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Veröffentlicht am 30.12.2017

Eine moderne Visionärin

Wunder muss man selber machen
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Sina Trinkwalder hatte einen Traum: nämlich den einer gerechten Arbeitswelt, in der es auch Platz für ausgemusterte, zu alte, zu kinderreiche, zu unflexible Arbeitnehmer gibt. Außerdem hat sie zwei Hände, ...

Sina Trinkwalder hatte einen Traum: nämlich den einer gerechten Arbeitswelt, in der es auch Platz für ausgemusterte, zu alte, zu kinderreiche, zu unflexible Arbeitnehmer gibt. Außerdem hat sie zwei Hände, zwei Beine, einen gesunden Menschenverstand - und vor allem hat sie Mut. Und so wurde ihr Traum zur Realität.

Sina Trinkwalder ist eine moderne Visionärin, die sich nicht von festgefahrenem schrecken lässt - und so schuf sie in der traditionellen Textilstadt Augsburg, die schon lange die Bedeutung als Industriestandort verloren hatte, die Textilfirma "mannomamma", in der ein Herz für Arbeitnehmer schlägt - aber auch eins für umweltfreundliche und nachhaltige Produkte. Sie baute diese Firma in Augsburg auf, weil es eben ihre Heimatstadt ist - wäre sie aus Dortmund, hätte sie eventuell Bier gebraut, in Bremerhaven Fische verarbeitet. Frau Trinkwalder hat sich den Umständen angepasst - und daraus Unglaubliches, Totgeglaubtes wiederaufstehen lassen.

In diesem Buch beschreibt sie ihren Weg - ohne Beschönigungen, Schönfärbereien oder Ähnliches - ehrlich und lässt selbst Peinliches nicht aus. Es hat nämlich nicht alles sofort geklappt, manchmal war Sina Trinkwalder ziemlich naiv, ja sogar blauäugig. Aber sie hat nie den Mut und den Glauben an ihre Idee verloren.

Dabei ist sie beileibe kein Gutmensch - nein, dagegen verwahrt sie sich ausdrücklich! Ihre Firma ist kein Auffangbecken für Leute, die hier ihr Gnadenbrot bekommen, im Gegenteil: Sina Trinkwalder stellt zwar Leute ein, die sonst nicht unbedingt mit Kusshand genommen werden, aber arbeitswillig und effizient müssen sie schon sein. Wer sich nicht bewährt, bzw. nicht dazu bereit ist, geht oft schon von allein, ohne dass eine Kündigung ausgesprochen werden muss.

Nachhaltigkeitspreise, Auszeichnungen für Umweltbewußtsein - Sina Trinkwalder hat sie alle eingesammelt. Sie freut sich darüber, aber käuflich ist sie nicht: schonungslos geht sie mit denen ins Gericht, die das Label Bio nur aus marktschreierischen Gründen verwenden. Auch Promis, die sie bei solchen Veranstaltungen kennengelernt hat, kriegen ihr Fett weg - wenn sie es denn verdient haben!

Die junge Unternehmerin ist Visionärin und Realistin zugleich - und eine tolle Autorin, versteht sie es doch, ihre Idee lebendig an den Mann und an die Frau zu bringen. Sicher ist so viel Energie und Antriebskraft nicht jedem gegeben - doch wir sollten ihre Zeilen, ihr Lebensmodell in Zeiten verinnerlichen, in denen alles komplett festgefahren und ausweglos scheint. Ein bisschen Sina Trinkwalder sollte in jedem von uns stecken!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein Rabbi mit Macken

Der Rabbi und das Böse
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Ein Rabbi steht im Mittelpunkt des zweiten Krimis um Kommissar Assaf Rosenthal - und er lebt nicht nicht lange: nein, auf den ersten Seiten des überaus spannenden Krimis wird er vor den Augen Tausender ...

