Platzhalter für Profilbild

Lust_auf_literatur

Lesejury Star
offline

Lust_auf_literatur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lust_auf_literatur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.03.2025

Fandom aus marginalisierter Perspektive

Nerd Girl Magic
0

Ich hatte so ungefähr gar keine Ahnung, was mich in „Nerd Girl Magic“ erwartet, aber ein gewisses Nerd Gefühl begleitet auch mich seit meiner Teenagerzeit.

Ein Bücher-Nerd Gefühl.

Nach der Lektüre des ...

Ich hatte so ungefähr gar keine Ahnung, was mich in „Nerd Girl Magic“ erwartet, aber ein gewisses Nerd Gefühl begleitet auch mich seit meiner Teenagerzeit.

Ein Bücher-Nerd Gefühl.

Nach der Lektüre des Buches weiß ich, dass ich auf gar keinen in die Kategorie Geeks und Nerds falle, die Simoné Goldschmidt-Lechner „Nerd Girl Magic“ beschreibt und der sie sich zugehörig fühlt.
Denn ich habe noch nie (!) ein Vidoespiel gespielt, der Fernseher in meinem Elternhaus hatte nur drei Programme und wenn ich als Jugendliche an einen Computer wollte, musste ich in die Stadtbücherei.
Jetzt lebe ich natürlich mittlerweile nicht mehr ganz hinter dem Mond, bin aber von jeder Art von Nerd Girl Magic Lichtjahre entfernt.

Umso mehr habe ich die Einblicke Goldschmidt-Lechners Welt genossen, die sie in ihrem neuen Buch mit ihren Leser*innen teilt.
Anhand ihrer eigenen Nerd Girl Geschichte erzählt sie von verschiedenen Facetten des modernen Fandomes in Gaming, Fantasy und K-Pop und wie sich beispielsweise die Rollenspielszene und die Rezeption von Fan Fiction die letzten Jahre verändert hat.

Von manchen Facetten wusste ich einfach noch gar nichts, beispielsweise wie Queerness in Mangas und Animes verhandelt wird. Bei anderen Kapiteln, wie das über Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit in „Herr der Ringe“, „Games of Thrones“ und „Harry Potter“, könnte ich (fast) mitreden.

Mir gefällt der lockere und andeutungsweise humorvolle Stil Goldschmidt-Lechners sehr gut und die Mischung aus ihren eigenen Erfahrungen, ihrer persönlicher Meinung und den Sachinformation find ich ziemlich gelungen.
Ich kann die Texte trotz vieler neuer Begrifflichkeiten aus Gaming und co. locker weglesen und ich hätte mir fast noch mehr Kapitel und weiterführende Informationen gewünscht.
Ich hoffe sehr, Fortsetzung folgt…

Goldschmidt-Lechner schreibt in „Nerd Girl Magic“ aus einer nicht-weißer, nicht-männlicher Perspektive und durchbricht damit ein lange vorherrschende Stereotyp.

„Die Welt der Geeks und Nerds verändert sich. Es sind nicht länger nur weiße männliche cis-Nerds, die sichtbar sind. Die queeren und nicht-weißen Nerds, die nicht-männlichen Geeks und alle dazwischen können nicht länger ignoriert werden.“

Das begrüße und feiere ich als Feministin natürlich sehr, bin aber, fürchte ich, angesichts des großen reaktionären gesellschaftlichen Backlashs nicht ganz so optimistisch wie die Autorin.
Aber vielleicht bietet genau dieses Nerdtum und Fandom, wie Goldschmidt-Lechner es beschreibt, eine Möglichkeit, die oberflächlichen und vorherrschenden Strömungen subversiv zu unterwandern und so letztendlich auch Veränderungen zu bewirken.
So hoffe ich zumindest.

„Wir sind Nrrd Grrrls.
Und wir werden die Welt verändern.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2025

Bemerkenswertes Zeugnis von weiblichen Erleben und Schreiben aus einer anderen Zeit

Der verlorene Traum
0

Heute stelle ich dir keinen zeitgenössischen Roman vor, sondern einen Roman, der bereits 1944 verfasst wurde und bis jetzt noch nie veröffentlich wurde.
Er stammt von der österreichischen Schriftstellerin ...

