Profilbild von ConnieRuoff

ConnieRuoff

Lesejury Profi
offline

ConnieRuoff ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit ConnieRuoff über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein Abenteuer ohne Happyend

»Wir haben es nicht gut gemacht.«
0

„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg ...

„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch unter Verschluss. Jetzt offenbaren sie die zerstörerische Ambivalenz einer der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur – und räumen mit hartnäckigen Mythen auf. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag und Piper Verlag, 2022.

Ein Abenteuer ohne Happy End
Kurze Vita: Ingeborg Bachmann (15. Juni 1926 – 1973)
Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann war eine Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1952 nimmt Bachmann das erste Mal an einer Tagung der Gruppe 47 teil. Ihr Lyrikdebüt „Die gestundete Zeit“erschien 1953 in Alfred Anderschs Buchreihe „Studio Frankfurt“. Es folgte u. a. der Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ erscheint 1956. Bachmann wird Autorin des Piper Verlags. 1958 kamen Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“. 1962 beginnt die Autorin mit einer Arbeit, aus der sich das unvollendete „Todesarten-Projekt“ entwickelt.

1971 erschien ihr Roman „Malina“ beim Suhrkamp Verlag.

Bachmanns Themen sind:
– Sprache und Macht
– patriarchale Gewalt
– Nachwirkungen des Faschismus
– weibliche Subjektivität und Verletzbarkeit.

Kurze Vita: Max Frisch, (15. Mai 1911– 4. April 1991)
Der Schweizer Romancier und Dramatiker hat folgende Werke geschrieben: „Stiller“, „Homo Faber“, „Biedermann und die Brandstifter“, „Andorra“, „Mein Name sei Gantenbein“ und einige bedeutende Tagebücher.
Seine Themen sind: Identität und Rolle, Moral und Verantwortung, Privatleben versus Öffentlichkeit.
Frisch wird weltweit rezipiert. Seine Werke prägen bis heute das Nachdenken über Erzählen und Selbstentwurf. Zur ausführlichen Vita Max Frisch.

Wie es zum Buch „Wir haben es nicht gut gemacht“ kam
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch war lange Zeit ein Geheimnis der deutschsprachigen Literaturwelt. Bachmann selbst hatte ihre Briefe vernichtet; Frisch jedoch fertigte Durchschläge und Abschriften an, deren Sperrung erst 2011 aufgehoben wurde.

Der Band versammelt den überlieferten Briefwechsel aus den Jahren ihrer Beziehung, von den späten 1950er bis zu den frühe 1960er. Die Briefe werden ergänzt durch Karten und Telegramme, soweit sie vorhanden sind.

Grundlage sind die Nachlässe und Archive (u. a. Ingeborg-Bachmann-Archiv und Max-Frisch-Archiv); nach jahrzehntelanger Sperrfrist und editorischer Aufarbeitung wurden die Briefe in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp und Piper veröffentlicht.

Der Titel – „Wir haben es nicht gut gemacht“ – zitiert die selbstkritische Bilanz einer Liebe, die an künstlerischen Ansprüchen, Eifersucht, Freiheitsbedürfnis und Rollenbildern zerbricht.

Die Publikation löste Debatten über literarischen Erkenntnisgewinn versus Intimsphäre aus – und macht zugleich sichtbar, wie nah sich Werk und Leben berühren.

Aufbau des Buches „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wußte ich, trotzdem drängte es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen: Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.
Max Frisch, Montauk (1975).

Mit diesem Zitat aus beginnt das Buch, mit dem Briefwechsel. es sind 299 Briefe. Dann folgt der Kommentar von Thomas Strässler und Barbara Wiedemann, darauf 300 Seiten Stellenkommentare. Die Zeittafel gibt einen Blick auf die Beziehung frei. Am Schluss kommen das Abkürzungsverzeichnis mit Bibliografie, das Werkregister Bachmann und das Werkregister Frisch.

Inhalt / ZUSAMMENFASSUNG „Wir haben es nicht gut gemacht“
Die Briefe zeigen das Kennenlernen, die Anziehung und das Arbeitsbündnis. Die frühen Briefe kreisen um Sehnsucht, Reiserouten zwischen Rom, Zürich und Aufenthalten anderswo, und um gegenseitige Lektüre. Man spürt Bewunderung und das Versprechen, einander „Arbeitsruhe“ und Schutz zu geben.

