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Veröffentlicht am 26.05.2026

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird

Die Elefanten
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Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich ...

Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich empfehle, es zu lesen!

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird
Inhalt/Zusammenfassung „Die Elefanten“ –
Plötzlich tauchen Elefanten in der Stadt auf – sie blockieren Straßen, Plätze und dringen in Häuser ein. Doch die Menschen ignorieren sie hartnäckig. Nur der Stand-up-Comedian Pawel bricht das Schweigen: Von der Bühne aus fordert er die Menschen auf, die Realität zu sehen. Das kostet ihn fast alles – sein Leben, seine Freiheit und seine Liebe zu Anna, der Tochter eines berühmten Schriftstellers, die besessen Kreuzworträtsel löst (und eines im Roman knackt). Als die Unglücksfälle zunehmen, wird Pawel zum Sündenbock.

Worum geht es wirklich?
Auf den ersten Blick ist „Die Elefanten“ eine Parabel über Verdrängung: Der „Elefant im Raum“ wird hier wörtlich genommen. Diese massiven Tiere blockieren den Alltag, doch niemand reagiert – weder mit Panik noch mit Neugier. Filipenko nutzt reale Elefantenfakten (Trauerrituale, Herdendemokratie, Nachtragendheit), um menschliches Verhalten zu sezieren. Im Zentrum steht Pawel, ein zynischer Comedian, dessen Auftritte mit Elefanten auf der Bühne zum Akt des Widerstands werden. Ihm gegenüber: Anna, die Rätsellöserin, und ihr Vater, ein Autor, der lieber fiktive Ideen spinnt, als hinzuschauen. Eingestreut sind Kommentare und ein lösbares Kreuzworträtsel, das die Themen verdichtet.

Es geht um Kompromisse: Kleine Zugeständnisse an das Absurde – Schweigen aus Bequemlichkeit – ebnen den Weg für Katastrophen. Filipenko kontrastiert Elefantenintelligenz mit menschlicher Dummheit und zeigt, wie Ignoranz zu Entmenschlichung führt.

Nashörner reloaded: „Die Elefanten“ im Vergleich zu Ionesco
Im dekoder-Interview (Meduza/dekoder. org, 2024/2025, übersetzt von Ruth Altenhofer) enthüllt Filipenko seine Schreibweise. Er recherchierte mit Dompteuren und Tierpsychologen, um Elefanten als Metapher zu schärfen: „Sie trauern, wählen fair und sind nachtragend – im Gegensatz zu uns Menschen. “ Eine Telegram-Umfrage („Was tust du mit einem Elefanten im Zimmer? “) inspirierte satirische Antworten wie „Ihn waschen“. Filipenko betont: „Kleine Kompromisse bauen Regime auf. “

Aus seiner Exil-Erfahrung (seit den Minsk-Protesten 2020 als „extremistisch“ eingestuft) plädiert er für Literatur als Therapie: „Häftlinge schreiben mir – sie heilt Einzelne, nicht Massen. “ Humor sei Überlebensstrategie: „In Moskau zynisch, aber lebenswichtig. “ Ohne das Buch zu verraten, unterstreicht das Interview Filipenkos Agenda: Unbequeme Wahrheit ohne Pathos, inspiriert vom Ukraine-Krieg und Belarus. Es macht Die Elefanten greifbarer – ein Autor, der nicht verstummt.

Politische Metaphern und Ionesco-Bezug:
Filipenko interpretiert Eugène Ionescos Nashörner (1959) neu: Dort verwandeln sich Menschen in Nashörner (Konformismus, Faschisierung). Hier erscheinen Elefanten als reale Symbole für Kriege, Unterdrückung und Krisen, die alle ignorieren. Er nennt es „Ionescos Erbe“ – unbequem, weil es uns meint (Zehnder-Rezension). Das russische Wort Slon (Elefant) ist zentral: Es erklärt alles – von Alltagsverdrängung bis Systemversagen. Filipenko betont: Kleine Kompromisse (z. B. Schweigen) bauen Diktaturen auf. Inspiriert von Belarus (Lukashenko) und Russland (Ukraine-Krieg).

Figuren im Detail – „Die Elefanten“
Pawel ist kein Superheld – ängstlich, impulsiv, kompromisslos. Seine Schwächen machen ihn greifbar, nicht heldenhaft perfekt. Kein „Auserwählter“-Klischee. Pawel als Comedian sticht heraus – Witze als Waffe gegen Elefanten-Chaos. Sein Humor ist nicht nur Waffe sondern auch ein Fluch. Er performt mit einem Elefanten auf der Bühne – riskiert Leben, Freiheit und Liebe. Filipenko: „Er behält Menschlichkeit durch Lachen. “

Filipenkos Figuren sind Meisterstücke – basierend auf Schreib-Tipps. Hier, wie er sie lebendig macht: Anna? Obsessive Rätsel-Löserin, Tochter eines Illusionisten. An Grenzen bringen: Jede Figur scheitert spektakulär – Leser denkt: „Die schaffen das nie! “ – doch Filipenko dreht es clever um. Interaktionen mit Anderen: Pawel kollidiert mit Anna (Liebe vs. Ignoranz), Vater (Intellekt vs. Realität). Beziehungen formen sie – Konflikte entfalten Tiefe.

