Zwischen Interessant und Merkwürdig
Die innere OrdnungVera ist im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre alleinerziehend und muss sich und ihren Sohn mit zwei Jobs über Wasser halten. Der Mann ist im Krieg geblieben. Da lernt sie den Verwaltungsbeamten Eberhard ...
Vera ist im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre alleinerziehend und muss sich und ihren Sohn mit zwei Jobs über Wasser halten. Der Mann ist im Krieg geblieben. Da lernt sie den Verwaltungsbeamten Eberhard kennen. Ihn umgibt eine gewisse Anziehungskraft, aber auch eine Ahnung von einer dunklen Vergangenheit während des Kriegseinsatzes unter den Nazis. Auch sein Interesse an Vera ist gleich geweckt. Die Heirat erfolgt schnell, genauso der soziale Aufstieg, der den Luxus von Eigenheim, Auto, Gymnasium und Studium für den Sohn, Urlaub in Italien usw. mit sich bringt. Aber über allem schwebt die Angst vor der Enthüllung eines dunklen Geheimnisses aus der Vergangenheit. Nicht nur öffentlich, sondern auch für sich selbst fürchtet Vera die Aufdeckung von etwas, das sie ahnt, aber nicht recht greifen kann. Und zugleich ist da das Gefühl einer Art Mitschuld, weil sie selbst in Akzeptanz dieser dunklen Vergangenheit nun ein besseres Leben führt. So will sie lieber nicht wissen, die Augen geschlossen und an ihrem gut situierten Leben festhalten.
Damit beschreibt der Autor des Romans „Die innere Ordnung“ durchaus treffend die Situation in vielen Familien, die die Schuld der Vergangenheit verdrängen zugunsten des guten Leben im Jetzt und Hier. Er offenbart dem Leser die Gefühlslage der Protagonistin durchaus nachvollziehbar, wenn auch bisweilen etwas befremdlich. Das Interessante an der Machart des Romans ist die Perspektive, die ausschließlich die Sicht- und Fühlweise Veras bietet. So bleibt Eberhard für den Leser genauso undurchsichtig und sein Bild so verschwommen wie auf dem Cover. Sein Geheimnis bleibt bestehen. Aber da auch Vera nicht alle Gefühle zulässt, bleibt auch von ihr nur ein rudimentäres Bild, ein bisschen wie ein Klischée: eine pragmatisch zupackende Frau, die aus den Trümmern eine neue Existenz erstehen lässt und dafür bereit ist, über bestimmte Dinge hinwegzusehen. Dabei geht es nicht um Selbstverwirklichung und Lebensglück, sondern rein um eine gesellschaftlich gesicherte Existenz. Ich glaube, für Leser ist das aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Wenn man die Mentalität der 50er und 60er Jahre nicht kennt, wird man mit dem Lesen so seine Schwierigkeiten haben, dann bleibt alles recht farb- und fühl- und gesichtslos. Und es ist auch schwer auszuhalten, dass das Geheimnis nicht gelüftet wird, damit bleibt am Ende irgendwie ein leerer Nachhall.