Die Liebe zwischen Bachmann und Frisch entstand im Sommer 1958. Anfang Juni schrieb Bachmann den ersten Brief, in dem sie ihre Gefühle mit einer Bestimmtheit ausdrückte.

Es war Frisch, der sich dieser Liebe nach einem einzigen Pariser Treffen mit „Haut und Haar ergab“. Es zeigt sich ein komplexes, menschliches Bild zweier verletzlicher Menschen in einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist.

„Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“

Die Korrespondenz zeigt auch den Alltag. Mit dem Zusammenleben mehren sich Briefe voller Organisation und Logistik. Im Focus stehen die Wohnungen, die Termine und Proben. Man erkennt aber auch verdeckte Machtspiele: Wer darf schreiben, wenn der andere Raum braucht? Wessen Werk hat Priorität?

Man kann zusehen, wie es zu Rissen in der Beziehung kommt. Eifersucht und die Angst, literarisch „verwendet“ zu werden, sind u. a. daran schuld. Dazu kommen Kränkungen durch Öffentlichkeit und Berufserfolg. Frischs nüchterner Selbstbericht steht Bachmanns verletzlicher, zugleich entschiedener Stimme gegenüber. Beide fordern vom Anderen und verfehlen sich.

Trennungsabsichten wurden ausgesprochen und im nächsten Moment untergraben. Entscheidungen wurden getroffen und kurz darauf widerrufen. Frisch schrieb:

„Ich fühle mit leiblicher Deutlichkeit, wie der Abschied, den ich verhängt habe, noch geleistet werden muss von mir.“

Bachmann antwortete:

„Sag mir, ob ich Dich ganz befreien soll von mir.“

Diese wechselnde Dynamik, in der beide ständig um gegenseitige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe buhlten, während sie sich gegenseitig verletzten, prägt den gesamten Briefwechsel bis zur endgültigen Trennung.

Späte Schreiben protokollieren Entfremdung, Schuldfragen und Versuche, die Verbindung nicht in Bitterkeit enden zu lassen. Der Band zeigt, wie Erfahrungen im Werk der beiden sich niedergeschlagen haben (Bachmanns Malina/Todesarten, Frischs Prosatexte).

Wir haben es nicht gut gemacht - Briefwechsel Ingeborg Bachmann - Max Frisch - Rezension
Schreibstil und Ton „Wir haben es nicht gut gemacht“
Es sind zwei unverwechselbare Stimmen:
Ingeborg Bachmanns Briefe sind lyrisch verdichtet und sensibel mit feinen Untertönen – ein Tasten zwischen der Bitte um Nähe und Selbstschutz. Es sind elegante Sätze, die zugleich versteckt versuchen zu manipulieren.
Dagegen die Stimme von Max Frisch. Meist nüchtern und analytisch. Er kontrolliert den Ton, dabei ist er präzise, manchmal protokollarisch, mit plötzlichen Ausbrüchen von Zärtlichkeit oder Ironie.

Die Korrespondenz besteht aus langen Briefen, eilenden Zetteln und Telegramme bis zu Funkstille. Dieser Ablauf der Korrespondenz bildet die Beziehungskurve ab. Beide sprechen über das Schreiben unter Liebesbedingungen – über Aneignung, Fiktionalisierung, die Angst, im Text des anderen zu verschwinden.

Fazit/Kritik „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ein attraktiver Briefwechsel, eine stilistische Meisterschaft. Zwei Schriftsteller ersten Ranges kommunizieren miteinander und verfügen über alle psychologischen und sprachlichen Mittel, ihre Gefühle mit genauestens zu beschreiben. Die Briefe lesen sich stellenweise wie ein Roman – mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, allen Widersprüchen und Wunden, die echte Leidenschaft hinterlässt.