Gemeinsamkeiten mit Ionescos Nashörnern
Filipenkos Roman ist eine Hommage an Eugène Ionescos Nashörner (1959). Bei Ionesco verwandeln sich Menschen in Nashörner – Symbol für Konformismus und Faschisierung. Der „Held“ Bérenger bleibt als Letzter menschlich. Filipenko dreht es um: Keine Verwandlung, sondern Ignoranz. Elefanten erscheinen real, werden aber ignoriert – eine Steigerung des Absurden. Pawel entspricht Bérenger: Der Comedian leistet Widerstand, verliert alles (Verhaftung, Folter, Prozess). Der YouTube-Talk „Ionescos Erbe“ nennt es „Nashörner neu geschrieben – und meint uns“. Filipenko vermeidet Schwarz-Weiß: Subtiler, mit Tierfakten und Humor. Beide kritisieren Verdrängung, doch Filipenkos Version passt zur Putin-Ära: Innere Verrohung statt äußerer Mutation. Perfekte Ergänzung für Ionesco-Leser.

Politisch aufgeladen, ohne didaktisch zu wirken, spiegelt der Roman autoritäre Systeme wider, in denen Dissens teuer erkauft wird. Der Humor bleibt trocken-belarussisch: Pawels Witze sind scharf, die Absurdität entspricht Ionesco. Und doch am Ende subtiler als bei Ionesco – keine physische Verwandlung, sondern innere Verrohung. Ein Roman, der lacht, bis es wehtut, und fragt: Was ignorierst du?

„Das Geschenk“ Gaea Schröter
„Das Geschenk“ von Gaea Schoeters ist eine kurze, sehr pointierte Politsatire (ca. 144 Seiten, Zsolnay 2025), die ein bewusst absurdes Szenario entwirft, um über Migration, Postkolonialismus und europäische Politik zu sprechen.

In Deutschland tauchen plötzlich überall Elefanten auf – in Berlin, in den Städten, mitten im Alltag. Bald wird klar: Sie sind nicht aus dem Zoo entlaufen, sondern ein „Geschenk“ des Präsidenten von Botswana. Hintergrund: Deutschland hat ein Einfuhrverbot für Jagdtrophäen beschlossen. In Botswana breiten sich dadurch die Elefanten massiv aus, gefährden die Lebensgrundlage armer Regionen – also schickt der Präsident 20.000 Elefanten nach Deutschland zurück.

Die Tiere richten Chaos an, es gibt Unfälle, Kosten, Konflikte. Die Bundesregierung muss reagieren: Es entsteht ein Elefantenministerium, es werden Quoten für Bundesländer festgelegt, Behörden, Länder und Parteien streiten. Gleichzeitig versuchen Populisten, aus der „Elefantenkrise“ politisches Kapital zu schlagen („Der Elefant gehört zu Deutschland“ ist eine der satirischen Pointen).

Sasha Filipenko
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Sasha Filipenko (1984, Minsk), auf Russisch schreibend, ist Exil-Star: Nach Rote Kreuze (Spiegel-Bestseller 2020) und Der Schatten einer offenen Tür (2024, Krimi über Waisenkinder-Suizide in russischem Nirgendwo) festigt „Die Elefanten“ seinen Ruf. Perlentaucher hebt die „böse Politsatire“ hervor, Zehnder nennt es „Buch der Woche“. Kritik: Manche finden es „zu subtil“ (kein Paukenschlag-Ende), andere loben genau das – psychologische Tiefe statt Sensationalismus. Filipenkos Stärke: Nuancen (keine Plakate), belarussisch-russischer Zynismus. Schwäche? Für Unkenner Ionescos weniger zugänglich. Die Satire ist zeitlos aktuell, wie Gaea Schoeters „Das Geschenk“. Ein Fest für Satire-Fans!

Eugène Ionesco
Eugène Ionesco (
1909 in Slatina, Rumänien; †1994 in Paris) war einer der bedeutendsten Dramatiker der Nachkriegszeit und eine Schlüsselfigur des „absurden Theaters“. Als Kind lebte er sowohl in Rumänien als auch in Frankreich, schrieb aber seine wichtigsten Werke auf Französisch und nahm 1950 die französische Staatsbürgerschaft an.

