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Veröffentlicht am 30.06.2025

Ein feministischer Aufruf zur machtkritischen Auseinandersetzung mit Liebe

Kluft und Liebe
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In "Kluft und Liebe" nimmt Josephine Apraku die Leser:innen mit auf eine kritische Reise durch die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Die Autorin ist feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin ...

In "Kluft und Liebe" nimmt Josephine Apraku die Leser:innen mit auf eine kritische Reise durch die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Die Autorin ist feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin mit Fokus auf intersektionale Machtstrukturen. Ihr Buch verbindet persönliche Anekdoten mit fundierter Analyse und fordert ein neues Verständnis von Liebe als politischer Praxis.

Worum geht’s?
Apraku geht der Frage nach, wie gesellschaftliche Ungleichheiten Liebesbeziehungen prägen und welche Herausforderungen daraus entstehen. Sie beschreibt, dass Machtgefälle unvermeidbar sind, da soziale Privilegien und Diskriminierung in jede Beziehung hineinwirken. Liebe wird als aktive Praxis verstanden, die gelernt und reflektiert werden muss, um nicht zur Reproduktion von Unterdrückung beizutragen. Das Buch behandelt Themen wie Macht, Begehren, Emotionen, Körperbilder, Konflikte, das soziale Umfeld sowie Arbeit und schließt mit einer visionären Forderung nach einer „liebevollen politischen Praxis“.

Meine Meinung
Ich kann es nicht anders sagen: Das Buch hat mich tief beeindruckt und soooo viel in mir ausgelöst. Aprakus These, dass Liebe ein „Tu-Wort“ ist, entmystifiziert die Vorstellung von Liebe als romantisches Schicksal und stellt sie als bewusste Praxis dar, die stetige Übung braucht. Besonders wichtig finde ich die Empfehlung zu regelmäßigen, strukturierten Check-ins in Liebesbeziehungen, die nicht nur Probleme adressieren, sondern auch positive Entwicklungen feiern und Machtverhältnisse kritisch hinterfragen. Diese Praxis fördert echte Gegenseitigkeit und reflektiert, wie Sorgearbeit oft ungleich verteilt bleibt – oft zu Lasten von Frauen und weiblich sozialisierten Personen.

Die Darstellung von Beziehungsanarchie ist ein spannendes Konzept, das traditionelle Beziehungsnormen infrage stellt und zur individuellen Gestaltung von Nähe und Intimität ermutigt. Dies ist für mich ein kraftvoller Impuls, um starre Kategorien wie „nur Freund:innen“ oder „offene Beziehung“ zu hinterfragen und stattdessen authentische Beziehungsformen zu schaffen, die frei von gesellschaftlichem Zwang sind.

Aprakus Einsicht, dass Gefühle politisch sind, eröffnet einen wichtigen Diskurs über emotionale Erfahrungen, die von rassistischen, sexistischen und ableistischen Zuschreibungen beeinflusst werden. Dass beispielsweise das Klischee der „wütenden Schwarzen Frau“ oder des „glücklichen Behinderten“ tiefgreifende Auswirkungen auf den Umgang mit Konflikten und Emotionen hat, macht die Notwendigkeit emotionaler Sensibilität und offener Kommunikation deutlich.

Die Analyse von Machtstrukturen in Beziehungen zeigt realistisch, wie Privilegien, etwa durch Hautfarbe oder Geschlecht, Konflikte und Ungleichheiten prägen. Aprakus Verweis darauf, dass gleichberechtigte Paare glücklicher sind, macht Hoffnung, dass bewusste Arbeit an Machtverhältnissen lohnenswert ist. Dies deckt sich mit feministischer Kritik am Patriarchat, die fordert, Machtasymmetrien sichtbar zu machen und aktiv zu bearbeiten.

