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Veröffentlicht am 27.06.2025

Karriere ist Dating im Anzug

Born to perform – Sei das Rad, nicht der Hamster
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Dieser Romantitel hat mir gleich ein Grinsen ins Gesicht gezaubert – nicht die schlechteste Ausganssituation für den Lektürestart. Im Folgenden hat mich dieses Debüt ziemlich gut unterhalten. Die Mischung ...

Dieser Romantitel hat mir gleich ein Grinsen ins Gesicht gezaubert – nicht die schlechteste Ausganssituation für den Lektürestart. Im Folgenden hat mich dieses Debüt ziemlich gut unterhalten. Die Mischung aus Bürowahnsinn und sich zart anbahnender Liebesgeschichte, Managersprech und Kalendersprüchen ist amüsant und kurzweilig geschrieben. Hauptfigur ist Bo Martens, ein BWLer, der gerade seinen ersten Job in einer Firma angetreten hat, deren Geschäftsbereich mir nach wie vor völlig unklar, aber auch unwesentlich für das Buch ist. Denn Bo trifft bei der STEIN Holding Topmanager Dr. Thomas Meermann, einen Phrasendrescher, der beeindruckend viel reden kann, ohne wirklich etwas zu sagen. Bald findet sich Bo im Rennen um Meermanns vakante Referentenstelle wieder. Zeitgleich bahnt sich sein erstes Date mit Zahnärztin Laura an. Und dann sind da noch Meermanns Assistentin Melli, die Bo offensichtlich nicht leiden kann, und Bos bester Freund Jan, der versucht, Barney Stinson von „How I met your mother“ nachzueifern und gleichzeitig einen Narren an Worthülsen-Liebhaber Meermann gefressen hat. Bis sich dieses Personenquartett halbwegs sortiert hat, vergehen gute 350 Seiten, die sich locker-flockig weglesen. Kleine Überraschungen hält Autor Bendix für seine Leserinnen und Leser dabei immer wieder bereit. Längen gibt’s eigentlich nur in den Kapiteln, in denen Bo und Jan über das Leben sinnieren – diese Bromance bzw. vor allem die Figur Jan fand ich eher nervig als unterhaltsam.
Alles in allem ist „Born to perform“ ein gelungener Erstling, der Spaß macht und von dem man durchaus die ein oder andere augenzwinkernde Lebensweisheit mitnehmen kann. Schließlich ist Karriere Dating im Anzug – schon einmal darüber nachgedacht?

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Unerfüllter Kinderwunsch

Hello Baby
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Das farbenfrohe Cover und der fröhliche Titel „Hello Baby“ täuschen: Dieser Roman handelt von Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung. Sechs der Protagonistinnen besuchen dieselbe Kinderwunschklinik und sind ...

Das farbenfrohe Cover und der fröhliche Titel „Hello Baby“ täuschen: Dieser Roman handelt von Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung. Sechs der Protagonistinnen besuchen dieselbe Kinderwunschklinik und sind dadurch zu einer Art Schicksalsgemeinschaft geworden. Es gibt eine Rahmenhandlung, die alle Frauen zusammenbringt, im Fokus stehen jedoch Lebensweg und Kinderwunsch(behandlung) jeder Einzelnen.

Autorin Kim Eui-kyung eröffnet im Nachwort, dass sie selbst Patientin in einer Kinderwunschklinik war. Sonst hätte sie dieses Buch, das nicht nur die damit einhergehende Gefühlsachterbahn, sondern auch das medizinische Vorgehen an sich detailliert schildert, sicher nicht so schreiben können. Noch trostloser als die Termine im Kinderwunschzentrum mutet allerdings das Privatleben der Frauen an, obwohl sich die meisten in liebevollen Beziehungen befinden. Doch sie stehen unter enormen Druck: Die Sehnsucht nach einem Baby und die kostspielige Behandlung sind das eine, doch in den meisten Fällen warten auch die Schwiegereltern dringlichst auf ein Enkelkind und haben keine Scheu, wöchentlich nachzufragen. Auf der Arbeit ist der Druck dagegen ganz anders geartet: Hier werden hundertprozentige Leistung erwartet. Sowohl Mutterschutz als Elternzeit scheint es zwar auch in Südkorea zu geben, doch der Roman schildert es als verpönt, von diesen Rechten Gebrauch zu machen und erwähnt Mobbing durch kinderlose Arbeitskolleg*innen. Schon die Zeit für die vielen Arzttermine, die eine Kinderwunschbehandlung mit sich bringt, ist kaum freizuschaufeln, und natürlich spricht man nicht offen über den Grund für die Untersuchungen. Mich hat das sehr deprimiert, da es offensichtlich bittere Realität ist.

