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Veröffentlicht am 16.04.2025

Abgründe im NYFD

Devil's Kitchen
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Wenn ich außergewöhnliche Thriller-Literatur brauche, dann ist Candice Fox für mich immer schon eine Bank gewesen. Ich erkenne ihren Stil immer wieder, aber gleichzeitig erfindet sie sich doch immer wieder ...

Wenn ich außergewöhnliche Thriller-Literatur brauche, dann ist Candice Fox für mich immer schon eine Bank gewesen. Ich erkenne ihren Stil immer wieder, aber gleichzeitig erfindet sie sich doch immer wieder neu, sodass jede Geschichte wieder völlig unvorhersehbar für mich ist und das ist der Gewinn.

Hätte mich nicht der Autorinnenname schon angelächelt, dann wäre es sicherlich „Devil’s Kitchen“ als Titel gewesen. Da vor Kurzem erst das Revival „Daredevil: Born Again“ bei Streamingdienst Disney+ gestartet ist, das bekanntlich Hell’s Kitchen als Handlungsort nutzt, war der Reiz sofort da. „Devil’s Kitchen“ ist zunächst als Standalone angekündigt, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich Fox hier noch weiter austoben könnte. Sollte es nicht so sein, dann steht dieser Band auch wunderbar für sich selbst. Ich musste bei Andy und Ben, aus deren Perspektive das Geschehen erzählt wird, daran denken, was bei Fox oft immer gleich ist. Wir haben eigentlich immer eine sehr abgedrehte Frauenrolle (im besten Sinne gemeint) und dazu eine Männerrolle, bei der man immer das Herz am rechten Fleck meint, auch wenn er wahrlich kein Saubermann ist. Genau das trifft auch diesmal auf die Protagonisten zu.

Wir starten mit einer Vorausschau, an der es für Andy und Ben lebensgefährlich wird, dann springen wir in der Zeit zurück. Fox ist keine Erzählerin, die sich darum kümmert, einen gleich am Anfang mit allen Infos abzuholen, nein, sie verpackt alles nach und nach, sodass man nie müde wird, die einzelnen Geschenke (Informationen) auszupacken. Zunächst war für mich Ben der emotionale Fokus. Inmitten seiner Kollegen fällt es aber auch nicht schwer, ihn als Engel zu sehen, während die anderen drei, besonders Matt und Engo, richtig schlimme Kerle sind. Nach und nach werden uns Infos angereicht. Zum einen erfahren wir viel über Bens Geschichte in der Kindheit/Jugend, dann seine Anfänge beim NYFD und letztlich dann die Involvierung in gefährliche Coups mit den Kollegen. Dazu erfahren wir mehr über Luna und Gabe, die seine Wahlfamilie sind. Speziell die letzten beiden Charaktere sind es dann auch, die sein Herz weiter nach außen tragen. Auch wenn überdeutlich klar ist, dass Ben zwei Seiten in sich trägt, aber er hat es inmitten der anderen Charaktere dieses Buchs leicht, mein Anker zu bleiben.

Die Art, wie Fox Charaktere schreibt, das ist nie die große Liebe, dafür schaut sie viel zu viel in Abgründe, in die man eigentlich nicht viel gucken will, weil man automatisch auch auf sich selbst blickt. Aber sie kann immer Respekt entstehen lassen und das wiederum sorgt für Mitfiebern. Das habe ich bei Ben erlebt, aber auch bei Andy. Sie ist eine Schlange, die sich für ihre Arbeiten immer eine neue Haut zulegt. Sie ist also wirklich zu glitschig, um sie ideal zu packen zu bekommen und trotzdem ist es Fox toll gelungen, dass in der fortschreitenden Ermittlung viel über ihr wahres Ich verraten wird. Dazu ist es einfach genial, wie gewieft Andy ist, was sie alles kann. In Rückblenden erfahren wir nach und nach mehr über ihren Lebensweg, aber es ist schon zu erkennen, dass zunächst Ben der Fokus ist, während danach erst richtig Andys Auftritt kommt. Auch die Beziehung der beiden zueinander ist spannend. Denn sie müssen sich bis zu einem bestimmten Punkt vertrauen, haben aber dennoch große Vertrauensprobleme einander gegenüber. Das ist ein gelungenes Spannungsfeld, weil sie sich so auch gegeneinander richten, um sich im nächsten Moment aus etwas rauszuschlagen. Es ist keine romantische Geschichte, aber in dem Chaos der Ereignisse doch auch sehr echt.

