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Veröffentlicht am 29.05.2025

Familiäre Abgründe

Verlassen
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Ein Geburtstag ist immer eine gute Gelegenheit für ein Familientreffen. Beim Snaeberg Clan kommen da einige Personen und mehrere Generationen zusammen, also mietet man sich exclusiv in einem abgelegen ...

Ein Geburtstag ist immer eine gute Gelegenheit für ein Familientreffen. Beim Snaeberg Clan kommen da einige Personen und mehrere Generationen zusammen, also mietet man sich exclusiv in einem abgelegen Designhotel ein, leisten kann man es sich schließlich. Die Zusammenkunft ist gut organisiert, es gibt gemeinsame Essen, Ausflüge und natürlich die finale Feier und nicht erst hier strömt der Alkohol und schnell wird klar, glücklich ist in dieser Familie eigentlich niemand wirklich.

"Verlassen" ist das 4, Buch aus der Krimi Reihe "Mörderisches Island" der Autorin, Da jedes Buch einen in sich abgeschlossenen Fall schildert, kann man sie unabhängig voneinander lesen. In "Verlassen" dreht sich alles um eine schwerreiche Familie, die sich zu einer Feier zusammenfindet. Oberflächlich betrachtet könnte man von einer glücklichen Familie sprechen, man hat es geschafft, die Firma, einst vom Familienpatriarch gegründet hat sich gut entwickelt und versorgt nun bereits mehrere Generationen. Schaut man allerdings etwas genauer hin, offenbart sich schnell, dass diese Familie einiges an Geheimnissen mit sich herumträgt, an Schuld, an Ängsten und an Selbstzweifeln. Der Erfolg und der damit verbundene Reichtum bringt nicht unbedingt die positiven Seiten einiger Familienmitglieder zum Vorschein, Liebe und Nähe sucht man eher vergeblich.

Schon im Prolog schafft die Autorin eine sehr düstere und bedrohliche Stimmung, die einen während des gesamten Buches nicht los lässt. Die einsame Lage des Hotels, umgeben von schroffen Lavafeldern und das Wetter verstärken diesen Eindruck noch zusätzlich. In Grundzügen wird hier ein Locked Room Szenario aufgebaut, die Familie, zurückgeworfen auf sich selbst, konfrontiert mit den eigenen Gespenstern, als Statisten dazu die wenigen Hotelangestellten, die Polizei und ein geheimnisvoller Stalker.

Die Hauptlast der Geschichte trägt Petra Snaeberg, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern angereist ist, aber auch aus Sicht von Tochter Lea wird erzählt, die gerade frisch verliebt ständig am Handy hängt, gleichzeitig aber auch mit etwas beunruhigenden Nachrichten eines ihrer Follower bei Social Media zu kämpfen hat. Ebenso kommt Tryggvi zu Wort, der Partner von Petras Tante, aus dessen Sicht man gut mitbekommt, wie die nicht blutsverwandten Familienangehörigen behandelt werden und Irma, eine Angestellte des Hotels, die es kaum erwarten kann die berühmten Gäste kennenzulernen. Leider sind die Familienverhältnisse etwas unübersichtlich, mir fiel es stellenweise sehr schwer den Überblick zu behalten wer, wer ist und in welchem Verhältnis man zueinander steht. Bei den jüngeren Familienmitgliedern ging es noch besser, die ältern hingegen empfand ich als schwierig. Zwar gibt es direkt zu Beginn des Buches einen Stammbaum, aber ehrlicherweise habe ich den beim Lesen nicht mehr wirklich genutzt. Die Geschichte wir auf zwei Zeitebenen erzählt, zum einen natürlich die vergangenen Ereignisse rund um das Familientreffen, beginnend mit der Anreise der einzelnen Pärchen und zum Anderen das aktuelle Geschehen rund um die polizeilichen Ermittlungen nach dem Fund einer Leiche, über deren Identität der Leser lange im Unklaren gelassen wird.

