Osten nämlich nicht leisten.“ S. 206/207
Auch wenn die Geschichte bereits vor acht Jahren veröffentlicht wurde, bin ich immer wieder über die Aktualität der Aussagen gestolpert. Und was mich noch mehr zum Nachdenken gebracht hat, war die universelle Gültigkeit, die dahintersteckt.
„Was Sie da von sich geben, klingt nach reiner Paranoia […] Europäer, Westler, Russen, Araber … Wenn Sie diese Leute kennen würden – nicht als Kategorie, sondern individuell -, würden Sie sehen, dass wir alle einen Körper und eine Seele besitzen und mehr oder weniger gleich sind.“ S. 409
Auch Peris Auseinandersetzung mit Glaubensfragen, ihre Zweifel und der Besuch eines ungewöhnlichen Seminares zum Thema „Gott“, empfand ich als einen sehr bereichernden Teil des Romans. Es geht Elif Shafak hier nicht darum zu belehren, sondern sie schafft es diesen Fragen Raum zu geben und sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.
Abgerundet wird dieses Werk von ihr einmal mehr durch ihren wunderbaren literarischen Schreibstil, den ich einfach zu gerne lese.
Von mir eine große Leseempfehlung.

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