Das Kapitel über das soziale Ökosystem verdeutlicht, dass Liebesbeziehungen niemals isoliert sind, sondern immer von äußeren gesellschaftlichen Kräften beeinflusst werden. Die Idee, als Paar ein gemeinsames „Team gegen Diskriminierung“ zu bilden, unterstreicht, wie wichtig Solidarität und gemeinsames politisches Engagement für eine gerechtere Beziehung sind.

Ich finde Aprakus Vision, Liebe als politische Praxis zu verstehen, die Verantwortung, Gelassenheit und Kreativität verlangt, inspirierend. Das Buch fordert auf, gesellschaftlichen Wandel im Privaten zu beginnen und Liebe als Werkzeug des Widerstands gegen Ungleichheit zu begreifen.

Fazit
"Kluft und Liebe" ist ein kraftvolles, kluges und berührendes Buch, das Liebe aus feministischer Perspektive neu denkt und praktische Wege aufzeigt, um Machtgefälle zu überwinden. Für alle, die Liebe verantwortungsvoll und emanzipatorisch leben wollen, ist dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Jede Seite eine Reise

Il mondo della Pasta
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Italienische Pasta in all ihren Formen, Geschichten und Geschmäckern – genau das feiert „Il mondo della Pasta“. Domenico Gentile, Kochbuchautor und Gründer des erfolgreichen Foodblogs „Cooking Italy“, ...

Italienische Pasta in all ihren Formen, Geschichten und Geschmäckern – genau das feiert „Il mondo della Pasta“. Domenico Gentile, Kochbuchautor und Gründer des erfolgreichen Foodblogs „Cooking Italy“, nimmt Leser:innen mit auf eine detailverliebte, kulinarische Entdeckungsreise durch Italiens Nudelwelt. Mit seinem tiefen Wissen über regionale Spezialitäten, authentische Zubereitung und die Menschen hinter der Pasta bringt er Italien Seite für Seite auf den Teller.

Meine Meinung
Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar über Lovelybooks erhalten – vielen Dank dafür – und war sofort begeistert von der Vielfalt und Sorgfalt, mit der dieses Werk gestaltet wurde. Domenico Gentile war mir vorher kein Begriff, doch seine Expertise, seine Leidenschaft und sein Blick für das große Ganze wie für die feinen Details haben mich sofort überzeugt.

Die Auswahl der über 80 Rezepte ist so abwechslungsreich, dass man sich kaum entscheiden kann, womit man anfangen soll. Besonders begeistert haben mich die Culurgiones d’Ogliastra, die ich bisher nur auf Sardinien gegessen habe – ein Gericht, das mich sofort an die Kärntner Kasnudel erinnert hat. Mezzelune di zucca stehen jetzt ganz oben auf meiner Nachkochliste, Maltagliati con fagioli liebe ich als Bohnengericht sowieso, und Pasta alla Norma ist für mich mit ihren frittierten Auberginen einfach unschlagbar. Die Fettuccine Alfredo und Spaghettini all’acqua di limone sind für mich pure Sommerfreude, während die Orecchiette con cime di rapa gerade in der vegetarischen Version perfekt für die kalte Jahreszeit sind. Trofie al pesto genovese? Immer ein Highlight. Cannelloni ricotta e spinaci sind mein Lieblingsgericht unter den gefüllten Pastasorten. Und obwohl ich kein großer Gorgonzola-Fan bin: In Kombination mit Gnocchi – wie in Gnocchi al gorgonzola e spinaci – ist das ein echter Traum. Besonders neugierig bin ich auch auf die Pasta-dolce-Rezepte, etwa die Sebadas. Mal sehen, ob ich mich da rantraue!

Was dieses Buch aber über die reine Rezeptesammlung hinaushebt, ist sein ganzheitlicher Ansatz: wunderschöne, authentische Bilder, spannende Hintergrundgeschichten, atmosphärische Eindrücke von Pasta-Festen, Besuchen bei Manufakturen und Begegnungen mit Menschen, die diese Kultur leben. Ich liebe diese Side-Stories – sie machen das Buch nicht nur informativ, sondern auch emotional greifbar.