Die Autorin schafft es durch den besonderen Storyaufbau die Spannung konstant hoch zu halten. Häppchenweise liefert sie dem Leser Informationen und man glaubt ständig die Geheimnisse der Familie durchschaut zu haben, nur um einige Seiten später mit einer kompletten Kehrtwende der Ereignisse überrascht zu werden. Natürlich hat man eine gewisse Ahnung, aber die Auflösung hat mich dann doch kalt erwischt. Zugegeben, hier setzt die Autorin doch sehr auf Zufälle, aber hey, ich hab schon Verrückteres gelesen. Trotzdem bin ich mit dem Ende nicht ganz konform, mir ist das dann doch etwas zu weichgespült und wenn ich ehrlich bin wird hier auch nur wieder etwas vertuscht und den Familiengeheimnissen ein weiteres hinzugefügt.

Ein wirklich spannend geschriebener Krimi, der stellenweise schöne Mystery-Thriller Elemente hat und bei dem der Leser die ganze Zeit Mitdenken muss.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Klassiker mit interessantem Gedankenspiel

Planet der Affen
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In einer fernen Zukunft, zwei junge Weltraumreisende finden eine Flaschenpost, die durch die Weiten des Alls treibt und in der der Bericht eines Journalisten über eine Reise zu einem weit von der Erde ...

In einer fernen Zukunft, zwei junge Weltraumreisende finden eine Flaschenpost, die durch die Weiten des Alls treibt und in der der Bericht eines Journalisten über eine Reise zu einem weit von der Erde entfernten Stern beschrieben wird. Der Journalist und zwei Wissenschaftler finden einen bewohnbaren Planeten vor, der der Erde sehr ähnelt und auch Zeichen einer Zivilisation aufweist, wie sie der auf Erde entspricht. Um Kontakt aufzunehmen landen die Drei und treffen auch bald auf die ersten Bewohner.

Pierre Boulle hat seinen Roman bereits 1963 veröffentlicht und bei der Lektüre wird schnell klar, dass das Buch nur in der Grundstory mit den alten Verfilmungen zu tun hat. Das ist allerdings gar nicht schlimm. Boulle beschreibt seine fremde Welt sehr bildhaft, wobei man bei der Sprache schon auch das Alter des Buches merkt. Trotzdem ist die Geschichte äusserst aktuell und visionär und bietet viel Raum zum Nachdenken.

Jeder kennt wahrscheinlich die Story rund um den Planeten, auf dem nicht die Menschen die vorherrschende Spezies sind, sondern die Affen. Mit dieser anderen Realität bekommt der Leser den Spiegel vorgehalten und wird gezwungen sich damit auseinanderzusetzen, wie die "Krone" der Schöpfung mit anderen Lebewesen umgeht. Ich persönlich musste schlucken angesichts der beschriebenen Jagdszenen, bei den im Zoo ausgestellten Menschen, die um Leckerbissen betteln, aber auch ganz besonders bei den Beschreibungen der medizinischen Experimente, die an den Gefangenen durchgeführt werden. Es ist merkwürdig die Dinge, die der Mensch seinen nächsten Verwandten aus wissenschaftlicher Sicht, oder aber aus purer Vergnügungssucht antut, mal aus der anderen Perspektive zu sehen. Der Autor hat den Spies umgedreht und gezeigt, dass es auch anders hätte kommen können, hätte die Evolution irgendwann in der Vorzeit mal einen anderen Abzweig genommen. Interessant aber auch die Parallelen innerhalb der Gesellschaft der Affen zu unserer. Auch dort gibt es verschiedene Fraktionen, die verschiedenen Lehrmeinungen, mal mehr, mal weniger fortschrittlich, anhängen und auch hier gibt es die Leugner, die sich jeder neuen Entwicklung verweigern und jene, die bereit sind ihr bisheriges Weltbild zu überdenken.

Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, immer natürlich auch das Ende aus den Filmen im Hinterkopf und war neugierig darauf, wie der Autor dies im Original gelöst hat. Ab einem gewissen Punkt konnte man es schon erahnen, in letzter Konsequenz konnte es nicht anders enden. Für mich ist das Buch ein wiederentdeckter Klassiker mit viel Stoff zum Nachdenken über unser Handeln, was mich alledinegs stört ist hier tatsächlich die Covergestaltung, diese nackte Frau auf dem Titel hätte für mich nicht sein müssen.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Bis das der Tod uns scheidet

Selbst nach dem Tod
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Wünscht sich nicht jeder von uns diese eine, alles überdauernde Liebe? Was aber, wenn diese Liebe sogar den Tod überdauern würde? Das könnte wirklich wunderschön sein, aber auch total beängstigend.

