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Veröffentlicht am 09.05.2025

Düster, sarkastisch und mit sehr eigenwilliger Interpretation griechischer Mythologie

Blood of Hercules
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Alexis muss sich als verlassenes Waisenkind in einer brutalen Welt durchschlagen: die ersten Jahre wächst sie bei lieblosen und gewalttätigen Pflegeeltern auf und muss hungern. Ihr einziger Trost sind ...

Alexis muss sich als verlassenes Waisenkind in einer brutalen Welt durchschlagen: die ersten Jahre wächst sie bei lieblosen und gewalttätigen Pflegeeltern auf und muss hungern. Ihr einziger Trost sind ihr Pflegebruder, der etwas später zur Familie kommt und den sie sehr liebt, und die zynische und gefährliche, aber gegenüber Alexis sehr liebevolle und beschützende, unsichtbare Schlange Nyx. Nach einem weiteren Gewaltvorfall ist sie auf einem Ohr taub und auf einem Auge blind. Die Jahre als Jugendliche verbringt Alexis hungernd und frierend gemeinsam mit ihrem Bruder in einem Pappkarton im Wald, versucht sich mit Essensmarken durchzuschlagen, besucht aber nebenbei die Highschool, auf der sie gemobbt wird, aber aufgrund ihrer hohen Intelligenz sehr gute Ergebnisse erzielt.

Wir haben als Hauptprotagonistin hier also eine grundsätzlich sympathische und sehr intelligente junge Frau mit einem eigenwilligen, zynischen Humor (der sehr gut zu dem ihrer Schlangengefährtin passt), die aber auch tief traumatisiert ist. Vor diesem Hintergrund lassen sich die weiteren Geschehnisse besser verstehen.

Bei einer Prüfung am Ende der High School stellt sich überraschend heraus, dass Alexis über göttliches Blut verfügt und es wird vermutet, dass sie ein "verstoßenes Halbblut" der olympischen Spartaner sei, Ergebnis einer Liaison zwischen einem Gott oder einer Göttin und einem Menschen. Als solche wird sie auf die griechischen Inseln ins Reich der spartanischen Götter mitgenommen, wo sie sich erst einmal in einem blutigen Massaker für eine Ausbildung qualifizieren muss. Wider Erwarten überlebt sie das Massaker, bekommt als Mentoren Patro und Achilles zugeteilt, zwei als homosexuelles Paar zusammenlebende Spartaner, die zu den dunklen chtonischen Häusern gehören und von ihr erst einmal als Monster angesehen und gefürchtet werden. Die beiden leben sehr luxuriös in einer Villa am Meer auf der griechischen Insel Korfu, wo sie sich immer wieder mal von der grausamen Academy, die sie nun etwa ein halbes Jahr besuchen wird, erholen kann und Tipps für ihre weitere Ausbildung bekommt. Denn wenn sie diese erfolgreich absolviert, werden ihre Mentoren zu Generälen befördert.

Den Hauptteil des 600 Seiten langen Buches macht die Zeit auf der Academy aus. Dort geht es äußerst brutal und militärisch zu, Alexis ist die einzige Frau unter lauter Männern, es gibt weder Essen, noch die Möglichkeit, zu schlafen oder sich zu waschen, und beim kleinsten Verstoß irgendeines Gruppenmitgliedes werden alle in die Wildnis zum Laufen und Schwimmen geschickt, selbst im tiefsten Winter und wenn dort Titanen lauern, die einen umbringen möchten. So ist es kein Wunder, dass dabei auch immer wieder Schüler ums Leben kommen.

Dieses Buch einzuordnen, fällt mir schwer. Es ist kein klassisches Romantasy-Buch, denn die klassische Liebesgeschichte zwischen Alexis und irgendjemand anderem gibt es auf diese Art und Weise nicht, auch wenn immer wieder mal betont wird, wie unglaublich attraktiv insbesondere diverse männliche Götter und Halbgötter seien. Spice kommt aber sehr wohl immer wieder mal vor, auch wenn es nicht der Schwerpunkt des Buches ist, dieser sind definitiv die harten, militärisch-anmutenden Ausbildungsbedingungen.

