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Veröffentlicht am 14.08.2025

Erinnern im Exil

Sunset
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Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ...

Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ein Telegramm, das ihm den Tod des Freundes mitteilt. Allein in seinem Haus in Pacific Palisades erinnert er sich an Begegnungen mit Brecht und läßt diese Revue passieren, nicht ohne auch über das eigene Leben zu sinnieren.

In wunderbarer Sprache belebt Modick die Freundschaft zwischen den beiden Autoren, die so unterschiedlich waren. Brecht, das große aber mittelloseTalent, entpuppt sich stellenweise als Schnorrer erster Klasse. Feuchtwanger - immer großzügig - sieht souverän darüber hinweg. Großartig auch die Schilderungen des künstlerischen (Exil-)Kreises, der sich in Kalifornien gebildet hat - Hollywood ist nicht weit. Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Die Beziehung zu den Manns ist dagegen nur an der Oberfläche höflich korrekt: Erika ("spitzzüngige Giftspritze", S. 55) und Thomas bekommen ihr Fett weg und Klaus wird eher bedauert, als der "unglücklichste aller Söhne" (S. 69). Über diesen Rückblenden schwebt immer die Angst vor den McCarthy-Ausschüssen und der sich hinziehende Prozeß der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.

Mir hat dieser kleine - teilweise fiktive - Einblick in die Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger sehr gefallen. Die Zusammentreffen der beiden sind lebendig, farbig, sprachlich kunstvoll und auch witzig geschildert.

Zwei Jahre nach Brecht stirbt Feuchtwanger an Magenkrebs, den Modick zu Beginn des Romans bei Feuchtwangers Morgengymnastik bereits "zwickend" in Erscheinung treten läßt.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Idabel und Dill

Harper Lee und Truman Capote
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Mit diesen zwei literarischen Figuren haben Harper Lee und Truman Capote den bzw. die jeweils andere in ihren Werken verewigt.

Die beiden Außenseiter kannten sich seit Kindertagen, eine eher schicksalhafte ...

Mit diesen zwei literarischen Figuren haben Harper Lee und Truman Capote den bzw. die jeweils andere in ihren Werken verewigt.

Die beiden Außenseiter kannten sich seit Kindertagen, eine eher schicksalhafte Begegnung, da Capote einige Jahre bei Verwandten wohnte und Lee ein Nachbarskind war. Sie besaß ein Baumhaus; dorthin zogen sich die beiden oft zurück, um sich vorzulesen und sich Geschichten auszudenken. Die Grundsteine für zwei unterschiedliche literarische Karrieren und Werke von Weltruhm wurde dort gelegt.

Das kleine Büchlein (141 Seiten) ist schnell gelesen, enthält auf kleinem Raum aber so viele spannende und interessante Informationen, die zur weiteren Beschäftigung mit den beiden nahezu verpflichten. Einiges war mir schon bekannt, vieles neu. (Die Biografie von Capote ist in Folge dessen schon bei mir eingezogen.) Lavizzari beschreibt die Sommer, die beide als Kinder gemeinsam verbrachten, dann die örtliche Trennung. Den raschen Erfolg Capotes zunächst in der New Yorker Szene, dann weltweit, während es um Lee zunächst still bleibt. Als Capote, gerade frenetisch gefeiert für "Frühstück bei Tiffany" für seine Recherchen zu "Kaltblütig" eine Art Leibwächter und mehr oder weniger eine Sekretärin (offiziell: assistant researchist) braucht, ist Lee zur Stelle, die gerade ihr Manuskript von "Wer die Nachtigall stört" abgeliefert hat. Noch während der Recherchen avanciert ihr Buch zum Beststeller, wird mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und ungemein erfolgreich mit Gregory Peck in der Hauptrolle verfilmt. Während Lee sich im folgenden aus der Öffentlichkeit zurückzieht, sucht Capote weiterhin das Rampenlicht. Die Arbeit an "Kaltblütig" kostet Capote sechs Jahre seines Lebens und trotz des großen Erfolgs läutet es seinen Untergang ein.

Das hat richtig Spaß gemacht und zeigt wieder einmal, was ich alles noch lesen will ... Immer wieder überraschend, wer wie im Netzwerk der New Yorker Künstlerszene verankert war.

Einziges Ärgernis: Eine der bekanntesten literarischen Figuren, geradezu eine Ikone für Integrität, der Anwalt Atticus Finch, Protagonist in "Wer die Nachtigall stört", wird durchgehend (!) mit einem falschen Nachnamen, nämlich Fink, versehen.

Unbedingt auch empfehlenswert: Der Film "Capote" mit Philip Seymour Hoffman, verdient mit einem Oskar belohnt.


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Veröffentlicht am 20.06.2025

Die Suche

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Im Vordergrund scheint die Suche nach einem Bild zu stehen, von dem Senta einst nur notierte: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Was es mit diesem Bild auf sich hat, das erfährt ...

Im Vordergrund scheint die Suche nach einem Bild zu stehen, von dem Senta einst nur notierte: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Was es mit diesem Bild auf sich hat, das erfährt man im Laufe der Geschichte, wenn wir der jungen Berlinerin Hannah über die Schulter schauen. Auch Hannah sucht etwas und das ist nicht in erster Linie das Bild, sondern etwas, von dem sie gar nicht weiß, was es ist. Da ist eine Leere, eine Unruhe und gleichzeitig ein Auf-der-Stelle-treten in ihr. Hannahs hochbetagte Großmutter Evelyn lebt in einer Seniorenresidenz und ihre Enkelin besucht sie eher widerwillig. Das Verhältnis zu einander ist nicht besonders herzlich. Als Evelyn den Brief einer israelischen Anwaltskanzlei erhält, in dem sie als Alleinerbin eines verschollenen jüdischen Kunstvermögens bezeichnet wird, fällt Hannah aus allen Wolken.

