Ein Pionier auf dem Hochrad
Der Mann auf dem Hochrad"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe ...
"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe noch einmal neu herausgegeben.
In dem Buch lernen wir den Großonkel des Autors, Franz Schröter, und dessen Frau Anna, näher kennen. Die Handlung spielt hauptsächlich Ende des 19. Jahrhunderts, mit einzelnen Vorausblicken in spätere Jahre und die langfristige Entwicklung, aus denen wir etwa erfahren, dass Franz und Anna ein langes Leben und die goldene Hochzeit beschieden sein wird. Das ist tröstlich zu wissen, während wir den jungen Mann bei seinen mutigen Experimenten beobachten: beruflich ist Franz Schröter erst einmal als Tierpräparator tätig, und auch auf diesem Gebiet ist er ein Pionier, denn er traut sich, die Tiere lebensecht darzustellen, auch wenn das bei manchen Zeitgenossen erst einmal Unbehagen hervorruft und ihm somit nicht gleich den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg sichert. Um diesen geht es ihm aber sowieso nur zweitrangig, in erster Linie hat er seine Freude an allem Innovativen und am Experimentieren.
Und so ist es kein Wunder, dass er - nachdem er es erstmalig in England kennen gelernt hat - das Hochrad nach Coburg bringt, erst einmal für sich selbst und erste Bekannte, und dann auch als Händler mit dem Versuch, mehrere Exemplare unters Volk zu bringen. Auch einige schmerzhafte Stürze und die Beschädigung eines Fingers durch diese sowie Hohn und Gespött der beobachtenden Menschenmengen halten Franz Schröter nicht davon ab, es immer weiter zu versuchen und bald kunstfertig mit dem Hochrad durch Coburg zu fahren und andere diese Fähigkeit zu lehren. Seiner Frau Anna will er zuerst davon abraten, sie bringt es sich aber selbst bei und bald machen die beiden gemeinsam Ausflüge mit dem Hochrad.
Das Buch ist insgesamt ein durchaus unterhaltsames und lehrreiches Zeitporträt (mit gelegentlichen Längen, insbesondere in Bezug auf die Beschreibung der adeligen Figuren, die ich so nicht gebraucht und bei denen ich mir zeitweise mehr Fokus auf das Hochrad gewünscht hätte). Die erfindungsreiche Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird spürbar, ebenso wie die abnehmende Bedeutung des Adels, das Erwachen von Arbeiterbewegungen und die Bekämpfung dieser, und die noch sehr eingeschränkte Rolle der Frauen in der Gesellschaft, der sich aber nicht alle so einfach hingeben möchten. So ist es etwa für eine Frau, die Hochrad-Fahren lernen möchte, nötig, ihren Kleidungsstil zu verändern, um mit den üblichen Röcken nicht in die Speichen zu kommen.
Die Lektüre lädt zum Nachdenken über unseren Umgang mit Fortschritt und Innovation ein. Über das Wechselspiel zwischen Innovationsgeist und wirtschaftlichem Erfolg, die bekanntlich oft nicht unbedingt miteinander einhergehen. Über wichtige erste Schritte in eine neue Richtung zu mehr Mobilität, die aber bald von weiteren Innovationen abgelöst werden, z.B. hier das sogenannte Niedrigrad, unser heutiges Fahrrad, das wesentlich sicherer, komfortabler und billiger ist, und sich deshalb schnell gegen das Hochrad durchgesetzt hat. Über den Mut, für das Neue einzustehen, auch wenn man erst einmal nicht weiß, wohin unbekannte Wege führen, man sich dabei Verletzungen zuzieht und dafür verlacht wird. Und auch darüber, wie schwierig es ist, in der Gegenwart die wichtigsten technischen Innovationen der jeweiligen Zeit zu erkennen... wohin etwas geführt hat, zeigt sich in aller Deutlichkeit oft erst im Rückspiegel.