Berühmt wurde er mit Stücken wie „Die kahle Sängerin“ („La Cantatrice chauve“), „Die Stühle“ („Les Chaises“) und „Die Nashörner“ („Rhinocéros“). In ihnen entlarvt er mit grotesken Situationen, Sprachspielen und scheinbar sinnlosen Dialogen die Leere bürgerlicher Konventionen, die Manipulierbarkeit von Menschen und die Gefahren totalitärer Ideologien.

Ionescos Theater ist komisch und verstörend zugleich: Hinter dem absurden Humor steht stets eine existenzielle, oft politische Aussage. Ab den 1960er-Jahren wurde er international gefeiert, in die Académie française aufgenommen und bis heute weltweit gespielt und gelesen.

Kritik
Sasha Filipenko ist nie einfach zu lesen. Die Szenen der Entmenschlichung sind böse und schwer zu ertragen. Aber das ist vielleicht das Besondere an Filipenko: Er erzählt uns nicht, wie böse es in seiner Heimat zugeht, sondern er lässt es uns fühlen.

„Die Elefanten“ beißt zu – witzig, scharf, notwendig. Filipenko zeigt: Ignoranz ist der wahre Horror. Ich kann nur noch empfehlen: Kauft es, lest es, redet drüber. Nur so kann man verhindern, dass der Elefant zu dir kommt.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf unser Wiesbadener Literaturfestival „Ins Offene 6“ hinweisen. Hier ist Sasha Filipenko mit seinem Buch „Die Elefanten“ am 24. Juni 2026 zu Gast.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein Abenteuer ohne Happyend

»Wir haben es nicht gut gemacht.«
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„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg ...

„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch unter Verschluss. Jetzt offenbaren sie die zerstörerische Ambivalenz einer der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur – und räumen mit hartnäckigen Mythen auf. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag und Piper Verlag, 2022.

Ein Abenteuer ohne Happy End
Kurze Vita: Ingeborg Bachmann (15. Juni 1926 – 1973)
Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann war eine Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1952 nimmt Bachmann das erste Mal an einer Tagung der Gruppe 47 teil. Ihr Lyrikdebüt „Die gestundete Zeit“erschien 1953 in Alfred Anderschs Buchreihe „Studio Frankfurt“. Es folgte u. a. der Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ erscheint 1956. Bachmann wird Autorin des Piper Verlags. 1958 kamen Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“. 1962 beginnt die Autorin mit einer Arbeit, aus der sich das unvollendete „Todesarten-Projekt“ entwickelt.

1971 erschien ihr Roman „Malina“ beim Suhrkamp Verlag.

Bachmanns Themen sind:
– Sprache und Macht
– patriarchale Gewalt
– Nachwirkungen des Faschismus
– weibliche Subjektivität und Verletzbarkeit.

Kurze Vita: Max Frisch, (15. Mai 1911– 4. April 1991)
Der Schweizer Romancier und Dramatiker hat folgende Werke geschrieben: „Stiller“, „Homo Faber“, „Biedermann und die Brandstifter“, „Andorra“, „Mein Name sei Gantenbein“ und einige bedeutende Tagebücher.
Seine Themen sind: Identität und Rolle, Moral und Verantwortung, Privatleben versus Öffentlichkeit.
Frisch wird weltweit rezipiert. Seine Werke prägen bis heute das Nachdenken über Erzählen und Selbstentwurf. Zur ausführlichen Vita Max Frisch.

Wie es zum Buch „Wir haben es nicht gut gemacht“ kam
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch war lange Zeit ein Geheimnis der deutschsprachigen Literaturwelt. Bachmann selbst hatte ihre Briefe vernichtet; Frisch jedoch fertigte Durchschläge und Abschriften an, deren Sperrung erst 2011 aufgehoben wurde.

Der Band versammelt den überlieferten Briefwechsel aus den Jahren ihrer Beziehung, von den späten 1950er bis zu den frühe 1960er. Die Briefe werden ergänzt durch Karten und Telegramme, soweit sie vorhanden sind.

Grundlage sind die Nachlässe und Archive (u. a. Ingeborg-Bachmann-Archiv und Max-Frisch-Archiv); nach jahrzehntelanger Sperrfrist und editorischer Aufarbeitung wurden die Briefe in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp und Piper veröffentlicht.

Der Titel – „Wir haben es nicht gut gemacht“ – zitiert die selbstkritische Bilanz einer Liebe, die an künstlerischen Ansprüchen, Eifersucht, Freiheitsbedürfnis und Rollenbildern zerbricht.

Die Publikation löste Debatten über literarischen Erkenntnisgewinn versus Intimsphäre aus – und macht zugleich sichtbar, wie nah sich Werk und Leben berühren.

Aufbau des Buches „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wußte ich, trotzdem drängte es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen: Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.
Max Frisch, Montauk (1975).