Dazu kommt die fantastische Struktur: Schritt-für-Schritt-Fotos, verständliche Erklärungen zum Füllen, Formen und Zubereiten der Pasta – es wurde wirklich an alles gedacht. Das Buch ist nicht weniger als eine kulinarische Liebeserklärung und für mich DIE Pastabibel schlechthin. Ein kleines Verbesserungspotenzial sehe ich lediglich in zwei Punkten: Hinweise auf vegane Alternativen (z. B. bei Ragus) wären hilfreich, und eine geschlechtsneutrale Sprache würde das Werk noch inklusiver machen. Aber inhaltlich? Da kann man wirklich nicht mekern.

Fazit
"Il mondo della Pasta" ist mehr als ein Kochbuch – es ist ein sinnlicher Ausflug in Italiens Seele, voll von Inspiration, Leidenschaft und echtem kulinarischen Wissen. Für mich ein absolutes Highlight im Kochbuchregal – informativ, schön gestaltet und mit Rezepten, die man wirklich nachkochen will. Deshalb gibt es von mir 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Oxens nächstes starkes Kapitel

Oxen. Pilgrim
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In „Oxen. Pilgrim“ zieht sich Ex-Elitesoldat Niels Oxen nach grausamen Erlebnissen in den Katakomben auf eine Pilgerreise zurück – doch seine Ruhe währt nicht lange. Jens Henrik Jensen, 1963 in Søvind/Dänemark ...

In „Oxen. Pilgrim“ zieht sich Ex-Elitesoldat Niels Oxen nach grausamen Erlebnissen in den Katakomben auf eine Pilgerreise zurück – doch seine Ruhe währt nicht lange. Jens Henrik Jensen, 1963 in Søvind/Dänemark geboren, arbeitete 25 Jahre als Journalist, bevor er 2015 hauptberuflich zu schreiben begann. Mit seiner Serie um Oxen eroberte er die Top 5 der SPIEGEL-Bestsellerliste und gewann 2017 den Danish Crime Award.

Worum geht’s genau?

Niels Oxen hat unvorstellbares Leid überlebt: Gefangenschaft und brutale Kämpfe, in denen er zum ersten Mal tötete, um selbst zu überleben. Auf Pilgerreise sucht er Buße und Abstand von seinem ehemaligen Leben als Geheimdienstagent. Doch Axel Mossmann, sein früherer Vorgesetzter, bittet ihn um Unterstützung bei einem harmlos wirkenden Finanzauftrag in Panama. Gleichzeitig verstrickt sich Margarethe Franck, suspendierte PET-Agentin, in denselben Fall. Bald erkennen Oxen und Franck, dass ein Netz aus Verrat und Machtspielen viel größere Dimensionen hat – und mächtige Feinde sie beide ins Visier nehmen.

Meine Meinung

Als großer Fan der Oxen-Reihe hab ich mich riesig gefreut, auf den neuen Band „Pilgrim“ zu stoßen – und wurde nicht enttäuscht. Obwohl ich es iwie geschafft habe, den fünften Band der Reihe zu verpassen (shame on me), konnte ich problemlos anknüpfen. Die wichtigsten Hintergründe fließen organisch ein, ohne zu spoilern und ich war auch froh, auf alte Bekannte zu stoßen. Jensen liefert hier auf gewohnt hohem Niveau eine dichte, atmosphärisch starke Story mit Spannung bis zur letzten Seite. Oxens innerer Konflikt, seine Suche nach Sühne und die vielschichtigen Charaktere – allen voran die kluge und toughe Margarethe Franck – machten das Hörerlebnis zu einer emotionalen Achterbahnfahrt.