Und dann ist da noch die siebte Protagonistin, Seolju Choi: Sie hat drei Kinder; offenbar eine Anzahl, über die hinter ihrem Rücken bereits getuschelt wird. Ausgerechnet ihre Mutter und Schwiegermutter sind nicht besonders erpicht auf ihre Enkel, ihren Beruf hat sie aufgegeben, da sie nicht beides für sich zufriedenstellend vereinbaren konnte. Ihr Mann bietet zwar finanzielle Absicherung, jedoch keine emotionale Unterstützung. Und so ist auch diese Frau unglücklich. Die nebenbei eingestreute Information, dass Südkorea eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit hat, erstaunt kaum noch.

„Hello Baby“ ist kein fröhliches Buch, aber ein wichtiges. Die Autorin berichtet, wie unsichtbar Kinderwunschbehandlungen für das Umfeld betroffener Paare oft bleiben – als wären sie ein Makel, den man besser für sich behält. Und so kann diese ohnehin schwierige Zeit auch noch ziemlich einsam werden. Hier haben die sechs Protagonistinnen mit Kinderwunsch ein Gegenmittel gefunden: Im „Hello Baby“-Chat geben sie sich Ratschläge, aber auch Halt. Und so sind dieser Chat und die Gemeinschaft der Frauen ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Während der Lektüre war ich sehr froh, in einem Land zu leben, in dem Frauen freier in ihrer Lebensgestaltung sind, die gesellschaftlichen Erwartungen nicht dermaßen hoch und das familiäre Leben nicht so traditionell geprägt. Doch eine Kinderwunschbehandlung ist auch hier kein Spaziergang. Darüber zu reden und das Ganze zu normalisieren, kann Betroffenen nur helfen. Kim Eui-kyung leistet einen Beitrag dazu, indem sie dem Thema mehr Sichtbarkeit gibt.

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Veröffentlicht am 14.06.2025

Starker Anfang, starkes Ende und ein dahinplätschernder Mittelteil

Vorsehung
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Eine ältere Dame steht während eines Fluges auf, um ihren Mitreisenden Todesalter und Todesursache zu prophezeien – knapp, präzise und immer schön der Reihe nach. Klingt nach einem erstaunlichen Bucheinstieg? ...

Eine ältere Dame steht während eines Fluges auf, um ihren Mitreisenden Todesalter und Todesursache zu prophezeien – knapp, präzise und immer schön der Reihe nach. Klingt nach einem erstaunlichen Bucheinstieg? Ist es auch. Autorin Liane Moriarty hebt in knackig-kurzen Kapiteln sechs Menschen und ihre Reaktion auf die Prophezeiung der „Death Lady“ hervor – vom gestressten Familienvater bis hin zum Brautpaar, das noch im Hochzeits-Outfit in die Flitterwochen startet. Die ersten hundert Seiten vergehen dann auch wie im Flug. Doch als dieser vorbei ist und sich die Passagiere in alle Richtungen zerstreuen, lässt auch die Dichte und Spannung der Geschichte merklich nach.

