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Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein lange zurückliegendes Ereignis

Opfer
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nämlich eines, das sich 1984 in einem kleinen englischen Küstenstädtchen ereignete, steht im Mittelpunkt dieses Krimis - was eigentlich? Nun, das werde ich Ihnen bestimmt nicht verraten, erfährt es der ...

nämlich eines, das sich 1984 in einem kleinen englischen Küstenstädtchen ereignete, steht im Mittelpunkt dieses Krimis - was eigentlich? Nun, das werde ich Ihnen bestimmt nicht verraten, erfährt es der gespannte Leser schließlich auch erst (fast) am Ende des Buches. Aber es lohnt sich, bis dahin im Ungewissen zu sein, hat man es hier doch mit einer ausgesprochen atmosphärischen Darstellung der Jugend in einer englischen Kleinstadt der Thatcher-Zeit zu tun. Es hat jedenfalls was mit Ritualmorden und der anschließenden Verurteilung einer jungen Frau, Corrine Woodrow, zu tun.
Fast kann man es selbst spüren, was die Protagonistinnen Debbie, Samantha und Corrine damals in den 1980ern fühlten, was sie bewegte und antrieb - für mich jedenfalls ist diese Zeit noch ausgesprochen gegenwärtig, auch wenn ich damals zwar noch jung, aber immerhin bereits erwachsen war. Hier gab es Freundschaften, Lieben, Animositäten und noch vieles mehr, was nicht auf den ersten Blick wahrzunehmen war - langsam hangelt sich der Leser hier vor, zusammen dem jungen Privatdetektiv Sean Ward, der 2003, also fast 20 Jahre später, die Sache wieder aufnimmt. Er agiert im Auftrag von Corrines Anwältin, die an ihre Unschuld glaubt und den Fall neu aufrollen will und trifft auf die seltsamsten Zusammenhänge und Verbindungen - schnell wird deutlich, dass dies eine weitreichende Angelegenheit ist, die in der - übrigens fiktiven - Kleinstadt Ernemouth und darüber hinaus weite Kreise zieht bis hin zur Polizei und zur Kommunalverwaltung. Offenbar gibt es eine Menge Leute, denen Seans Ermittlungen gegen den Strich gehen - warum eigentlich?
Die Auflösung zeichnet sich zwar teilweise ab, beinhaltet aber auch noch genügend Überraschendes, um dieses so mitreißenden Spannungsroman lesenswert zu machen - von mir gibt es hier eine unbedingte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Familienwirrwarr oder Naturrealismus in der Gegenwartsliteratur

Meine Mutter, meine Tochter, ihr Freund, sein Vater und ich
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ch muss gestehen: ich mag keine heiteren Frauenromane. Kerstin Gier, Susanne Fröhlich, Hera Lind und die ganze Kompanie kann mir gestohlen bleiben. Nun griff ich - wie ich dachte - doch zu einem Buch dieser ...

ch muss gestehen: ich mag keine heiteren Frauenromane. Kerstin Gier, Susanne Fröhlich, Hera Lind und die ganze Kompanie kann mir gestohlen bleiben. Nun griff ich - wie ich dachte - doch zu einem Buch dieser Sparte, das etwas anders zu sein schein. Zudem wurde angekündigt, dass eines der Themen die Affinität der Ostwestfalen zur wunderbaren Domstadt Köln sein wird, ein Thema, das mich immer wieder amüsiert.

Doch ach, es kam ganz anders! Es war - teilweise - heiter, es handelte sich ganz klar um einen Frauenroman, aber es war überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte! Es handelt sich nämlich um einen Roman mit jeder Menge Tiefgang, einen, der nachdenklich werden lässt und der vor allem das Leben aus mehr als nur aus einer Perspektive reflektieren lässt.

Worum geht es? Die 39jährige Lehrerin Meike ist von ihrem Mann betrogen worden und während dieser es sich in der bisherigen gemeinsame Wohnung in Bielefeld gemütlich macht - mehr und mehr in Gesellschaft seiner neuen Geliebten, zieht Meike mit Kind und Kegel - in diesem Fall ihrer 66jährigen, frisch verwitweten Mutter und der 14jährigen Tochter Kim nach Köln, wo sie gottseidank bereits eine neue Stelle als Mathelehrerin am Gymnasium hat. Die Mutter spendiert das Haus und gibt die Richtung vor, die hochbegabte und bisher recht pflegeleichte Tochter verliebt sich zum ersten Mal so richtig - ausgerechnet in ihren 17jährigen Nachhilfeschüler. Der hat einen ziemlich interessanten Vater. Klingt nach 08/15? Nun, fallen Sie bloß nicht darauf rein, denn ansonsten entgeht ihnen ein fabelhafter, mitreißender Roman, der leicht zu lesen ist, aber nachwirkt - ich bin sicher, auch bei Ihnen!

