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Veröffentlicht am 08.04.2025

Zarter Roman

Hatokos wunderbarer Schreibwarenladen
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„Hatokos wunderbarer Schreibwarenladen“ von Ito Ogawa
aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Verlag: Droemer

„Alles, was lebt, wird irgendwann einmal vergehen.
Das ist der Lauf der Dinge.“ (Seite 233) ...

„Hatokos wunderbarer Schreibwarenladen“ von Ito Ogawa
aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Verlag: Droemer

„Alles, was lebt, wird irgendwann einmal vergehen.
Das ist der Lauf der Dinge.“ (Seite 233)

Ein stilles, sanftes Buch – wie ein leiser Fluss, der einen mitnimmt, 
ohne je laut zu werden.

Hatoko kehrt nach Jahren zurück nach Kamakura, um den Schreibwarenladen ihrer verstorbenen Großmutter zu übernehmen – und mit ihm das Amt der öffentlichen Schreiberin. Eine Aufgabe, für die sie schon als Kind vorbereitet wurde – mit Strenge, mit Disziplin, aber auch mit einer Form von Liebe, die sie damals nicht verstehen konnte.
Erst durch alte Briefe, die ihre Großmutter an eine Frau in Italien schrieb, beginnt Hatoko zu begreifen, was hinter der kühlen Fassade steckte: Zuneigung, Stolz, Sorge. Die Worte der Großmutter, von denen sie nie wusste, dass sie existieren, helfen ihr, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen.
Die Geschichte entfaltet sich ruhig, achtsam, poetisch. Es geht um Verlust, um Neuanfang, um Heilung. Und um die besondere Kraft geschriebener Worte.
Die japanische Kultur, die Kunst der Kalligrafie und die Rituale rund um das Briefeschreiben sind liebevoll verwoben mit Hatokos innerem Weg. Kleine Gesten, feine Beobachtungen und Figuren, die einem ans Herz wachsen – besonders Barbara und die kleine QP.

Ein zarter Roman, der nicht laut sein muss, um zu berühren.
Eine Leseempfehlung für alle, die ruhige, tiefgründige Geschichten lieben – und Schreibkunst als Lebenskunst verstehen.

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Veröffentlicht am 28.03.2025

Sein dürfen!

Wild wuchern
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„Wild wuchern“ von Katharina Köller
Verlag: Penguin

„Es war so schön im Sturm, es war so schön, ein Spielball zu sein und selbst nichts entscheiden zu müssen.“

Marie flieht aus ihrem luxuriösen, aber ...

„Wild wuchern“ von Katharina Köller
Verlag: Penguin

„Es war so schön im Sturm, es war so schön, ein Spielball zu sein und selbst nichts entscheiden zu müssen.“

Marie flieht aus ihrem luxuriösen, aber grausamen Leben in Wien – weg von ihrem wohlhabenden, aber gewalttätigen Ehemann Peter. Zuflucht sucht sie bei ihrer Cousine Johanna, die seit Jahren einsam auf einer Berghütte lebt.
Ein intensiver Roman über zwei Cousinen, die sich in ihrer Kindheit entfremdet haben und nun auf einer abgelegenen Tiroler Alm mit ihren eigenen Wunden und Ängsten konfrontiert werden.

Johanna – wortkarg, wild, in der Einsamkeit der Berge lebend.
Marie – gezeichnet von einem toxischen Ehemann, einer Welt des schönen Scheins und tiefen seelischen Narben.

Katharina Köller schafft es, mit ihrem drängenden, oft gehetzten Schreibstil, Maries innere Zerrissenheit spürbar zu machen. Ohne Kapitelabschnitte, ohne Pausen – als würde die Geschichte selbst atemlos nach Befreiung suchen.
Die Charaktere sind intensiv gezeichnet, die Kindheit der Cousinen geprägt von Ignoranz und Erwartungen.
Besonders beeindruckend: die Kontraste zwischen den beiden Frauen, die sich erst jetzt wirklich kennenlernen – und erkennen.
Die Tiroler Alm als Schauplatz verstärkt die Gegensätze: Freiheit und Enge, Natur und Trauma, Rückzug und Wiederfinden. Ein berührender, wilder, schmerzhafter Roman über das, was Kindheit aus uns macht – und wie schwer es ist, sich davon zu lösen. Wie sehr es unser erwachsenes Leben prägt.
Ein Roman über familiäre Erwartungen, tief sitzende Wunden und die Suche nach sich selbst.
Traurig, wütend, intensiv – aber auch voller Wahrheit. Zwei Frauen, zwei Leben, zwei Wahrheiten.

> Auf dem Berg ist man dem Himmeln viel näher und doch scheint es, als wäre der Himmel dort oben noch viel höher.<

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Veröffentlicht am 01.03.2025

Interessanter Thriller

Notizen eines Killers
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„Notizen eines Killers“ von Ansgar Sittmann
Verlag: Bastei Lübbe/beTHRILLED

Emilie, Krankenschwester und alleinerziehende Mutter, findet zufällig in einer Eisdiele ein gelbes Notizbuch. Neugierig beginnt ...