Der hervorragend kommentierte Briefwechsel „Wir haben es nicht gut gemacht“ ist weit mehr als eine Sensation aus der Literaturgeschichte. Er ist ein zeitloses Dokument menschlicher Verletzlichkeit, ein Zeugnis von zwei Menschen, deren Liebe ein Abenteuer war, das sie nicht bestanden – aber das sie „so ungeschützt und absolut“ verfolgten. Eine absolute Empfehlung für jeden, der verstehen möchte, wie Leben und Werk untrennbar verbunden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich das Buch „Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger rezensiert. Darin geht es um die kurz aber sehr intensive Beziehung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Wem „Wir haben es nicht gut gemacht“ gefällt, empfehle ich „Wir sagen uns Dunkles“.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.02.2026

Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion

Was wir wissen können
0

In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, ...

In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, die seine eigenen Gewissheiten zerschmettert. Ein Roman über die Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion, der zeigt, was bleibt, wenn wir erkennen, dass wir nichts wissen.

Erkenntnis oder Projektion?
Zusammenfassung / Inhalt „Was wir wissen können“
Ian McEwans neuer Roman „Was wir wissen können“ dreht sich um Francis Blundy und sein verschwundenes Gedicht, einen Sonettenkranz. In einer ausgebeuteten, klimatisch geschundenen Welt erforscht der Biograf Thomas Metcalfe das Leben des Dichters Blundy, dessen bedeutendstes Werk verloren ging.

Die Dystopie entfaltet sich auf zwei Zeitebenen.

Die Gegenwart zeigt eine erschöpfte Welt. McEwan verortet die Handlung in das Jahr 2119. Eine fiktive Welt, die ökologisch, emotional und literarisch ausgezehrt ist.

Diese postkatastrophale Gegenwart verzichtet auf actiongeladene Szenen von brennenden Städten und Zusammenbruch. Sie wirkt resigniert, still, grau und abgenutzt. Die Welt funktioniert gerade noch, ohne Höhepunkte. Der Klimawandel zeigt sich nicht in dramatischen Katastrophen, sondern schleichend. Utopien und große Fortschrittserzählungen fehlen. Es bleibt nur das Weitermachen – und das Schreiben.

In dieser Welt arbeitet Thomas Metcalfe als Biograf. Seine Aufgabe ist es, das Leben des Dichters Francis Blundy zu rekonstruieren. Diese Mission ist wissenschaftlich und emotional: Metcalfe liebt seine Arbeit, liebt Blundy, liebt das Rätsel, das dieser Mann darstellt.

Die Handlung gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit. Metcalfe durchkämmt Archivmaterial und sammelt Fragmente. Die narrative Gegenwart ist eine des forschenden Schreibens – nicht der Action, sondern der Reflexion.

Das verschwundene Gedicht und die Liebe In der Vergangenheit, die der Gegenwart der Leser entspricht, enthüllt dieser Rückblick die komplexe Beziehung zwischen Francis Blundy und Vivien. Ihre Lebensgeschichte erscheint als vielschichtiges Gewebe aus Begehren, wissenschaftlicher Neugier und unausgesprochenen Geheimnissen.

Metcalf ist fasziniert von diesem Gedicht, das ein Phantom ist. Was war dieses Gedicht? Worum ging es?

Das Leben selbst wird zum Rätsel: Was war die Beziehung zwischen Blundy und Vivien? Was Metcalfe zunächst „weiß“, bzw. was er konstruiert hat ist, dass Vivien eine unterstützende Partnerin war, dass sie ihre akademische Karriere für Blundy aufgegeben hat, dass sie sich zurückgezogen hat. Die erzählte Geschichte ist nicht die wahre Geschichte. Sie ist die Geschichte, die Metcalfe sich erzählt hat.

Drei Stimmen, eine Wahrheit? – Die Protagonisten „Was wir wissen können“
Der leidenschaftliche Forscher Thomas Metcalf ist der Erzähler im ersten Teil des Romans. Er ist Biograf und Wissenschaftler. Seine Besessenheit von Blundy, seine Hingabe an die Recherche und seine emotionale Investition in die „Wahrheit“ prägen seine Arbeit. Doch seine Perspektive bleibt subjektiv, es fehlt ihr an Objektivität.

Metcalfe setzt auf Empathie, um Blundys Leben zu verstehen. Doch der Roman fragt: Genügt Empathie als Methode historischer Erkenntnis?