Mit diesem Zitat aus beginnt das Buch, mit dem Briefwechsel. es sind 299 Briefe. Dann folgt der Kommentar von Thomas Strässler und Barbara Wiedemann, darauf 300 Seiten Stellenkommentare. Die Zeittafel gibt einen Blick auf die Beziehung frei. Am Schluss kommen das Abkürzungsverzeichnis mit Bibliografie, das Werkregister Bachmann und das Werkregister Frisch.

Inhalt / ZUSAMMENFASSUNG „Wir haben es nicht gut gemacht“
Die Briefe zeigen das Kennenlernen, die Anziehung und das Arbeitsbündnis. Die frühen Briefe kreisen um Sehnsucht, Reiserouten zwischen Rom, Zürich und Aufenthalten anderswo, und um gegenseitige Lektüre. Man spürt Bewunderung und das Versprechen, einander „Arbeitsruhe“ und Schutz zu geben.

Die Liebe zwischen Bachmann und Frisch entstand im Sommer 1958. Anfang Juni schrieb Bachmann den ersten Brief, in dem sie ihre Gefühle mit einer Bestimmtheit ausdrückte.

Es war Frisch, der sich dieser Liebe nach einem einzigen Pariser Treffen mit „Haut und Haar ergab“. Es zeigt sich ein komplexes, menschliches Bild zweier verletzlicher Menschen in einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist.

„Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“

Die Korrespondenz zeigt auch den Alltag. Mit dem Zusammenleben mehren sich Briefe voller Organisation und Logistik. Im Focus stehen die Wohnungen, die Termine und Proben. Man erkennt aber auch verdeckte Machtspiele: Wer darf schreiben, wenn der andere Raum braucht? Wessen Werk hat Priorität?

Man kann zusehen, wie es zu Rissen in der Beziehung kommt. Eifersucht und die Angst, literarisch „verwendet“ zu werden, sind u. a. daran schuld. Dazu kommen Kränkungen durch Öffentlichkeit und Berufserfolg. Frischs nüchterner Selbstbericht steht Bachmanns verletzlicher, zugleich entschiedener Stimme gegenüber. Beide fordern vom Anderen und verfehlen sich.

Trennungsabsichten wurden ausgesprochen und im nächsten Moment untergraben. Entscheidungen wurden getroffen und kurz darauf widerrufen. Frisch schrieb:

„Ich fühle mit leiblicher Deutlichkeit, wie der Abschied, den ich verhängt habe, noch geleistet werden muss von mir.“

Bachmann antwortete:

„Sag mir, ob ich Dich ganz befreien soll von mir.“

Diese wechselnde Dynamik, in der beide ständig um gegenseitige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe buhlten, während sie sich gegenseitig verletzten, prägt den gesamten Briefwechsel bis zur endgültigen Trennung.

Späte Schreiben protokollieren Entfremdung, Schuldfragen und Versuche, die Verbindung nicht in Bitterkeit enden zu lassen. Der Band zeigt, wie Erfahrungen im Werk der beiden sich niedergeschlagen haben (Bachmanns Malina/Todesarten, Frischs Prosatexte).

Wir haben es nicht gut gemacht - Briefwechsel Ingeborg Bachmann - Max Frisch - Rezension
Schreibstil und Ton „Wir haben es nicht gut gemacht“
Es sind zwei unverwechselbare Stimmen:
Ingeborg Bachmanns Briefe sind lyrisch verdichtet und sensibel mit feinen Untertönen – ein Tasten zwischen der Bitte um Nähe und Selbstschutz. Es sind elegante Sätze, die zugleich versteckt versuchen zu manipulieren.
Dagegen die Stimme von Max Frisch. Meist nüchtern und analytisch. Er kontrolliert den Ton, dabei ist er präzise, manchmal protokollarisch, mit plötzlichen Ausbrüchen von Zärtlichkeit oder Ironie.

Die Korrespondenz besteht aus langen Briefen, eilenden Zetteln und Telegramme bis zu Funkstille. Dieser Ablauf der Korrespondenz bildet die Beziehungskurve ab. Beide sprechen über das Schreiben unter Liebesbedingungen – über Aneignung, Fiktionalisierung, die Angst, im Text des anderen zu verschwinden.

Fazit/Kritik „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ein attraktiver Briefwechsel, eine stilistische Meisterschaft. Zwei Schriftsteller ersten Ranges kommunizieren miteinander und verfügen über alle psychologischen und sprachlichen Mittel, ihre Gefühle mit genauestens zu beschreiben. Die Briefe lesen sich stellenweise wie ein Roman – mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, allen Widersprüchen und Wunden, die echte Leidenschaft hinterlässt.

