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Veröffentlicht am 11.05.2025

Wenn alles ins Dunkel fällt

Der Einfluss der Fasane
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Hella Renata Karl, Anfang 50 und Feuilletonchefin einer großen Berliner Tageszeitung, ist geschockt: Kai Hochwerth, der frühere Intendant einer der größten Bühnen in der Hauptstadt, hat sich in Sydney ...

Hella Renata Karl, Anfang 50 und Feuilletonchefin einer großen Berliner Tageszeitung, ist geschockt: Kai Hochwerth, der frühere Intendant einer der größten Bühnen in der Hauptstadt, hat sich in Sydney umgebracht. Hat Hella nicht nur die Schuld am Rausschmiss des 54-Jährigen, sondern ihn auch in den Selbstmord getrieben? Sie hatte über seinen Machtmissbrauch geschrieben. Nun steht die Journalistin am öffentlichen Pranger und erhält Hassnachrichten. Und es droht weiterer Ungemach…

„Der Einfluss der Fasane“ ist ein Roman von Antje Rávik Strubel.

Untergliedert in sieben Kapitel, wird in personaler Perspektive aus der Sicht von Hella erzählt, durchweg chronologisch, aber mit Rückblenden. Die Handlung umfasst nur wenige Wochen und spielt in Berlin, Potsdam und Umland.

Vor allem auf der sprachlichen Ebene hat mich der Roman beeindruckt. Die Autorin vermag es, atmosphärisch, anschaulich und bildstark zu schreiben, mit leichter Feder und ohne viele Worte zu verschwenden. Was mir ebenfalls gefallen hat: Im Text wird immer wieder der Umgang mit Sprache und Formulierungen auf gekonnte Weise reflektiert.

Hella ist eine reizvolle Protagonistin, jedoch keine klassische Sympathieträgerin und eine eher unbequeme Person. Sie ist sehr ehrgeizig, selbstbezogen und äußerst selbstbewusst. Um ihren Weg zu machen, hat sie Verhaltensweisen und Ansichten übernommen, die an ältere Männer erinnern. Ihr Denken und Handeln ist nicht immer leicht zu ertragen, aber in sich schlüssig und nachvollziehbar. Auch die übrigen Charaktere wirken größtenteils ausgefeilt, nur wenige Nebenfiguren sind etwas zu stereotyp geraten.

Auf den rund 230 Seiten wird die Geschichte von einer subtilen Spannung getragen. Wird Hella ihren Hals aus der Schlinge ziehen können? Was hat den Intendanten zu dem drastischen Entschluss getrieben? Erst Stück für Stück werden die Zusammenhänge klarer.

Aus inhaltlicher Sicht hat der Roman viel Interessantes zu bieten. Der Missbrauch von Macht in der Kultur- und insbesondere Theaterszene ist ein wichtiges und lohnenswertes Thema. Es geht dabei um patriarchale Herrschaftsstrukturen, internalisierte Misogynie, antifemistisches Denken und sexistisches Gehabe. Aber auch mediale Hetzjagden, die Dynamik öffentlicher Diskurse und die Auswüchse der Empörungskultur tauchen auf. Zusätzlich wurden die Aspekte von Schuld und Verantwortung sowie die Prägung der Persönlichkeit durch Klasse und Herkunft eingearbeitet. Das macht die Geschichte facettenreich und verleiht ihr Gewicht. Insgesamt bleibt der Roman jedoch zu sehr an der Oberfläche, die Botschaft des Romans wird durch die Themenfülle stark verwässert.

Die Fasan-Symbolik wird nicht nur konsequent im Titel und im hübschen Covermotiv aufgegriffen, sondern zieht sich auch durch den gesamten Text. Deren Bedeutung bleibt mir dennoch ebenfalls zu diffus.

Mein Fazit:
Mit „Der Einfluss der Fasane“ hat Antje Rávik Strubel einen lesenswerten Roman geschrieben, der auf problematische Strukturen verweist. Sprachlich überzeugend, aber inhaltlich leider zu schwammig.

Veröffentlicht am 28.04.2025

Das Leben neu ordnen

Halbinsel
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Auf einer Halbinsel am nordfriesischen Wattenmeer wohnt Bibliothekarin Annett (49) im alten Haus ihrer Großtante. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan lebt sie zurückgezogen. Ihre gemeinsame Tochter ...

Auf einer Halbinsel am nordfriesischen Wattenmeer wohnt Bibliothekarin Annett (49) im alten Haus ihrer Großtante. Nach dem frühen Tod ihres Mannes Johan lebt sie zurückgezogen. Ihre gemeinsame Tochter Linn, Ende 20, hat sie allein großgezogen. Nun engagiert sich die junge Frau in Berlin als Umweltvolontärin in einem Aufforstungsprogramm. Doch sie ist ausgebrannt und kippt während eines Vortrags plötzlich um. Die Mutter holt ihre Tochter daher zu sich. Jetzt müssen beide ihre Beziehung und ihre Leben neu ordnen…

„Halbinsel“ ist ein Roman von Kristine Bilkau, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Annett - in chronologischer Reihenfolge, aber mit einigen Rückblenden. Die Handlung umfasst mehrere Monate. Der Roman verzichtet auf Kapitel und andere Gliederungen. Der Text wird nur von größeren Absätzen unterbrochen.