Das Setting mit der griechischen Mythologie im Hintergrund ist interessant, verlangt aber speziell Menschen mit Vorwissen in diesem Bereich einiges an gedanklicher Flexibilität ab: zwar kommen die bekannten Götternamen vor, doch werden deren Beziehungen und Eigenschaften stark neu interpretiert und am meisten Spaß hat man am Lesen, wenn man sich von allem vorhandenen Vorwissen zu den griechischen Göttern löst und sich komplett neu auf die Welt einlässt, die hier präsentiert wird. Dass die griechischen Götter nicht Altgriechisch, sondern Latein sprechen, ist auch ein Detail, das einen nicht stören sollte, das ist eben so in dieser Welt.

Die Gesellschaft der Götter, die beschrieben wird, ist eine sehr archaische und von tiefstem Patriarchat geprägt: Frauen gibt es nur wenige, diese haben kaum etwas zu sagen und auf ihre "Ehre" muss geachtet werden (und ist diese beschmutzt, dann besteht eine gängige Lösung darin, sie möglichst schnell zu verheiraten) und die meisten vorkommenden Männer zeigen diverse misogyne Verhaltensweisen. Alexis nimmt das meiste davon passiv hin und wehrt sich wenig. Zwar wird sie von anderen Frauen als Kämpferin für die Freiheit der Frauen verehrt, sieht sich aber selbst null als solche, auch, weil sie ihr Schicksal und ihren Weg ja gar nicht selbst gewählt hat.

Es ist also eine sehr düstere Gesellschaft, die man aushalten können muss innerlich. Wege zur Befreiung der Frauen zeigen sich in diesem Buch noch kaum, vielleicht wird das in den Folgebänden stärker Thema, immerhin ist es der erste Band einer mehrbändigen Reihe.

Wer dieses Buch liest, muss also einiges an Dunkelheit ertragen können: Misogynie, der kaum etwas entgegen gesetzt wird und viel Brutalität und Gewalt. Alexis ist über weite Strecken sehr einsam und bekommt erst spät ansatzweise Verbündete. Charakterentwicklung gibt es bei ihr nur wenig, vermutlich ist sie dafür zu traumatisiert und alleine.

Entgegen gesetzt wird all diesem Dunklen in dem Buch ein sehr zynischer Humor, sowohl von Alexis selbst als auch von ihrer Schlange Nyx, die eine meiner Lieblingsprotagonistinnen war.

Unterhaltsam geschrieben ist das Buch auf alle Fälle und es zieht einen so richtig in diese mystische, dunkle Götterwelt hinein, sobald man es schafft, sich vom Vorwissen zu dem Thema zu lösen und die Welt so hinzunehmen, wie sie hier vorgestellt wird. Es ist somit in Summe durchaus ein empfehlenswertes Buch für Fans von ziemlich dunkler und eigenwillig interpretierter Fantasy mit Dark-Romance-Anteil, die eine ganz andere Geschichte suchen, um dem Alltag zu entfliehen.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Ein Pionier auf dem Hochrad

Der Mann auf dem Hochrad
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"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe ...

"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe noch einmal neu herausgegeben.

In dem Buch lernen wir den Großonkel des Autors, Franz Schröter, und dessen Frau Anna, näher kennen. Die Handlung spielt hauptsächlich Ende des 19. Jahrhunderts, mit einzelnen Vorausblicken in spätere Jahre und die langfristige Entwicklung, aus denen wir etwa erfahren, dass Franz und Anna ein langes Leben und die goldene Hochzeit beschieden sein wird. Das ist tröstlich zu wissen, während wir den jungen Mann bei seinen mutigen Experimenten beobachten: beruflich ist Franz Schröter erst einmal als Tierpräparator tätig, und auch auf diesem Gebiet ist er ein Pionier, denn er traut sich, die Tiere lebensecht darzustellen, auch wenn das bei manchen Zeitgenossen erst einmal Unbehagen hervorruft und ihm somit nicht gleich den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg sichert. Um diesen geht es ihm aber sowieso nur zweitrangig, in erster Linie hat er seine Freude an allem Innovativen und am Experimentieren.