Es ist nämlich eine Geschichte, die sacken muss und die genauso kompliziert ist wie der Buchtitel... passt also perfekt! Damit möchte ich weder sagen, sie ist zu kompliziert noch kompliziert geschrieben. Maja Bluhm - im wahren Leben Sabine Leipert - hat durchaus immer den Nagel auf den Kopf getroffen: es ist das Leben selbst, das so wahnsinnig kompliziert ist und immer neue Windungen für uns bereit hält!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Das geraubte Leben des Häftlings Heiner Rosseck

Der Schrecken verliert sich vor Ort
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Für die Lektüre von "Der Schrecken verliert sich vor Ort" muss man viel Kraft aufbringen, denn dieses Buch ist ein Angriff - ein Angriff auf die Psyche, die Nerven, den Verstand des Lesers. Ein Angriff ...

Für die Lektüre von "Der Schrecken verliert sich vor Ort" muss man viel Kraft aufbringen, denn dieses Buch ist ein Angriff - ein Angriff auf die Psyche, die Nerven, den Verstand des Lesers. Ein Angriff durch ein erbarmungsloses, schonungsloses Buch - jedoch einer, der stärkt, der wachsen lässt und viel, viel mitgibt für den weiteren Lebensweg - und seien es nur Zitate zuhauf.

Ich zumindest habe mehrere Riesenzettel vollgeschrieben während des Lesens - Zettel mit wichtigen Bemerkungen - teilweise wichtig für das Gesamtverständnis des Buches, teilweise jedoch auch für mein weiteres Leben - Anmerkungen, die ich in Zukunft in gewissen Lebenssituation parat haben will, ja muss!

In diesem Buch geht es um den ehemaligen Auschwitzhäftling, den Wiener Kommunisten Heiner Rosseck, der am 5. Juni 1964 - er soll als Zeuge bei einem der NS-Prozesse aussagen - die Dolmetscherin Lena kennenlernt und nach langem hin und her bei ihm bleibt. Bzw. bleibt sie bei ihm, denn es ist eine immer neue Herausforderung, Heiner zu lieben, von Anfang an: "Sie wusste nicht, wie lange ihre Liebe für den Teil des Mannes reichte, der im Lager geblieben war." (S.63) Dies sieht sie von Beginn an und bleibt doch bei ihm, bei Heiner, bei dem Auschwitz allgegenwärtig ist, der IMMER davon spricht, der die Wertigkeit anderer ehemaliger Häftlinge nach deren Nummer bemisst, dessen erste Ehe an Auschwitz zerbrach, ja: der tatsächlich zu einem großen Teil für immer dageblieben ist.

Ein kleines, trauriges Buch, das sich zu einer großen Geschichte des 20. Jahrhunderts ausweitet - manchmal fand ich sie fast zu groß für mich. Sie quillt aus allen Seiten hervor, dann auch aus mir - bevorzugt in Form von Tränen. Doch erspart man sich diese Geschichte, verliert man etwas Großes und Ganzes. Ich empfehle sie quasi als Pflichtlektüre für jeden historisch Interessierten, für den Oberstufenunterricht, für Hochschulen - quasi für alle, die bereit sind, sich mit hochwertiger politischer Literatur auseinanderzusetzen - es bringt einen Gewinn fürs Leben!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Gegen das Vergessen

Etta und Otto und Russell und James
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macht sich die 83jährige Etta auf zur Wanderung ihres Lebens, die sie nicht nur aus diesem einen Grunde macht. Nein, sie will auch das Meer sehen und wählt dazu nicht den kürzeren, nein, sie wählt den ...

macht sich die 83jährige Etta auf zur Wanderung ihres Lebens, die sie nicht nur aus diesem einen Grunde macht. Nein, sie will auch das Meer sehen und wählt dazu nicht den kürzeren, nein, sie wählt den langen, den mühsamen Weg - eine Wahl, die Otto, ihr daheim zurückgelassener - nicht jedoch verlassener - Ehemann durchaus verstehen kann. Daher bleibt er zu Hause und lernt, ebenfalls 83jährig, sich selbst zu bekochen und vor allem zu bebacken, denn Etta hat ihm ihre Rezeptkarten dagelassen.

Russell, ihr gemeinsamer Nachbar, langjähriger Freund und - in Ottos Fall - Konkurrent um Ettas Gunst &Liebe und selbstverständlich ebenfalls 83 - ist nicht ganz so ruhig und macht sich auf, um Etta zu finden. Ihren Wunsch, allein zu sein, respektiert jedoch auch er und hält stets gebührenden Abstand.

Denn allein ist Etta nicht, sie hat James getroffen und sich mit ihm angefreundet und wird nunmehr von ihm begleitet auf ihrer Wanderung ans Meer und ins Reich der Erinnerungen, die sie mit ihrer Aktion nicht nur bei sich, sondern auch bei Otto und Russell zu wecken weiß.