In ...

Wünscht sich nicht jeder von uns diese eine, alles überdauernde Liebe? Was aber, wenn diese Liebe sogar den Tod überdauern würde? Das könnte wirklich wunderschön sein, aber auch total beängstigend.

In dieser Sammlung von 29 Kurzgeschichten rund um die Liebe und den Tod, haben die Autor*innen aus dem Vollen geschöpft und 29 ganz unterschiedliche Deutungen der Thematik geliefert. Da ist von leichtem Grusel, bis hin zu schwarzem Humor wirklich alles dabei. So erleben wir zb, wie ein Schauspieler von einem verliebten Fan gestalkt wird, ein junger Mann feststellen muss, dass seine verschmähte Liebe im Tod ziemlich rachsüchtig ist, oder, dass man bei Verträgen mit einem Dämon lieber das Kleingedruckte ganz genau lesen sollte. Das Buch enthält aber auch klassische Gruselgeschichten über kopflose Skelette, oder uralte dämonische Wesen, die nach Gleichgesinnten suchen. Die Geschichten sind bunt und vielfältig, für jeden Geschmack ist etwas dabei, wenn man auf das morbide steht.

Naturgemäß ist es bei Anthologien so, dass einem nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen. Mein Liebling ist eindeutig die, bei der der Ehemann etwas vorschnell das Einverständnis seiner Ehefrau zum Upload ihres Bewusstseins in eine Cloud, vorausgesetzt hat, während ich eine, doch sehr plump, sexuelle um eine jugendliche Dämonin etwas drüber fand. Ich weiß, dass "spicy" gerade sehr angesagt ist, aber das war so gar nicht meins. Insgesamt eine sehr unterhaltsame Mischung, die auch durchaus was zum Nachdenken liefert.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Nicht unbedingt einfach

Unmöglicher Abschied
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Gyeongha hat gerade selbst einige Baustellen in ihrem Leben, als sie der Anruf ihrer Freundin Inseon erreicht. Diese liegt nach einem Unfall im Krankenhaus und bittet die Freundin, sich um ihren Vogel ...

Gyeongha hat gerade selbst einige Baustellen in ihrem Leben, als sie der Anruf ihrer Freundin Inseon erreicht. Diese liegt nach einem Unfall im Krankenhaus und bittet die Freundin, sich um ihren Vogel zu kümmern. Gyeongha kann die Bitte nicht abschlagen und macht sich mitten in einem Schneesturm auf in das abgelegene Heimatdorf Inseons ohne zu wissen, ob der Vogel überhaupt noch lebt.

Mit dieser Konstellation beginnt das Buch, der Leser lernt die beiden Freundinnen kennen und erhält einen kurzen Abriss darüber, wie sie sich kennengelernt haben. Die Szenen, die Han Kang dabei beschreibt, sind manchmal etwas verwirrend, bestehen zb aus Traumsequenzen, Erinnerungen und gedanklichen Monologen der Hauptfiguren. Da der Schreibstil doch sehr blumig und opulent ist, wird das dem Leser leicht zu viel und man kann sich bei der Suche nach dem roten Faden in der Geschichte, schon mal zwischen den Zeilen verlieren. Ich habe am Anfang doch sehr mit dem Buch gekämpft, es als überaus anstrengend empfunden und tatsächlich kurz überlegt es abzubrechen. Ein wenig habe ich hier mit mir selbst gehadert, auch im Hinblick darauf, dass das Buch ja Preise gewonnen hat und viele positive Rezensionen vorweisen kann. Irgendwie konnte ich mir nicht erklären, warum die Faszination, die andere Leser für dieses Werk empfinden, nicht auf mich überspringt. Kurz bevor ich die Lektüre abbrechen wollte habe ich dann die Lobeshymne einer Freundin auf das Buch gelesen und ihr meine Probleme geschildert. Sie hat mich ermutigt dranzubleiben und dem Buch eine Chance zu geben, und was soll ich sagen, sie hatte recht.