Heute stelle ich dir keinen zeitgenössischen Roman vor, sondern einen Roman, der bereits 1944 verfasst wurde und bis jetzt noch nie veröffentlich wurde.
Er stammt von der österreichischen Schriftstellerin Mela (Melanie) Hartwig, geborene Hess, später verheiratete Spira, die in den frühen 20er Jahre an den Bühnen Österreichs als Schauspielerin arbeitete und später nach ihrer Heirat mit dem jüdischen Rechtsanwalt Robert Spira mit dem Schreiben begann.
Bis 1938 veröffentlichte sie einige, zum Teil als skandalös empfundene Novellen und Erzählungen. Dann musste sie zusammen mit ihrem Mann auf Grund des Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der beginnenden Naziherrschaft nach England emigrieren.

In England konnte sie nicht mehr an ihre schriftstellerischen Erfolge anknüpfen und der 1943/44 entstandene Roman „Der verlorenen Traum“ wurde nicht veröffentlicht.

Für mich war der Roman also ziemlich besonders, da ich heute eigentlich hauptsächlich zeitgenössische Romane lese.
Allerdings fand ich hier eine sehr lesenswerte und auch empfehlenswerte Lektüre, die ich aber durchaus mit anderen Augen als moderne Romane las.

Wie in der Kurzbeschreibung bereits ausgeführt wird und der Titel ebenfalls andeutet, verliert sich die Hauptfigur des Romans, Barbara, in ihren Träumen und Sehnsüchten.
Ausgelöst wird Barbaras Abdriften in eine Traumwelt während eines Theaterbesuches durch den Anblick eines jungen Mannes mit wahrhaft überwältigender Ausstrahlung und einem besonderen Gesicht:

„Es war nicht schön, aber es war mehr als schön. Es war bezaubernd.“

Im folgenden beschreibt Hartwig unglaublich detailliert und psychologisch genau, was dieser bestrickende Anblick in Barbara auslöst, nämlich eine völlige Erschütterung ihrer selbst. Diese genaue Beobachtungsgabe und die nachvollziehbaren Beschreibungen von Barbaras Gefühlswelten bilden das Herzstück des gesamten Romans.
Ich kann als Leser*in mitbeobachten, wie ein zufälliger Blickwechsel im Theater Barbaras gesamtes Leben zu zerstören droht. Sie stellt nicht nur sich selbst in Frage, sondern sie bemerkt in ihrer eigentlich liebevollen und glücklichen Ehe ein ungerechtes Ungleichgewicht. Genauso hinterfragt sie auf ihrer Arbeitsstelle von plötzlicher Klarsichtigkeit ergriffen (oder umnachtet?) die Rollen- und Aufgabenverteilung.

Eine feministische Epiphanie?

Kurz wähne ich mich in einem feministischen Befreiungsroman, doch der weitere Verlauf der Handlung widerlegt schnell diese Lesart.
Hartwigs plastischen Schilderungen einer weiblichen Gefühlswelt können auch heute noch mit ihrer Echtheit und Genauigkeit bezaubern, das von ihr beschriebenen Idealbild einer Ehe wohl eher nicht.
Mir ist schon oft aufgefallen, dass in älteren Romanen eine Ehebeziehung beschrieben wird, die wir heute nicht mehr als gleichberechtigt empfinden. Stattdessen erinnert sie eher an das Verhältnis zwischen einem Vater und einer Tochter.
So auch bei bei Hartwig. Barbaras Ehemann ist der moralische unerschütterliche Fels in der Brandung zu dem die verwirrte Barbara nach ihrer Läuterung zurückkehren kann. Seine Integrität und Verhalten ist über jeden Zweifel erhaben und wird nicht hinterfragt.
Mir macht das sehr deutlich, wie sehr sich weibliches Schreiben mittlerweile (teilweise) verändert hat.

Und obwohl ich „Der verlorene Traum“ mit einer gewissen Distanz und mehr analysierend lese, wirkt Hartwigs Prosa subtil auf mich und ich verspüre einen gewissen, vielleicht sogar ein bißchen unfreiwilligen Genuss angesichts des völlig ironiefreiens und romantischen Endes.