Der hervorragend kommentierte Briefwechsel „Wir haben es nicht gut gemacht“ ist weit mehr als eine Sensation aus der Literaturgeschichte. Er ist ein zeitloses Dokument menschlicher Verletzlichkeit, ein Zeugnis von zwei Menschen, deren Liebe ein Abenteuer war, das sie nicht bestanden – aber das sie „so ungeschützt und absolut“ verfolgten. Eine absolute Empfehlung für jeden, der verstehen möchte, wie Leben und Werk untrennbar verbunden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich das Buch „Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger rezensiert. Darin geht es um die kurz aber sehr intensive Beziehung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Wem „Wir haben es nicht gut gemacht“ gefällt, empfehle ich „Wir sagen uns Dunkles“.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion

Was wir wissen können
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In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, ...

In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, die seine eigenen Gewissheiten zerschmettert. Ein Roman über die Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion, der zeigt, was bleibt, wenn wir erkennen, dass wir nichts wissen.

Erkenntnis oder Projektion?
Zusammenfassung / Inhalt „Was wir wissen können“
Ian McEwans neuer Roman „Was wir wissen können“ dreht sich um Francis Blundy und sein verschwundenes Gedicht, einen Sonettenkranz. In einer ausgebeuteten, klimatisch geschundenen Welt erforscht der Biograf Thomas Metcalfe das Leben des Dichters Blundy, dessen bedeutendstes Werk verloren ging.

Die Dystopie entfaltet sich auf zwei Zeitebenen.

Die Gegenwart zeigt eine erschöpfte Welt. McEwan verortet die Handlung in das Jahr 2119. Eine fiktive Welt, die ökologisch, emotional und literarisch ausgezehrt ist.

Diese postkatastrophale Gegenwart verzichtet auf actiongeladene Szenen von brennenden Städten und Zusammenbruch. Sie wirkt resigniert, still, grau und abgenutzt. Die Welt funktioniert gerade noch, ohne Höhepunkte. Der Klimawandel zeigt sich nicht in dramatischen Katastrophen, sondern schleichend. Utopien und große Fortschrittserzählungen fehlen. Es bleibt nur das Weitermachen – und das Schreiben.

In dieser Welt arbeitet Thomas Metcalfe als Biograf. Seine Aufgabe ist es, das Leben des Dichters Francis Blundy zu rekonstruieren. Diese Mission ist wissenschaftlich und emotional: Metcalfe liebt seine Arbeit, liebt Blundy, liebt das Rätsel, das dieser Mann darstellt.

Die Handlung gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit. Metcalfe durchkämmt Archivmaterial und sammelt Fragmente. Die narrative Gegenwart ist eine des forschenden Schreibens – nicht der Action, sondern der Reflexion.

Das verschwundene Gedicht und die Liebe In der Vergangenheit, die der Gegenwart der Leser entspricht, enthüllt dieser Rückblick die komplexe Beziehung zwischen Francis Blundy und Vivien. Ihre Lebensgeschichte erscheint als vielschichtiges Gewebe aus Begehren, wissenschaftlicher Neugier und unausgesprochenen Geheimnissen.

Metcalf ist fasziniert von diesem Gedicht, das ein Phantom ist. Was war dieses Gedicht? Worum ging es?

Das Leben selbst wird zum Rätsel: Was war die Beziehung zwischen Blundy und Vivien? Was Metcalfe zunächst „weiß“, bzw. was er konstruiert hat ist, dass Vivien eine unterstützende Partnerin war, dass sie ihre akademische Karriere für Blundy aufgegeben hat, dass sie sich zurückgezogen hat. Die erzählte Geschichte ist nicht die wahre Geschichte. Sie ist die Geschichte, die Metcalfe sich erzählt hat.

Drei Stimmen, eine Wahrheit? – Die Protagonisten „Was wir wissen können“
Der leidenschaftliche Forscher Thomas Metcalf ist der Erzähler im ersten Teil des Romans. Er ist Biograf und Wissenschaftler. Seine Besessenheit von Blundy, seine Hingabe an die Recherche und seine emotionale Investition in die „Wahrheit“ prägen seine Arbeit. Doch seine Perspektive bleibt subjektiv, es fehlt ihr an Objektivität.

Metcalfe setzt auf Empathie, um Blundys Leben zu verstehen. Doch der Roman fragt: Genügt Empathie als Methode historischer Erkenntnis?

„Beruf‌lich habe ich mich ein Leben lang darum bemüht, mit Menschen vertraut zu werden, die ich niemals persönlich treffen konnte, Menschen, die wirklich gelebt haben und für mich daher weit lebendiger waren als Figuren in einem Roman. Ich habe versucht mir zu eigen zu machen, was »jenseits meiner Reichweite über die Zeit hinweg« liegt. So bin ich zum Beispiel davon überzeugt, ich hätte Vivien Blundy lieben können“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Francis Blundy bleibt ein Rätsel. Er ist lange tot, und sein Leben wird nur durch Fragmente, Erinnerungen und Aufzeichnungen anderer erzählt. Er ist keine überlebensgroße literarische Figur wie Byron.

