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Veröffentlicht am 04.05.2025

Zwischen Interessant und Merkwürdig

Die innere Ordnung
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Vera ist im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre alleinerziehend und muss sich und ihren Sohn mit zwei Jobs über Wasser halten. Der Mann ist im Krieg geblieben. Da lernt sie den Verwaltungsbeamten Eberhard ...

Vera ist im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre alleinerziehend und muss sich und ihren Sohn mit zwei Jobs über Wasser halten. Der Mann ist im Krieg geblieben. Da lernt sie den Verwaltungsbeamten Eberhard kennen. Ihn umgibt eine gewisse Anziehungskraft, aber auch eine Ahnung von einer dunklen Vergangenheit während des Kriegseinsatzes unter den Nazis. Auch sein Interesse an Vera ist gleich geweckt. Die Heirat erfolgt schnell, genauso der soziale Aufstieg, der den Luxus von Eigenheim, Auto, Gymnasium und Studium für den Sohn, Urlaub in Italien usw. mit sich bringt. Aber über allem schwebt die Angst vor der Enthüllung eines dunklen Geheimnisses aus der Vergangenheit. Nicht nur öffentlich, sondern auch für sich selbst fürchtet Vera die Aufdeckung von etwas, das sie ahnt, aber nicht recht greifen kann. Und zugleich ist da das Gefühl einer Art Mitschuld, weil sie selbst in Akzeptanz dieser dunklen Vergangenheit nun ein besseres Leben führt. So will sie lieber nicht wissen, die Augen geschlossen und an ihrem gut situierten Leben festhalten.
Damit beschreibt der Autor des Romans „Die innere Ordnung“ durchaus treffend die Situation in vielen Familien, die die Schuld der Vergangenheit verdrängen zugunsten des guten Leben im Jetzt und Hier. Er offenbart dem Leser die Gefühlslage der Protagonistin durchaus nachvollziehbar, wenn auch bisweilen etwas befremdlich. Das Interessante an der Machart des Romans ist die Perspektive, die ausschließlich die Sicht- und Fühlweise Veras bietet. So bleibt Eberhard für den Leser genauso undurchsichtig und sein Bild so verschwommen wie auf dem Cover. Sein Geheimnis bleibt bestehen. Aber da auch Vera nicht alle Gefühle zulässt, bleibt auch von ihr nur ein rudimentäres Bild, ein bisschen wie ein Klischée: eine pragmatisch zupackende Frau, die aus den Trümmern eine neue Existenz erstehen lässt und dafür bereit ist, über bestimmte Dinge hinwegzusehen. Dabei geht es nicht um Selbstverwirklichung und Lebensglück, sondern rein um eine gesellschaftlich gesicherte Existenz. Ich glaube, für Leser ist das aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Wenn man die Mentalität der 50er und 60er Jahre nicht kennt, wird man mit dem Lesen so seine Schwierigkeiten haben, dann bleibt alles recht farb- und fühl- und gesichtslos. Und es ist auch schwer auszuhalten, dass das Geheimnis nicht gelüftet wird, damit bleibt am Ende irgendwie ein leerer Nachhall.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Ein Zimmer für sich allein - teuer erkauft

Ein Raum zum Schreiben
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Die norwegische Autorin Kristin Valla stellt nach 10 Jahren Familienleben fest, dass sie sich eigentlich nicht mehr wie eine Schriftstellerin fühlt, da sie seitdem kein Buch mehr veröffentlicht hat. Grund ...

Die norwegische Autorin Kristin Valla stellt nach 10 Jahren Familienleben fest, dass sie sich eigentlich nicht mehr wie eine Schriftstellerin fühlt, da sie seitdem kein Buch mehr veröffentlicht hat. Grund dafür scheint auch zu sein, dass sie in ihrem Familienheim keinen Rückzugsort für sich zum Schreiben findet. Gelegentliche Ausweichmanöver in Ferienhäuser oder Hotels bringen ihr nicht den benötigten Freiraum für ihr Schaffen. Also beschließt sie, sich ein Haus zu kaufen. Ausgerechnet in einem abgelegenen Dorf in Frankreich. Ziemlich weit weg. Und ausgerechnet ein ziemlich heruntergekommenes Exemplar. Ziemlich problematisch, da viele Reparaturen anstehen und Schwierigkeiten zu überwinden sind. Während ihres langen Leidensweges zu einem Zimmer – oder eher einem Haus – für sich allein sinniert die Autorin über weibliche Abhängigkeiten und Freiheiten, über das Schreiben und das Einrichten von Häusern. Dabei lässt sie auch immer wieder den Blick schweifen auf das Leben berühmter Schriftstellerinnen vor ihr, in deren Tradition sie sich sieht, wie Toni Morrison, Daphne du Maurier oder Agatha Christie, aber auch eher unbekannteren Autorinnen aus dem Skandinavischen Raum. Mit ihnen teilt sie das Verlangen nach einem Rückzugsort und die Begeisterung für das Neubeleben alter Häuser, mit Hilfe dessen sie auch ihr eigenen Leben neu zu sehen beginnt.
Das Buch ist insgesamt sehr interessant. Die Leute, die Valla während ihrer Aufenthalte in Frankreich kennenlernt, aber keine schriftstellerischen Ambitionen haben, weisen dennoch interessante Lebensläufe auf, die zumindest etwas mit Häusern zu tun haben. Besonders fesselnd jedoch sind für mich die Einblicke in das Leben der verschiedenen Schriftstellerinnen, die auf der einen Seite sehr unterschiedliche Existenzen führten, unter anderem auch durch ihre soziale Herkunft. Diese eint aber die Berufung zum Schreiben und der Faible für Häuser, wie ich es einmal bezeichnen möchte, da es bei allen nicht nur um einen Raum geht, in dem man ungestört arbeiten kann, sondern auch um die Ausgestaltung dieser Häuser. So bleibt es meist auch nicht bei einem Haus, wie im Fall Agatha Christies, die gleich acht davon ihr eigen nennt. Da gibt es völlige Ruinen, die in langjähriger Arbeit von Grund auf zu erneuern sind, oder ungewöhnliche Orte, wie eingemauert Zellen oder Türme, in die man sich zurückziehen kann. Da gibt es existentielle Nöte, weil eigentlich das Geld nicht reicht für das eigene Zuhause oder weil sich Bauvorhaben als komplexer erweisen, als gedacht. Aber immer vermitteln diese Lebensentwürfe den Willen, sich die Freiheit zu verschaffen, dem eigenen Lebensentwurf – und wenn nur temporär – folgen zu können. Wir lesen von ungemein willensstarken Frauen mit unkonventionellen Lebensverläufen, die ungemein inspirierend sind.
Dagegen wirkt die Geschichte der Autorin selbst auf mich bisweilen ein wenig ermüdend weinerlich und überreflektiert um sich selber kreisend. Sie kauft ein Haus, um darin zu schreiben, um dann doch nicht darin zu schreiben, sondern es mit allen möglichen Türklinken, Wasserhähnen, blauen Badewannen usw. auszustatten, um dann, davon inspiriert, letztlich wieder zu Hause zu schreiben. Die Familie, der Mann und die beiden Söhne, müssen sich mit dem Selbstverwirklichungstrip der Frau bzw. Mutter irgendwie arrangieren. Das wirkt alles sehr mühsam, angestrengt und teuer erkauft.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Erwartungshaltungen

Was hast du nur getan?
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Cassidy und ihre Clique versuchen gerade ihre Image zu ändern, von den Badgirls zur Ordnungstruppe ihrer Schule. Da liegt auf einmal eine Leiche auf dem Schulhof. Ein Junge aus bestem Haus. Selbstmord? ...

Cassidy und ihre Clique versuchen gerade ihre Image zu ändern, von den Badgirls zur Ordnungstruppe ihrer Schule. Da liegt auf einmal eine Leiche auf dem Schulhof. Ein Junge aus bestem Haus. Selbstmord? Oder hat es etwas mit Drogen zu tun? Oder hatte jemand eine Rechnung mit ihm offen? Etwa Cassidys beste Freundin, die, wie es scheint, eine engere Beziehung zu dem Opfer pflegte, als sie selbst Cassidy nicht anvertraut hat? Immer mehr Indizien weisen darauf hin. Blöd, dass Cassidy und ihre Clique eh schon im Visier der Polizei sind. Wie kann Cassidy ihre Freundin schützen? Und sich selbst?
Alexandra Kui hat ein spannendes Jugendbuch geschrieben, indem es um mehr geht als um die Aufklärung eines Todesfalles. Mit viel Feingefühl beschreibt sie die verschiedenen Milieus an einer Schule, die alle so ihre Probleme haben, gerade, wenn es darum geht, herauszufinden, wer man ist und wohin man will. Und das alles noch unter den verschiedenen Vorzeichen gesellschaftlicher Herkunft. Dabei ist nur der scheinbar begünstigt, der mit dem goldenen Löffel im Mund aufwächst, denn auch die Kinder aus diesen Familien kämpfen mit Leistungs- und Erwartungsdruck, sehen sich einengenden Rollenbildern ausgesetzt. Ihr Selbstbewusstsein ist häufig auch nur ein Schein, getragen von schicken Klamotten und Statussymbolen. Aber auch Cassidys Welt ist nicht einfach. Sozial schwaches Milieu, alleinerziehende, überforderte, arbeitslose Mutter. Eine kleine Schwester, die eine Aufpasserin braucht. Dafür hat Cassidy sich das Image eines harten Mädchens auferlegt, das cool ist, keine Gefühle zeigt und ihren Weg auch mit der Faust durchzusetzen bereit ist. Obwohl sie – einmal in den Radar der Polizei geraten – ernsthaft bemüht ist, ihren Weg mit anderen Mitteln zu finden. Nur das ist gar nicht so leicht, wenn es darum geht, einen Mord aufzuklären, der eventuell auf das Konto von Drogendealern geht, und wenn man dabei mit seiner eigenen unrühmlichen Vergangenheit konfrontiert wird. Gerade die Figur der Cassidy bietet in ihrer Vielschichtigkeit und Sensibilität eine gute Projektionsfläche für Themen wie Freundschaft und Verantwortung sowie Ablehnung einer Opferrolle. Bei all den ernsten Tönen kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. So kann Kui gut mit Klischees spielen und sie ironisieren, auch wenn ihr manche Figuren wie der Polizist und Endgegner von Cassidy ein wenig zu schwarz-weiß geraten. Auch die Ermittlerrolle, die sie ein wenig zum unfreiwilligen Hilfssheriff der Schuldirektorin macht und im Rahmen derer sie harte Prügel à la Schimansky einzustecken hat, will nicht so recht zu Cassidy passen. Aber ansonsten ein spannender, witziger, aber auch ernsthafter Jugendroman, der sich gut lesen lässt.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Hilfe zur Selbstshilfe

People Pleaser
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Der Jugendroman geht ein ernstes Thema mit Witz an und bringt nicht nur jugendliche Leser ordentlich ins Grübeln.
Nina ist immer für alle da, für ihre Mutter, ihren jüngeren Bruder, ihre Freund:Innen ...


Der Jugendroman geht ein ernstes Thema mit Witz an und bringt nicht nur jugendliche Leser ordentlich ins Grübeln.
Nina ist immer für alle da, für ihre Mutter, ihren jüngeren Bruder, ihre Freund:Innen und die Boyfriends ihres Freundin Teo. Denn nur so geht es Nina gut, nur so hat ihr Leben einen Sinn. Oder etwa nicht? Denn eigentlich steckt ihre Freundschaft mit Teo, die in letzter Zeit eine selbstzerstörerische Ader in sich entdeckt hat, schon in der Krise, bevor der Badboy Aleks auftaucht und Teos Ehrgeiz in puncto Selbstzerstörung noch mehr entfacht. Da muss Nina doch eingreifen und helfen. Und wenn sie Teo selbst nicht helfen kann, muss sie Badboy Aleks umerziehen, damit er Teo nicht noch mehr Schaden zufügt. Ein ehrgeiziges Projekt, bei dem Nina gänzlich übersieht, dass es in ihrem Leben auch noch andere Personen gibt, denen ihr Interesse gelten sollte, nur nicht unbedingt im helfenden Sinne, und dass sie mit ihrem Hilfsprojekt mehr als eine Grenze überschreitet.
Anna Dimitrova hat vor dem Hintergrund eigener Erfahrung einen packenden Roman geschrieben, der mit viel Witz und Humor, aber auch mit Tiefgang und psychologischem Feingefühl das Thema people pleasing aufnimmt. Sie zeig auf, welche Motive zu dieser Art selbstverneinendem Helfersyndrom führen und welche Auswirkungen das nicht nur auf das Leben des pleasers haben kann. Einmal in die Hand genommen, mag man Ninas Geschichte nicht mehr weglegen. Sie wächst einem sehr ans Herz. Man leidet mit ihr, versteht manchmal mit ihr die Welt nicht mehr, sieht aber auch sehr deutlich, wo ihre Probleme liegen, und würde ihr nur zu gerne helfen. Aber am effektivsten ist es, den anderen dem Raum zu geben, sich selbst zu helfen. Über viele Dinge muss man während des Lesens nachdenken. Auch wenn man selbst vielleicht nicht die Therapie für die beste Freundin machen würde und wenn der Badboy in der Realität nicht wirklich so viele tiefgreifenden Probleme mit sich trägt, sondern wirklich nur ein blöder Arsch ist, so kommt man doch ins Grübeln, welche Wirkung ständige Hilfsbereitschaft auch auf die nahestehenden Personen hat. Dass sie nicht nur aus reiner Selbstlosigkeit entsteht, dass sie die anderen entmündigt oder ihnen die Möglichkeit nimmt, auch umgekehrt für den anderen da zu sein, und sie somit dazu bringt, sich als minderwertiger oder schlechter zu fühlen, sind nur einige der erhellenden Erkenntnisse aus der Lektüre.
Auch wenn das Ende dann doch wieder ein wenig zu glatt und zu viel Happy End ist, ist Ninas Story auf jeden Fall spannend zu lesen und führt auch jüngere Leser sensibel an ein wichtiges Thema, das des Selbstwertes, mit großem Unterhaltungsfaktor heran.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Schöner Schein

Bis die Sonne scheint
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Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche ...


Sympathisch ist der Erzähler in Schünemanns Roman „Bis die Sonne scheint“, der so unbeholfen wirkt und so anders als der Rest dieser Familie, die eine komische Mischung von Optimismus, Komik und gefährliche Verdrängungsmechanismen ausmacht. Diese haben die Eltern, Vater Architekt, Mutter gelernte Buchhalterin, zwischenzeitlich Wolllädcheninhaberin und bisweilen helfende Hand im Büro ihres Mannes, an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Doch das versuchen sie geschickt zu vertuschen, vor den Leuten im Dorf, vor den Kindern und vor der Großmutter. „Bis die Sonne scheint“ ist so etwas wie ihr Lebensmotto: Sie suchen so lange nach ihrem Lebenszuschnitt, bis ihnen die Sonne scheint. Allerdings machen ihnen Wolken immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ein Konzept funktioniert, verspricht Erfolg. Doch dieser ist nicht von Dauer. Und schon muss man sich wieder auf die Suche nach der Sonne machen. Dies Prinzip setzt sich schon länger in beiden Familien fort. In Exkursen werden im Rückblick die Familiengeschichten beider Elternteile erzählt, beginnend mit dem Ende des Krieges 1945, der von allen eine Neuordnung des Lebens fordert. Immer wieder müssen Lebensmodelle über den Haufen geworfen werden, muss nach einem Scheitern ein Neuanfang gewagt werden. Höhen und Tiefen wechseln sich ab. Aber irgendwie gilt immer nur das Weitermachen, so kräftezehrend es auch ist, um ein klein wenig Lebensglück zu finden. Wem das nur schwer zu gelingen scheint, ist der junge Erzähler. Sein Glück fällt dem misslungene Lebenskonzept der Eltern zum Opfer: der Frankreichaustausch, den er ersehnt, kann nicht bezahlt werden, die Konfirmation schrumpft auf eine Minifamilienfeier und das Elternhaus gerät unter den Hammer. Zukunft ungewiss. Einziger Lichtblick ist Zoe. Ihre Eltern stammen aus dem Osten, aber sie haben im Westen Fuß gefasst. Geld spielt keine Rolle. Dafür bröckelt hier die Ehe der Eltern, die Mutter verfällt in eine Depression, der Vater hat eine neue. Auch keine Idylle.
Der Roman kann den Leser schon packen. Die Schicksale der Familien sind zum einen ergreifend, zum anderen nicht ohne Komik. Besonderes Highlight für die Zeitgenossen sind die vielen Reminiszenzen an die Zeitgeschichte. Auf jeden Fall ein spannendes Porträt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nur die vielen Sprünge in der Handlung in verschiedene Stränge der Vergangenheit und die bisweilen verwirrenden Beziehungsgeflechte in den Familien bringen beim Lesen schon einmal durcheinander: wer war das gleich noch mal?

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