Gemeinsam mit Hannah, die mental durch die Affäre mit ihrem verheirateten Doktorvater gebeutelt ist, und einem Historiker begeben wir uns nun auf die Reise in die Vergangenheit, zunächst in das Berlin der 1920er Jahre und zu Senta.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er liest sich ganz wunderbar, hat gut erdachte, lebendige Charaktere und ist auch noch spannend. Natürlich wird hier das Rad nicht neu erfunden und ein paar Klischees gibt es auch, aber die Geschichte vermag wirklich zu fesseln. Die Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart führen die losen Enden immer weiter zusammen und geben der Handlung gleichzeitig Tempo. Das Ende hätte ich mir gerne anders gewünscht, aber so ist das Leben.

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Jim erzählt

James
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"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. ...

"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. Neben dem historischen Vorwurf, es wäre recht derb, steht der Roman in der zeitgenössischen Kritik vor allem unter dem Vorwurf des Rassismus.

Percival Everett hat dieses Element in seiner "Adaption" von Huckleberry Finn ins Zentrum gestellt, indem die Hauptperson nun der Sklave Jim ist. Aus seiner Sicht wird die Geschichte ähnlich, neu und doch ganz anders erzählt. Zunächst bleibt Everett recht eng an seiner Vorlage. Im zweiten Teil wird die Handlung erzählt, die wir als Huck-Leser nicht aus erster Hand kennen, denn Jim und Huck werden getrennt und Mark Twain bleibt natürlich bei seinem Ich-Erzähler Huck. Der letzte Teil schließlich entfernt sich komplett von der Vorlage und erzählt eine ganz andere Geschichte.

Bei Everett zeigt sich Jim nicht nur als völlig andere Person, sondern ich möchte fast sagen, überhaupt erst als Person. Bei Twain wird Jim häufig als leicht- und abergläubisch, nicht besonders helle, schreckhaft etc. dargestellt. Everett entwirft ein völlig anderes, überraschendes Bild, das uns als Leser*innen den Spiegel vorhält. An dieser Stelle gilt dem Übersetzer Nikolaus Stingl besondere Anerkennung, ohne zu viel verraten zu wollen. Ab dem zweiten Abschnitt verabschieden wir uns auch von dem Idyll, das wir mit Twains geschilderten Abenteuern auf dem Mississippi verbinden. Es wird ungeschönt und brutal über die Situation der versklavten Menschen geschrieben.

Ein Roman, der mich sehr überrascht hat und Huck Finn in einem neuen Licht erscheinen läßt. Ich empfehle, zumindest eine umfassende Zusammenfassung von Twains Werk vorab zu lesen, sofern der Inhalt nicht (mehr) bekannt sein sollte. Der Pulitzer-Preis ist verdient an diesen Roman gegangen.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Nur Katastrophen verkaufen sich gut

Reisen mit mir und einem Anderen
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Martha Gellhorn (1908-1998), Kriegsreporterin und Weltreisende, erzählt in fünf Episoden von katastrophalen Reisen in die Karibik, nach China, Afrika, Russland und Israel, wobei die Afrika-Reise nahezu ...

Martha Gellhorn (1908-1998), Kriegsreporterin und Weltreisende, erzählt in fünf Episoden von katastrophalen Reisen in die Karibik, nach China, Afrika, Russland und Israel, wobei die Afrika-Reise nahezu das halbe Buch (insgesamt 531 Seiten) ausmacht.

1975-77 zu Papier gebracht, hat Gellhorn die Reisen teilweise Jahrzehnte früher unternommen und kann sich doch noch an so viele Einzelheiten erinnern, dass man es kaum glauben mag. Teilweise greift sie auf Notizen zurück, die sie aber nicht für alle Reisen angefertigt hatte. Sie selbst bedauert (und auch ich), dass sie kaum Fotografien gemacht habe. Das wäre eine so schöne Ergänzung gewesen.

Ich habe die Reisebeschreibungen sehr gerne gelesen. Einerseits weil es Unternehmungen waren, die so heute schlicht nicht mehr möglich sind und weil es wirklich viele witzige und haarsträubende Episoden gibt, die das Buch für mich zu einer kurzweiligen Lektüre gemacht haben. Gellhorn geht teilweise recht naiv an ihre Unternehmungen heran, gerade wenn man bedenkt, dass sie Kriegsreporterin war, bereits im spanischen Bürgerkrieg und dann bei allen wichtigen internationalen Konflikten bis ins hohe Alter dabei war. Sie ist durchaus kritisch und reflektiert, wenn es um Kolonialismus und Rassismus geht. Dennoch ist ihr Ton für heutige Verhältnisse stellenweise zumindest bedenklich. Gerade die Afrika-Reise wären ihr ohne Menschen, nur in Gegenwart von Tieren und Natur offenbar am liebsten gewesen.

Ein informatives Nachwort von Sigrid Löffler zu Gellhorns rückblickend als Höllenfahrten titulierten Reisen, ein nun "fabelhafter Erzählstoff" (S. 534), runden das Buch ab.

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