Sein verschwundenes Gedicht steht für Vergänglichkeit. Es symbolisiert alles, was wir nicht wissen und was verloren geht.

Vivien ist die Schreiberin der Gegenwahrheit, Die eigentliche Überraschung des Romans ist Vivien. Lange war sie die stumme Figur – die zurückgezogene Partnerin, die unterstützende Ehefrau. Doch Vivien hinterlässt Aufzeichnungen, die Metcalfes Bild von ihr widersprechen.

Vivien schreibt gegen das Bild, das Thomas von ihr hatte. Sie ist nicht das sanfte, aufopfernde Opfer, als das Metcalfe sie darstellte. Sie ist komplex, fehlbar, eigenständig. Ihre Erinnerungen sind ebenso wahr wie Metcalfes Recherchen – nur anders.

Die Harmonisierung dieser drei Stimmen – Metcalfe, Blundy und Vivien bildet das narrative Herzstück des Romans.

Schreibstil und Struktur „Was wir wissen können“
McEwan entwickelt eine präzise, zurückhaltende Erzählweise. Die Sprache ist kühl, distanziert und analytisch. Die Zukunft, in der die Geschichte spielt, formt die Sprache: sie ist trostlos, ohne Illusionen.

McEwan überlässt nichts dem Zufall. Die Struktur von „Was wir wissen können“ ist durchdacht und gezielt rau. Der Roman teilt sich: Zuerst die Forschung des Biografen, die Rekonstruktion, die liebevolle Interpretation. Dann der Bruch – Viviens Aufzeichnungen, die Korrektive, die Umschreibung.

Dieser Bruch ist gewollt. Metcalfe verliert seine Erzählerrolle. Die Figur Vivien übernimmt. Die Perspektive wechselt nicht sanft, sondern abrupt.

McEwan zeigt damit etwas Tiefgreifendes: Wir können nicht sanft von einer Wahrheit zur anderen wechseln. Der Erkenntnisprozess ist nicht evolutionär, sondern revolutionär. Es gibt einen Punkt, an dem die alte Erzählung (Metcalfes Forschungsergebnisse) endet und eine neue (Viviens Aufzeichnungen) beginnt.

„Wie bei den meisten Menschen, die sich auf dem Papier mit sich selbst unterhalten, galt meine Treue der Wahrheit, so wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt verstand. Würde ich mich in schlechtem Licht zeigen müssen, dann sollte es so sein.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Fazit / Kritik „Was wir wissen können“
Der Roman hinterfragt grundlegende erkenntnistheoretische Konzepte. McEwan zeigt, dass die Idee der Empathie sehr subjektiv ist. Sichtbar werden die Grenzen menschlicher Erkenntnis in einer vergangenen Welt, so dass man sagen kann, „Was wir wissen können“ entfaltet sich als komplexe Meditation über Wissen, Interpretation und die Grenzen menschlichen Verstehens.

Mir gefällt die moralische Komplexität: Weder Metcalfe noch Vivien sind Bösewichte. Beide haben recht – und beide haben unrecht. Der Roman verweigert einfache moralische Bewertungen.

Auch eine Warnung für die aktuelle Politik Deutschlands kann man, wenn man möchte, im nächsten Zitat lesen.

„Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung infolge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Ich möchte den Buchtitel zum Abschluss in eine Frage umwandeln: Was können wir wissen? Jeder, der in der Vergangenheit forscht oder etwas sucht – ob Wissenschaftler oder Laie –, muss sich diese Frage ständig stellen. Warum? Weil das Ziel immer die Wahrheit ist. Auch wir Rezensenten sollten uns diese Frage bewusst machen und dabei nie vergessen: Jede Rezension spiegelt nur eine persönliche Meinung und darf nicht den Anspruch erheben, die Wahrheit zu sein.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Eine Welt ohne Empathie

Der Schatten einer offenen Tür
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Eine Welt ohne Empathie
In Sasha Filipenkos Roman „Der Schatten einer offenen Tür“ entfaltet sich eine fesselnde Kriminalerzählung, die zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Herausforderungen ...

Eine Welt ohne Empathie
In Sasha Filipenkos Roman „Der Schatten einer offenen Tür“ entfaltet sich eine fesselnde Kriminalerzählung, die zwischen den Schatten der Vergangenheit und den Herausforderungen der Gegenwart wandelt. Filipenko bietet einen Blick in die Tiefen der menschlichen Seele und fragt, inwieweit Heilung und Vergebung möglich sind.

