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Veröffentlicht am 10.07.2025

Gretas Vergangenheit

Stay away from Gretchen
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Flucht und Vertreibung aus dem Osten, vermisster Vater, die Angst vor den russischen Soldaten, die Ankunft im Westen als unliebsame Flüchtlinge. Das alles hat die kleine Greta hinter sich gebracht, als ...

Flucht und Vertreibung aus dem Osten, vermisster Vater, die Angst vor den russischen Soldaten, die Ankunft im Westen als unliebsame Flüchtlinge. Das alles hat die kleine Greta hinter sich gebracht, als sie mit ihrer Familie in Heidelberg ankommt. Das ist auch in etwa das, was ihr Sohn Tom, berühmter und beliebter Nachrichtenmoderator im Fernsehen, von seiner mittlerweile hoch betagten Mutter weiß. Als Gretas Demenz immer stärker zu Tage tritt, kommt aber ein Teil ihrer Biografie ans Licht, von der Tom nicht die mindeste Ahnung hatte und dieser Teil hat mit Bob zu tun, einem Schwarzen Soldaten der US-Armee.

Sehr gut aufgebaute und spannende Unterhaltungsliteratur hat Susanne Abel hier geschrieben. Gegenwart und Vergangenheit werden im Wechsel erzählt. Einerseits von Tom, dem gestressten und teilweise unfreiwillig komischen Starmoderator, der nicht glauben kann, was die Recherchen seiner Kollegin über Gretas Vergangenheit an die Oberfläche fördern und andererseits von der Flucht- und Lebensgeschichte Gretas, einem sehr starken Charakter. In der Gegenwart immer noch mit viel Witz und Willenskraft gesegnet, geht der Protagonistin aber langsam die Erinnerung verloren.

Ich habe mich durch diesen Roman sehr gut unterhalten gefühlt, der alles mitbringt, um völlig in die Geschichte einzutauchen. Neben den gelungenen und glaubhaften Charakteren, dem angenehmen Schreibstil ist es natürlich auch das Thema, das zu fesseln vermag. Der Roman punktet mit guter Recherchearbeit und der Aufarbeitung eines bisher wenig bekannten Aspektes des jungen Nachkriegsdeutschlands, das Traumata auf beiden Seiten des Atlantik zurückließ.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Der Feuerwehrmann

Fahrenheit 451
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Auf der Basis seiner Novelle "The Fire Man" entstand dieser Klassiker der dystopischen Literatur. Guy Montag ist Feuerwehrmann, der mit seiner Einheit keine Feuer bekämpft, sondern Feuer legt. Alles Unliebsame ...

Auf der Basis seiner Novelle "The Fire Man" entstand dieser Klassiker der dystopischen Literatur. Guy Montag ist Feuerwehrmann, der mit seiner Einheit keine Feuer bekämpft, sondern Feuer legt. Alles Unliebsame wird verbrannt, vor allem Bücher. Bei einer Temperatur von 451 Fahrenheit fängt Bücherpapier Feuer und verbrennt. Bücher sind schon lange verboten - und viele andere Dinge auch. "... diese Art von Geselligkeit missfiel ihnen. Die Leute redeten zu viel, und sie hatten Zeit zum Nachdenken. So wurde die Veranda abgeschafft. Die Gärten übrigens auch. Es gibt nicht mehr viele Gärten, in denen man herumsitzen kann. Und dann die Möbel! Schaukelstühle gibt es nicht mehr. Die waren zu bequem." (S. 76)

Die Begegnung mit Clarisse und ihre Gedanken bringen Guy aus dem Tritt. Plötzlich beginn er seinen Job zu hinterfragen und noch vieles mehr. Bei einer Hausverbrennung schafft er ein Buch zur Seite, aber der Staat hat seine Augen überall.

In diesem Roman von 1953 nimmt Bradbury vieles vorweg, zum Beispiel die komplexe Berieselung und komplette Abhängigkeit durch das Fernsehen. Die Fernsehprogramme werden individuell auf den Zuschauer zugeschnitten, sprechen ihn mit Namen an und werden zur Ersatzfamilie. Auf nicht einmal 200 Seiten wird eine Zukunft aufgezeigt, die heute in Teilen Gegenwart ist. Bradbury zeigt aber auch, wie sich Risse in dieser Gesellschaft auftun, die durch Medienkonsum vom Denken abgehalten wird. Bücher sind die Staatsfeinde Nummer 1. Allerdings kommt die Betäubung der Massen von Innen; die Mediensucht, die Verdrängung alles Kritischen ist selbst gewählt.

Ein wirklich spannender und faszinierender Roman und eine bereichernde Lektüre.

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Eine bewegte Kindheit

Welten auseinander
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Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort ...

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort Groß-Einland arrangieren. Aber wo befindet sich dieser Ort, den Ruth nur vom Hörensagen kennt, gelegen irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark? Auf ihrer tagelangen Irrfahrt gelangt Ruth irgendwann in die Gastwirtschaft zur tausendjährigen Eiche und damit findet sie den ersten Anhaltspunkt. Groß-Einland entpuppt sich als geheimnisvoller Ort, den Ruth mehrere Jahre nicht verlassen wird, was wir schon auf Seite 11 erfahren. Der Ort gleicht einem Museumsdorf und steht wortwörtlich auf wackeligen Beinen, den unter ihm befindet sich das "Loch", das von allen Einwohnern konsequent ignoriert wird.