Ein Rabbi steht im Mittelpunkt des zweiten Krimis um Kommissar Assaf Rosenthal - und er lebt nicht nicht lange: nein, auf den ersten Seiten des überaus spannenden Krimis wird er vor den Augen Tausender auf einer Kundgebung umgebracht - ausgerechnet von einem Weihnachtsmann! Schnell stoßen die Ermittler auf Einiges im nunmehr vergangenen Leben des Rabbi, dem es wert ist, nachzuspüren und ermitteln nicht nur in eine Richtung.

Die junge Autorin Katharina Höftmann bietet ihren Lesern erneut einen klassischen Whodunnit mit allem Zipp und Zapp in in Tel Aviv, der inoffiziellen Hauptstadt Israels, die wir diesmal von ihrer religösen Seite erleben - auch das Leben der Palästinenser ist diesmal Thema.

Wie auch in Höftmanns erstem Krimi gibt es markante Charaktere mit Wiedererkennungswert - nicht nur Assaf, auch seine Kollegen sind mir aus dem Vorgänger, der "letzten Sünde" nachhaltig im Gedächtnis haften geblieben - wahrlich versteht es die Autorin, eine Figur mit wenigen Sätzen so hinzuwerfen, dass sie nicht nur Hand und Fuß hat, sondern durch hervorstechende, aber keineswegs übertriebene Eigenschaften und Merkmale im Gedächtnis - und nicht selten auch im Herzen - der Leser haften bleibt.

Bereits jetzt, im zweiten Teil, hat Höftmann für die Etablierung ihrer Serie gesorgt und einige Mängel aus dem ersten Teil elimiert. So ist hier durchgehend für Spannung gesorgt, wobei tiefgründigere Details und Hintergrundinfos zu Israel - aus meiner Sicht zeigen sich hier die wahren Qualitäten der Autorin - zu keiner Zeit auf der Strecke bleiben. Auch wenn sich auch diesmal die Lösung , bzw. zumindest Teile davon früh abzeichnen, gibt es einige überraschende Wendungen - und zumindest in den ersten zwei Dritteln durchaus ein paar falsche Fährten.

Bereits nach dem ersten Band um Assaf Rosenthal war ich zum Fan dieser Reihe geworden, dies hat sich jettz noch gesteigert! Höftmann hat ein Setting mit einer ganzen Anzahl von Alleinstellungsmerkmalen geschaffen, die sicher dafür sorgen werden, dass Assaf Rosenthal in der deutschen Krimilandschaft in einigen Jahren ähnlich bekannt ist wie Lisbeth Salander! Ein kleiner Tipp für alle, die Stoff für Verfilmungen suchen: dieser eignet sich bestens - Assaf wird sich - wenn er passend besetzt wird - sicher mit atemberaubender Schnelligkeit zum Liebling vieler weiblicher Zuschauer aufschwingen!

Wer packend und eloquent formulierte, atmosphärische Krimis liebt, der ist auch mit Höftmanns zweitem Krimi bestens bedient.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Spiel des Lebens in zwölf Zügen

Carambole
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...oder vielmehr Runden, wie der Autor sie nennt. Der Titel des Buches ist "Carambole", ein altes Spiel, das im Buch von drei Männern, drei älteren Herrschaften, als welche sie bezeichnet werden, regelmäßig ...

...oder vielmehr Runden, wie der Autor sie nennt. Der Titel des Buches ist "Carambole", ein altes Spiel, das im Buch von drei Männern, drei älteren Herrschaften, als welche sie bezeichnet werden, regelmäßig gespielt wird - doch ist es das Spiel des Lebens, um das es hier geht. Das Leben der Dorfbewohner, die tagein, tagaus in einem kleinen Dorf ihre Tage verbringen - und doch so viele Sichtweisen auf dieselben Dinge haben, wie es Einwohner gibt - oder sogar mehr.