Etwa ab der Hälfte des Buches, als Gyeongha verloren im Schneesturm an einer Haltestelle auf den Bus wartet, begann das Buch, die Geschichte sich irgendwie zu verändern. Ich kann gar nicht genau sagen wie genau, aber ich habe es plötzlich als viel leichter zu lesen empfunden. Ich war plötzlich neugierig. Würde Gyeongha die Bitte der Freundin erfüllen können? Würde sie rechtzeitig in deren Haus eintreffen um den zurückgebliebenen Vogel zu füttern? Würde bei diesem furchtbaren Wetter überhaupt der blöde Bus kommen? Und was dann? Was tut Gyeongha dann, allein in Inseons Haus? Das Buch hatte mich gepackt. Obwohl es zwischendrin immer noch manchmal recht merkwürdig war, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch zuende gelesen. Dabei wusste ich noch gar nicht, was mich noch erwarten würde.

Nach etwas mehr als der Hälfte des Buches geht die Geschichte tiefer. Eingebettet in die Familienhistorie Inseons bekommt der Leser Einblick in eines der dunkelsten Kapitel der koreanischen Geschichte. Zwischen 1948/1949 wurden auf der Insel Jeju zehntausende Menschen getötet, ganze Dörfer zerstört, Familien auseinandergerissen. Personen, die im Verdacht standen dem Widerstand anzugehören, oder diesen zu unterstützen wurden interniert, gefoltert, ermordet, in anonymen Massengräbern verscharrt. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen zu den Todesopfern, bis heute wurden nicht alle von ihnen identifiziert, bis heute wissen viele Familien nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen. Ein unfassbares Verbrechen, das sprachlos macht und dessen Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist.

Die Autorin schreibt hier so emotional und eindringlich, dass man als Leser ganz dicht bei den Familien ist. Es gibt Augenzeugenberichte, die das Grauen greifbar machen und einen sprachlos zurücklassen, ob der Brutalität von Armee und Polizei. Ich war sehr betroffen darüber, dass ich bisher so gar keine Ahnung von diesem Genozid hatte. Hier in Europa haben wir ja mit unseren eigenen Dämonen zu kämpfen, gerade im Bezug auf die Greuel des zweiten Weltkriegs, aber wie man hier schmerzlich erkennt, gibt es überall auf der Welt unschuldige Opfer, deren Andenken nicht vergessen werden darf. Han Kang gibt diesen Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme und das auf unglaublich berührende Art und Weise. Ich bin froh, dass ich mich hier durchgebissen habe.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Familie

Bis die Sonne scheint
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Daniel weiß schon ganz genau, was er zu seiner bevorstehenden Konfirmation anziehen möchte, ein blaues Samtsakko und eine graue Flanellhose. Als er mit seiner Mutter in die Stadt fährt, ist er sich sicher ...

Daniel weiß schon ganz genau, was er zu seiner bevorstehenden Konfirmation anziehen möchte, ein blaues Samtsakko und eine graue Flanellhose. Als er mit seiner Mutter in die Stadt fährt, ist er sich sicher sie von seiner Wahl überzeugen zu können, allerdings macht seine Mutter nach einem Besuch auf der Bank nicht mehr den Eindruck, als hätte Daniels Kleiderwahl derzeit Priorität.

Christian Schünemann nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1983, zur einer ganz normalen deutschen Familie. Die Eltern, Daniel und seine drei Geschwister leben in einem schmucken Einfamilienhaus, das der Vater selbst geplant und gebaut hat, es geht der Familie gut. Zumindest nach aussen hin möchten die Eltern diesen Eindruck vermitteln, dass es bei Regen durchs Dach tropft und im ganzen Haus dann Töpfe, Schüsseln und Eimer aufgestellt werden, muss ja niemand wissen und auch nichts von den unheilvollen Briefen, die seit einiger Zeit ins Haus flattern. Gerade Daniels Mutter ist sehr darauf bedacht, dass der Schein gewahrt bleibt, plant lieber das neue Rosenbeet um den Pool und als der Besuch der Schwiegermutter ansteht wird dieser lieber heile Welt vorgespielt, als offen über die Probleme zu sprechen.

