Spannend, aber verwirrend
Die MündungDie Havel-Krimis von Tim Pieper habe ich alle verschlungen und deshalb war ich schon sehr gespannt auf seinen ersten Thriller. Vorab muss ich aber sagen, dass ich "Die Mündung" eher wieder als Krimi empfunden ...
Die Havel-Krimis von Tim Pieper habe ich alle verschlungen und deshalb war ich schon sehr gespannt auf seinen ersten Thriller. Vorab muss ich aber sagen, dass ich "Die Mündung" eher wieder als Krimi empfunden haben. Oftmals ist der Grat sehr schmal... Spannung kann der Autor aber - egal, in welchem Genre!
Zu Beginn tat ich mich ein bisschen schwer in die Geschichte zu finden, was sich jedoch bald änderte. Hauptkommissarin Lena Funke hat sich eine Auszeit auf der Vogelinsel Schärhorn genommen, wo sie als Umweltpraktikantin arbeitet. Dies war immer der Traum ihrer hochbegabten Schwester Jette, die jedoch eines der Opfer des Gezeitenmörders wurde. Seitdem leidet Lena unter Alpträumen. Jettes Leiche wurde nie gefunden und Lena bekommt mehr und mehr das Gefühl, dass die Soko bei den Ermittlungen geschlampt hat. Nach einem verheerenden Sturm auf der Insel findet sie eine männliche Leiche am Strand. In den Taschen des Mannes sind Gegenstände, die der Gezeitenmörder seinen Opfern als Trophäe abgenommen hat. Daraufhin kontaktiert sie ihren Vorgesetzten und kehrt zurück, um wieder zu arbeiten und die Ermittlungen aufzunehmen. Doch eigenartige Flashbacks und das Verhalten der Kollegen, sowie einigen Menschen in ihrer Umgebung, verwirren Lena zusätzlich. Sie erfährt, dass sie nie auf der Vogelinsel gewesen ist und dort ein anderer Umweltpraktikant arbeitet. Lena war drei Monate lang verschwunden und niemand wusste, wo sie sich aufgehalten hat. Ihr Chef Eberhard Bruns und ihr bester Freund Mickel wollen ihr helfen und schalten eine Hypnoseärztin ein. Diese wirkt jedoch nicht wie die Koryphäe, als die sie angekündigt wurde, sondern eher verwirrt und alles andere als kompetent. Was wird hier gespielt? Und warum hat sie genaue Erinnerungen an die Vogelinsel und woher kommt der Beutel mit den Trophäen?
Ich muss gestehen, dass nicht nur ich bei der Leserunde nach dem ersten Leseabschnitt komplett verwirrt war. Was ist die Wahrheit und was Einbildung? Ist Lena eine unzuverlässige Erzählerin?
Nicht nur Lena weiß nicht mehr, wem sie vertrauen kann, sondern auch mir schwirrte der Kopf. Erst nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge. Auch als geübter Thriller- und Krimileser weiß man nicht, wohin uns der Autor führen möchte.
„...Unser Gedächtnis arbeitet rekonstruktiv und konstruktiv. Also wiederherstellend und aufbauend. Es kann abgespeicherte Informationen abrufen, aber sie werden durch unsere Wünsche, Bedürfnisse oder Ziele verändert...“
Die Figuren sind facettenreich und ich hatte das Gefühl niemanden vertrauen zu können. Auch Lena ist eine komplizierte Hauptprotagonistin. Sie ist rastlos, erscheint oft verwirrt und unglaubwürdig. Sie ignoriert Anweisungen und agiert oftmals rücksichtlos. Ihre Alleingänge konnte ich nicht wirklich verstehen. Entsetzt war ich über die schlimme psychische Behandlung ihres Vaters, der immer die hochintelligente Schwester bevorzugte und Lena gegenüber keinerlei Zuneigung zeigte. Er hat sie immer abgelehnt und Jette bevorzugt, die seinen Traum eine angesehene Wissenschaftlerin zu werden, erfüllen sollte.
Der Schreibstil ist temporeich und der Plot komplex. Großes Thema ist die Neurowissenschaft und die Beeinflussung unseres Gehirns. Es zeigt auf, wie unzuverlässig unsere Erinnerungen oftmals sind.
Das maritime Glossar am Ende des Buches hat mir Binnenlandmädchen bei einigen Beschreibungen sehr geholfen.
Fazit:
Tim Pieper kann auch Thriller, wobei ich trotzdem seine Havelkrimis bevorzuge. Obwohl ich viele Thriller lese und liebe, bin ich in diesem Genre sehr pingelig. Das Thema, welches Tim Pieper hier gewählt hat, ist sehr interessant und regt zum Nachdenken an. Außerdem führt er sogar geübte Leser wirklich an der Nase herum und schafft mit überraschenden Wendungen richtigen Nervenkitzel.