Moriarty springt das ganze Buch hindurch zwischen sieben Protagonist*innen hin und her. Sechs von ihnen haben während des Fluges eine Prophezeiung erhalten, die siebte ist die vermeintliche Hellseherin Cherry. Sie kommt in jedem zweiten Kapitel zu Wort und erzählt rückblickend ihr Leben, was zunächst etwas zusammenhanglos wirkt. Lange fühlte ich mich ihren Mitreisenden viel näher, doch kommen diese nach dem Flug nur noch selten ausführlich zu Wort. Gleichzeitig schwebt ein Damoklesschwert über ihnen: Werden Cherrys Prophezeiungen eintreten? Oder lässt sich das vielleicht sogar aktiv verhindern? Es dauert lange, bis der Roman in die Nähe einer Antwort kommt. Bis dahin plätschert er meist langsam vor sich hin und zerfasert dabei auch sehr, da es zwischen den einzelnen Figuren kaum Schnittstellen gibt. Meinen Lesefluss wurde dadurch etwas gebremst; zudem nervte es mich etwas, dass ich ständig in Sorge um die Figuren war. Am Ende allerdings zeigt die Autorin wieder, was sie eigentlich kann, führt lose Enden zusammen, schließt Kreise, enthüllt verblüffende Verbindungen und hält auch einiges elegant in der Schwebe. Zwischenzeitlich habe ich es für unmöglich gehalten, dass „Vorsehung“ ein mich zufriedenstellendes Finale haben könnte, aber voilà: Es hat mich sogar begeistert. Und so ist der Roman eigentlich ein Fünf-Sterne-Buch mit einem dreieinhalb bis vier Sterne Mittelteil. Doch selbst, wenn letzterer Längen hat – Moriarty schafft es, alle sehr unterschiedlichen Charaktere authentisch, verletzlich und nahbar darzustellen. Niemand bleibt blass, alle sind richtig gut ausgearbeitet, auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, mehr über Einzelne zu erfahren. Insgesamt bin ich froh, am Ball geblieben zu sein – und das Buch trotz Cover und Titel gelesen zu haben, beides hat mich nämlich eigentlich nicht angesprochen. Denkt man allerdings an den Schmetterlingseffekt, ist das Bild auf dem Buchumschlag gar nicht so beliebig wie gedacht. Wieder mal ein schöner Fall von „Don’t judge a book by its cover“.

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Veröffentlicht am 13.04.2025

Panem, die fünfte

Die Tribute von Panem L. Der Tag bricht an
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Suzanne Collins entführt ihre Leserinnen und Leser ein fünftes Mal nach Panem – 24 Jahre vor Beginn der Trilogie um Katniss Everdeen und 40 Jahre, nachdem Coriolanus Snow selbst Mentor eines Tributs aus ...

Suzanne Collins entführt ihre Leserinnen und Leser ein fünftes Mal nach Panem – 24 Jahre vor Beginn der Trilogie um Katniss Everdeen und 40 Jahre, nachdem Coriolanus Snow selbst Mentor eines Tributs aus Distrikt 12 bei den Hungerspielen war. Inzwischen ist er längst der grausame Präsident geworden, den man aus den ersten Bänden kennt. Und hat sich mit seinen Spielemachern etwas besonders Brutales für die 50. Hungerspiele einfallen lassen: Aus jedem Distrikt werden nicht nur zwei, sondern gleich vier Tribute ins Kapitol gebracht.

Zu den Unglücklichen gehört Haymitch Abernathy, der spätere Mentor von Katniss und Peeta. Aus der Trilogie kennt man ihn als meist betrunkenen, einzelgängerischen Zyniker – „L“ zeigt, was ihn dazu gemacht hat. Hier ist Haymitch erst 16 Jahre alt; er lebt mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder im Saum, verdient für die Familie dazu, was ihm möglich ist und versucht, seine knappe Freizeit mit seiner Freundin Leonore Dove zu verbringen. All das endet jäh, als er – auch noch an seinem Geburtstag, an dem die sogenannte „Ernte“ traditionell stattfindet – zum Tribut wird.

Was Haymitch erlebt, erinnert unweigerlich an die 74. Spiele, an denen Katniss und Peeta teilnehmen mussten. Jetzt sind es allerdings vier vermeintlich chancenlose Kandidatinnen und Kandidaten aus dem verarmten Distrikt 12, die zunächst zur Schau gestellt, eingekleidet, vorbereitet und trainiert werden. Es gibt Wiedersehen mit alten Bekannten: Neben Snow treten z.B. Plutarch, Beetee, Wiress, Mags und Effie in Erscheinung. Und schließlich beginnt der Überlebenskampf in der Arena.