Der Schreibstil ist unaufgeregt. Die Sprache des Romans ist klar und unprätentiös, dabei dennoch eindrücklich und einfühlsam. Vor allem die Naturbeschreibungen haben mich überzeugt.

Auf den nur rund 220 Seiten schreitet die Geschichte nur langsam voran. Die Handlung bleibt überschaubar. Nichtsdestotrotz entfaltet der Roman eine immer stärkere Sogkraft.

Im Zentrum der Geschichte steht zweifelsohne die Beziehung von Mutter und Tochter sowie der Generationenkonflikt. Sowohl Annett als auch Linn werden mit psychologischer Tiefe dargestellt und als lebensnahe Figuren gezeichnet. Man kommt ihnen sehr nahe, kann sich in sie einfühlen.

In inhaltlicher Hinsicht ist der Roman gehaltvoll und tiefsinnig. Neben der Familie werden weitere Themen wie der Klimawandel elegant eingeflochten.

Das Covermotiv ist hübsch, aber leider etwas einfallslos. Der prägnante Titel passt jedoch gut und gefällt mir.

Mein Fazit:
Mit „Halbinsel“ ist Kristine Bilkau ein vielschichtiger, bewegender Roman gelungen. Empfehlenswert!

Veröffentlicht am 27.04.2025

Als Ruthie verschwand

Beeren pflücken
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Juli 1962 im US-Bundesstaat Maine: Eine Mi’kmaq-Familie aus Nova Scotia (Kanada) reist an, um bei der Blaubeerernte im Sommer zu helfen. Mehrere Wochen später ist die vierjährige Ruthie, das jüngste Kind ...

Juli 1962 im US-Bundesstaat Maine: Eine Mi’kmaq-Familie aus Nova Scotia (Kanada) reist an, um bei der Blaubeerernte im Sommer zu helfen. Mehrere Wochen später ist die vierjährige Ruthie, das jüngste Kind der Familie, verschwunden. Ihren Bruder Joe (6), der sie als letzter gesehen hat, trifft dieser Verlust sehr. Ihn verfolgt das mysteriöse Verschwinden jahrelang. Während er um seine kleine Schwester trauert, wächst die junge Norma als Einzelkind bei einer wohlhabenden Familie in Maine auf.

„Beeren pflücken“ ist der Debütroman von Amanda Peters.

Der Roman ist sinnvoll und nachvollziehbar strukturiert: Auf einen Prolog folgen 17 Kapitel. Erzählt wird im Wechsel in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Joe und der von Norma. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte.

Die Sprache des Romans ist unauffällig. Der Schreibstil ist geprägt von vielen Dialogen und anschaulichen Beschreibungen.

Im Vordergrund stehen Joe und Norma, zwei durchaus interessante Charaktere. Sie verfügen über ausreichend psychologische Tiefe.

Thematisch dreht sich die Geschichte überwiegend um Verlust und Trauer, Schuldgefühle, Abstammung und die Bedeutung von Familie. Eine Stärke des Romans liegt darin, dass die Autorin auch die Historie der Mi‘kmaq beleuchtet und damit ihren Vorfahren eine Stimme gibt. So erhalten wir Einblicke in das Leben indigener Wanderarbeiterfamilien.

Die rund 300 Seiten sind weniger spannend als erwartet, aber dennoch unterhaltsam und vor allem berührend.

Für mich erschließt sich nicht, warum der englischsprachige Originaltitel („The Berry Pickers“) in der deutschen Übersetzung verändert wurde. „Die Berrenpflücker“ wäre eine deutlich bessere Variante gewesen. Das deutsche Covermotiv passt meiner Ansicht nach jedoch gut.

Mein Fazit:
Mit „Beeren pflücken“ hat Amanda Peters einen bewegenden und interessanten Roman geschrieben. Ein lesenswertes Debüt!

Veröffentlicht am 23.04.2025

Wer ist die Lieblingstochter?

Mickey und Arlo
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Vorschullehrerin Mickey Morris (33), eigentlich Michelle, trifft der Tod ihres Vaters Adam Kowalski (61) nicht sehr. Ihr alkoholkranker Erzeuger und ihre Mutter haben sich bereits in Mickeys Kindheit getrennt. ...