Einzig was die Wortwahl bzw. Darstellung von Frauen oder dem Thema Alter anbelangt, musste ich zwischendurch manchmal schlucken. Insgesamt aber kann ich einfach nicht anders, als den Autor zu diesem erneuten grandiosen Band zu gratulieren: Komplexe Verschwörungen, unvorhersehbare Wendungen und starke Figurenporträts lassen die knapp 14 Stunden Hörzeit im Nu vergehen. Dies ist nicht zuletzt der grandiosen Stimme von Dietmar Wunder zu verdanken, der auch schon die anderen Oxen-Bände eingesprochen hat.

Fazit

Mit „Oxen. Pilgrim“ schafft Jens Henrik Jensen erneut einen mitreißenden Thriller, der sowohl Serienfans als auch Neueinsteiger:innen fesselt. Die gelungene Kombination aus persönlichem Drama, politischer Intrige und packender Action verdient 5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 01.05.2025

Wo Literatur Heimat wird: Eine Hommage an Mascha Kaléko

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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„Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ von Sarah Lorenz ist ein zarter Roman über das Überleben nach Gewalterfahrungen, über die Kraft der Sprache und die Suche nach Geborgenheit. Sarah Lorenz ...

„Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ von Sarah Lorenz ist ein zarter Roman über das Überleben nach Gewalterfahrungen, über die Kraft der Sprache und die Suche nach Geborgenheit. Sarah Lorenz ist Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Therapeutin. In ihrer Arbeit verbindet sie literarische und psychologische Perspektiven und setzt sich für mehr Sichtbarkeit weiblicher Stimmen ein. Mit ihren Romanen schafft sie Räume, in denen Schmerz und Hoffnung nebeneinander existieren dürfen.

Worum geht's genau?

Die Protagonistin erzählt anhand literarischer Ausschnitte aus dem Leben & Schaffen ihrer liebsten Dichterin Mascha Kaléko von und aus ihrem eigenen Leben. Sie berichtet von psychischen Krisen, von Erfahrungen emotionaler und körperlicher Gewalt, von ihrer Liebe zur Literatur und von der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Zentrale Themen sind der Umgang mit Angst, die Heilung nach Traumata, der bewusste Verzicht auf Alkohol sowie die Bedeutung von Sprache als Überlebensmittel. Trotz aller Schwere bewahrt der Roman eine leise Hoffnung und ein tiefes Vertrauen in menschliche Verbindung.

Meine Meinung

Sarah Lorenz hat mit „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ ein Buch geschrieben, das unter die Haut geht. Und mich unerwartet getroffen hat, hab ich es doch eigentlich gar nicht auf dem Schirm gehabt und nur dank unseres Buchclubs gelesen - danke Resl für die tolle Auswahl <3! Das Buch ist trotz der schweren Themen leichtfüßig und man gleitet sanft durch die Seiten. Besonders eindrucksvoll war, wie die Autorin die Themen psychische Erkrankung und Pathologisierung behandelt: Immer wieder wird aufgezeigt, wie schnell besonders Frauen vorschnell psychiatrische Diagnosen erhalten und damit als "krank" abgestempelt werden, ohne dass ihr Leiden im gesellschaftlichen Kontext gesehen wird.

Sprache spielt eine zentrale Rolle: Sie wird zur Rettungsleine, zur Möglichkeit, sich selbst neu zu erschaffen. „Erst als ich die Worte dafür hatte, wurde ich frei.“ (S. 45) beschreibt sehr eindrücklich diesen Weg.

Auch die Darstellung emotionaler und körperlicher Gewalt ist präzise und ungeschönt, ohne ins Voyeuristische abzudriften. Lorenz zeigt, dass Gewalt oft subtil beginnt: „Es muss nicht immer ein Schlag sein, manchmal reicht ein Blick, der dir den Boden wegnimmt.“ (S. 89). Solche Momente sind es, die sich tief in die Psyche eingraben und schwer heilbare Wunden hinterlassen.