Aber auch wenn wir abseits der beiden echt ekelhafte Exemplare an Charakteren haben, aber so ist hier die richtige Wahl, so wenige zu haben, weil man sich so auch an sie gewöhnt und dennoch immer wieder überrascht wird. Die zahlreichen Wendungen, die waren auf jeden Fall sehr mitreißend. Denn nicht nur Andy beherrscht das Spiel, sondern auch Matt. Es ist viel Pingpong, aber es ist auch spannende Feuerwehrarbeit und interessante Pläne. Man hätte sicherlich aus der Gesamtidee noch richtig viel mehr machen können, aber gerade weil nicht klar ist, ob es noch mehr Abenteuer von Andy geben wird, finde ich es auch angemessen. Wir bekommen am Ende alle Antworten und vieles davon fand ich sehr tragisch, was mir auch gezeigt hat, wie sehr mir diese Welt trotz ihrer Düsterheit ans Herz gewachsen ist. Ein wilder Ritt bis zum Schluss.

Fazit: Candice Fox hat mich mit „Devil’s Kitchen“ voll abgeholt. Das NYFD als Setting, wo die Helden zu Antihelden werden, höchst clever. Dazu zwei Charaktere, die auch nicht ganz koscher sind, die einem aber ans Herz wachsen. Es entwickelt sich ein rasantes Spiel, viele Fragen und auch alle Antworten. Wer die Thriller von ihr liebt, der wird wieder voll auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Ein Leuchten durch Charakterentwicklungen

Was wir verloren glaubten
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„Was wir im Stillen fühlten“ war schon der ideale Einstieg in die „Problems“-Reihe von Brittainy Cherry, denn sie schreibt selten so Reihen, wo alles richtig zusammengehört und auch das Kleinstadt-Feeling ...

„Was wir im Stillen fühlten“ war schon der ideale Einstieg in die „Problems“-Reihe von Brittainy Cherry, denn sie schreibt selten so Reihen, wo alles richtig zusammengehört und auch das Kleinstadt-Feeling hat hervorragend zu ihrem Stil gepasst. Nun geht es also mit der ältesten Kingsley-Schwester Avery weiter, die ihr Glück findet.

Wenn ich noch an Yara aus Band 1 denke, dann muss man schon eingestehen, dass sie und Avery wie Tag und Nacht sind. Während Yara sich in zig peinliche Situationen gebracht hat, auch weil sie das Herz auf der Zunge trägt, so ist Avery viel ernster. Ich hatte direkt optisch und charakterlich mehrere Personen für sie im Kopf, vor allem aus TV-Serien. Diese Rollen wirken oft unnahbarer, haben in sich aber ein Leuchten, was erst nach außen gekehrt werden muss. Bei Avery ist das total offensichtlich. Wenn man sie in ihrem Kopf über vieles reden hört, dann merkt man die pure Leidenschaft, ihren Witz und ihre Warmherzigkeit. Aber sie trägt das nicht so offensiv nach außen wie andere Figuren in dieser Welt. Die Parallelen zu Alex aus Band 1, die mehrfach getätigt wurden, sind da schon richtig. Dementsprechend ist es auch gut gewesen, dass Nathan als männlicher Gegenpart ihr ähnlich, aber doch anders als Alex ist. Er hat auch Dämonen in sich tragend, er kennt lähmende Verantwortung, dementsprechend teilt er viele Gefühle mit Avery, aber er ist in seinem Prozess viel weiter als sie, weswegen es ihn für sie ideal macht. Denn sie können sich verstehen, aber sie sind so unterschiedlich genug, dass sie sich aus Spiralen raushelfen und nicht weiter hineindrängen.