Ich fühlte mich Ich-Erzähler Daniel recht schnell verbunden, sind wir doch alterstechnisch nicht all zu weit auseinander und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie toll es war, als meine Jugenweihe anstand. Dem Autor gelingt es gut das typische 80er Feeling aufkommen zu lassen. Auch wenn ich in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin erkenne ich doch vieles wieder und gerade Daniels Musikgeschmack weckt Erinnerungen. Daniels Geschwister nehmen mehr, oder weniger die Rolle von Statisten in der Geschichte ein, präsenter ist da schon Daniels beste Freundin Zoe, mit der er offen über die finanzielle Situation der Familie sprechen kann. Daniels Vater habe ich eher als etwas farblos empfunden, als sehr ruhigen Zeitgenossen, zwar mit viel Leidenschaft für die Häuser, die er geplant und gebaut hat, aber auch nicht unbedingt als durchsetzungsfähig und eher unbedarft im Umgang mit Geld. Daniels Mutter nimmt da schon mehr Raum in der Geschichte ein, oft auch als treibende Kraft, wenn es darum geht nach Höherem zu streben. Sie ist die Planerin, die Strategin der Familie, eine Getriebene, bei der man schnell merkt, dass sie sich eigentlich etwas anderes vorgestellt hat als dieses typisch Keinbürgerliche. Leider ist sie aber auch die Unsympatische in der Geschichte, die, bei deren Verhalten ich als Mutter oft nur den Kopf schütteln konnte, auch, wenn ich ihre Beweggründe manchmal nachvollziehen kann.

Zur Familie gehören auch noch die beiden Großmütter, Oma Lydia und Oma Henriette. In Rückblenden lässt der Autor den Leser auch an deren Leben teilhaben, man erfährt wie sie ihre späteren Männer kennenlernen, Kinder bekommen, diesen durch die Wirren des Krieges bringen und die Familie danach zusammenhalten. Zwei Lebenswege, die sich ähneln, aber trotzdem verschiedener nicht sein könnten. Der Autor spannt hier einen Bogen über mehrere Generationen und bringt Themen zur Sprache, die zur Geschichte der meisten Familien gehören. Er ergreift hier allerdings keine Partei, schildert lediglich Fakten und überlässt es dem Leser sich hierzu eine Meinung zu bilden. Auch hier kommen bei mir viele Erinnerungen hoch, wenn ich an meine eigene Oma denke.

Christian Schünemann schreibt sehr leicht und fast poetisch über die Banalitäten des Familienlebens, man hat als Leser das Gefühl man sitzt zusammen mit Daniel und seiner Mutter im Auto, begleitet sie zur Bank, oder steht neben ihr im Tante Emma Laden. Das Buch weckt Gefühle und Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend und eben auch an die Zeit. Daniel als Erzähler, ist ein sehr guter, aber absolut werfreier Beobachter. Er schafft es dem Leser einen liebevollen Blick auf seine Familie zu vermitteln, ohne dabei irgendwelche Schuldzuweisungen ins Spiel zu bringen. Man merkt ihm zwar an, dass er traurig ist, enttäuscht, oder auch mal wütend, dass er aber eben auch als Teil der Familie, deren Entscheidungen mitträgt.

Der Autor hat eine fast langweilige Familiengeschichte geschrieben, ruhig, ernst, aber auch humorvoll und traurig. Ich wusste lange nicht wirklich, was er mir damit sagen will. Das Buch hat mir gefallen, ja, aber ich habe einen gewissen Sinn hinter all dem vermisst. Bis zum Nachwort des Autors, das emotionaler nicht hätte sein können und letztlich alles erklärt. Ich hätte mir dieses Nachwort vielleicht eher als Vorwort gewünscht. Da ich aber nicht genau sagen kann, ob ich die Geschichte dann genauso empfunden hätte, wie ich es letztlich getan habe, würde ich nicht unbedingt empfehlen, es vorher zu lesen. Macht euch einfach euer eigenes Bild.

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