„Beruf‌lich habe ich mich ein Leben lang darum bemüht, mit Menschen vertraut zu werden, die ich niemals persönlich treffen konnte, Menschen, die wirklich gelebt haben und für mich daher weit lebendiger waren als Figuren in einem Roman. Ich habe versucht mir zu eigen zu machen, was »jenseits meiner Reichweite über die Zeit hinweg« liegt. So bin ich zum Beispiel davon überzeugt, ich hätte Vivien Blundy lieben können“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Francis Blundy bleibt ein Rätsel. Er ist lange tot, und sein Leben wird nur durch Fragmente, Erinnerungen und Aufzeichnungen anderer erzählt. Er ist keine überlebensgroße literarische Figur wie Byron.

Sein verschwundenes Gedicht steht für Vergänglichkeit. Es symbolisiert alles, was wir nicht wissen und was verloren geht.

Vivien ist die Schreiberin der Gegenwahrheit, Die eigentliche Überraschung des Romans ist Vivien. Lange war sie die stumme Figur – die zurückgezogene Partnerin, die unterstützende Ehefrau. Doch Vivien hinterlässt Aufzeichnungen, die Metcalfes Bild von ihr widersprechen.

Vivien schreibt gegen das Bild, das Thomas von ihr hatte. Sie ist nicht das sanfte, aufopfernde Opfer, als das Metcalfe sie darstellte. Sie ist komplex, fehlbar, eigenständig. Ihre Erinnerungen sind ebenso wahr wie Metcalfes Recherchen – nur anders.

Die Harmonisierung dieser drei Stimmen – Metcalfe, Blundy und Vivien bildet das narrative Herzstück des Romans.

Schreibstil und Struktur „Was wir wissen können“
McEwan entwickelt eine präzise, zurückhaltende Erzählweise. Die Sprache ist kühl, distanziert und analytisch. Die Zukunft, in der die Geschichte spielt, formt die Sprache: sie ist trostlos, ohne Illusionen.

McEwan überlässt nichts dem Zufall. Die Struktur von „Was wir wissen können“ ist durchdacht und gezielt rau. Der Roman teilt sich: Zuerst die Forschung des Biografen, die Rekonstruktion, die liebevolle Interpretation. Dann der Bruch – Viviens Aufzeichnungen, die Korrektive, die Umschreibung.

Dieser Bruch ist gewollt. Metcalfe verliert seine Erzählerrolle. Die Figur Vivien übernimmt. Die Perspektive wechselt nicht sanft, sondern abrupt.

McEwan zeigt damit etwas Tiefgreifendes: Wir können nicht sanft von einer Wahrheit zur anderen wechseln. Der Erkenntnisprozess ist nicht evolutionär, sondern revolutionär. Es gibt einen Punkt, an dem die alte Erzählung (Metcalfes Forschungsergebnisse) endet und eine neue (Viviens Aufzeichnungen) beginnt.

„Wie bei den meisten Menschen, die sich auf dem Papier mit sich selbst unterhalten, galt meine Treue der Wahrheit, so wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt verstand. Würde ich mich in schlechtem Licht zeigen müssen, dann sollte es so sein.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Fazit / Kritik „Was wir wissen können“
Der Roman hinterfragt grundlegende erkenntnistheoretische Konzepte. McEwan zeigt, dass die Idee der Empathie sehr subjektiv ist. Sichtbar werden die Grenzen menschlicher Erkenntnis in einer vergangenen Welt, so dass man sagen kann, „Was wir wissen können“ entfaltet sich als komplexe Meditation über Wissen, Interpretation und die Grenzen menschlichen Verstehens.

Mir gefällt die moralische Komplexität: Weder Metcalfe noch Vivien sind Bösewichte. Beide haben recht – und beide haben unrecht. Der Roman verweigert einfache moralische Bewertungen.

Auch eine Warnung für die aktuelle Politik Deutschlands kann man, wenn man möchte, im nächsten Zitat lesen.

„Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung infolge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Ich möchte den Buchtitel zum Abschluss in eine Frage umwandeln: Was können wir wissen? Jeder, der in der Vergangenheit forscht oder etwas sucht – ob Wissenschaftler oder Laie –, muss sich diese Frage ständig stellen. Warum? Weil das Ziel immer die Wahrheit ist. Auch wir Rezensenten sollten uns diese Frage bewusst machen und dabei nie vergessen: Jede Rezension spiegelt nur eine persönliche Meinung und darf nicht den Anspruch erheben, die Wahrheit zu sein.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.03.2025

Eine Welt ohne Empathie

Der Schatten einer offenen Tür
0

Eine Welt ohne Empathie
In Sasha Filipenkos Roman „Der Schatten einer offenen Tür“ entfaltet sich eine fesselnde Kriminalerzählung, die zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Herausforderungen ...

Eine Welt ohne Empathie
In Sasha Filipenkos Roman „Der Schatten einer offenen Tür“ entfaltet sich eine fesselnde Kriminalerzählung, die zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Herausforderungen der Gegenwart wandelt. Filipenko bietet einen Blick in die Tiefen der menschlichen Seele und fragt, inwieweit Heilung und Vergebung möglich sind.

Zusammenfassung/Inhalt „Der Schatten einer offenen Tür“
In einem Waisenhaus haben sich mehrere Jugendliche das Leben genommen. Wie kam es dazu? Moskau schickt Alexander Koslow um die Suizidserie zu untersuchen. Schnell gerät Petja Pawlow in das Visier der örtlichen Polizei, weil seine DNA an den Tatorten gefunden wurde. Aber ist es wirklich so einfach?

Die Handlung dreht sich um die zentralen Figuren, Petja Pawlow, der mit den Folgen traumatischer Ereignisse und den damit verbundenen emotionalen Erinnerungen kämpft und Alexander Koslov. Filipenko beschreibt meisterhaft, wie die Charaktere sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden. Die Handlung des Romans bewegt sich im ständigen Fluss zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Geschickt hüpft Sasha Filipenko zwischen verschiedenen Zeitebenen, die sich wie einzelne Puzzlestücke zu Erinnerungen der Protagonisten zusammenfügen.

Der Schatten einer offenen Tür / Sasha Filipenko / Frankfurter Buchmesse
Protagonisten Auf der Suche nach Vergebung „Der Schatten einer offenen Tür“
Filipenko zeichnet keine Stereotype, er erzählt von Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, diese Schatten ihrer Vergangenheit abzuwerfen, trotzdem stellen sie sich den Herausforderungen der Gegenwart und hoffen auf eine bessere Zukunft. Die Figuren ringen mit den Konsequenzen traumatischer Erlebnisse, die langsam über Rückblicke und Begegnungen ans Tageslicht kommen.

Die Hauptfigur, Petja Pawlow, als Petak bekannt, steht im Zentrum dieser komplexen Erzählung. Er möchte am liebsten, dass all Menschen, die vorhandenen Regeln befolgen, deswegen eckt er in seinem Umfeld an. Vor allem die Natur liegt ihm sehr am Herzen. Die Menschen halten ihn für etwas einfältig und merkwürdig. Filipenko porträtiert Petak als suchenden Charakter, der, wie viele von uns, einfach nur in Frieden leben möchte.

Schreibstil: Poesie der Erinnerung
Der Autor nutzt einen poetischen und bewegenden Schreibstil, der die psychologische Tiefe des Romans verstärkt. Die narrative Struktur, die statt Kapiteln in „Gesängen“ gegliedert ist, erinnert an ein episches Gedicht. Diese Struktur lässt an Dantes „Göttliche Komödie“ denken und verleiht der Erzählung eine fast musikalische Qualität. Der einfühlsame Stil lässt die Leser, tief in die Gedanken und Gefühle der Charaktere eintauchen.

Und trotz des schweren, traurigen Geschehens, macht es Filipenko mittels humorvollen Akzenten, dem Leser möglich, auch Passagen durchzuhalten, die fast schon unerträglich belastend sind.

Nachtrag am 26.03.2025:
Ich wurde mit einem Kommentar darauf hingewiesen, dass man nicht vergessen dürfe, dass der poetische Schreibstil in der deutschen Ausgabe vor allem durch die gute Übersetzungsarbeit von Ruth Altenhofer zustande kommt. Das stimmt natürlich! Wer mehr darüber wissen möchte: Interview mit Ruth Altenhofer in den Niederösterreichischen Nachrichten.