Bevor ich jetzt weiter schwärme von „Was wir verloren glaubten“ muss ich aber einen Kritikpunkt anwenden. Wesley als Averys Verlobten haben wir schon in Band 1 kennengelernt. Und auch wenn ich ihn keinesfalls mit Nathan ansatzweise vergleichen könnte, so fand ich ihn durchaus sympathisch und hatte mich da schon bei Gedanken erwischt, wie Cherry es wohl auflöst, wenn es um Averys Geschichte geht. Denn normalerweise haben wir es dann eher mit Dreckssäcken zu tun, die man gut rechts liegen lassen kann. Und ja, wie hat sie es gelöst? Sie hat Wesley zu der Figur gemacht, die man schnell loswerden will. Das ist alles okay, aber ich denke, dass es dann besser gewesen wäre, Wesley schon im ersten Band so zu zeichnen, weil so wirkt es doch etwas so, als wäre Cherry nichts anderes mehr eingefallen. Auf einer anderen Ebene hat die Beziehung zu Wesley aber auch sehr geholfen, die Charakterisierung von Avery zu verfeinern, weil ich finde, dass diese durchgängig sehr gut gelungen ist.

Mir hat extrem gefallen, wie gut ausgestaltet Avery gewirkt hat. Sie ist mir sicherlich in vielen Punkten sehr ähnlich, weswegen ich es immer berührend finde, wenn ich das Gefühl habe, dass diese Figuren respektvoll gestaltet sind, dass man sich wirklich wiedererkennt. Gerade die Thematik des ältesten Geschwisterkindes war mir sehr nah, aber mir hat auch gefallen, wie Averys Verlustängste mit ihrer Mutter gestartet sind, um sie bis ins Jetzt zu gestalten. Richtig klasse fand ich auch, dass die Reise von Avery zur Selbstliebe mit einem kleinen Kniff in der Erzählweise authentisch erzählt wurde. Es gibt oft Bücher, wo ich schnelle Entwicklungen einfach kritisieren muss, aber hier hat Cherry mit kleineren Zeitsprüngen das rechte Maß gefunden. So begeistert ich mich bislang zu Avery geäußert habe, so darf mir Nathan keinesfalls verloren gehen, denn er ist umgekehrt auch wunderbar gelungen. Im Gegensatz zu Alex hat er direkt etwas sehr Warmes. Ich fand es großartig, mit ihm in die Familiendynamik der Pierces einzutauchen. Da gab es viel zu entdecken, zu neuen Figuren, aber auch zu Nathan selbst. Denn wie gesagt, auch er hat seine Dämonen und man erlebt es immer wieder, wie auch er zu kämpfen hat. Aber weil er den Schritt weiter ist, merkt man, dass er nicht mehr seine Beziehungen manipuliert und so war es einfach schön, wie er Avery in allen Punkten auf Händen getragen hat. Ihre Chemie war echt gigantisch und ich habe alles genossen.

Fazit: „Was wir verloren glaubten“ hat mich doch in nahezu allen Belangen sehr verzaubert. Auch wenn die Rolle von Wesley etwas schade war, so war die Ausgestaltung von Avery und Nathan in allen Belangen ein Geschenk und es hat ihre Beziehung zusätzlich leuchten lassen.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Reich an faszinierenden Ideen

Niemannswelt – Als ich mich verlor, habe ich dich gefunden
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Carina Bartsch ist ein Name, den ich mit sehr vielen tollen Erinnerungen verbinde. Die Reihe zu Emely und Elias hat mich damals mitten ins Herz getroffen und danach war es immer Mitfiebern, was sie als ...

Carina Bartsch ist ein Name, den ich mit sehr vielen tollen Erinnerungen verbinde. Die Reihe zu Emely und Elias hat mich damals mitten ins Herz getroffen und danach war es immer Mitfiebern, was sie als Autorin neues auf die Beine stellt. Bartsch gehört zwar nicht zu denen, die zuverlässig jedes Jahr eine Neuveröffentlichung hat, aber mit ihrem Schandtaten-Verlag hat sie auch noch ein anderes Standbein. Umso überraschter war ich nun, als gleich eine ganze Buchreihe mit auch relativ nah aneinander liegenden Veröffentlichungsdaten angekündigt wurde. Oh wow, da hatte aber jemand einen Plan und ich war extrem gespannt, bei „Niemannswelt“ einzutauchen.