Ein Roman, in dem viele wichtige Themen angesprochen werden: Krieg, Frieden, Demenz, doch auch Einsamkeit, Respekt und Freundschaft. Es ist eine Dreiecksgeschichte der ganz besonderen Art, so wie das ganze Buch ein besonderes ist. Emma Hooper versteht es, eine ganz besondere - im Übrigen von Michaela Grabinger einfühlsam übersetzte - Sprache zu sprechen, vielmehr zu schreiben. Märchenhafter Realismus ist der Begriff, der für mich passend dafür erscheint, auch wenn er absolut unwahrscheinlich und unrealistisch klingt. Ein Buch mit vielen klugen, doch vor allem menschlichen Botschaften - ein weises Buch, ein warmherziges Buch, eines, das ohne kitschig oder wehmütig zu sein, düstere Themen anspricht und dennoch während und vor allem nach dem Lesen ein absolut wohliges Gefühl im Bauch und auch im Herzen des Rezipienten zurücklässt. Ein Buch auch gegen das Vergessen des Lesestoffs - dieser ist so besonders, das man sich dieses Buchs immer erinnern wird!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Marschbefehl in idyllischer Schärenlandschaft

Mörderische Schärennächte
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Der vierte Teil von Viveca Stens auf und um die idyllische Ferieninsel Sandhamn angesiedelten Krimi-Reihe lässt schon auf den ersten Seiten die gewohnte atmosphärische Spannung aufkommen, die ich so liebe. ...

Der vierte Teil von Viveca Stens auf und um die idyllische Ferieninsel Sandhamn angesiedelten Krimi-Reihe lässt schon auf den ersten Seiten die gewohnte atmosphärische Spannung aufkommen, die ich so liebe. Die Handlung garantiert wie immer Aufregung und Unterhaltung gleichermaßen. Diesmal entführt uns die Autorin in ein für das friedliche und friedliebende Schweden sehr ungewöhnliches Setting - in die Welt des Militärs, die auch hier existiert. Zunächst wird ein toter junger Mann, ein Psychologie-Student aufgefunden, es folgen weitere Leichen - Männer in den 50ern, alle mit einer gemeinsamen militärischen Vergangenheit in den 1970er Jahren - und zwar bei den damals in unmittelbarer Nähe zu Sandhamn stationierten Küstenjägern. Allmählich kristallisiert sich eine Verbindung zwischen allen Todesfällen heraus - denn der Junge Student hat Forschungen im militärischen Umfeld getätigt. Wie so oft bei Viveca Sten, gibt es auch hier Verbindungen zu früheren Ereignissen - diesmal zur schwedischen Armee der 1970er Jahre.

Wie immer spielt auch die Rahmenhandlung um den attraktiven Ermittler Thomas Andreasson und seine Freundin aus Kindheitstagen, die Juristin Nora, eine Rolle, wobei sich das Leben der beiden in unterschiedliche Richtungen entwickelt: während Thomas und seine Exfrau wieder zueinander gefunden haben, treibt Nora die Scheidung zum untreuen Gatten voran und versucht sich mit dem Leben als alleinerziehende Mutter zu arrangieren.

Neben der Krimihandlung legt Viveca Sten in ihren Büchern stets den Akzent auf die Vermittlung und Relevanz gewisser Werte wie Freundschaft und Treue - da dies niemals mit dem erhobenen Zeigefinger und eher beiläufig geschieht, ist dies aus meiner Sicht ein angenehmer Aspekt, auf den ich mich bei jedem neuen Sandhamn-Krimi schon freue.

Wie auch in den beiden Vorgängern beweist sich die Autorin auch diesmal als Meisterin der atmosphärischen Dichte: der treue Leser kennt Sandhamn mittlerweile (fast) wie seine Westentasche und auch das Stockholmer Umfeld des Kripo-Teams ist ihm nicht mehr fremd. So fällt es ihm nicht schwer, mit Thomas, seiner Kollegin Margit und nicht zuletzt mit der wie immer an den Ermittlungen partizipierenden Nora - die diesmal als Lieferantin extrem wichtiger Hintergrundinformationen fungiert - mitzufiebern, sie quasi dabei zu begleiten. Dieser Band beinhaltet viele besonders tragische und auch brutale Elemente - gleichwohl gelingt es der Autorin, die über der Ferieninsel schwebende Leichtigkeit und spezifische Atmosphäre aufrechtzuerhalten, wobei von Unbeschwertheit keine Rede sein kann.

Viveca Sten hat sich mit ihren Krimis bereits eine treue Fangemeinde in Deutschland geschaffen - dieser wieder einmal überaus gelungene Band wird diese sicher noch vergrößern. Für Leser, die Autoren wie Viveca Stens Landsmänninnen Helene Tursten und Camilla Läckberg oder auch die Finnin Leena Lehtolainen lieben, ein gefundenes und von mir aus ganzem Herzen empfohlenes Fressen mit der Chance zu einer weiteren skandinavischen Lieblingsserie, wenn sie es nicht schon längst ist!