Ich würde „Der verlorene Traum“ sicher nicht als feminischen Roman bezeichnen sondern als bemerkenswertes Zeugnis von weiblichen Erleben und Schreiben aus einer anderen Zeit. Oder wie es auf dem Klappentext heißt: „diese fiebertraumartige Liebes- und Sehnsuchtsgeschischte führt zurück in eine Welt von gestern.“

Für mich war der Roman eine sehr lohnenswerte Lektüre, die sich von meinen anderen aktuellen Leseerfahrungen abhob. Ich hätte mir eventuell noch ein Nachwort oder eine Einordnung gewünscht, wie ich das schon von anderen Neuveröffentlichungen nicht zeitgenössischer Lektüre kenne. So aber blieb mir die Freiheit einer komplett eigenen Meinungsbildung.


„Flüchtiger als der Wind ist die Zeit, du kannst sie nicht aufhalten, keiner kann es.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.03.2025

Atmosphärischer Roman über Trauer, Loslassen und wieder lebendig werden

Wildhof
0

Es gibt so Romane, die sind besonders erzählt und haben eine besondere Stimmung.
Für mich war „Wildhof“ so ein Roman. Und wenn ein Roman so besonders ist, fallen auch kleinere Kritikpunkte nicht mehr so ...

Es gibt so Romane, die sind besonders erzählt und haben eine besondere Stimmung.
Für mich war „Wildhof“ so ein Roman. Und wenn ein Roman so besonders ist, fallen auch kleinere Kritikpunkte nicht mehr so ins Gewicht.

„Wildhof“ ist der Name eines kleinen Dorfes und in diesem kleinen Dorf steht abgelegen ein verwildertes Haus.

Lina ist in Wildhof aufgewachsen, war aber seit längerer Zeit nicht mehr in ihrem Heimatdorf. Nicht einmal um ihre Eltern dort zu besuchen. Vor vielen Jahren verschwand ihre Zwillingsschwester Louise. Die Eltern sind daran zerbrochen und eigentlich auch irgendwie innerlich gestorben.

»Ich dachte irgendwie immer, deine Eltern sind schon tot."
»Ja, das dachte ich auch.«


Jetzt ist bei einem Autounfall auch noch die äußere Hülle der beiden gestorben und Lina, mittlerweile 30 Jahre alt und beruflich erfolgreich, kehrt in ihr altes Elternhaus nach Wildhof zurück, um sich um den Nachlass zu kümmern.

Ich liebe die Beschreibungen des Hause und des Gartens mit seiner leicht morbiden, verfallenen Stimmung, die mir zeigt, hier lebt schon länger nichts mehr.
Aber lebt Lina eigentlich noch so richtig? Irgendwas ist mit dem Verschwinden ihrer Schwester auch in ihr gestorben.

„Die Erinnerungen wollen rein, in ihr Leben, in ihren Körper, irgendwo weiterleben, dem Nichts entkommen.“

Lina ist eine Protagonistin, die mir sehr gefällt. Sie ist wild, hat eine Bewährungshelferin wegen eines Vorfalls bei dem sie sich nicht unter Kontrolle hatte und auch in Wildhof kommt es zu …Zwischenfälle.

Mit dem Zusammentreffen von Lina und ihren Freund*innen aus Kindheitstagen kommt Dynamik in die Geschichte. Die alte Clique von damals ist wieder vereint. Bis auf Louise, was allen schmerzhaft bewusst ist.

Eva Strasser erzählt in ihrem Roman sehr atmosphärisch und auch spannend. ihre Erzählstimme hat einen etwas kindlichen, fast naiv zu nennenden Charakter, der aber nichts mit Simplizität zu tun hat. Vielmehr unterstreicht diese Stimme den märchenhaften Charakter der Geschichte, das Mystische und das Verwunschene, das dem Haus und vor allem dem Wald anhaftet.

Well, das Intermezzo mit dem englischen „Rockstar“ hätte ich jetzt nicht unbedingt gebraucht. Aber der sich daran anschließende Schluss, der eindeutig von der Handlungsführung und stilistisch als Höhepunkt angelegt ist, gefällt mir unglaublich gut und rührt mich sehr.

Letztendlich ist es auch ein starker Roman über Trauer, Loslassen und wieder lebendig werden.

Inhaltlich erinnert mich der Roman ein bißchen an „Es gibt keine Wale im Wilmersee“ von Laura Dürrschmidt. Wenn du diesen Roman kennst und mochtest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dir auch Wildhof gefallen könnte.
Aber auch so lohnt sich ein Blick auf diese Neuerscheinung der Berliner Drehbuchautorin.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.03.2025

Rätselhaft, fesselnd und ein bißchen speziell

Hier bleiben können wir auch nicht
0

Ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Maren Wurster gefreut. Ihr voriger Roman „Eine beiläufige Entscheidung“ hatte mir ziemlich gut gefallen und eine gewisse Erwartungshaltung geweckt.
Nun, ihr ...

Ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Maren Wurster gefreut. Ihr voriger Roman „Eine beiläufige Entscheidung“ hatte mir ziemlich gut gefallen und eine gewisse Erwartungshaltung geweckt.
Nun, ihr neuer Roman ist …anders.

Ich mochte ihn aber genauso gerne und ich habe viel über ihn nachgedacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass er vielleicht kontrovers aufgenommen wird und zwiespältige Meinungen hervorruft.

Wurster hat ihren Roman in einem andeutungsweise dystopischen Setting angelegt, das mich sofort an die Zeiten der Corona Pandemie denken lässt und an die staatlichen Einschränkungen, die mit ihr verbunden waren. Eine kurze Recherche ergibt, dass Wurster und ihre engsten Angehörigen ungeimpft geblieben sind und sehr unter den daraus folgenden Einschränkungen und Repressalien gelitten haben. Diese Erfahrungen scheinen in ihren neuen Roman eingeflossen zu sein.

Denn ihre Ich-Erzählerin Gesa hatte sich im staatlichen System der Städte der Zukunft, das seine Bürgerinnen mit einem Chip überwacht, schon länger nicht mehr wohl gefühlt. Ihr Freund Tom, der Vater von Marie, ist einige Monate vorher plötzlich und sehr überraschend aus unklaren Gründen gestorben.

„Ich dachte viel an ihn, aber traurig konnte ich nicht sein. Denn ich hatte mir seinen Tod gewünscht.“

Auf der Suche nach einem alternativen Leben für sich und ihre kleine Tochter Marie, kauft sie nach Toms Tod ein sehr abgelegenes altes Haus auf dem Land. Dort zieht sie mit ihrer Tochter ein.

Doch auch in dem neuen Umfeld, in der ländlichen Abgeschiedenheit, fühlt sich Gesa nicht angekommen. Sie wird von mysteriösen Vergiftungserscheinungen geplagt, fühlt sich oft unwohl und krank.
In der Nähe ihres Hauses trifft sie auf eine Landkommune mit Aussteiger
innen, die dort ihren Traum von einem freieren und alternativen Leben verwirklichen wollen.
Gesa und ihre Tochter freunden sich mit ihnen an und verbringen immer mehr Zeit mit der Gruppe.
Können Mutter und Tochter dort die Gemeinschaft und das Zuhause finden, nach dem sie sich so sehr sehnen?

Wurster beschäftigt sich in ihrem Roman viel mit Lebensmodellen und mit dem Wunsch nach der richtigen Lebensform. Kann es die in der Gruppe überhaupt geben und welchen Preis muss jeder dafür zahlen?
Wieviel individuelle Freiheit ist überhaupt möglich, wenn Menschen gemeinsam leben und entscheiden?
Das sind sehr aktuelle Fragen, die nicht nur während der Corona Pandemie sehr relevant waren, sondern auch generell immer wieder in verschiedenen Kontexten in Frage gestellt werden und diskutiert werden sollten.

Ich mochte den Roman auch deshalb, weil er meiner Meinung nach, sehr spannend und ansprechend erzählt ist, auch wenn er vielleicht nicht die emotionale Dichte besitzt, die mir in „Eine beiläufige Entscheidung“ so gut gefallen hat.

Dafür überrascht er mich mit einem kurzem dritten Teil, der noch mal ein komplett neues und anderes Licht auf die Geschichte wirft.
Auch die großen Leerstellen und das Nicht -Auserzählte haben mir persönlich sehr gut gefallen, könnten aber für andere Leser*innen vielleicht zu wenig konkret wirken.

Ich würde „Hier bleiben können wir auch nicht“ mit den Adjektiven sehr rätselhaft, fesselnd und ein bißchen speziell zusammenfassen. Für mich ein sehr gelungener und lesenswerter Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.03.2025

Das Portrait einer Beziehung am breaking point - einfühlsam und lesenswert

Zehn Bilder einer Liebe
0

Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar ...

Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar erkennbar, ob sie gerade kämpfen oder sich umarmen. In Verbindung mit dem Titel ist das für mich eine vielversprechende Kombination.