Ich habe den ersten Band, „Als ich mich verlor, habe ich dich gefunden“, als Hörbuch gehabt und ich muss sagen, große Verbeugung vor Martha Kindermann. Die ganze Geschichte ist so auf Zoe fokussiert, dass wir wirklich viel Zeit mit dieser Figur im Ohr verbringen und sie war fast schon in Bruchteilen von Sekunden schon die ideale Verkörperung. Ich habe Zoe durch sie echt gespürt. Hut ab davor! Bleiben wir zunächst bei den äußeren Umständen. Auch wenn der Titel der Reihe sehr aussagekräftig ist, so muss ich umgekehrt sagen, dass das Cover plus die Untertitel sofort den Eindruck einer sehr romantischen Geschichte erzeugt haben. Nicht, dass das eine nicht mit dem anderen zusammenpassen würde, aber wenn ich den inhaltlichen Verlauf des ersten Bandes bedenke, dann ist es ein kleiner Teil. Mich persönlich hat es gar nicht gestört, aber ich kann mir schon vorstellen, dass Leser, die Bartsch neu für sich entdecken und dann diese Cover und Untertitel sehen und lesen, deutlich andere Assoziationen haben. Aber es ist immer ein schmaler Grat und die Cover sind wunderschön und der Markt hat auch seine Gesetze, um sich da irgendwie durchzusetzen, deswegen habe ich da großes Verständnis für.

Kommen wir aber nun zum Inhalt, denn der ist für mich echt ein Highlight. Ich bin Feministin, aber ich blicke auch immer wieder auf Tendenzen, die mich etwas besorgt machen, denn ich denke nicht, dass die Idee dahinter ist, die Frau zum stärkeren Geschlecht zu machen und mit Männern im Allgemeinen abzurechnen. Dementsprechend kam mir die Idee von Bartsch total entgegen, denn es ist eine zugespitzte Version davon, die in einer weiten Zukunft liegt und die mich extrem zum Denken angeregt hat. Der erste Band hat vor allem die Aufgabe, uns in diese neue Welt einzuführen und es gab so viel zu entdecken. Es gab immer wieder neue Ideen, eine Mischung aus rückwärtsgedachten Prinzipien und sehr modernen Entwicklungen und es ist der Autorin echt großartig gelungen, dass nicht lehrerhaft einzuflechten, sondern es ist in Zoes Erlebnisse eingebunden worden und durch ihren Job war es natürlich auch möglich, vieles etwas wissenschaftlich zu beleuchten. Ich mochte diese Mischung echt extrem. Wenn man selbst aus der Wissenschaft kommt, dann wurde ich hier echt gut aufgefangen und meine Gedanken sind immer sehr wild gewesen, um in alle angedeuteten Richtungen mitzudenken und mich zu fragen, wie es für mich wäre, in dieser Niemannswelt zu leben. Es war auch echt krass, auf diese fiktiven historischen Ereignisse zu schauen, die aber auf einer Realität fußen, die uns allen bekannt ist. Schon verrückt, dass es so passieren könnte, wer weiß das schon.