Die Entscheidung der Protagonistin, keinen Alkohol mehr zu trinken, wird ebenfalls stark thematisiert. Es geht nicht nur um Verzicht, sondern um den Wunsch, sich selbst wieder klar begegnen zu können. Lorenz schildert sehr glaubwürdig die gesellschaftliche Verharmlosung von Alkohol und den Mut, diesem Druck etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erfahrung von Angst und Selbstverletzung. Die Autorin beschreibt, wie schwer es ist, sich in einem verletzten Körper sicher zu fühlen – und wie mühsam der Weg zurück zu sich selbst sein kann. Besonders berührend sind die Stellen, an denen es um die Erfahrung von Geborgenheit geht – sei es in der Nähe eines geliebten Menschen oder in der Literatur.

Das Thema Tod und Sterben wird in dem Roman mit großer Sensibilität behandelt. Es geht nicht um religiöse Erlösung, sondern um einen tiefen inneren Frieden. Lorenz fragt danach, wie ein gutes Leben aussehen kann, wenn es so viel Schmerz gegeben hat – und findet poetische, aber nie kitschige Antworten darauf.

Die Liebe zur Literatur durchzieht das ganze Buch. Bücher bieten der Protagonistin einen Rückzugsort, eine Möglichkeit, die eigene Geschichte anders zu erzählen. Gleichzeitig kritisiert Lorenz die männliche Dominanz im Literaturkanon und setzt sich für eine größere Sichtbarkeit weiblicher Stimmen ein.

Nicht zuletzt berührt die Liebesgeschichte im Roman: eine leise, tiefe Beziehung, die nicht auf Idealisierung, sondern auf Respekt und echter Nähe basiert. Und schließlich der Brief an das eigene Ich – ein kraftvoller Abschluss, der Mut macht, sich selbst mit all seinen Narben liebevoll zu betrachten.

Fazit

„Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ ist ein poetisches und tief berührendes Buch mitten aus dem Leben - über Trauma, Heilung und die Kraft der Sprache. Sarah Lorenz gelingt es, große Themen mit feiner Sprache und großer Wärme zu erzählen. Für diese ehrliche Tiefe, die kluge Gesellschaftskritik und die leise Hoffnung vergebe ich 5 von 5 Sternen. Ein Jahreshighlight!

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Veröffentlicht am 21.04.2025

Emotional kaum auszuhalten, aber unverzichtbar.

Während die Welt schlief
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„Sie haben dich getötet und in ihren Schlagzeilen begraben, Mutter. Wie kann ich vergeben, Mutter? Wie kann Jenin vergessen? Wie kann man diese Last nur tragen? Wie kann man in einer Welt leben, die sich ...

„Sie haben dich getötet und in ihren Schlagzeilen begraben, Mutter. Wie kann ich vergeben, Mutter? Wie kann Jenin vergessen? Wie kann man diese Last nur tragen? Wie kann man in einer Welt leben, die sich schon so lange von derartiger Ungerechtigkeit abwendet? Ist das gemeint, wenn man davon spricht, ein Palästinenser zu sein, Mutter?“ (S. 317, eBook)
In ihrem Debütroman „Während die Welt schlief“ erzählt Susan Abulhawa die Geschichte von Amal, einer jungen Palästinenserin, deren Leben vom israelisch-palästinensischen Konflikt geprägt ist – von Kindheit an bis ins Erwachsenenalter.
Susan Abulhawa, geboren 1970 als Tochter palästinensischer Flüchtlinge, wuchs in mehreren Ländern auf und lebt heute in den USA. Ursprünglich in der Medizin tätig, fand sie schließlich über das Schreiben zur Literatur. Ihr erster Roman wurde unter dem Titel „The Scar of David“ 2006 veröffentlicht, bevor er international große Beachtung fand. Seit einer Reise nach Palästina im Jahr 2000 engagiert sie sich intensiv für die Rechte palästinensischer Kinder in besetzten Gebieten.

Worum geht's genau?