Und so ist es kein Wunder, dass er - nachdem er es erstmalig in England kennen gelernt hat - das Hochrad nach Coburg bringt, erst einmal für sich selbst und erste Bekannte, und dann auch als Händler mit dem Versuch, mehrere Exemplare unters Volk zu bringen. Auch einige schmerzhafte Stürze und die Beschädigung eines Fingers durch diese sowie Hohn und Gespött der beobachtenden Menschenmengen halten Franz Schröter nicht davon ab, es immer weiter zu versuchen und bald kunstfertig mit dem Hochrad durch Coburg zu fahren und andere diese Fähigkeit zu lehren. Seiner Frau Anna will er zuerst davon abraten, sie bringt es sich aber selbst bei und bald machen die beiden gemeinsam Ausflüge mit dem Hochrad.

Das Buch ist insgesamt ein durchaus unterhaltsames und lehrreiches Zeitporträt (mit gelegentlichen Längen, insbesondere in Bezug auf die Beschreibung der adeligen Figuren, die ich so nicht gebraucht und bei denen ich mir zeitweise mehr Fokus auf das Hochrad gewünscht hätte). Die erfindungsreiche Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird spürbar, ebenso wie die abnehmende Bedeutung des Adels, das Erwachen von Arbeiterbewegungen und die Bekämpfung dieser, und die noch sehr eingeschränkte Rolle der Frauen in der Gesellschaft, der sich aber nicht alle so einfach hingeben möchten. So ist es etwa für eine Frau, die Hochrad-Fahren lernen möchte, nötig, ihren Kleidungsstil zu verändern, um mit den üblichen Röcken nicht in die Speichen zu kommen.

Die Lektüre lädt zum Nachdenken über unseren Umgang mit Fortschritt und Innovation ein. Über das Wechselspiel zwischen Innovationsgeist und wirtschaftlichem Erfolg, die bekanntlich oft nicht unbedingt miteinander einhergehen. Über wichtige erste Schritte in eine neue Richtung zu mehr Mobilität, die aber bald von weiteren Innovationen abgelöst werden, z.B. hier das sogenannte Niedrigrad, unser heutiges Fahrrad, das wesentlich sicherer, komfortabler und billiger ist, und sich deshalb schnell gegen das Hochrad durchgesetzt hat. Über den Mut, für das Neue einzustehen, auch wenn man erst einmal nicht weiß, wohin unbekannte Wege führen, man sich dabei Verletzungen zuzieht und dafür verlacht wird. Und auch darüber, wie schwierig es ist, in der Gegenwart die wichtigsten technischen Innovationen der jeweiligen Zeit zu erkennen... wohin etwas geführt hat, zeigt sich in aller Deutlichkeit oft erst im Rückspiegel.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Können wir unserem Schicksal entgehen?

Vorsehung
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"Vorsehung" von Liane Moriarty ist ein Buch, das schon mal sehr spannend beginnt: es geht um eine Frau, die auf einmal in einem australischen Flug allen Mitreisenden unaufgefordert Todesalter und Todesursache ...

"Vorsehung" von Liane Moriarty ist ein Buch, das schon mal sehr spannend beginnt: es geht um eine Frau, die auf einmal in einem australischen Flug allen Mitreisenden unaufgefordert Todesalter und Todesursache prophezeit - und darum, wie die jeweiligen Menschen damit umgehen und welche Auswirkung diese Prophezeiung auf ihre Leben hat.

Da gibt es die, die erst einmal nicht viel auf die Prophezeiung geben, die Frau für eine Schwindlerin und ihre Aussagen für Humbug halten... bis die ersten Fälle von Mitreisenden, bei denen sich die Vorhersage bewahrheitet hat, durch die Medien gehen. Es gibt jene, die radikal ihr Leben ändern, um das drohende Unheil abzuwenden... die versuchen, sich vorzubereiten... oder die Wahrsagerin zu finden und sie dazu zu bringen, ihre Vorhersage zu ändern. Insgesamt wird das Leben insbesondere der Menschen, denen persönlich oder deren Lieben ein früher oder gewaltsamer Tod prophezeit wurde, sehr durcheinandergewirbelt. Einige von ihnen schließen sich zusammen und tauschen sich aus, zwei Frauen gründen eine Facebook-Gruppe für alle Mitglieder des betroffenen Fluges usw.