Einen Kritikpunkt will ich an dieser Stelle einbinden. Es ist eine lange Reihe geplant, das bedeutet natürlich jede Menge Seiten für Bartsch. Das ist sicherlich Luxus, aber es ist natürlich trotzdem die Aufgabe, eine Balance zu finden. Während ich finde, dass Band 1 es extrem großartig im World Building macht, weil ich echt alles genau vor meinem Auge sehe, so habe ich manches Mal so kleine inhaltliche Highlights vermisst. Das ist vor allem an das Argument der Spannung gebunden, denn es entstehen viele Fragezeichen und ein paar klarere Ausrufezeichen hätten der Geschichte ein echtes Plus noch gegeben. Beispielsweise das Geheimnis rund um Zoes Mutter im Nationalpark. Da habe ich oft drüber nachgedacht und es ist aber immer auf der Ersatzbank verharrt geblieben. Ähnliches gilt auch für die Beziehungsentwicklung von Zoe und Flynn. Natürlich konnte das nicht von heute auf morgen gehen, aber man hat auch gemerkt, dass es fast zu schon zu viel Zeit war oder man hätte sich umgekehrt die Zeit genommen und hätte trotzdem manches Mal schon was rausgehauen, beispielsweise die Enthüllung von Flynn über seine Mutter. Da wäre noch etwas mehr drin gewesen.

Abgesehen davon aber war alles so unheimlich faszinierend. Ich fand es extrem spannend, durch Zoe und die anderen Frauen die verschiedenen Extreme zu erleben, wie man über Männer denkt. Zoe ist wirklich auf eine Skala sehr liberal, wahrscheinlich gerade wegen ihres Hintergrunds als Wissenschaftlerin. Sie kennt im Gegensatz zu vielen anderen die schlimmsten Beispiele der Vergangenheit, aber sie hat immer die Neugier und auch den Raum für etwas, was sie noch nicht kennt und deswegen ergründet. Deswegen ist sie die ideale Protagonistin, weil wir erleben, wie sehr sie in dieser Welt verankert ist und trotzdem gibt es Brüche, mit denen sie gewisse Entscheidungen und Begebenheiten hinterfragt. Flynn erfüllt seine Aufgabe auch ideal, denn man merkt einfach genau das, womit ich immer eine Lanze für das Geschlecht Mann brechen würde. Er ist genauso wenig perfekt wie jede einzelne Frau, aber er ist der Gegenpart zu Zoe, denn er hat so Schlimmes erlebt und trotzdem ist er offen, Zoe kennenzulernen und ihr vieles zu spiegeln, aber umgekehrt auch umzudenken angesichts dessen, was er erlebt und erfährt.

Fazit: „Niemannswelt“ ist eine so faszinierende Idee, die ich einfach feiern möchte. Auch wenn man gemerkt hat, dass die ganzen angekündigten Bände Carin Bartsch vielleicht etwas bummeln lassen, aber insgesamt ist das Lese- bzw. Hörerlebnis doch echt großartig. So viele Ideen, so viel zum Nachdenken und so viel Potenzial für mehr.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Überraschend das Herz erobert

Fearless
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Wenn man Reihen mit verschiedenen Liebespaaren verfolgt (den ersten Band mal ausgeschlossen), dann gibt es immer die, auf die man sich schon weit im Vorfeld freut und die, die zwar durchaus neugierig machen, ...

Wenn man Reihen mit verschiedenen Liebespaaren verfolgt (den ersten Band mal ausgeschlossen), dann gibt es immer die, auf die man sich schon weit im Vorfeld freut und die, die zwar durchaus neugierig machen, aber die durchaus auch Vorbehalte auslösen. In letzte Kategorie gehören für mich Winter und Theo aus „Fearless“ nach Elsie Silver.

Winter ist seit dem ersten Band immer im Hintergrund da gewesen und das tendenziell als Antagonistin. Auch wenn bei solchen Figuren sofort klar ist, dass sich mehr hinter ihnen verbirgt, als man denken mag, so ist es dennoch schwer, sich sofort von ihnen einwickeln zu lassen. An Winter ist im dritten Band durch die beginnende Freundschaft zu Sloane schon etwas geschraubt worden, aber dennoch hat sie dadurch für mich keinen Status erreicht, bei dem ich richtig gespannt auf ihre Liebesgeschichte mit Theo war. Denn er ist ja auch noch da. Er ist eher so langsam von Bedeutung geworden und für mich auch so eine Figur gewesen, die viele Reihen in petto haben. Da sind dann die jungen, wilden Draufgänger. Auch die haben ihren Reiz, klar, aber es war schon etwas verrückt, sich ihn ausgerechnet mit Winter vorzustellen. Umso cooler ist es dann, dass ich sagen muss, Silver mit den beiden für mich eine echte Überraschung gelungen ist.

