So eine erhellende Analyse einer Persönlichkeitsstörung
SoziopathinPatric hatte schon mit sechs oder sieben eine ganze Kiste geklauter Dinge. Ihr Vater war ein aufstrebendes Licht in der Musikbranche und so saß Patric auf Ringo Starrs Schoß und stahl ihm die Brille. In ...
Patric hatte schon mit sechs oder sieben eine ganze Kiste geklauter Dinge. Ihr Vater war ein aufstrebendes Licht in der Musikbranche und so saß Patric auf Ringo Starrs Schoß und stahl ihm die Brille. In der ersten Klasse saß sie hinter Clancy. Patric war frustriert und der Druck in ihrem Inneren wurde so groß, dass sie sich die Finger in der Stahltür einklemmen oder ihr Pult umwerfen wollte. Da erregte eine von Clacys Haarspangen ihre Aufmerksamkeit. Sie saß gar nicht richtig fest, wäre wahrscheinlich eh bald rausgerutscht. Patric griff vorsichtig nach vorne, klippte die kleine pinkfarbene Schleife ab und steckte sie ein. Sofort ließ der Druck nach. Sie hatte ganz allein eine Lösung für das Problem gefunden.
Wenn Patrice stahl, konnte sie die Gewaltfantasien beenden. Die fehlende Angst vor Konsequenzen machte es ihr leicht. Sie empfand durchaus Freude und Wut, aber Schuld, Empathie, Reue oder Liebe fehlten auf ihrer Farbpalette. Die fehlenden Gefühle wurden von der fehlenden Mimik begleitet und Patric merkte, dass es andere irritierte. Sie schaute sich erwünschtes Verhalten bei ihrer kleinen Schwester ab, die ganz anders war als sie oder besser Patric war anders als alle anderen.
Dad arbeitete fast nur noch, das macht Mum depressiv. Sie weinte oder schnauzte rum im Wechsel. In der Schule hatte Syd Patric elendig genervt. Sie spürte, wie der Druck anstieg, wie in einem Wasserkessel, nahm ihren Bleistift und rammte ihn Syd in den Kopf. Die schrie, ihre Mitschüler schrien und Mum verschwand für Monate in ihrem Schlafzimmer. Ihr Kopf sagte Patric, dass es falsch ist jemanden zu verletzen, aber das Gefühl, wenn Kopfschmerz und Druck wichen und eine wärmende Euphorie sie flutete, war einfach geil.
Fazit: Patric Gagne ist Therapeutin und Anwältin für Menschen, die unter antisozialen Persönlichkeitsstörungen leiden. Sie beschreibt ihre eigene Leidensgeschichte und wie sie einen Weg fand, ihr Verhalten zu analysieren. Schon früh merkt sie am Verhalten ihrer Schwester, dass sie anders ist. Sie versucht die Erwartungen, die die Umwelt an sie stellt, zu erfüllen, indem sie die anderen spiegelt. In regem Austausch mit ihrer Mutter sagt sie die Wahrheit, erzählt ihr, dass sie stielt. Die Konsequenz ist, dass sie all diese Sachen zurückgeben muss. Da sie keine Scham und kein schlechtes Gewissen kennt, bereitet ihr die Rückgabe kein Problem. Allerdings stiehlt sie um den Druck, der in ihr entsteht, weil sie sich ständig verstellen muss, zu neutralisieren und ein Teufelskreis beginnt. In einer analytischen Odyssee über viele Jahre registriert sie, dass der Druck sich aufbaut, weil sie Angst hat, die Erwartungen ihrer Mitmenschen nicht zu erfüllen. Diese Angst, der sie sich lange nicht bewusst ist, löst Gewaltfantasien aus. Sie versucht diese Angst immer aufs Neue zu kompensieren und ist am liebsten allein, weil sie dann sein darf, wie sie ist. Beziehungen scheitern an ihrer Gefühlsarmut. Die Autorin hat hart an sich gearbeitet und nicht nur durch eine kognitive Umstrukturierung, die alten Muster und Mechanismen aufgelöst, sondern hilft mit ihren Erfahrungen anderen Soziopath*innen. Mit diesem Buch hat sie endlich ein Tabu gebrochen und ein Stigma gelöst. Soziopathen werden immer mit Psychopathen gleichgesetzt (Hannibal Lecter, American Psycho) Auch in der Psychologie gibt es keine differenzialdiagnostischen Unterschiede. Dieses Buch ist so erhellend, weil der Leidensdruck so gut aufgezeigt wird und die Norm so einen hohen Stellenwert hat. Mir ist klar geworden, was Soziopathen antreibt zu manipulieren, zu stehlen, zu lügen und dass sie nicht der gesellschaftliche Abschaum sind, sondern dass sie Hilfe brauchen. Mir sind im Übrigen auch deutliche Parallelen zu Autismus aufgefallen. Ein wirklich guter Fahrplan in das Innenleben von Menschen im Spektrum.