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Veröffentlicht am 10.05.2025

Steigende Wasser

Das Echo der Sommer
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Inga lebt mit Mutter und Tante nomadisch im Norden Schwedens. Sie gehören dem Volk der Samen (Lappen) an. Als sie eines Tages in ihr Sommerhaus zurückkehren wollen, ist das ganze Dorf überflutet: Man hat ...

Inga lebt mit Mutter und Tante nomadisch im Norden Schwedens. Sie gehören dem Volk der Samen (Lappen) an. Als sie eines Tages in ihr Sommerhaus zurückkehren wollen, ist das ganze Dorf überflutet: Man hat einen Staudamm zur Stromgewinnung gebaut und das Tal geflutet, ohne die Menschen vorher auch nur zu informieren. Und der Wasserspiegel steigt weiter. Vieles an der Geschichte und der geschilderten Lebensweise erinnert an die indigenen Völker Nordamerikas.
Die Frauen sind sehr lebensnah geschildert, sie sind emotional, naturverbunden und pragmatisch. Das Dorf ist eine lose Gemeinschaft, in der man einander hilft, und die Jahreszeiten geben den Rhythmus vor, zusammen mit den Rentieren. Das Leben ist hart und voller Herausforderungen. Ingas Mutter will etwas Dauerhaftes schaffen, für sich und ihre Familie. Doch das Tal, in dem sie leben, verschwindet im Stausee und mit ihm, nach und nach, auch die Lebensweise der Samen.
Was fehlt, ist ein Glossar. Es kommen zahlreiche samische Begriffe vor, die nicht erklärt werden und die man sich aus anderen Quellen erschließen muss. Es wird auch samisch gesprochen, ohne dass eine Übersetzung angegeben ist. Nur wenige Ausdrücke erschließen sich aus dem Zusammenhang.
Die Autorin hat mit einem Sachbuch zum Thema schon Preise gewonnen. Hier die fiktionale Bearbeitung der Vertreibung der Samen durch den Staudammbau im 20. Jahrhundert. Das ist sehr gelungen und mehr als lesenswert. Es ist großartige Literatur.

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Veröffentlicht am 29.04.2025

Aber was, wenn doch?

Vorsehung
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Auf einer Flugreise steht plötzlich eine alte Dame auf und sagt jedem Passagier voraus, wann und woran er sterben wird. Die Geschichte verfolgt die weiteren Lebenswege dieser Personen. Das ist eine spannende ...

Auf einer Flugreise steht plötzlich eine alte Dame auf und sagt jedem Passagier voraus, wann und woran er sterben wird. Die Geschichte verfolgt die weiteren Lebenswege dieser Personen. Das ist eine spannende Idee. Die Autorin schreibt seit Jahren Bestseller und man merkt, dass sie das drauf hat.
Die Menschen sind plastisch und lebendig dargestellt. Man kann sie sich gut vorstellen, es sind ganz normale Leute. Niemand kann die Vorhersage wirklich ignorieren. Auch die Wahrsagerin selbst kommt zu Wort. Sie schildert in Ich-Form, wie sie wurde, was sie ist, und wie sie zu diesen Vorhersagen kommt. Das macht das Ganze rund. Stil und Sprache sind angenehm und flüssig zu lesen. Insgesamt ist das Buch äußerst unterhaltsam, obwohl das Thema abstrakt ist und die Menge an Protagonisten recht groß.
Die Geschichte nimmt zum Schluss noch Fahrt auf und es gibt eine Auflösung. Das ist beeindruckend. Hier werden existenzielle Fragen gestellt, mitten im normalen Leben. Gut geschrieben und wirklichkeitsnah.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Neurodivers - anders im Kopf

Dein ADHS-Wohlfühl-Guide
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Früher bekamen nur Kinder diese „Zappelphilipp“-Diagnose, heute sind es oft auch Erwachsene. Hier gibt es umfassende Informationen und Anleitungen zur Selbsthilfe. Die Autorin ist keine Medizinerin sondern ...