Es ist schwer, das Positive jetzt richtig zu sortieren, weil eigentlich alles ineinander gelaufen ist. Ich war zwar von der ersten Begegnung nicht der größte Fan, weil mir das etwas zu abgedroschen war. Später in der Bar wurde es besser, aber ich war am Haken, als Silver inhaltlich eigentlich etwas am Anfang setzt, was andere an den Schluss setzen. Ich habe das zwar schon auch bei anderen zu lesen bekommen, aber es ist immer wieder risikobehaftet, weil es einer Liebesgeschichte immer den Hauch eines Eindrucks von Verpflichtung gibt und das ist wenig romantisch. Dementsprechend hat „Fearless“ für mich so großartig funktioniert, weil Theo ein echter Held ist, als er die Wahrheit herausfindet. Ich fand es auch passend, dass indirekt ein Thema war, dass auch Männer unter dem Ruf leiden können, jede haben zu können und zu wollen. Es ist ein Ruf, der ihm sicherlich auch gefallen hat, aber letztlich nicht restlos, weil es auch einschränkt. Je mehr Schichten wir dann von Theo weggenommen haben, desto mehr hat er mir eigentlich gefallen. Denn er ist sanft, er ist sensibel. Er ist zwar auch in verbale Fettnäpfchen getreten, aber er steht für die ein, die er liebt und wie. Ich habe da einige Konfrontationen von Theo echt gefeiert. Er war damit für mich einer der größten Überraschungen dieser Staffel, weil ich ihn vielleicht sogar an die Spitze meiner Silver-Boyfriend-Liste setzen würde.

Winter hat mich letztlich auch am Haken gehabt. Mir hat sogar fast am meisten gefallen, dass sie nicht einmal durch die Trommel der Waschmaschine gekommen ist. Stattdessen ist sie im Kern die Winter geblieben, die wir schon kennengelernt haben. Sie ist in ihrer Art über so ein paar Jahrzehnte geformt worden, weswegen es verdammt schwer ist, aus diesen Schuhen zu kommen. Aber wir blicken hinter ihre Fassade, wir verstehen einiges aus der Vergangenheit besser und deswegen ist mein Respekt für sie mehr und mehr gestiegen. Während die Schwesternbeziehung zu Summer auch immer schöner aufgearbeitet wird, so war ich eher überrascht, dass Kipp und Marina wenig bis gar keine Rolle spielten. Rob hat genau den Anteil bekommen, der für die Geschichte angemessen war, aber für Winters Entwicklung sind ihre Eltern eigentlich viel zentraler, weswegen das auch mein größter Kritikpunkt an „Fearless“ ist.

Jetzt bin ich schon bei Silvers viertem Buch und wer meine anderen Rezensionen kennt, der weiß, dass ich mit ihren erotischen Szenen so meine Probleme habe. Sie sind mir für die Qualität der restlichen Entwicklungen immer etwas zu explizit und daher manchmal wie ein Bruch. Also auch positiv, dass ich das hier diesmal nicht so dominant fand. Die Art der Gestaltung passte zu Theo und Winter gut. Ich werde nie restlos begeistert sein, aber es war hier echt bislang am harmonischsten.

Fazit: „Fearless“ beweist mir erneut, warum ich gerne bei Elsie Silver noch auf den Zug aufspringe. Sie kann Überraschungen, sie kann in allem viel Gefühl und hat echt ein Packan für ihre Figuren. Winter und Theo haben sich dadurch völlig überraschend in mein Herz gestohlen.

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Veröffentlicht am 31.12.2024

Spannung in völliger Abgeschiedenheit

One Perfect Couple
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Wenn ich bedenke, wie viele Bücher von Ruth Ware auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind, dann ist es schon etwas überraschend, dass ich bislang von ihr nur „Woman in Cabin 10“ gelesen habe. Zumal ...