Einige fliehen auch, sind verschwunden. Sie lassen andere zurück und nehmen etwas mit - das gemeinsame Vermögen, das gemeinsame Kind. Die Verlassenen trauern nur bedingt - sie finden sich ab und fügen sich ein in die veränderten Strukturen... etwas passiert mit ihnen - eher, als dass sie selbst agieren. Das sind die Gebliebenen, die Romanhelden, die Steinchen der Carambole, die mit ihnen gespielt wird.

Es gibt ein Ende für einen Akteur, alle anderen machen weiter - genau wie bisher? Wir wissen es nicht, denn Jens Steiner präsentiert uns lediglich einen Ausschnitt, eine Art Blitzlichtaufnahme über ein paar Tage im Dorf. Das tut er sparsam, aber trotzdem wortgewaltig. Wie das gehen soll? Nun, er ist einer dieser Autoren, die mit Worten malen, aber er braucht nur wenige: ein Satz und ein Charakter, eine Beziehung, eine Situation wird erfasst, der Leser kann ihn/sie in ihrer Gänze begreifen. Hier sitzt jedes einzelne Wort.

Steiner präsentiert, nein, er entlarvt den dörflichen Alltag dadurch, dass die Bewohner aus verschiedenen Perspektiven dargestellt werden - mal aus der eigenen, mal wieder aus anderen.

Eine Milieustudie der Normalität - oder auch gerade nicht, denn wie einer der Protagonisten verkündet "war ich schon damals längst der Normalität abhanden gekommen." (S, 160)
Dieses kurze Buch beinhaltet eine Reihe einprägsamer Sätze, die zumindest ich nicht so schnell gergessen werde - so bin ich bspw. "überzeugt davon, dass jedes Alter seine eigene Ernsthaftigkeit hat" (S.112), ich wußte es bisher nur nicht!

Wie auch vieles andere, eigentlich Selbstverständliche, das der Autor mir hier plastisch vor Augen geführt hat. Lesenswert!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Deutscher Krimi mit gesellschaftspolitischem Anspruch

Wer ohne Liebe ist
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Mit "Wer ohne Liebe ist" hat die Autorin Mechthild Lanfermann den zweiten Teil ihrer Krimiserie um die Journalistin Emma Vonderwehr und den Ermittler Edgar Blume veröffentlicht. Die Serie spielt in Berlin, ...

Mit "Wer ohne Liebe ist" hat die Autorin Mechthild Lanfermann den zweiten Teil ihrer Krimiserie um die Journalistin Emma Vonderwehr und den Ermittler Edgar Blume veröffentlicht. Die Serie spielt in Berlin, wohin es Emma nach einem Skandal in ihrer Heimat Bremen verschlagen hat, hat aber mit herkömmlichen Regionalkrimis nichts zu tun - weder betulicher Humor noch Lokalkolorit - sei es im positiven oder in negativen Sinn - finden hier Platz.

Emma ist eine unbequeme Journalistin, die sich gern der Wahrheit stellt, bis ins Detail rechercheriert und auch schwierigen Interviews bzw. solchen mit unangenehmen Gesprächspartnern nicht aus dem Weg geht. Auch sie selbst ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, genau wie auch ihre Beziehung zu Edgar Blume - auch er ein Typ mit Ecken und Kanten.

In vorliegendem Fall führt der Tod eines jungen Lehrers schnell und zunächst überraschend ins Milieu der brandenburgischen Neonazis und ist untrennbar mit der Vergangenheit - den 1980er Jahren, der Zeit vor dem Mauerfall also, verbunden. Der Leser sollte durchaus eine gewisse Nervenstärke aufweisen, denn die Anzahl an unangenehmen Figuren und unerfreulichen Begegnungen ist in diesem Roman nicht gerade gering - dafür aber realistisch und stilistisch gut dargestellt.