Was für eine Geschichte! Eine Naturwissenschaftlerin wird mit einem Naturphänomen konfrontiert und gleichzeitig wird alles in eine unglaublich phantasievolle, fantastische Geschichte verpackt, die letztlich die Vergangenheit anprangert. Mir hat das alles sehr gut gefallen. Die vielen sprachlichen Anspielungen: da ist ein "Raster verrutscht", da "hängt alles schief" und da werden "Leerstellen gestopft", das alles ist doppeldeutig und passt so gut. Gemeinsam mit der Protagonistin verliert man zudem den Bezug zu Zeit und Raum. Die Geschichte ist voller skurriler Figuren und es ist beeindruckend, mit welchem Gleichmut die wunderlichsten Dinge beschrieben und von diesen Figuren durchgeführt und akzeptiert werden. Für mich hält der Klappentext die Ankündigung eines "unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassenden" Textes absolut ein. Ein gelungener Debütroman, der es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises 2019 geschafft hat. Wer einmal einen "Heimatroman" der ganz anderen Art lesen möchte, sollte zugreifen.

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Das Loch

Das flüssige Land
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Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort ...

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort Groß-Einland arrangieren. Aber wo befindet sich dieser Ort, den Ruth nur vom Hörensagen kennt, gelegen irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark? Auf ihrer tagelangen Irrfahrt gelangt Ruth irgendwann in die Gastwirtschaft zur tausendjährigen Eiche und damit findet sie den ersten Anhaltspunkt. Groß-Einland entpuppt sich als geheimnisvoller Ort, den Ruth mehrere Jahre nicht verlassen wird, was wir schon auf Seite 11 erfahren. Der Ort gleicht einem Museumsdorf und steht wortwörtlich auf wackeligen Beinen, den unter ihm befindet sich das "Loch", das von allen Einwohnern konsequent ignoriert wird.

Was für eine Geschichte! Eine Naturwissenschaftlerin wird mit einem Naturphänomen konfrontiert und gleichzeitig wird alles in eine unglaublich phantasievolle, fantastische Geschichte verpackt, die letztlich die Vergangenheit anprangert. Mir hat das alles sehr gut gefallen. Die vielen sprachlichen Anspielungen: da ist ein "Raster verrutscht", da "hängt alles schief" und da werden "Leerstellen gestopft", das alles ist doppeldeutig und passt so gut. Gemeinsam mit der Protagonistin verliert man zudem den Bezug zu Zeit und Raum. Die Geschichte ist voller skurriler Figuren und es ist beeindruckend, mit welchem Gleichmut die wunderlichsten Dinge beschrieben und von diesen Figuren durchgeführt und akzeptiert werden. Für mich hält der Klappentext die Ankündigung eines "unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassenden" Textes absolut ein. Ein gelungener Debütroman, der es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises 2019 geschafft hat. Wer einmal einen "Heimatroman" der ganz anderen Art lesen möchte, sollte zugreifen.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Der Bücherliebhaber

Vati
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Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft ...

Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft zieht sich durch den gesamten Roman und ist zwischenzeitlich gar für einen versuchten Suizid verantwortlich. "Vati" verliert im Krieg ein Bein, abgefroren und lernt dann im Lazaret Grete kennen, die seine Frau und die Mutter von Monika und ihren Geschwistern wird. Josef wird Verwalter eines Kriegsopfererholungsheim in Tschengla, Vorarlberg. Hier verlebt die Familie glückliche Jahre. Dann brechen verschiedene Unglücke über die Familie herein und die Kinder werden getrennt und wohnen bei mehreren Verwandten.

Der Roman fügt sich wunderbar in den ersten Teil ein. Es gibt kleine Überschneidungen und man freut sich, Figuren wiederzutreffend und mehr von ihnen zu erfahren. Wie ein Puzzle ohne Rand weitet sich die Familiengeschichte aus. Ich habe den dritten Band (Löwenherz) als zweites gelesen, aber das hat sich nicht als Problem herausgestellt. Ich mag den Schreibstil von Monika Helfer sehr gern, der so - das Wort wurde schon oft bemüht - lebendig ist, dabei klar, direkt und auf das Wesentliche konzentriert, nahezu knapp. Liebevoll schaut sie auf die Mitglieder ihrer Familie, ganz deutlich liest man die Trauer, Dankbarkeit und auch die Verwunderung heraus. Mir gefällt, dass die Autorin als solche immer wieder aus dem Text hervortritt, ihre Leserschaft direkt anspricht. Ebenso bereichernd finde ich die Gespräche oder Telefonate mit ihren Verwandten, wenn es darum geht, sich gemeinsam zu erinnern und die Teile dann doch nicht richtig zusammen passen wollen. Wer kennt das nicht?

Wer Monika Helfer noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt tun. Für die Familientrilogie spreche ich eine unbedingte Leseempfehlung aus.

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