Früher bekamen nur Kinder diese „Zappelphilipp“-Diagnose, heute sind es oft auch Erwachsene. Hier gibt es umfassende Informationen und Anleitungen zur Selbsthilfe. Die Autorin ist keine Medizinerin sondern hat selbst ADHS. Sie betreibt auch einen Instagramkanal.
Die Frau auf dem Cover hat die Augen geschlossen. „Nur keinen Stress!“ scheint sie zu sagen. Für Menschen, die Chaos im Kopf haben, ist das ein guter Start.
Dieses Buch selbst ist sehr ansprechend gestaltet. Die Ränder sind mit breiten Farbstreifen markiert, Piktogramme informieren auf einen Blick über das, worum es geht. Die Absätze sind kurz: Ein Gedanke oder zwei, dann folgt eine Leerzeile, danach ein neuer Gedanke. Das lässt sich gut lesen, auch wenn die Inhalte zum Teil durchaus anspruchsvoll sind. ADHS sei keine Erkrankung, so die Autorin. Das Gehirn arbeite anders als bei den meisten „normalen“ Menschen.
Nach einer fachkundigen Einführung in das Thema ADHS bei Erwachsenen geht es um die speziellen Bedürfnissen neurodiverser Menschen. Hier gibt es eine Menge Ideen, die man einmal ausprobieren kann. Vieles wird geschildert, was man von sich selbst kennt. Ein Selbsthilfe-Ratgeber eben. Hilfreich, aktuell und gut zu lesen.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Menschen auf der Brücke

Die Brücke von London
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Die Brücke von London („London Bridge“) wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet. Etliche Häuser stehen darauf, es ist fast eine eigene Stadt. Hier geht es um eine frisch verwitwete Händlerin, die im 18. ...

Die Brücke von London („London Bridge“) wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet. Etliche Häuser stehen darauf, es ist fast eine eigene Stadt. Hier geht es um eine frisch verwitwete Händlerin, die im 18. Jahrhundert auf der Brücke ihr Geschäft hat, und um zwei Schwestern, die zur Zeit des ersten Brückenbaus lebten.

Der Stil dieses Autors hat mir besondere Freude bereitet. Die Sprache ist wunderbar zu lesen. Die Figuren werden liebevoll geschildert, und die meisten von ihnen sind ein bisschen seltsam. Man kann gut mit ihnen mitfühlen. Bis in die Nebenfiguren hinein sind die Charaktere interessant und scharf gezeichnet. Ich hatte fast den Eindruck, ein neues Buch von Charles Dickens zu lesen. Das ist kein Zufall: Der Autor ist Spezialist für englische Literatur. Sein Protagonist heißt Oliver.
Die Geschichte ist sehr spannend und schildert anschaulich die sozialen Ungleichheiten jener Zeit. Die kleinen Leute sind die Guten, es sei denn sie sind allzu arm, so wie eine Gruppe von Straßenkindern, die nur mit Betrügereien überleben können. Sie legen einen besonderen Einfallsreichtum an den Tag, der die Geschichte und die Rettung der Hauptperson vorantreibt.
Eine besondere Lesefreude, für die man sich getrost Zeit nehmen sollte. Zu schade für „zwischendurch“.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Das Leben nach seinem Tod

Von hier aus weiter
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Marlenes Ehemann Rolf war schwer an Krebs erkrankt, als er Suizid beging. Marlene bleibt allein zurück. Tragischer kann eine Geschichte kaum anfangen. Doch Marlene findet ins Leben zurück.
Wie erleben ...

Marlenes Ehemann Rolf war schwer an Krebs erkrankt, als er Suizid beging. Marlene bleibt allein zurück. Tragischer kann eine Geschichte kaum anfangen. Doch Marlene findet ins Leben zurück.
Wie erleben diese Entwicklung aus Sicht von Marlene selbst. Ihre Verzweiflung ist sehr glaubwürdig, und ihre Resignation ist es ebenfalls. Was sie tut und nicht tut, kann man gut nachfühlen. Sie gerät in schräge, fast witzige Situationen, neben aller Tragik. Dieses Nebeneinander funktioniert, und es macht das Besondere dieses Buches aus.
Nach ziemlich schrägen Anfangsszenen in der Toilette eines Gasthofes entsteht der Eindruck, das Ganze sei doch ein wenig vorhersehbar: Als ein ehemaliger Schüler von Marlene auftritt und kurzerhand bei ihr einzieht, bringt er neue Aspekte in ihr Leben und kommt ihr auch menschlich etwas näher. Doch er bleibt eine Nebenfigur und lässt ihr Raum, ihr und ihrem Schmerz. Eine frühere Freundin von Marlene hört nicht auf, Kontakt zu ihr zu suchen und hat schließlich eine Überraschung für sie. Damit wird eine wunderschöne Versöhnung mit der Katastrophe um den Verstorbenen möglich.
Die Autorin hat es geschafft, aus einem höchst tragischen Setting eine Wohlfühlgeschichte zu machen, die glaubhaft ist und überrascht. Bravo!

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