Ein ungewöhnlicher Krimi mit Protagonisten, die man so schnell nicht vergisst: genauso sollte es aus meiner Sicht sein, wenn man eine Krimireihe aufbaut, die lange in den Regalen der Buchhandlungen zu finden sein soll. Allerdings nichts für Leser, die durchweg sympathische Protagonisten mögen, mit denen man sich in jeder Situation identifizieren kann - das ist hier mit Sicherheit nicht so. Für mich ist dieser Faktor unwesentlich, deswegen ist die Reihe aus meiner Sicht ein großer Gewinn für die deutsche Krimilandschaft - ich werde Emma Vonderwehr auf jeden Fall treu bleiben und hoffe auf viele weitere Bände mit ihr!

In Qualität, Thematik und Anspruch möchte ich die Krimis von Mechthild Lanfermann auf eine Stufe mit denen von Elisabeth Herrmann, Nele Neuhaus und Jan Seghers stellen - ernsthafte Krimis also mit einem Anspruch auf Gesellschaftskritik. Auch den internationalen Vergleich bspw. mit der Norwegerin Anne Holt braucht sie nicht zu scheuen. Wer also einen richtig guten und spannenden deutschen Krimi lesen will, in dem auch gesellschaftliche Mißstände angesprochen werden, der greife zu diesem Buch.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Generationsübergreifendes Demonstrieren

Guten Morgen, Revolution - du bist zu früh!
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Auweia: Charlie, die 20jährige Tochter der Journalistin Nora, ist bei einer Anti-AKW-Demo in polizeiliches Gewahrsam genommen worden und Nora löst sie - ganz Mutter und gutes Vorbild - gegen den Rat des ...

Auweia: Charlie, die 20jährige Tochter der Journalistin Nora, ist bei einer Anti-AKW-Demo in polizeiliches Gewahrsam genommen worden und Nora löst sie - ganz Mutter und gutes Vorbild - gegen den Rat des Vaters und des herbeigeholten Anwalts - Fachmann für politische Fälle - gleich aus. Mutter? ja, mit Herz und vollster Überzeugung! Gutes Vorbild - wohl kaum, denn Nora hat es vor mehr als 20 Jahren - also vor Charlies Geburt - wesentlich wilder getrieben - zum Dauerdemonstrieren kamen noch Kommunen, diverse Männerwechsel und, und, und dazu. Dagegen ist Charlie (fast) eine alte, nein, natürlich junge Spießerin, die gleichwohl kurz vor ihrem Prozess steht. Und sie braucht Unterstützung, die sie sich von den früheren Kampfgefährten ihrer Mutter holen will. Ein Wiedersehen wird organisiert, dem Nora aus gutem Grund mit gemischten Gefühlen entgegensieht.

Ein spannendes und witziges, aber auf keinen Fall ein Slapstick-Buch - dazu ist es zu klug, baut auf zu vielen ernsthaften Hintergrundinfos auf. Die Autorin Kirsten Ellerbrake weiß nur zu gut, wovon sie schreibt - fast könnte man meinen, sie sei Nora (ein Schelm, der Böses dabei denkt). Ich habe mich mit diesem Buch köstlich amüsiert und sowohl meine Jugend in den 190ern wieder aufleben lassen als auch einen warmen Gedanken an mein Patenkind - ebenfalls ein überaus politisierter junger Erwachsener - geschickt, in der Hoffnung, dass ihm Charlies Schicksal erspart bleibt. Ein Buch für Mußestunden und um in eigenen Erinnerungen und Assoziationen zu schwelgen.

Mein Fazit also: Generationenübergreifendes Demonstrieren - mit Herz und vor allem mit Verstand. Für die "Demo-Generation" der frühen 1980er, die sich noch selbst ein Bild von Gorleben gemacht haben und noch die "Strauss-nein-Danke"-Sticker im Nachtschränkchen haben, ein Muss! Wie wir hier sehr plastisch dargestellt sehen, können feurige Protagonisten der nächsten und übernächsten Generation sich aber durchaus auch damit identifizieren - oder sich zumindest zusammen mit Charlie und Nora köstlich amüsieren!