Vorschullehrerin Mickey Morris (33), eigentlich Michelle, trifft der Tod ihres Vaters Adam Kowalski (61) nicht sehr. Ihr alkoholkranker Erzeuger und ihre Mutter haben sich bereits in Mickeys Kindheit getrennt. Nun soll sein Nachlass unerwartet an sie gehen: 5,5 Millionen Dollar. Doch an das Erbe geknüpft ist die Bedingung, dass Mickey eine Therapie macht. Ausgerechnet ihre Halbschwester Charlotte, genannt Arlo, sitzt ihr dabei als Psychologin gegenüber. Das allerdings wissen die beiden nicht…

„Mickey und Arlo“ ist der Debütroman von Morgan Dick.

Die Struktur des Romans ist einfach, aber funktional: Er besteht aus 32 Kapiteln, die mit einem Epilog enden. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge abwechselnd aus der Sicht von Mickey und der von Arlo.

Die Sprache ist anschaulich, ungekünstelt und angemessen. Der Schreibstil ist geprägt von lebhaften, authentischen Dialogen.

Im Fokus stehen die titelgebenden Protagonistinnen, zwei interessante, durchaus lebensnah dargestellte Charaktere. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich. Einige Nebenfiguren wie Arlos Mutter wirken ein wenig überzeichnet und klischeehaft, was mich jedoch nicht besonders gestört hat.

Vordergründig geht es um eine Familiengeschichte. In thematischer Hinsicht ist der Roman aber noch mehr als das. Psychische Erkrankungen und Traumata sowie Alkoholabhängigkeit sind drei inhaltliche Schwerpunkte. Sie verleihen der Geschichte Tiefe und Facettenreichtum.

Auf den rund 400 Seiten ist die Handlung unterhaltsam, humorvoll und zugleich bewegend. Mehrfach konnte mich der Roman überraschen.

Der deutsche Titel weicht erheblich vom englischsprachigen Original („Favourite Daughter“) ab, passt aber ebenso gut. Besser gefällt mir jedoch das Covermotiv der Originalausgabe.

Mein Fazit:
Mit „Mickey und Arlo“ ist Morgan Dick ein empfehlenswertes Romandebüt gelungen. Eine Geschichte für schöne Lesestunden.

Veröffentlicht am 21.04.2025

Rettet Shelley House!

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Shelley House im beschaulichen Ort Chalcot (Großbritannien) bietet sechs Wohnungen und ist in Gefahr: Das Gebäude soll abgerissen werden, damit an seiner Stelle Luxusappartements entstehen können. Den ...

Shelley House im beschaulichen Ort Chalcot (Großbritannien) bietet sechs Wohnungen und ist in Gefahr: Das Gebäude soll abgerissen werden, damit an seiner Stelle Luxusappartements entstehen können. Den Bewohnerinnen und Bewohnern droht die Zwangsräumung. Mieterin Dorothy Darling (77), die schon ihr halbes Leben dort wohnt und ihre Nachbarn bisher mit Argwohn beobachtet hat, muss sich nun mit den übrigen Mietern verbünden. Allen voran ist da Kat Bennett (25), eine illegale Untermieterin mit pinkfarbenen Haaren, die Dorothy zunächst ein Dorn im Auge ist…

„Ms Darling und ihre Nachbarn“ ist ein Roman von Freya Sampson.

Der Aufbau des Romans ist simpel, aber durchdacht: Er besteht aus 50 kurzen Kapiteln, an den sich der Epilog anschließt. Erzählt wird im Wechsel aus der Sicht von Dorothy und der von Kat - in chronologischer Reihenfolge, aber mit Rückblenden. Die Handlung umspannt etliche Monate und ist vorwiegend, jedoch nicht ausschließlich in Chalcot verortet.

Die Sprache ist unauffällig, aber angemessen. Der dialoglastige Schreibstil ist anschaulich und lebhaft.

Das Personal des Romans ist facettenreich und interessant gestaltet. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen und verschiedener Schicksale macht eine der Stärken der Geschichte aus.

Auf der inhaltlichen Ebene spielen die Themen Freundschaft und Zusammenhalt eine wichtige Rolle. Neben zwischenmenschlichen Aspekten enthält der Roman gesellschaftskritische Elemente, vor allem im Hinblick auf das Problem der Gentrifizierung.

Die mehr als 350 Seiten sind unterhaltsam und kurzweilig. Die Handlung hält mehrere Überraschungen bereit und ist weitestgehend plausibel. Nur an wenigen Stellen ist die Geschichte ein wenig unrealistisch oder zu weichgespült geraten.

Trotz der eher unnatürlichen Farbgebung gefällt mir das Covermotiv, das zum Inhalt prima passt, ganz gut. Der deutsche Titel, der vom englischsprachigen Original („Nosy Neighbours“) abweicht, geht für mich ebenfalls voll in Ordnung.

Mein Fazit:
Nach „Die letzte Bibliothek der Welt“ hat mich Freya Sampson auch mit ihrem neuesten Roman sehr gut unterhalten. „Ms Darling und ihre Nachbarn“ ist eine humorvolle, warmherzige und nicht zu platte Lektüre, die ich gerne weiterempfehlen kann.