„Notizen eines Killers“ von Ansgar Sittmann
Verlag: Bastei Lübbe/beTHRILLED

Emilie, Krankenschwester und alleinerziehende Mutter, findet zufällig in einer Eisdiele ein gelbes Notizbuch. Neugierig beginnt sie darin zu lesen und merkt schnell, dass es sich offenbar um das Manuskript eines Autors handelt. Alles ist handschriftlich notiert und doch wirkt dieser Thriller erschreckend realistisch. Ihre Recherchen ergeben, dass die beschriebenen Fälle tatsächlich im Internet zu finden sind! Handelt es sich also um True Crime? Sind die Auftraggeber fiktiv oder real?

Was Emilie nicht weiß: Der Autor dieses Notizbuchs ist ein Auftragskiller. Er schreibt seine Memoiren und hat nichts mehr zu verlieren. Schonungslos, detailliert und blutig hat er seine Taten dokumentiert - doch sein Werk ist unvollendet. Und um es zurückzubekommen, ist er zu allem bereit.

Der Thriller besticht durch eine fast emotionslose, sehr nüchterne Erzählweise, die die grausamen Morde umso eindringlicher macht. Die Charaktere sind authentisch gezeichnet, besonders Emilie, die sich zunehmend in die Welt des Mörders verstrickt, bis sie erkennt, dass nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern auch das ihres kleinen Sohnes.

Die Morde werden bildhaft und atmosphärisch beschrieben, oft aus der distanzierten Perspektive des Killers. Gerade diese sachliche, kalte Darstellung der Fakten sorgt beim Lesen für Gänsehaut. Man verfolgt voller Unbehagen Emilies wachsende Neugier und gleichzeitig die gnadenlose Jagd des Auftragskillers nach seinem Notizbuch, die eine weitere Blutspur hinterlässt.

Die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut, jedoch flacht sie zum Finale hin etwas ab. Nach dem konsequent düsteren Aufbau wirkt das Ende vergleichsweise weich und weniger eindrucksvoll. Dennoch ist der Schluss interessant umgesetzt, und vor allem die großartige Grundidee dieses Thrillers überzeugt auf ganzer Linie.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Berührend

Mandel
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„Mandel“ von Won-pyung Sohn
Verlag: Aufbau digital /Blumenbar

Ein bezauberndes Monster nannte ihn seine Oma liebevoll.

Alexithymie - ein Begriff für die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden und auszudrücken. ...

„Mandel“ von Won-pyung Sohn
Verlag: Aufbau digital /Blumenbar

Ein bezauberndes Monster nannte ihn seine Oma liebevoll.

Alexithymie - ein Begriff für die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden und auszudrücken. In der Umgangssprache spricht man oft von Emotionslosigkeit. Genau damit lebt Yunjae. Seine Amygdala, der sogenannte Mandelkern im Gehirn, ist zu klein, weshalb er kaum Freude, Angst oder Wut empfindet. Seine Mutter hat alles versucht, um ihm zu helfen, doch die ersten Symptome wurden bereits im Alter von sechs Jahren sichtbar. In der Grundschule verschlimmerte sich das Problem, und Yunjae wurde als seltsam und unnormal abgestempelt.
Bis zu einer schicksalhaften Gewalttat standen seine Mutter und seine Großmutter schützend an seiner Seite. Sie erklärten ihm Situationen und lehrten ihn, wie er in bestimmten Momenten reagieren sollte. Ein Satz seiner Mutter hat sich besonders in sein Gedächtnis eingebrannt:
„Zu viel Ehrlichkeit kann dein Gegenüber verletzen“ (Pos.41)

