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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.04.2025

Witzig und wirklich eine gute Unterhaltung, auch wenn man noch selbst nicht in Rente ist!

Crime im Heim
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Was kommt dabei heraus, wenn eine Horde rüstiger Rentner beschließt, Hamlet aufzuführen, ein Mops auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet und ein pensionierter Zahnarzt zur Obduktionsbesteck-Garnitur ...

Was kommt dabei heraus, wenn eine Horde rüstiger Rentner beschließt, Hamlet aufzuführen, ein Mops auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet und ein pensionierter Zahnarzt zur Obduktionsbesteck-Garnitur greift? Richtig: ein kriminell komisches Abenteuer mit Herz, Hirn – und Hüftgelenkersatz! Ida Tannerts „Crime im Heim“ ist ein Fest für alle, die britischen Humor in deutscher Ausführung lieben, gern mal laut auflachen beim Lesen und keine Angst vor ergrauten Ermittlern haben, die mit Rollator und Restgehirnzellen dem Verbrechen auf die Spur kommen.
Im Zentrum des gepflegten Chaos steht das Seniorenstift »Silberblick«, das mit seinem gut gemeinten Kulturangebot irgendwo zwischen Akkordeonfolter und Bastelhölle angesiedelt ist. Friedhelm, ein abgehalfterter Feuilletonist mit Theaterfaible und galanter Großmanns-Geste, hat genug vom stillen Rentnerdasein. Er will die große Bühne – mit Shakespeare, Pathos und Puderperücke. Unterstützung bekommt er von Katia, Ex-Yogalehrerin, heimliche Herzensdame und baldige Hamlet-Darstellerin in Personalunion mit Miss Marple auf Kamillentee.
Doch bevor der erste Vorhang fällt, fällt der erste Hund: Ophelia, ein Mops mit Bühnenambitionen, segnet auf mysteriöse Weise das Zeitliche. Die Diagnose: Mord durch Projektil – Standesgemäß ermittelt per Zahnspiegel und Aristokraten-Nagelset. Und das ist nur der Anfang. Bald purzeln die Leichen (na gut, es sind nicht so viele), Geheimnisse kommen ans Licht, und die „Grauen Stars“ nehmen die Ermittlungen auf – mit mehr Grips als Gebiss und einer Prise Altersstarrsinn, die Sherlock Holmes vor Neid erblassen ließe.
Tannert (alias Tessa Korber) gelingt hier ein Geniestreich in Sachen Seniorenkrimi: Witzig, schräg, voller Wortakrobatik und mit einem liebevollen Augenzwinkern für all die Marotten, Zipperlein und Eigenheiten des Alters. Zwischen Theaterprobe und Täterjagd wird philosophiert, gezankt, geschmust und geschossen – und das alles mit einer solchen Lebensfreude, dass man das Gefühl hat, im Haus Silberblick steppt der Bär. Oder zumindest der Mops.
Besonders gelungen sind die Dialoge, sie knistern vor Sprachwitz, schräge Bilder und überraschende Bonmots pflastern die Seiten, und selbst die toten Vierbeiner haben mehr Charakter als so mancher Tatort-Kommissar. Die Senioren sind keine Abziehbilder, sondern echte Typen mit Vergangenheit, Ecken und Kanten – und einem gesunden Hang zum Drama, der der Shakespeare’schen Vorlage alle Ehre macht.
Fazit: „Crime im Heim“ ist wie ein spritziger Eierlikör mit Schuss – süffig, warm ums Herz machend und mit einem Nachklapp, der es in sich hat. Wer gern über Mord lacht, Rollatorenrennen spannend findet und Shakespeare in Badeschlappen schätzt, wird dieses Buch lieben. Ein Must-Read für alle Fans von Cosy Crime, gepflegtem Nonsense und der Frage: Was kann im Altersheim schon schiefgehen? Spoiler: Alles. Und das ist großartig so.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Die rauschenden 20er Jahre erlebbar mit Anita Berber

Der ewige Tanz
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Steffen Schroeder gelingt mit Der ewige Tanz eine fesselnde literarische Annäherung an Anita Berber, eine der schillerndsten und zugleich tragischsten Figuren der Weimarer Republik. In einer Mischung aus ...