Über dem kompletten Roman scheint von Anfang an ein Damoklesschwert zu schweben: Zwar ist klar, dass Haymitch überlebt – wer die Trilogie kennt, weiß aber auch, was aus ihm geworden ist. Ein Happy End ist bei „L“ also nicht zu erwarten. Stattdessen sterben natürlich auch hier wieder liebgewonnene Charaktere, bei 48 Tributen sogar noch mehr als sonst. Es wirkt so, als hätte Suzanne Collins sich diesmal nicht ganz so viel Zeit dafür genommen, Nebenfiguren auszugestalten, aber es sind in diesem Buch natürlich auch besonders viele. Dennoch war ich überrascht, wie sang- und klanglos einige verschwanden und hatte teilweise mehr Interaktion oder auch nur Erwähnungen erwartet. So habe ich weniger intensiv mitgefühlt, als ich es aus den bisherigen Bänden gewohnt war.

Insgesamt bin ich hin- und hergerissen: Die Geschichte von Haymitch hat mich durchaus interessiert, ist aber in noch höherem Maße tragisch, traurig und grausam als die anderen Panem-Bücher. Vieles habe ich unweigerlich mit den 74. Hungerspielen verglichen, die ich als ausgewogener geschildert in Erinnerung hatte. Und so landet die Geschichte des zweiten Siegers aus Distrikt 12 auf meinem persönlichen fünften Platz. Sie macht allerdings tatsächlich Lust darauf, die Trilogie noch einmal zu lesen. Haymitch sieht man nach dieser Geschichte mit anderen Augen.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Spannender Pageturner mit kleinen Schwächen

Die Villa
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Es hätte Aiofes fulminanter Abschied vom Junggesellinnenleben werden sollen, stattdessen wurde es der letzte Urlaub ihres Lebens. Inzwischen ist ihr Tod drei Jahre her und ihre Freundinnen, die sie damals ...

Es hätte Aiofes fulminanter Abschied vom Junggesellinnenleben werden sollen, stattdessen wurde es der letzte Urlaub ihres Lebens. Inzwischen ist ihr Tod drei Jahre her und ihre Freundinnen, die sie damals in die titelgebende Villa begleitet haben, reisen zu ihrem Gedenken nach Andalusien: Tiff und Beth, die sie seit ihrer Kindheit kannten, ihre Arbeitskollegin Celine und Dani, die engste Freundin aus Studienzeiten. Sie kann mit den schrecklichen Geschehnissen am wenigsten abschließen – wohl auch, weil sie einen Filmriss hatte und sich an den Abend, als Aiofe ermordet wurde, nur bruchstückhaft erinnert. Und so hat Dani Aiofes Freundinnen für ein Wochenende nahe Marbella zusammengetrommelt – dass sie sie jedoch alle wieder am Tatort eingebucht hat, hat sie allerdings keiner der Frauen verraten.

Schon die Leseprobe dieses Thrillers fand ich packend. Schnell ist klar, dass viele Figuren etwas zu verbergen haben – nicht nur die Frauen haben ihre Geheimnisse, sondern auch die Menschen, die Dani befragt, um die Geschehnisse rund um den Mord an Aiofe aufzuklären. Es gibt viele Rückblenden und neben Danis Perspektive fließen auch ab und zu die der anderen Freundinnen ein. Die Gruppendynamik wird dadurch greifbarer und man rätselt unweigerlich mit, was wirklich am Abend der Tat geschah. Die Anzahl der unsympathischen Charaktere stieg mir dabei fast zu schnell. Danis Alleingänge erschienen mir ab und zu unlogisch und waren manchmal auch etwas langatmig geschildert, aber losgelassen hat mich „Die Villa“ trotzdem nicht, da es immer wieder Twists gab – einige ziemlich vorhersehbar, andere durchaus überraschend. Außerdem ist der Thriller intensiv und atmosphärisch dicht erzählt, da er sich komplett um zwei Wochenenden dreht. Die Auflösung fand ich gelungen. Insgesamt ein spannender Pageturner – z.B. für den nächsten Spanien-Urlaub.

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