Der Schatten einer offenen Tür / Hörbuch / Buch /Sasha Filipenko / Rezension
Hörbuch „Der Schatten einer offenen Tür“
Das Hörbuch wird ungekürzt gelesen von Alexander Gamnitzer. Die Stimme des Erzählers fängt die fein nuancierten Gefühlszustände der Charaktere ein. Man kommt ihnen sehr nah.

Der Titel ist im Bookbeatkatalog enthalten.

Der Schatten einer offenen Tür / Sasha Filipenko / Frankfurter Buchmesse
Kritik/Fazit: „Der Schatten einer offenen Tür“
„Der Schatten einer offenen Tür“ ist weit mehr als nur ein Roman über Traumata. Filipenkos fesselnde Erzählweise und der poetische Stil entführen den Leser in eine Welt, die ebenso eine psychische Selbsterkenntnis zeigen, wie die dazugehörige Umwelt. Die verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, die geschickt miteinander verwoben sind, bieten einen tief gehenden Einblick in die emotionalen und psychologischen Herausforderungen der Protagonisten.

Filipenko zeigt uns keine schöne oder harmonische Welt. Seiner Welt mangelt es an Empathie. Und sobald diese dennoch sprießt, wie bei der Szene mit dem geretteten Hund, wird sie durch das System verboten und zerstört. In einem Waisenhaus zu leben, ist wahrscheinlich überall auf der Welt, kein Paradies. Aber in Russland scheint es die Hölle zu sein. Vielleicht hat der Autor aus diesem Grund mit der Bezeichnung Gesang die Nähe zu „Dantes Inferno“ erstellt.

Auch die Justiz ermittelt mit Gewalt. Rechtssicherheit ist hier nicht zu finden.

Der Roman hebt die Fragilität menschlicher Erinnerungen und die andauernde Suche nach Sinn und Vergebung hervor. Filipenkos Erzählkunst forderte mich als Leserin heraus, über die Rolle meiner eigenen Vergangenheit im gegenwärtigen Leben nachzudenken. Das Buch bleibt auch nach dem letzten Satz in meinen Gedanken hängen und lässt mich nicht mehr so schnell los.

Zynisch wird im Waisenhaus ein Aufsatz zum Thema „Warum ich das Leben liebe“ ausgerufen. Dabei wird vermerkt:

„Liebe Schüler (!!!), wenn ihr eure Aufsätze aus dem Internet herunterladet, versucht, sie ein wenig abzuändern. In letzter Zeit gab es Fälle, in denen die Pädagogen eure Schularbeiten einer Plagiatsprüfung unterziehen mussten. Viel Glück!“

Veröffentlicht am 19.06.2023

Es waren zwei Königskinder ...

Ryanas Weg
0

„Die Sterne haben meinem Vater zu meiner Geburt gesagt, dass ich mit einem Reiterfürsten ein mächtiges Geschlecht begründen würde.“

„Ryanas Weg“ von Aileen o’Grian, spielt in einer Welt, in der Frauen ...

„Die Sterne haben meinem Vater zu meiner Geburt gesagt, dass ich mit einem Reiterfürsten ein mächtiges Geschlecht begründen würde.“

„Ryanas Weg“ von Aileen o’Grian, spielt in einer Welt, in der Frauen geduldet sind, wenn sie ihre vorgesehene Rolle einnehmen. Bei der Geburt der Zwillinge, muss König Magrow davon überzeugt werden, seine Tochter leben zu lassen.

Trotz der Seherin lehnt der König seine Tochter ab. Sie ist ihm zu eigenständig und zu aufsässig. Ryana muss immer mehr auf ihre Freiheit verzichten und den Platz einer gehorsamen Tochter einnehmen, damit sie sich gut in die zukünftige Rolle der untertänigen Ehefrau einfügt.

Nachdem ihre Mutter stirbt, sind nur noch ihr Bruder Sigrun und ihre Tante Mahila auf ihrer Seite.