Steffen Schroeder gelingt mit Der ewige Tanz eine fesselnde literarische Annäherung an Anita Berber, eine der schillerndsten und zugleich tragischsten Figuren der Weimarer Republik. In einer Mischung aus biografischem Roman und fiktionaler Reflexion führt uns Schroeder in das fieberhafte Berlin der 1920er Jahre, eine Epoche zwischen rauschhafter Freiheit und sich abzeichnendem Verfall.
Der Roman setzt im Jahr 1928 an: Anita Berber liegt schwer krank in einem Berliner Krankenhaus und erinnert sich an ihr kurzes, intensives Leben. Wie in einem Fiebertraum verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit, real Erlebtes und Halluzinationen. Schroeder nutzt diesen kunstvollen Perspektivwechsel, um das Leben Berbers nicht nur linear zu erzählen, sondern es vielmehr als einen Tanz aus Erinnerungen, Träumen und schmerzhaften Reflexionen darzustellen.
Berbers Leben war ein permanentes Spiel mit Extremen. Ihre Kunst, vor allem der Ausdruckstanz, war provokant, kühn und voller Hingabe. Doch ihre Karriere war ebenso von Skandalen wie von Sucht und Absturz geprägt. Der Roman zeigt sie als ungezähmte Frau, die sich mit Haut und Haaren der Kunst hingibt, aber auch als verletzliches Individuum, das stets auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist.
Schroeder erweist sich als Meister der atmosphärischen Verdichtung. Seine Sprache ist bildhaft und sinnlich, gleichzeitig von einer melancholischen Nüchternheit durchzogen. Durch kunstvolle Metaphern und rhythmische Satzstrukturen spiegelt er Berbers inneres Chaos und ihre unaufhaltsame Rastlosigkeit wider. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen die Protagonistin im Delirium in ihre Vergangenheit eintaucht – eine Mischung aus Erinnerungsfragmenten, Dialogen mit Geistern der Vergangenheit und introspektiven Monologen.
Darüber hinaus gelingt es Schroeder, das Lebensgefühl der Weimarer Republik lebendig werden zu lassen. Ich hab mich in die dekadenten Salons der Künstlerszene entführt gefühlt, man erlebt Berbers Auftritte, ihre Begegnungen mit Berühmtheiten wie Fritz Lang und Marlene Dietrich. Dabei zeigt der Roman auch die gesellschaftlichen Brüche der Zeit: die Sehnsucht nach Freiheit und Vergessen nach dem Ersten Weltkrieg, die Emanzipation der Frauen, aber auch die Schattenseiten der Exzesse. Eine turbulente Zeit.
Anita Berber wird in Schroeders Darstellung nicht allein als Skandalfigur gezeichnet, sondern als vielschichtige Persönlichkeit, die zwischen Selbstzerstörung und künstlerischer Hingabe schwankt. Ihre Beziehungen zu Männern und Frauen sind von Leidenschaft, aber auch von Enttäuschung geprägt. Besonders bewegend ist die Beziehung zu ihrer Großmutter, die ihr Halt gibt, während ihr Vater, der Geiger Felix Berber, eine abwesende Schattenfigur bleibt.
Schroeder vermeidet es, seine Protagonistin zu verklären. Anita Berber bleibt in vieler Hinsicht ungreifbar, manchmal gar unsympathisch. Doch gerade diese Distanz macht die Lektüre so eindrucksvoll: Man folgt einer Figur, die sich selbst nicht retten kann, die gegen Konventionen kämpft, aber an den gesellschaftlichen und persönlichen Abgründen zerschellt. Fast zum Haare raufen.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ein literarischer Schatz

Wiedersehen in Fonds-des-Nègres
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Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass ...