Wenn ich bedenke, wie viele Bücher von Ruth Ware auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind, dann ist es schon etwas überraschend, dass ich bislang von ihr nur „Woman in Cabin 10“ gelesen habe. Zumal ich dieses auch nicht negativ in Erinnerung habe. Vielleicht ist es auch der unscheinbare Name, der mir etwas durchgerutscht ist. Umso besser, dass das Cover von „One Perfect Couple“ so knallig gestaltet wurde, denn es fällt sofort ins Auge und da habe ich dann doch mal genauer hingesehen.

Ich musste ein wenig an „Murder in the Family“ von Cara Hunter denken, das mir sehr gut gefallen hat. Dort wurde ein True-Crime-Format sehr anschaulich aufgebaut und spannend für uns Leser zum Mitverfolgen gestaltet. „One Perfect Couple“ nimmt sich nun Reality-TV vor. Es war etwas schwierig ins Geschehen hineinzufinden, was überhaupt nicht am Schreibstil lag, sondern eher an gewissen Puzzleteilen. Während Nico perfekt für Reality-TV wirkt, erweckt Lyla ganz andere Eindrücke. Dazu ist es absolut verwunderlich, dass sie es überhaupt mit jemandem wie Nico aushält. Man merkt ihre Zweifel auch, aber danach handeln tut sie (noch) nicht. Dementsprechend war es alles etwas seltsam und mir war nicht ganz klar, wie sich von diesen seltsamen Voraussetzungen eine Geschichte entwickeln soll. Doch diese anfänglichen Irritationen legen sich sehr schnell. Spätestens als die Paare aufeinandertreffen und es dann auf die Insel geht, da wurde es immer spannender. Anfänglich ist auch deutlich zu erkennen, wie sich Ware bemüht hat, die inszenierten Seiten vom Reality-TV zu beleuchten und zu entlarven. Es ist aber nicht das Hauptansinnen des Buchs, was dann spätestens nach dem Sturm zu merken ist.

Danach hat Reality-TV gar keinen Raum mehr in der Geschichte, was auch überhaupt nicht schlimm war, denn es hat sich so tatsächlich ein klassischer Thriller entwickeln können. Und wie gut, dass Lyla ist, wie sie ist. Da die anderen Paare tatsächlich eher dem üblichen Beuteschema von Reality-TV entsprechen, sticht Lyla völlig heraus und das erweist sich im Verlauf der Handlung auch immer wieder als wichtig. Umgekehrt muss man positiv aber auch sagen, dass die anderen Charaktere sich vom oberflächlichen Eindruck auch lösen muss, denn wenn es ums nackte Überleben geht, da geht es nicht mehr um Äußerlichkeiten. Das habe ich gut erkennen können, weil jede Figur über sich hinauswachsen musste. Es wurden auch weniger schöne Seiten aufgedeckt, aber unterm Strich zählte für mich, dass alle involvierten Figuren ambivalent gestaltet waren, so dass die Spannung auch nie ausging.

Es war schon verrückt, welcher Überlebenskampf sich entwickelt hat. Ich hatte auch mehrfach den Gedanken, wie genial dieser Inhalt wohl als Serie oder Film wirken würde. Auch wenn es das Genre nicht neu erfindet, aber ich fand die Stimmung, die Überraschungen und die verschiedenen Botschaften wirklich gut. Zum Schluss war es auch nochmal richtig aus dem Nichts, warum diese Figuren alle zusammen waren. Da hat man also deutlich gemerkt, dass dieses Buch – wie man es sich auch wünscht – von vorne bis hinten sorgfältig erdacht war. Für mich hat Ware damit einen mehr als soliden Thriller hingezaubert.

Fazit: „One Perfect Couple“ hat mit dem Reality-TV-Bezug einen sicherlich funktionierenden Aufhänger, aber es ist nur ein kleiner Anteil, weil es ansonsten ein Thriller mit spannendem Überlebenskampf ist. Die feministische Botschaft habe ich auch wahrgenommen und ich habe mich so nach anfänglichen kleinen Stolperstellen sehr gut unterhalten gefühlt.

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