Doch plötzlich ist Yunjae auf sich allein gestellt. Neue Menschen treten in sein Leben, darunter Gon, ein schwieriger, gewalttätiger und auffälliger Mitschüler, sowie Dora, eine energiegeladene Läuferin, die Bücher langweilig findet, dafür selbst immer in Bewegung bleibt. Dora vermittelt Yunjae Gefühle, die er zunächst nicht versteht.
Mit der Zeit beginnt der 15jährige, seine Amygdala zu „trainieren“. Aus seiner Perspektive erzählt der Roman die Geschichte zweier Außenseiter, die eine zarte Freundschaft eingehen. Doch die Freundschaft ist vor allem anfangs alles andere als sanft: Gon vermittelt seine Gefühle mit Gewalt, während Yunjae ohne jegliche Gefühlsregung, mit klaren, sachlichen und ehrlichen Worten seine Emotionen ausdrückt.
Während Dora für Yunjae ein positiver Lichtblick ist, stehen sich Gon und er als Gegenspieler gegenüber.
Beide Jungen haben schwere Schicksale: Yunjae, der nicht in der Lage ist, Emotionen zu erkennen und zu zeigen, und Gon, der mit Gewalt aufgewachsen ist. Dennoch lernen sie voneinander, jeder auf seine eigene Weise.
Die Charaktere wurden bildlich ausgearbeitet, und man konnte sich unglaublich gut in die Situationen hineinversetzen. Durch den flüssigen Schreibstil ist man durch die Seiten geflogen.
Won-Pyung Sohn beschreibt in ihrem bewegenden Debütroman die Gefühlswelt von Außenseitern und zeigt auf eindrucksvolle Weise, welche Wege Menschen trotz aller Widrigkeiten gehen können. Die Geschichte macht deutlich, wie wichtig Toleranz gegenüber Vielfalt ist und dass „Normalität“ ein dehnbarer Begriff ist.
Durch gezieltes Training gelingt es Yunjae schließlich, seine Emotionen besser zu verstehen - ein Mut machender Roman über Freundschaft und die Kraft, Emotionen zuzulassen.
Mich hat der Roman sehr angesprochen, die Erzählung über die beiden jungen Menschen und deren Schicksale, sowie die wunderbare Freundschaft machen Mut.
Außenseiter zu sein, seltsam oder anders, kann etwas Wundervolles sein - man muss nur genau hinsehen!
Wunderschön erzählt und zutiefst berührend.




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Veröffentlicht am 14.02.2025

Wahrheiten einer Ehe

Es geht mir gut
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„Es geht mir gut“ von Jessica Anthony wurde aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck.
Verlag: Kein&Aber

Die Autorin erzählt in ihrem Roman über eine Ehe im Jahr 1956.
Virgil ...

„Es geht mir gut“ von Jessica Anthony wurde aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck.
Verlag: Kein&Aber

Die Autorin erzählt in ihrem Roman über eine Ehe im Jahr 1956.
Virgil hatte sich im Krieg den Knöchel verstaucht, jedoch die Lüge eines gebrochenen Knöchels daraus gemacht, und nutze die Chance nach Hause geschickt zu werden. Er hinkte noch etwas, um bei den Mädchen Eindruck zu schinden und lernte auf Krücken gestürzt die große, schlanke und erfolgreiche Tennisspielerin Kathleen in der Bibliothek der University of Delaware kennen.
Kathleen wusste schon damals, dass er ein Schwindler war.

Die beiden heirateten und führten von Beginn an eine Ehe mit Geheimnissen, Lügen, Täuschungen und unerfüllten Sehnsüchten. Die Autorin lässt uns einen schonungslosen Blick auf die fragile Dynamik der Ehe werfen, die auf unausgesprochenen Wahrheiten beruht. Jessica Anthony zeigt uns durch ihre präzise Sprache und subtile Beobachtung ein tiefgründiges Porträt einer Ehe.

Die Komplexität menschlicher Beziehungen wird durch diesen Tag im November aufgezeigt. Kathleen steigt in den Pool und verlässt diesen nicht mehr. Im Wasser treibend, aufgedunsen und doch unglaublich klar lässt sie ihr Leben Revue passieren. Und stellt sich die Frage, ob es so bleiben soll?
Aber zuerst muss Virgil sprechen, er bekommt seine Chance zuerst die Wahrheit zu sagen. Kathleen hat mehr Ausdauer und die Dinge werden sich ändern, ob sie es will oder nicht.

„Kathleen war noch nicht bereit, aus dem Pool zu steigen. Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht mehr länger hinnehmbar.“ (Pos. 1559)

Virgil kümmert sich nicht ernsthaft um seine Frau, geht dem gewohnten sonntäglichen Kirchgang und Golfspiel nach. Er versucht verzweifelt seine Ehe aufrecht zu halten. Seine Frau soll funktionieren, er liebt sie und doch lässt ihn dieser Tag nachdenken. Er möchte endlich die Wahrheit sagen, die Vergangenheit aufarbeiten und in die Zukunft blicken. Er war bereit oder?

Die Autorin zeichnet ein einfühlsames und zugleich unbehagliches Buch. Die Geschichte dieser Ehe zeigt auf, wie schwer es ist, die Wahrheit in Beziehungen zu finden oder zu akzeptieren.

Ich habe das Buch in einem Ruck durchgelesen, der Schreibstil war klar und präzise, die Charaktere gut ausgearbeitet und die Tatsache, dass sich alles an diesem einen Tag abspielt sehr faszinierend und unglaublich gut zur Geltung gebracht. Eine Beziehung aus dem Jahr 1956 und doch nicht in der Vergangenheit behaftet.

Jessica Anthony zeigt mit diesem schmalen Roman auf, dass unter der Oberfläche alltäglicher Beziehungen oft ein ganzes Universum an Emotionen, Geheimnissen und Lügen verborgen liegt.

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