Das Buch liest sich unterhaltsam und leicht und regt dabei zum Nachdenken über Determinismus, den Schmetterlingseffekt und vieles weitere an. Abwechselnd erleben wir die Perspektiven einiger Flugpassagiere und ihres sozialen Umfelds mit: z.B. ein junger Mann, der noch nie in eine Schlägerei verwickelt war, aber dem ein gewaltsamer Tod prophezeit wird, eine bis jetzt kerngesunde Mittsechzigerin, die vorhat, nun endlich in ihrer Pension mit ihrem Mann auf Reisen zu gehen und über der nun das drohende Unheil eines möglichen baldigen Krebstodes schwebt, eine frisch verheiratete Braut, der prophezeit wird, durch ihren Intimpartner getötet zu werden, und eine Mutter mit einem Baby, dem vorhergesagt wird, im Alter von sieben Jahren zu ertrinken (und die die Flucht nach vorne ergreift und das Kind schon frühzeitig in so viele Schwimmkurse wie möglich schickt). Diese und weitere Charaktere lernen wir kennen und sie wachsen einem beim Lesen durchaus ans Herz. Über wessen Leben wir aber am allermeisten erfahren, das ist Cherry, die Wahrsagerin selbst. Auch sie hatte ein sehr interessantes Leben, über das ich gerne gelesen habe.

Insgesamt ist es ein spannend zu lesendes, unterhaltsames Buch mit glaubwürdigen Charakteren und angenehm kurzen Kapiteln, die die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Für mich, die ich hauptsächlich gerne Romane und insgesamt tiefgründige Literatur lese, war es sehr schön zu lesen.

Ich kann mir aber vorstellen, dass es für Menschen, die eher den Reiz und die Spannung eines Thrillers suchen, etwas zu langatmig sein könnte: es stehen eben tatsächlich die ausführlich erzählten Lebensgeschichten im Vordergrund, nicht nur deren mögliches tragisches Ende. Insgesamt ist für mich das Buch klar - so wie es auch auf dem Coverbild steht - viel mehr Roman als Thriller.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Ein vieldeutiges Buch voller schwierig entschlüsselbarer Symbolik

Übung in Gehorsam
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Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher ...

Von einem Buch, das wie "Übung in Gehorsam" von Sarah Bernstein auf der Shortlist des Booker Prize gelandet ist, kann man auf jeden Fall anspruchsvolle Literatur erwarten. Dennoch gibt es so einige Booker-Prize-Short-Bücher oder sogar -Preisträger, denen das Kunststück gelungen ist, nicht nur anspruchsvolle Literatur in wunderschöner Sprache zu sein, sondern auch angenehm lesbar und zugänglich. Das kann man von diesem Buch nicht sagen.

Zwar hat das Buch nur um die 150 Seiten und man könnte meinen, es sei schnell gelesen... wer das denkt, täuscht sich aber. Es handelt sich hier um ein hochkomplex konstruiertes Werk voll von geheimnisvoller Symbolik, Metaphern und Hinweisen, die sich bei der ersten Lektüre zumindest ohne umfangreiches Vorwissen nicht so leicht erschließen, sodass es für das tiefere Verständnis dieses Buches auf jeden Fall eine sorgfältige Zweit- (und besser auch Dritt-, Viert- und Fünftlektüre) samt begleitender Konsultation weiterer Fachbücher zu jüdischer und anderer Symbolik, Notieren von unklaren Stellen und Suche nach Zusammenhängen und Diskussion mit anderen braucht.

Dann können sich immer mehr und tiefere Ebenen von dem, was möglicherweise die Aussagen des Buches sein könnten (sicher werden wir es - ohne die Autorin zu befragen - wohl nie wissen, dafür ist das Buch zu mysteriös) erschließen. Aber selbst dann wird wahrscheinlich einiges unklar oder zumindest mehrdeutig bleiben. Das Buch hat in sich eine Tiefe, mit der sich bestens ein semesterlanges, spezialisiertes Uniseminar füllen lassen könnte.

Das hier ist also definitiv kein Buch, das man zur Unterhaltung und Entspannung lesen kann. Und doch bin ich froh, es gelesen zu haben, denn horizonterweiternd, das ist es. Ich mag das Vielschichtige, Mehrdeutige und Mysteriöse durchaus gerne und liebe beispielsweise die geheimnisvoll-lyrische Musik von Leonard Cohen, an die mich dieses Buch erinnert... viele seiner Lieder sind ebenfalls voll von mystischen, religiösen und symbolischen Bezügen, die sich nur bei einem sehr guten Hintergrundwissen vollständig erschließen können, wenn überhaupt. Ähnlich ist es mit diesem Buch hier. Mögen könnten es auch alle, die vielschichtige und nicht eindeutig interpretierbare Kunst schätzen.

Worum geht es nun in diesem Buch? Das ist gar nicht leicht zu sagen. Ich kann ein paar Sätze zur Handlung im Vordergrund schreiben, doch diese stellt offensichtlich nur die Kulisse für ein tiefer liegendes Thema dar. Das Buch ist ausschließlich aus der Perspektive der Ich-Erzählerin erzählt, einer jungen Frau in der heutigen Zeit (das zeigt sich durch viele Bezüge zu moderner Technologie), die ein relativ isoliertes Leben führt und für eine Anwaltskanzlei Sekretariatsarbeiten erledigt.

Als ihr Bruder von Frau und Kindern verlassen wird und nach ihrer Unterstützung ruft, zieht sie bei ihm ein und erledigt nicht nur den Haushalt, sondern kümmert sich auch um die Körperpflege des (zumindest anfangs sehr fitten, vitalen und nicht kranken) Bruders und noch so einiges mehr, in absolutem Gehorsam. Man könnte glauben, dass es im Buch hauptsächlich um die Unterwerfung dieser Frau unter die Herrschaft dieses Bruders geht, so habe ich das aber nicht wahrgenommen. Über weite Strecken ist der Bruder nämlich nicht einmal da und auch sonst wirkte er auf mich weit weniger despotisch als vermutet.

Dahinter ist aber noch ein weiteres Thema, das sich etwa im Umgang mit der Umgebung des Hauses des Bruders und mit den dort lebenden Menschen zeigt. Von diesen ist die Ich-Erzählerin isoliert, sie spricht deren Sprache nicht, kann sie auch - obwohl sonst sprachbegabt und mehrsprachig - nicht lernen, wird von ihnen (zumindest aus ihrer Sicht, eine andere haben wir nicht) gemieden und diese misstrauen ihr. Wir erfahren auch, dass ihre Vorfahren in diesem, einem nördlichen Land, lebten und von dort wohl vertrieben wurden. Viele seltsame Dinge geschehen, z.B. die Begegnung mit einer Frau, von der nicht klar ist, wie sie überhaupt in den Garten des Hauses gekommen ist, die vorwurfsvoll erscheint und eine scheinträchtige Hündin mit sich führt.

Weiters gibt es immer wieder Bezüge zur jüdischen Religion, die klar machen, dass es hier offenbar um eine jüdische Familie geht, der sowohl die Schwester als auch ihr Bruder angehören. Implizit gibt es so einige Hinweise auf den Holocaust und auf die transgenerationalen und kollektiven Traumatisierungen, die sich bis heute und somit auch auf die Ich-Erzählerin auswirken. Es stellen sich Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach der Möglichkeit, sich dieser zu entziehen, nach Zugehörigkeit und Ausgeschlossen-Werden, nach Stigmatisierung, Geschlechterverhältnissen und nach vielem mehr.

Auch nach ausgiebiger Beschäftigung mit diesem Buch über mehrere Wochen vermute ich, dass ich mir maximal 10 Prozent des darin Verborgenen erschlossen habe. Es ist also durchaus eine lohnenswerte Arbeit für Geheimnissuchende, sich damit zu beschäftigen, aber eine, die viel Zeit, Energie, Austausch und die Bereitschaft zu anstrengender symbolischer Entschlüsselungsarbeit braucht. Leseempfehlung also nur für diesen Personenkreis.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Ein ruhiges Buch zum Thema Schreiborte finden als Frau

Ein Raum zum Schreiben
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Die norwegische Schriftstellerin Kristin Valla ist Anfang 40, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen im Teenageralter, als ihr bewusst wird, wie lange sie schon keine Bücher mehr veröffentlicht hat, sondern ...

Die norwegische Schriftstellerin Kristin Valla ist Anfang 40, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen im Teenageralter, als ihr bewusst wird, wie lange sie schon keine Bücher mehr veröffentlicht hat, sondern stattdessen journalistisch tätig war: seit über zehn Jahren. Sie möchte unbedingt wieder Romane veröffentlichen, weiß aber nicht, wo sie dafür in ihrem Leben einen guten Platz finden kann, sowohl räumlich als auch mental.

Inspiriert von dem bekannten Text "A room of one's own" von Virginia Woolf, in dem diese die Wichtigkeit eines eigenen Zimmers und ausreichender finanzieller Mittel für schriftstellerisch tätige Frauen betont, begibt die Autorin sich auf eine Suche.