Aber, es wäre keine Geschichte, die Aileen o’Grian erzählt, wenn sich das Blatt nicht wenden würde.

Ryana und ihr Zwillingsbruder Sigrun haben eine enge Bindung. Ryana hat die Gabe, Visionen zu haben. Visionen, die sich erfüllen. Es ist keine einfache Gabe. Wenn Ryana nicht die Königstochter wäre, hätte sie die Seherin Sappha zu ihrer Nachfolgerin gemacht, aber für eine Königstochter war das nicht möglich.

Worum geht es in „Ryanas Weg“
Es geht um eine junge Frau, die in Zwängen von Gesellschaft und Bestimmung lebt. Es ist nicht wichtig, welche Ziele, sie selbst möchte. Sie verschwendet keinen Gedanken daran. Sie fühlt sich ihrem Volk verpflichtet, der Vorsehung zu folgen.

Aileen o’Grian entwickelt diese Geschichte, die einmal als Kurzgeschichte gedacht war, als den Weg einer jungen Königin. Diesen Weg würde ich gerne weiter begleiten und hoffe sehr, dass die Autorin uns noch weitere Abschnitte des Weges, den Ryana geht, erzählen wird.

Wird sie ihre Liebe, den jungen Haarun, wiedersehen? Ist Lunow tatsächlich, der ihr vorhergesagte Reiterfürst?

Wird sich erfüllen, dass Ryana und Haarun nach 18 Jahren zusammenkommen, wie es die Seherin voraussagte?

Fazit/Kritik „Ryanas Weg“ Aileen o’Grian
Ich habe mich sehr gefreut, das neue Buch von Aileen o’Grian lesen und rezensieren zu dürfen. Vielen Dank, liebe Aileen, für das Rezensionsexemplar.

Ich war sehr gespannt, weil es nicht zur Rowan-Reihe gehört und auch keine Despotie ist. Nein! Es ist ein Märchen oder eine phantastische Geschichte, die auf magische Wesen verzichtet. Es sind Seher dabei und Aileen hat mir im nachfolgenden kleinen Interview verraten, dass vielleicht ein wenig mehr Magie kommen wird.

Die Handlung gefällt mir sehr gut. Es gab sicherlich Zeiten, in denen die erzählte Handlung „normal“ war. Und dass Frauen in Klischees gepresst werden, ist ja nicht nur heute so.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.03.2023

Das Leben geht einfach weiter ...

Rote Kreuze
0

Das Leben geht einfach weiter … – „Rote Kreuze
Das Buch „Rote Kreuze“ von Sascha Filipenko beginnt mit der Begegnung zweier Fremden, die zu Freunden werden. Beide haben mehr Leid erfahren, als für ein ...

Das Leben geht einfach weiter … – „Rote Kreuze
Das Buch „Rote Kreuze“ von Sascha Filipenko beginnt mit der Begegnung zweier Fremden, die zu Freunden werden. Beide haben mehr Leid erfahren, als für ein einzelnes Leben zu verkraften sein kann, und dennoch stehen beide hier, und beginnen sich zu öffnen und sich füreinander zu interessieren. Das macht die Tragik ihrer Leben nicht ungeschehen, aber es hilft beiden, sie zu ertragen.

„Das war’s, denke ich, Vorhang. Ein Leben ist zu Ende – und ein anderes Leben beginnt. Eine transzendente Null. Mit meinen dreißig Jahren bin ich nun ein Mensch mit entzweigerissenem Schicksal. Ich darf es noch einmal versuchen. Was ist dagegen schon einzuwenden. Selbstmord ist nicht mein Ding; außerdem habe ich jetzt eine Tochter.“

Alexander rubbelt das rote Kreuz an der Tür seiner neuen Wohnung ab. Die Nachbarin Tatjana Alexejewa gesteht ihm, dass sie das Kreuz gemalt hat, weil bei ihr Alzheimer diagnostiziert wurde, und sie damit nach Hause findet. Sie möchte ihm ihre Geschichte erzählen:

„Eigentlich keine Geschichte, sondern eine Biographie der Angst. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Grauen einen Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.“

Es ist das erste Buch, das ich von Sasha Filipenko lese und es hat mich mit voller Wucht getroffen.