Und Hannes Köhler lässt in seinem vierten Roman sein Liebespaar David und Luisa eine massive Krise durchlaufen, so dass beide nicht mehr wissen, ob sie sich noch lieben, oder schon gegeneinander kämpfen. Oder beides.

David und Luisa werden ein Liebespaar, als beide schon Beziehungen hinter sich haben und die etwas ältere Luisa hat bereits eine Tochter.
In 10 Bildern oder Kapiteln erzählt Köhler die Geschichte der beiden, beginnend von ihrer allerersten Begegnung und ihrer Vergangenheit und kommt dabei immer wieder auf ihren aktuellen großen Tiefpunkt zurück.

Der stellt sich ein, als in David der Wunsch nach einem eigenen gemeinsamen Kind mit Luisa aufkommt. Er hat Angst sich mit ihrer Tochter Ronya zu sehr zu verbinden und sie nach einer möglichen Trennung komplett zu verlieren. Im Laufe des Romans merkt er allerdings, dass diese Distanz zu Ronya im täglichen Zusammenleben nicht aufrecht zu erhalten ist.
Auch Luisa ist bereit für ein gemeinsames Kind mit David, wenn auch vielleicht nicht genauso begeistert. Doch der Kinderwunsch der beiden erfüllt sich nicht ohne Weiteres.

Die missglückten Versuche in der Kinderwunschklinik und der unerfüllte Kinderwunsch stürzen David in eine schwere Krise und erschüttern sein Selbstverständnis und die Beziehung.

Mir gefällt es sehr gut, wie sensibel Köhler mit diesem emotionalen Thema umgeht und den Kinderwunsch nicht zum alleinigen Grund für die Probleme von David und Luisa macht.
Denn hinter dem Kinderwunsch stecken eine ganze Reihe von komplexen und zum Teil nicht eingestandener Wünsche und tief verankerte Glaubenssätze über Familie. Köhler legt diese Verbindungen offen und hat mit Davids und Luisa zwei wunderbare vielschichtige Protagonist*innen geschaffen, deren Liebe und Persönlichkeit authentisch und nahbar ist.

Durch den Kinderwunsch des Paares materialisieren sich auch ihre alte Rollenbilder, die oft immer noch in auch in die moderne Beziehungen von David und Luisa einwirken.


“All diese Modernis, dachte sie, die sich Feministen nannten, von Equal Pay und gleichberechtigter Partnerschaft quatschten, zeigten ihr wahres Gesicht, wenn die Kinder mit unerbittlicher Härte das Dasein forderten, einen Körper, auf den sie rotzen, kotzen und scheißen konnten.”

Ebenfalls sehr gelungen finde ich wie „Zehn Bilder einer Liebe“ hinterfragt, was Familie jenseits von Trauschein heute eigentlich bedeuten kann und verhandelt ihren eigentlichen Wesenskern.

“Sie hasste das Wort Familie. Familie war Zwang, war Blut und Genetik, war Schweigen, schlecht versteckte Abneigung. Aber das, dieser Mischmasch aus ihnen dreien, das war etwas, für das ihr ein besseres Wort fehlte, etwas, auf das sie das alte, verfluchte Wort vorsichtig setzen konnte, ohne dass es sich nach Ersticken anfühlte. Einzeln sein und doch etwas Gemeinsames.
Aber weil man es wollte, nicht weil man musste.”

Hannes Köhler schreibt sowohl aus Davids als auch aus Luisas Perspektive und ich finde beide Gedankenwelten gleichermaßen gelungen und nachvollziehbar. Er zeigt in den zehn Bildern nur einen Ausschnitt ihrer gemeinsamen Geschichte und ich hätte die Geschichte des Paares gerne noch ein bißchen weiter in die Zukunft verfolgt.

Aber der Schlusspunkt ist gleichzeitig auch perfekt gesetzt, weil er so meiner eigenen Phantasie überlässt, wie es mit den beiden weitergeht. Und das warme Gefühl mit dem ich den Roman nach dem Beenden weglege, lässt in mir keinen Zweifel an meiner persönlichen Zukunftsversion für die beiden.

Das Cover versprach einen wunderbaren Roman und hat mich nicht getäuscht. Zehn Bilder einer Liebe hat mir sehr gut gefallen und sorgt dafür, dass ich den Schriftsteller Hannes Köhler auf meiner Watchlist behalten werde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere