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Veröffentlicht am 13.06.2025

Super spannender Einblick mit recht distanzierten Protagonistinnen

Hello Baby
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Großer Kritikpunkt vorab, der meine Bewertung um 0,5 Sterne schmälert: Ein mithilfe von KI erstelltes Cover halte ich für einen immensen Fehler. Kunst ist kein Feld, in dem diese Unterstützung irgendwie ...

Großer Kritikpunkt vorab, der meine Bewertung um 0,5 Sterne schmälert: Ein mithilfe von KI erstelltes Cover halte ich für einen immensen Fehler. Kunst ist kein Feld, in dem diese Unterstützung irgendwie gerechtfertigt wäre und ich finde es ganz besonders für ein feministisches Buch völlig fehlplatziert.

Inhaltlich hat mir „Hello Baby“, was gleichzeitig der Chatgruppen-Name der Protagonistinnen ist, durchaus gut gefallen. Ich mochte die vielschichtige Betrachtung von Kinderwunschbehandlungen, der Roman ist ein richtiger Deep Dive in die Fachtermini und Etappen ebendieser. Lobenswert fand ich auch die Diversität der behandelten Frauen. Alle sind Ü35, aber ihre Lebensstile recht verschieden. Manche Frau möchte als Single ein Kind bekommen, andere innerhalb einer festen Beziehung und andere irgendwie auch aus einer gesellschaftlichen Verpflichtung heraus.

Trotz der unterschiedlichen Lebensrealitäten treffen sich alle Patientinnen bei ähnlichen Herausforderungen. Nicht nur durch die Behandlung und deren ausbleibenden Erfolgs selbst, sondern auch aufgrund externer Faktoren. In den Fokus gerät immer wieder die kompetitive Berufswelt, in der Schwangere und Mütter oder eben einfach Frauen, die sich beides wünschen, keinen Platz bekommen und sich zu eisernem Weiterarbeiten gezwungen sehen. Als Außenstehende würde ich die Situation in Deutschland zwar als ein klein wenig entspannter einschätzen, aber die grundlegende Erwartungshaltung an sowie das mangelnde Verständnis für Menschen mit Uterus sind natürlich gleich. Daher halte ich die Geschichte auch für ein wichtiges Werk.

Emotional habe ich aber nicht so recht einen Zugang gefunden. Die Protagonistinnen erschienen mir alle eher distanziert und nüchtern, obwohl sie untereinander durchaus über ihre Herausforderungen sprechen. Doch selbst in den inneren Monologen blieben die Sorgen oft organisatorischer Natur, die mich nicht so erreichen konnte. Auch war der Zusammenhalt zwischen den Frauen zwar da, aber nicht in einer Form, die mich jetzt emotional sehr aufgefangen hätte. Die gegenseitige Fürsorge blieb meiner Meinung nach eher oberflächlich.
Da ich sehr wenig Kontakt mit koreanischen Namen habe, fand ich das Auseinanderhalten der Figuren auch herausfordernd, aber das kreide ich natürlich nicht dem Buch an, zeigt es doch einfach nur meine sehr westlich geprägte Lesegewohnheit.

Das Ende ist schon früh recht vorhersehbar, aber das fand ich persönlich nicht schlimm. Es geht ja viel mehr um die grundlegende Thematik und der räumt dieser gut lesbare Roman in jedem Fall viel Raum ein. Eine Leseempfehlung für Interessierte des Themas, die keinen starken Figurenfokus suchen und von Themen rund um (unerfüllten) Kinderwunsch sowie Fehlgeburten nicht getriggert werden, denn die werden natürlich wiederholt angesprochen.

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Ein rauschhafter und phasenweise anstrengender Deep Dive in die Gefühlswelt eines Teenagers

Sunburn
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Wobei ich mir sicher bin: Das Cover ist in seiner 90er-Optik gnadenlos gut gewählt!
Wobei ich mir unsicher bin: Welche Bewertung für dieses Buch die passende ist. Das erste Drittel des Romans fand ich ...

Wobei ich mir sicher bin: Das Cover ist in seiner 90er-Optik gnadenlos gut gewählt!
Wobei ich mir unsicher bin: Welche Bewertung für dieses Buch die passende ist. Das erste Drittel des Romans fand ich wirklich extrem anstrengend. Das liegt zum einen an der mir nicht sonderlich sympathischen oder nahbaren Protagonistin und zum anderen an der Erzählweise. Wir sitzen nämlich ausschließlich und enorm intensiv in Lucys Kopf und Teenie-Köpfe sind nicht unbedingt mein Lieblingsort. 🙈

In der Handlung passiert relativ wenig Interaktion mit anderen, vielmehr begleiten wir Lucy bei der Entwicklung ihres Verlangens sowie der inneren Auseinandersetzung mit Konventionen in ihrem katholisch geprägten irischen Heimatdorf. Die Erwartungen einer sehr konservativen Familie an das Mädchen sind nicht weniger als erdrückend und ich war mehr als einmal wütend.
Und irgendwas ist etwa auf der Hälfte passiert, dass ich das Buch, obwohl ich die Erzählweise noch immer ziemlich langatmig fand und mich immer wieder dabei erwischt habe, wie ich einige Sätze übersprang, irgendwie auch doch nicht mehr so richtig aus der Hand legen wollte.

Die Situation in den 90er-Jahren in Irland scheint wirklich noch etwas rückschrittlicher zu sein im Vergleich zu dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Die 90er waren natürlich noch nicht die progressivste aller Zeiten, aber ich habe schon gemerkt, dass ich diese Zeit hier als nicht so extrem kleinfamiliär und begrenzt erinnere. Ich finde es aber grundsätzlich gut wie die Autorin auch subtil Kritiken an der üblichen Vorstellung von Familie übt, natürlich an Queerfeindlichkeit und auch an der Tatsache, dass Mädchen oder Frauen, die Zärtlichkeiten austauschen, oft nicht einmal als potenzielles Liebespaar gelesen werden. Darin kann ein Vorteil liegen, aber natürlich ist es auch queerfeindlich begründet.

Auch was die Authentizität der Sprache angeht, bin ich hin- und hergerissen. Auf der einen Seite finde ich sie wirklich sehr authentisch. Das Übertriebene, die Obsession mit der ersten Liebe, das schonungslose Beschreiben von fettigen Haare, Schweißgeruch und Speichelfäden bei der Angebeteten – alles schon irgendwie sehr, sehr Teenie. 😅 Und nebenbei eine erfrischende Abkehr vom Male Gaze, dank welchem Frauenfiguren eigentlich immer nach Pfirsich duften. 🫠

Nichtsdestotrotz hab ich wiederholt gedacht, dass ich die Poesie und die Verwendung mancher Worte irgendwie nicht so richtig in die 1990er-Jahre packen würde, sondern eher in eine Zeit 1-2 Jahrhunderte früher. Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, fand ich es insgesamt aber okay und glaube, dass genau dieses schonungslose Eintauchen in Lucy Gedanken den Reiz des Buchs ausmacht. Wahrscheinlich cringen wir an einigen Stellen oder finden die Schilderungen eklig, aber auf jeden Fall werden eigene Emotionen bei den Lesenden ausgelöst.

Nichtsdestotrotz würde ich sehr klar sagen, dass mensch für das Buch bereit sein muss. Es sollte euch vorher klar sein, dass wir hier ganz, ganz tief in die Gedanken einer jungen Person eintauchen und es relativ wenig Beziehungsarbeit oder Dialoge mit anderen gibt. Ich konnte Lucy darüber hinaus auch wirklich sehr oft nicht besonders gut nachvollziehen, manchmal fand ich sie richtig unsympathisch, weil sie andere Menschen für ihr Wohlergehen benutzt. Auch habe ich die Chemie zwischen Lucy und Susannah ehrlicherweise nicht so wirklich gefühlt, aber das ist natürlich immer etwas sehr Subjektives.

Das Buch ist irgendwie ein Rausch, der hätte deutlich kürzer sein können. Trotz meiner klaren Kritikpunkte habe ich aus irgendeinem Grund die zweite Hälfte überraschend flüssig lesen können. Trotzdem wurden meine Erwartungen an eine Geschichte rund um Queer Awakening mit all seinen Herausforderungen sowie queere Beziehungen generell schon enttäuscht. Natürlich ist es das Kernelement des Romans, aber die ausschweifenden Gedanken Lucys haben mich selbst auch immer wieder abschweifen lassen. Es ist für mich entsprechend kein Lieblingsbuch, aber durchaus ein solides Debüt und ich denke mit den richtigen Erwartungen kann es für viele eine gute Lektüre sein.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Ein etwas plätscherndes Werk mit umarmenden und mutmachenden Impulsen

Trost
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Ich bin mit meiner Rezension dieses Buches sehr hin- und hergerissen. Die Autorin war mir persönlich sehr sympathisch und ich habe einen riesengroßen Respekt davor, sich so offen und verletzlich zu zeigen. ...

Ich bin mit meiner Rezension dieses Buches sehr hin- und hergerissen. Die Autorin war mir persönlich sehr sympathisch und ich habe einen riesengroßen Respekt davor, sich so offen und verletzlich zu zeigen. Durch die immer wiederkehrenden Schilderungen ihrer eigenen Geschichte, die über die Krankheitsgeschichte hinausgeht, bleibt das Sachbuch emotional greifbar.

Außerdem bietet das Buch wirklich eine unglaubliche Sammlung an Impulsen und Ideen rund um ein Thema, dass uns alle in irgendeiner Form wohl schon betroffen hat und auf jeden Fall noch treffen wird: Trost. Ob tröstende oder getröstete Person - für beide Seiten sind hier unzählige Elemente dabei. Ich fand die Impulse rund um Aktivismus, aktives Zuhören beim Trösten und die tröstende Wirkung unserer tierischen Mitbewohner*innen (wobei ich hier auch tierrechtliche Kritik habe) am hilfreichsten. Weniger ansprechend war für mich wiederum alles rund um Spiritualität und Religion, aber das kann für andere natürlich einen sehr tröstenden Effekt haben.

Was mir das Lesen trotz der Tatsache, dass ich gerade wirklich Einiges an Trost gebrauchen könnte, schwer gemacht hat, ist die fehlende Struktur. Ich mochte die eher assoziativen Überschriften nicht so gerne und die Kapitel dazu sind auch relativ lang, während Hofmann viele verschiedene Themen behandeln. Dadurch entstand für mich nicht der Eindruck, dass es hier pro Kapitel zum Beispiel relativ klar um einen bestimmten Bereich geht. Das hätte mir beim Lesen aber auf jeden Fall geholfen, ggf. auch kürzere Kapitel. Innerhalb dieser springt die Autoren nämlich relativ oft zwischen verschiedenen Trostmöglichkeiten, den Gedanken öffentlicher Person sowie den eigenen Erfahrungen hin und her. An sich mag ich das Durchbrechen etwas trockener Theorie durch greifbare persönliche Erfahrungen und praktische Beispiele sehr gern. Hier hätte ich mir aber eine klarere Abgrenzung gewünscht, da ich zwischendrin immer wieder ein bisschen verloren war.

Das letzte Kapitel war wiederum ein wirklich sehr gut gewählter Abschluss für mich, die Kapitelbezeichnung traf es mit „Hoffen“ sehr gut. Die Sammlung von Möglichkeiten, die Hoffnung angesichts multipler Krisen nicht zu verlieren, eine tröstende Bezugsperson sowie sanft mit sich selbst zu sein, hat mir außerordentlich gut gefallen.

Die strukturelle Kritik oben reduziert zwar meine Bewertung, ich möchte aber trotzdem sagen, dass das natürlich eine sehr individuelle Präferenz meinerseits ist. Ich weiß an dem Buch sehr zu schätzen, dass es, und da bin ich mir sicher, für alle Menschen hilfreiche Gedanken bieten kann. Während mir manche Elemente eher egal waren, haben mich andere richtig aufgefangen und emotional sehr ergriffen. Diese werde ich also auch mitnehmen und noch in Zukunft über sie nachdenken, insgesamt ist es für mich aber nicht unbedingt ein Buch, das mich in Gänze nachhaltig beschäftigen wird.

Ich habe zu diesem Thema keine gute Vergleichsmöglichkeit, daher möchte ich das Buch trotzdem auch empfehlen - vor allem für Menschen, die sich gerne mit der schreibenden Person mitbewegen und nicht so sehr von einer Struktur abhängig sind. Die Schreibart ist weder zu trocken noch emotional zu überfordernd, von daher ist es grundsätzlich auf jeden Fall ein gut lesbares Werk, welches auch nicht zu lang ist und trotzdem tiefgründig.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Verständlicher Gedankenanstoß rund um einen gesellschaftlichen Wandel

Identitätskrise
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Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden ...

Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden Fall auch. Und doch tue ich mich etwas schwer mit meiner Rezension, weil ich den Punkt des Buches nicht so richtig greifen kann - aber vielleicht geht es genau darum.

Irritiert war ich bereits zu Beginn, als Hasters das 20. Jhd. als das tödlichste der Menschheitsgeschichte mit „Millionen Opfern rassistischer Gewalt“ bezeichnet. Für mich klingt es hier und auch später noch einmal so, als würde sie Antisemitismus in Rassismus eingliedern, was faktisch absolut inkorrekt ist. Antisemitismus liegt ein Glaube an übermächtige Juden_Jüdinnen zugrunde, welchen mensch entgegentreten muss - daher ist Antisemitismus auch so oft Anknüpfungspunkt für Verschwörungserzählungen. Andere Diskriminierungsformen wirken dagegen insofern, dass sie die marginalisierte Gruppe abwerten und deshalb auslöschen wollen. Das Ergebnis ist natürlich das gleiche, aber der Ausgangspunkt verschieden. Damit möchte ich selbstverständlich keins von beiden irgendwie kleiner reden, mir geht es lediglich um die sprachliche Abgrenzung, welcher der Autorin am Ende dann auch doch nachkommt. Somit weiß ich einfach nicht so recht, was ich davon halten soll.

Abgesehen davon findet sich in diesem Buch viel Grundlegendes und manch Persönliches. Die Autorin schreibt zwar verständlich, aber auch etwas sprunghaft. Bis zum Ende hin fiel es mir schwer, ein konkretes Fazit aus dem Buch mitzunehmen außer: Der Westen funktioniert so nicht (mehr). Das war mir vorher schon bewusst und doch fand ich die Herleitung über verschiedene Identitätskrisen und warum es deshalb so schwer ist, bei privilegierten Menschen Verständnis und Veränderung zu erwirken, interessant. „Identitätskrise“ würde ich als eingängiges Einstiegswerk einordnen, in dem Hasters die Fakten mit der nötigen Eindringlichkeit darbietet. Den kürzeren zweiten Teil fand ich in der Idee gut und er hat das Schwere aus dem ersten Teil durch bissige Ironie und verschiedene Erzähltöne angenehm aufgelockert. Einerseits fehlte mir auch hier ein wenig Struktur, andererseits weist die Autorin hier auch völlig berechtigt auf die Notwendigkeit von mehr Ambiguitätstoleranz hin, sodass ich diese Gedankensammlung in ihrer Form passend finde.

Ich empfehle es durchaus für alle, die sich grundlegend über strukturelle Zusammenhänge informieren wollen.


Was ich besonders interessant fand:

Aufschlussreich war für mich, noch einmal das fatale Wechselspiel von Kapitalismus und Demokratie aufgezeigt zu bekommen. Im Gegensatz zu Autokratien soll in einer Demokratie von der Gesellschaft selbst entschieden werden. Grundlage dafür ist natürlich eine entsprechende Freiheit und Identitätsklarheit. Und hier kommt Kapitalismus als „stabilisierende“ Komponente ins Spiel - er soll durch ein breites Angebot die absolute (Wahl-)Freiheit garantieren. Dass das so nicht funktioniert und mittelfristig zu mehr Unfreiheit führt, dürfte mittlerweile hoffentlich vielen Menschen bewusst sein.

„Wohlstand für alle“ mag eine nette Idee sein, die aber nicht mit einem kapitalistischen System (das immer auf Ausbeutung beruht) vereinbar ist und in der Vergangenheit auch noch nie funktioniert hat. Denn Selbstverwirklichung wird immer proklamiert, doch auch hier geht die Rechnung strukturell nicht auf, denn irgendwer muss ja auch die unbeliebten Jobs machen.

Gleichberechtigung bedroht in vielerlei Hinsicht westliche Identitäten - ob Weiße oder cis Männer, ob hetero oder nicht-behindert. Denn wenn tatsächliche Gleichberechtigung geschaffen würde, würden sich die bisherigen Identitäten, die stets in Abgrenzung und konstruierter Überlegenheit zu anderen existieren, in Luft auflösen und das ist mental herausfordernd.

Auch die westliche Selbsterzählung rund um Innovation und Fortschritt wankt, wenn der Fortschritt nicht zum Nutzen echter Menschen passiert (z. B. Arbeitszeitverkürzung durch Maschinenunterstützung). Wie kann sich der Westen diese Erzählung von Freiheit eigentlich noch selbst glauben, wenn Technologien Menschen eher noch unfreier machen und den Weg ebnen für autoritäre Kräfte?

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein interessanter Aufhänger, aber mir zu wenig Tiefgang

Die Summe unserer Teile
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Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht ...

Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht und doch ist „Die Summe unserer Teile“ für mein Empfinden einfach ein wenig zu kurz für sein Vorhaben.

Wir begleiten drei Generationen von Frauen in der Wissenschaft und erfahren nach und nach, vor allem durch Lucy als jüngste Generation, mehr über die Geheimnisse sowie Herausforderungen aller Figuren. Festgefahrene Rollenverteilungen, Sexismus in der Wissenschaft, Weitergabe von Traumata an die eigenen Kinder - wirklich interessante Aspekte, die mir doch leider alle zu kurz kamen. Viel wurde angeschnitten, aber bevor es für mich emotional wirklich greifbar wurde, war die Szene schon wieder vorbei.

Die emotionale Distanziertheit wird durch die Wahl der dritten Person als Erzählperspektive noch einmal verstärkt, weshalb ich sie nicht optimal fand. Die Autorin schreibt auch allgemein eher bildhaft und atmosphärisch, Emotionen werden selten vorgegeben. Damit habe ich auch nicht grundsätzlich ein Problem, gern mache ich mir selbst ein Bild. Hier fehlte es mir für diesen Prozess jedoch oft an weiteren Informationen und Zusammenhang.

Für Daria als Lucys Mutter hatte ich am Ende am meisten Verständnis und auch die Enthüllungen rund um Lyudmilas Vergangenheit haben mich betroffen gemacht. Lucy nimmt jedoch am meisten Raum ein und gerade ihre Parts blieben mir bis zum Schluss größtenteils nicht greifbar. Fast wirkte es auf mich so, als ob sie gar nicht Teil der Handlung wäre, sondern vor allem Informationen beschaffen soll.

Das Ende bleibt offen und auf seine eigene Art unversöhnlich, was ich aber in Ordnung fand. Alles andere hätte ich als zu naiv kritisiert. Und so bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Der Roman hat für mich sein Potenzial nicht ausgeschöpft und war mir in der Charakterentwicklung zu oberflächlich. Hier hätte ich eindeutig noch mehr Seiten gebraucht. Trotzdem thematisiert die Handlung einige wichtige Aspekte, wie z. B. Mental Load, subtil und ohne viel an Interpretation vorzugeben. Ein Buch für Menschen, die nicht so gern dickere Romane lesen, Atmosphäre wichtig finden und sich am liebsten selbst eine Meinung bilden.

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