Die Geschichte beginnt in einem Flüchtlingslager in Jenin, wo Amal ihre Kindheit verbringt. Ihr Vater liest ihr frühmorgens Gedichte großer Autoren vor – kostbare Momente des Friedens in einer von Instabilität geprägten Umgebung. Nach einem tragischen Verlust wird Amal in ein Waisenhaus gebracht, von wo aus ihr Lebensweg sie später in die USA führt. Trotz des scheinbaren Neuanfangs bleibt sie durch ihre Herkunft, die politische Lage und familiäre Verstrickungen eng mit Palästina verbunden. Die Erzählung spannt sich über vier Generationen hinweg und zeichnet ein komplexes Bild von Vertreibung, Identitätsfindung, Trauma und Hoffnung.

Meine Meinung

„Während die Welt schlief“ war lange Teil meines SUB (Stapel ungelesener Bücher), doch anlässlich meiner Buchclub-Auswahl habe ich es endlich vom SUB befreit und gelesen. Es zählt definitiv zu den eindrücklichsten Büchern, die ich je gelesen habe.

Der Einstieg war sofort fesselnd und spannungsgeladen. Ein beklemmendes Gefühl, dass sich durch den ganzen Roman zieht. Es ist eines der emotional forderndsten Bücher, das mir je begegnet ist. Mehrmals musste ich beim Lesen innehalten und eine Pause einlegen. Ich wurde oftmals gleichzeitig von den verschiedensten Emotionen – Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit – überwältigt. Besonders erschütternd war die Erkenntnis, wie lange dieser Konflikt schon andauert und wie wenig die internationale Politik unternimmt.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie das Buch durch seine Sprache wirkt: Abulhawas Stil ist poetisch, teilweise blumig, aber nie kitschig. Er verleiht der Geschichte eine enorme emotionale Tiefe. Dabei bleibt sie inhaltlich konsequent herausfordernd. Ich bin selbst jemand, der sich bisher kaum mit dem Nahostkonflikt beschäftigt hat – dieses Buch hat das geändert. Es war mein Einstieg in das Thema und wird sicher nicht mein letzter Kontakt damit sein. Ein eindrückliches Zitat, das mir im Gedächtnis geblieben ist:

„Vierzig Generationen Geburten und Begräbnisse, Hochzeiten und Tänze, Gebete und verschrammte Knie. Vierzig Generationen Sünde und Nächstenliebe, Kochen, Spielen und Faulenzen, Freundschaft, Feindschaft und Pakte, Regen und körperliche Liebe. Vierzig Generationen mit den ihnen eingeprägten Erinnerungen, Geheimnissen und Skandalen. Alles fortgeschwemmt, weil ein anderes Volk sich berechtigt fühlte, ihren Platz einzunehmen […]“ (S. 40, eBook)
Der Perspektiv- und Szenenwechsel war nicht nur eine wohltuende Abwechslung sondern auch eine Bereicherung für die Geschichte, die sich über 4 Generationen zieht. Sie boten Einblicke in verschiedene Lebenswirklichkeiten und vertieften das Verständnis für die einzelnen Figuren. Gleichzeitig war es erschütternd, dass fast alle Charaktere, die mir während des Lesens ans Herz gewachsen sind, ihrem Schicksal erlagen.

Fazit

Ein erschütterndes, literarisch starkes Werk, das den Nahostkonflikt nicht nur historisch, sondern auch emotional greifbar macht. „Während die Welt schlief“ ist keine leichte Lektüre – aber eine notwendige. Für mich zählt es zu den wichtigsten Büchern, die ich je gelesen habe. Verdiente 5 von 5 Sternen.

„Die Wurzeln unserer Trauer sind so fest mit dem Verlust verbunden, dass der Tod für uns beinahe schon ein Familienmitglied ist, das uns nur froh stimmt, wenn wir ihm aus dem Weg gehen können.“ (S. 195, eBook)

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