Was für eine Entdeckung! "Wiedersehen in Fonds-des-Nègres" ist ein literarischer Schatz, den wir Marie Vieux-Chauvet verdanken, einer der großartigsten Stimmen Haitis. Wer ihre Werke kennt, weiß, dass sie mit beeindruckender Scharfsicht gesellschaftliche Missstände aufzeigt, psychologische Tiefe mit poetischer Kraft verbindet und unerschrocken die Konflikte zwischen Klassen, Kulturen und Geschlechtern beleuchtet. Doch dieser frühere Roman, lange Zeit kaum beachtet, bietet uns nun eine weitere Facette ihres Schaffens – und er ist schlichtweg faszinierend! Dank des Manesse Verlages erscheinen all ihre Werke neu ins Deutsche übersetzt peu a peu auch bei uns. Toll aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Lemmens.
Marie-Ange kehrt in das Dorf ihrer Vorfahren zurück, ein Ort voller Armut, mystischer Rituale und tief verwurzelter Traditionen. Ihre anfangs arrogante, von europäischer Bildung geprägte Sicht prallt auf die Realität des haitianischen Landlebens. Und hier entfaltet sich das Drama: ein Ringen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Unterwerfung und Emanzipation. Die Darstellung der Voodoo-Kultur, die hier nicht romantisiert, sondern in all ihren Ambivalenzen gezeigt wird, gibt dem Roman eine geradezu fesselnde Tiefe. Wie die Autorin das Ineinandergreifen von sozialer Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und patriarchalen Strukturen aufzeigt, ist grandios.
Der Roman ist lebendig, bildstark und mit einer Energie geschrieben, die einen nicht loslässt. Die Figuren sind so nuanciert, so voller innerer Konflikte, dass man unweigerlich mit ihnen fühlt.
Was bleibt, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass dieses Buch endlich aus dem Schatten tritt. Dankbarkeit für eine Erzählerin, die uns auf so intensive Weise eine Welt nahebringt, die oft genug aus unserem Blickfeld verschwindet. Wer sich auf dieses Werk einlässt, wird nicht nur eine große Geschichte erleben, sondern auch seine eigene Sichtweise hinterfragen. Ein Muss für alle, die Marie Vieux-Chauvet auch schon gelesen haben und für allen anderen ohnehin: Sie gilt es zu entdecken!

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Super lecker, da macht Pflanzenkost Spaß!

30 Pflanzen pro Woche
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Wer Stress hat mit den eigenen inneren Werten, also dem eigenen Darm, dem kann ich getrost dieses charmante Kochbuch empfehlen aus dem Hause Brandstätter: 30 Pflanzen pro Woche! Es ist eine feine Sammlung ...

Wer Stress hat mit den eigenen inneren Werten, also dem eigenen Darm, dem kann ich getrost dieses charmante Kochbuch empfehlen aus dem Hause Brandstätter: 30 Pflanzen pro Woche! Es ist eine feine Sammlung an Rezepten, die uns anstiften zur Abwechslung wie es zum Auftakt so schön lautet. Bund ist gesund und wer viele verschiedene pflanzliche Lebensmittel frisch in seine Ernährung einbaut, lebt versöhnlicher mit seinem Darm und merkt es auch am Wohlbefinden.
Es sind war allesamt Rezepte, die sich bereits in anderen Brandstätter Kochbüchern finden lassen, aber eben zusammengestellt um eine besonders große Vielfalt für pflanzliche Kost zusammen zu bringen.
Wie ist das Kochbuch aufgebaut? Es entält eine Sektion KALT und eine Sektion WARM sowie SÜSS.
Damit ist schon mal klar, dass es viele tolle Salatrezepte gibt, die wirklich sehr abwechslungsreich sind, sowie auch warme Speiseideen. Die Sektion Süß ist schmaler, aber ja auch das im idealen Anteil zu herzhafter Kost wie es unsere Körper mögen.
Wir waren durch die kalte Wetterlage erst einmal mehr den warmen Speisen zugetan und probierten das ein und andere aus. Die Kids lieben die Rote-Linsen-Bällchen, ich das Tofu Keema und wie sollte es anders sein: Mein Mann mochte das Bananenbrot mit Nüssen!
Abwechslungsreich, schlichte schöne Bilder, gut erklärte übersichtliche Rezepte mit einem Zutatenbanner am äußeren Rand. Gelungen.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Eine Linie, die Maryam nie übertreten wird.

Eine feine Linie
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Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, ...

Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, denn es geht um die jugendliche Maryam. Nicht nur der Name gleicht der Autorin, hier sind scheinbar viele sehr persönliche Elemente.
Die Jugendliche Maryam, lebt in einem Banlieue außerhalb von Paris, in Drancy. Fühlt sich aber weder heimisch noch verloren. Ein Zwischen-den-Stühlen-sitzen und ihre Eltern, auch fremd hier in Frankreich sind keine Hilfe die sozialen Codes zu knacken. Ihr wird der Wunsch eingepflanzt sich um einen Studienplatz an einer der Elite-Universitäten zu bemühen, heißt also erst einmal bewerben um die Vorbereitungsklasse. Und es klappt! Aber wie es schon hinten der Buchrücken verrät: Ein Quotenplatz, da sie aus den Banlieues kommt. Hart, aber wahr.
Die Wut kocht aus mehreren Gründen und sie schwimmt sich frei und findet sich selbst.
Auch wenn der Stoff hart klingt und eine Realität abbildet, die es genauso in Frankreich gibt, sind die etwas mehr als 200 Seiten eine unterhaltsame und gute Lektüre. Sogar witzig ist sie an manchen Stellen! Wirklich gelungen und lesenswert!

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