Zusammenfassung/Inhalt „Der Schatten einer offenen Tür“
In einem Waisenhaus haben sich mehrere Jugendliche das Leben genommen. Wie kam es dazu? Moskau schickt Alexander Koslow um die Suizidserie zu untersuchen. Schnell gerät Petja Pawlow in das Visier der örtlichen Polizei, weil seine DNA an den Tatorten gefunden wurde. Aber ist es wirklich so einfach?

Die Handlung dreht sich um die zentralen Figuren, Petja Pawlow, der mit den Folgen traumatischer Ereignisse und den damit verbundenen emotionalen Erinnerungen kämpft und Alexander Koslov. Filipenko beschreibt meisterhaft, wie die Charaktere sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden. Die Handlung des Romans bewegt sich im ständigen Fluss zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Geschickt hüpft Sasha Filipenko zwischen verschiedenen Zeitebenen, die sich wie einzelne Puzzlestücke zu Erinnerungen der Protagonisten zusammenfügen.

Der Schatten einer offenen Tür / Sasha Filipenko / Frankfurter Buchmesse
Protagonisten Auf der Suche nach Vergebung „Der Schatten einer offenen Tür“
Filipenko zeichnet keine Stereotype, er erzählt von Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, diese Schatten ihrer Vergangenheit abzuwerfen, trotzdem stellen sie sich den Herausforderungen der Gegenwart und hoffen auf eine bessere Zukunft. Die Figuren ringen mit den Konsequenzen traumatischer Erlebnisse, die langsam über Rückblicke und Begegnungen ans Tageslicht kommen.

Die Hauptfigur, Petja Pawlow, als Petak bekannt, steht im Zentrum dieser komplexen Erzählung. Er möchte am liebsten, dass all Menschen, die vorhandenen Regeln befolgen, deswegen eckt er in seinem Umfeld an. Vor allem die Natur liegt ihm sehr am Herzen. Die Menschen halten ihn für etwas einfältig und merkwürdig. Filipenko porträtiert Petak als suchenden Charakter, der, wie viele von uns, einfach nur in Frieden leben möchte.

Schreibstil: Poesie der Erinnerung
Der Autor nutzt einen poetischen und bewegenden Schreibstil, der die psychologische Tiefe des Romans verstärkt. Die narrative Struktur, die statt Kapiteln in „Gesängen“ gegliedert ist, erinnert an ein episches Gedicht. Diese Struktur lässt an Dantes „Göttliche Komödie“ denken und verleiht der Erzählung eine fast musikalische Qualität. Der einfühlsame Stil lässt die Leser, tief in die Gedanken und Gefühle der Charaktere eintauchen.

Und trotz des schweren, traurigen Geschehens, macht es Filipenko mittels humorvollen Akzenten, dem Leser möglich, auch Passagen durchzuhalten, die fast schon unerträglich belastend sind.

Nachtrag am 26.03.2025:
Ich wurde mit einem Kommentar darauf hingewiesen, dass man nicht vergessen dürfe, dass der poetische Schreibstil in der deutschen Ausgabe vor allem durch die gute Übersetzungsarbeit von Ruth Altenhofer zustande kommt. Das stimmt natürlich! Wer mehr darüber wissen möchte: Interview mit Ruth Altenhofer in den Niederösterreichischen Nachrichten.

Der Schatten einer offenen Tür / Hörbuch / Buch /Sasha Filipenko / Rezension
Hörbuch „Der Schatten einer offenen Tür“
Das Hörbuch wird ungekürzt gelesen von Alexander Gamnitzer. Die Stimme des Erzählers fängt die fein nuancierten Gefühlszustände der Charaktere ein. Man kommt ihnen sehr nah.

Der Titel ist im Bookbeatkatalog enthalten.

Der Schatten einer offenen Tür / Sasha Filipenko / Frankfurter Buchmesse
Kritik/Fazit: „Der Schatten einer offenen Tür“
„Der Schatten einer offenen Tür“ ist weit mehr als nur ein Roman über Traumata. Filipenkos fesselnde Erzählweise und der poetische Stil entführen den Leser in eine Welt, die ebenso eine psychische Selbsterkenntnis zeigen, wie die dazugehörige Umwelt. Die verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, die geschickt miteinander verwoben sind, bieten einen tief gehenden Einblick in die emotionalen und psychologischen Herausforderungen der Protagonisten.

Filipenko zeigt uns keine schöne oder harmonische Welt. Seiner Welt mangelt es an Empathie. Und sobald diese dennoch sprießt, wie bei der Szene mit dem geretteten Hund, wird sie durch das System verboten und zerstört. In einem Waisenhaus zu leben, ist wahrscheinlich überall auf der Welt, kein Paradies. Aber in Russland scheint es die Hölle zu sein. Vielleicht hat der Autor aus diesem Grund mit der Bezeichnung Gesang die Nähe zu „Dantes Inferno“ erstellt.