Ich nahm sprachlos an den Gesprächen teil. Diese Sprachlosigkeit lag nicht an der Unmöglichkeit ins Geschehen einzugreifen. Nein, es hat mich überwältigt. Ich hörte, wurde manchmal zornig, manchmal traurig und mehr als einmal weinte ich.

Sasha Filipenko schildert, wie es den Menschen in der UDSSR in der Zeit unter Josef Stalin ging. Tatjana Alexejewa hat sie durch- und überlebt.

Nun hat man den Beginn einer Alzheimer Krankheit festgestellt. Und sie glaubt zu wissen, warum sie daran erkrank ist:

„Weil Gott Angst hat vor mir. Zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu.“

Sie hat nur noch einen Wunsch: sie möchte ihr ganzes Leben weitererzählen. Es muss Gehör finden

Alexander, kurz Sascha, ist gefangen in seinem eigenen, unglaublichen Schicksal. Hat es sich zum Guten gewendet? Es fällt ihm am Anfang schwer, sich der neugierigen übergriffigen Nachbarin zu öffnen.

Sasha Filipenko gelingt es, die Tragödien dieser zwei Menschenleben so zu erzählen, dass die Leser:innen langsam, immer nur so viel erfahrend, dass es gerade noch erträglich zu fühlen ist, auszubreiten.

Das Hörbuch „Rote Kreuze“
Das im Diogenes Verlag erschienene Hörbuch „Rote Kreuze“ ist 4 Stunden und 59 Minuten lang. Es wird von Robert Stadlober gesprochen.

Robert Stadlober gelingt es, sowohl den immer wieder aufblitzenden Sarkasmus des Widerstands von Tatjana Alexejewa in Szene zu setzen, aber genau so zieht er die Hörer:innen mit leisen einfühlsamen Tönen in seinen Bann. Obwohl es schmerzt, will man weiterhören.

Zum Autor Sasha Filipenko
Pressebildsashafilipenkocfoto-lukas-lienhard-diogenes-verlag
"Rote Kreuze"
Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren. Er ist ein belarussischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Die Romane werden von Ruth Altenhofer übersetzt.

Systemkritik ist die Botschaft seiner Bücher. Sicherlich ist das auch der Grund, warum er in seiner Heimat Belarus unerwünscht ist. Bis 2020 lebte er in Petersburg, dann verließ er mit seiner Familie Rußland und lebt jetzt in der Schweiz.



Fazit/Kritik „Rote Kreuze“
Beim Lesen bzw. Hören des Buchs wurde mir wieder einmal bewusst, dass der Mensch das größte und gefährlichste Raubtier ist, dass es gibt. Mit Ironie untermauert Sasha Filipenko die Gespräche seiner Protagonisten. Er schreibt in einer Sprache, die gesprochen wird.

Das Buch ist mehr als aktuell. Putin verherrlicht Stalin, obwohl oder vielleicht gerade, weil ihm die Geschichte Russlands, und das Wirken Stalins genau bekannt ist.

1932/33 verfolgte Josef Stalin das Ziel, den Freiheitswillen der Ukraine zu brechen und die sowjetische Herrschaft zu festigen. Um zur Industriemacht zu werden, brauchte die Sowjetunion dafür Technologie aus dem Westen, und das einzige Zahlungsmittel, das zur Genüge verfügbar war, war Getreide. Mehr als ein Viertel davon produzierte die Ukraine. Dieses Getreide wurde der Ukraine weggenommen und dadurch wurde eine Hungersnot erzeug, der schätzungsweise drei bis sieben Millionen Menschen zum Opfer. Das ging unter dem Begriff Holodomor in die Geschichte ein.

Sasha Filipenko erzählt immer wieder in seinen Büchern vom 20. Jahrhundert in der Sowjetunion.

Es ist wichtig, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen, um das aktuelle politische Geschehen wirklich verstehen und einordnen zu können.

Heute beginne ich mit seinem neuen Buch „Der Kremulator“.

„Rote Kreuze“ Sasha Filipenko
Pressebildrote-kreuzeDiogenes-Verlag
Hardcover Leinen
288 Seiten
erschienen am 26. Februar 2020

978-3-257-07124-5