Sie sucht nach einem Ort zum Schreiben für sich ganz alleine. Gleichzeitig spürt sie auch der Verbindung zwischen weiblichem Schreiben und den Orten, an denen dies geschieht, nach: sie geht in Archive und beschäftigt sich mit den Lebensgeschichten bekannter Schriftstellerinnen und mit der Frage, ob und welche eigenen Orte zum Schreiben sie für sich finden konnten und wie sich ihre Lebensumstände auf ihr Werk ausgewirkt haben.

Dabei beschäftigt sie sich sowohl mit Schriftstellerinnen aus dem skandinavischen Raum wie Selma Lagerlöf oder Halldis Moren Vesaas als auch mit solchen aus anderen Regionen wie George Sand, Alice Walker oder Daphne Du Maurier.

Wir begleiten die Autorin in diesem autofiktionalen Buch mit Sachbuchelementen auf ihrer persönlichen Reise auf der Suche nach einem Haus für sich alleine in Südfrankreich.

Tatsächlich wird sie fündig und erwirbt ein altes, baufälliges, schimmliges Haus in einem kleinen französischen Bergdorf, einige Kilometer vom Meer entfernt. Denn nur dieses kann sie sich leisten, und auch dafür braucht sie einen Kredit, den sie voraussichtlich 25 Jahre abzahlen wird und den ihr die Bank nur gewährt, da sie auf den Papieren das Haus gemeinsam mit ihrem, offenbar sehr gutmütigen und unterstützenden, Mann kauft (sie selbst verfügt mangels verlässlicher hoher Einkünfte über keine gute Bonität), dieser auch für den Kredit bürgt und das gemeinsame Haus in Norwegen dafür belastet wird. Regelmäßig fliegt sie also aus dem hohen Norden nach Südfrankreich, um ihr Haus zu bewohnen und zu versuchen, dieses zu sanieren bzw. sanieren zu lassen, fast immer alleine, nur ganz selten wird sie mal im Sommer von Mann und Söhnen begleitet. In welcher Weise sich ihre regelmäßige wochenlange Abwesenheit und die damit verbundenen Aufwände und Kosten auf das Familienleben auswirken, erfahren wir nicht.

Aufgelockert wird diese persönliche Geschichte durch für mich sehr interessante Hintergrundinformationen zu anderen Schriftstellerinnen und deren Umgang mit Immobilien und mit dem Raum für sich. Da gibt es solche, die sehr privilegiert waren und eigene Immobilien geerbt haben, andere haben nach ersten Erfolgen mit den durch das Schreiben erzielten Einnahmen Häuser erwerben können (das müssen Zeiten gewesen sein, in denen die Verhältnisse zwischen Einnahmen durchs Schreiben und Immobilienpreisen in guten Lagen noch ganz andere waren als heutzutage), manche hatten jahrzehntelang kaum einen eigenen Raum zum Schreiben und schrieben am Küchentisch, am Wickeltisch, neben der Kinderbetreuung.

Über dieses tatsächlich sehr interessante und wichtige Thema der Vereinbarkeit nicht nur von Beruf, sondern auch, wie in diesem Fall, von Berufung und Selbstverwirklichung, mit den Anforderungen einer Partnerschaft und einer eigenen Familie, hätte ich sehr gerne auch in Bezug auf die Autorin noch mehr erfahren. Auch war für mich der persönliche Teil, in dem es über viele Seiten in das Haus in Frankreich reinregnet, alles schimmlig ist, es ungut riecht, die Decke halb einstürzt, die Handwerker Verwüstung hinterlassen und die Autorin dennoch immer wieder alleine dort hinfährt - auch wenn sie am Ende einräumt, durch das Projekt zwar wieder zum Schreiben gekommen zu sein, ihren neuen Roman aber letztendlich erst recht daheim in Norwegen geschrieben zu haben - streckenweise etwas langatmig zu lesen, hier gab es kaum Entwicklung und Spannungsbögen, somit überwiegt deutlich der Sachbuchaspekt.

Dennoch insgesamt ein lesenswertes Buch für alle, die sich für die Lebenswege verschiedener Autorinnen und die Räume, die sie für sich zum Schreiben gefunden haben, interessieren.

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