Auch die Justiz ermittelt mit Gewalt. Rechtssicherheit ist hier nicht zu finden.

Der Roman hebt die Fragilität menschlicher Erinnerungen und die andauernde Suche nach Sinn und Vergebung hervor. Filipenkos Erzählkunst forderte mich als Leserin heraus, über die Rolle meiner eigenen Vergangenheit im gegenwärtigen Leben nachzudenken. Das Buch bleibt auch nach dem letzten Satz in meinen Gedanken hängen und lässt mich nicht mehr so schnell los.

Zynisch wird im Waisenhaus ein Aufsatz zum Thema „Warum ich das Leben liebe“ ausgerufen. Dabei wird vermerkt:

„Liebe Schüler (!!!), wenn ihr eure Aufsätze aus dem Internet herunterladet, versucht, sie ein wenig abzuändern. In letzter Zeit gab es Fälle, in denen die Pädagogen eure Schularbeiten einer Plagiatsprüfung unterziehen mussten. Viel Glück!“

Veröffentlicht am 19.06.2023

Es waren zwei Königskinder ...

Ryanas Weg
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„Die Sterne haben meinem Vater zu meiner Geburt gesagt, dass ich mit einem Reiterfürsten ein mächtiges Geschlecht begründen würde.“

„Ryanas Weg“ von Aileen o’Grian, spielt in einer Welt, in der Frauen ...

„Die Sterne haben meinem Vater zu meiner Geburt gesagt, dass ich mit einem Reiterfürsten ein mächtiges Geschlecht begründen würde.“

„Ryanas Weg“ von Aileen o’Grian, spielt in einer Welt, in der Frauen geduldet sind, wenn sie ihre vorgesehene Rolle einnehmen. Bei der Geburt der Zwillinge, muss König Magrow davon überzeugt werden, seine Tochter leben zu lassen.

Trotz der Seherin lehnt der König seine Tochter ab. Sie ist ihm zu eigenständig und zu aufsässig. Ryana muss immer mehr auf ihre Freiheit verzichten und den Platz einer gehorsamen Tochter einnehmen, damit sie sich gut in die zukünftige Rolle der untertänigen Ehefrau einfügt.

Nachdem ihre Mutter stirbt, sind nur noch ihr Bruder Sigrun und ihre Tante Mahila auf ihrer Seite.

Aber, es wäre keine Geschichte, die Aileen o’Grian erzählt, wenn sich das Blatt nicht wenden würde.

Ryana und ihr Zwillingsbruder Sigrun haben eine enge Bindung. Ryana hat die Gabe, Visionen zu haben. Visionen, die sich erfüllen. Es ist keine einfache Gabe. Wenn Ryana nicht die Königstochter wäre, hätte sie die Seherin Sappha zu ihrer Nachfolgerin gemacht, aber für eine Königstochter war das nicht möglich.

Worum geht es in „Ryanas Weg“
Es geht um eine junge Frau, die in Zwängen von Gesellschaft und Bestimmung lebt. Es ist nicht wichtig, welche Ziele, sie selbst möchte. Sie verschwendet keinen Gedanken daran. Sie fühlt sich ihrem Volk verpflichtet, der Vorsehung zu folgen.

Aileen o’Grian entwickelt diese Geschichte, die einmal als Kurzgeschichte gedacht war, als den Weg einer jungen Königin. Diesen Weg würde ich gerne weiter begleiten und hoffe sehr, dass die Autorin uns noch weitere Abschnitte des Weges, den Ryana geht, erzählen wird.

Wird sie ihre Liebe, den jungen Haarun, wiedersehen? Ist Lunow tatsächlich, der ihr vorhergesagte Reiterfürst?

Wird sich erfüllen, dass Ryana und Haarun nach 18 Jahren zusammenkommen, wie es die Seherin voraussagte?

Fazit/Kritik „Ryanas Weg“ Aileen o’Grian
Ich habe mich sehr gefreut, das neue Buch von Aileen o’Grian lesen und rezensieren zu dürfen. Vielen Dank, liebe Aileen, für das Rezensionsexemplar.

Ich war sehr gespannt, weil es nicht zur Rowan-Reihe gehört und auch keine Despotie ist. Nein! Es ist ein Märchen oder eine phantastische Geschichte, die auf magische Wesen verzichtet. Es sind Seher dabei und Aileen hat mir im nachfolgenden kleinen Interview verraten, dass vielleicht ein wenig mehr Magie kommen wird.

Die Handlung gefällt mir sehr gut. Es gab sicherlich Zeiten, in denen die erzählte Handlung „normal“ war. Und dass Frauen in Klischees gepresst werden, ist ja nicht nur heute so.

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