Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Star
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.05.2025

Eine bewegte Kindheit

Welten auseinander
0

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort ...

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort Groß-Einland arrangieren. Aber wo befindet sich dieser Ort, den Ruth nur vom Hörensagen kennt, gelegen irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark? Auf ihrer tagelangen Irrfahrt gelangt Ruth irgendwann in die Gastwirtschaft zur tausendjährigen Eiche und damit findet sie den ersten Anhaltspunkt. Groß-Einland entpuppt sich als geheimnisvoller Ort, den Ruth mehrere Jahre nicht verlassen wird, was wir schon auf Seite 11 erfahren. Der Ort gleicht einem Museumsdorf und steht wortwörtlich auf wackeligen Beinen, den unter ihm befindet sich das "Loch", das von allen Einwohnern konsequent ignoriert wird.

Was für eine Geschichte! Eine Naturwissenschaftlerin wird mit einem Naturphänomen konfrontiert und gleichzeitig wird alles in eine unglaublich phantasievolle, fantastische Geschichte verpackt, die letztlich die Vergangenheit anprangert. Mir hat das alles sehr gut gefallen. Die vielen sprachlichen Anspielungen: da ist ein "Raster verrutscht", da "hängt alles schief" und da werden "Leerstellen gestopft", das alles ist doppeldeutig und passt so gut. Gemeinsam mit der Protagonistin verliert man zudem den Bezug zu Zeit und Raum. Die Geschichte ist voller skurriler Figuren und es ist beeindruckend, mit welchem Gleichmut die wunderlichsten Dinge beschrieben und von diesen Figuren durchgeführt und akzeptiert werden. Für mich hält der Klappentext die Ankündigung eines "unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassenden" Textes absolut ein. Ein gelungener Debütroman, der es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises 2019 geschafft hat. Wer einmal einen "Heimatroman" der ganz anderen Art lesen möchte, sollte zugreifen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2025

Das Loch

Das flüssige Land
0

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort ...

Ruth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort Groß-Einland arrangieren. Aber wo befindet sich dieser Ort, den Ruth nur vom Hörensagen kennt, gelegen irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark? Auf ihrer tagelangen Irrfahrt gelangt Ruth irgendwann in die Gastwirtschaft zur tausendjährigen Eiche und damit findet sie den ersten Anhaltspunkt. Groß-Einland entpuppt sich als geheimnisvoller Ort, den Ruth mehrere Jahre nicht verlassen wird, was wir schon auf Seite 11 erfahren. Der Ort gleicht einem Museumsdorf und steht wortwörtlich auf wackeligen Beinen, den unter ihm befindet sich das "Loch", das von allen Einwohnern konsequent ignoriert wird.

Was für eine Geschichte! Eine Naturwissenschaftlerin wird mit einem Naturphänomen konfrontiert und gleichzeitig wird alles in eine unglaublich phantasievolle, fantastische Geschichte verpackt, die letztlich die Vergangenheit anprangert. Mir hat das alles sehr gut gefallen. Die vielen sprachlichen Anspielungen: da ist ein "Raster verrutscht", da "hängt alles schief" und da werden "Leerstellen gestopft", das alles ist doppeldeutig und passt so gut. Gemeinsam mit der Protagonistin verliert man zudem den Bezug zu Zeit und Raum. Die Geschichte ist voller skurriler Figuren und es ist beeindruckend, mit welchem Gleichmut die wunderlichsten Dinge beschrieben und von diesen Figuren durchgeführt und akzeptiert werden. Für mich hält der Klappentext die Ankündigung eines "unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassenden" Textes absolut ein. Ein gelungener Debütroman, der es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises 2019 geschafft hat. Wer einmal einen "Heimatroman" der ganz anderen Art lesen möchte, sollte zugreifen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.04.2025

Der Bücherliebhaber

Vati
0

Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft ...

Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft zieht sich durch den gesamten Roman und ist zwischenzeitlich gar für einen versuchten Suizid verantwortlich. "Vati" verliert im Krieg ein Bein, abgefroren und lernt dann im Lazaret Grete kennen, die seine Frau und die Mutter von Monika und ihren Geschwistern wird. Josef wird Verwalter eines Kriegsopfererholungsheim in Tschengla, Vorarlberg. Hier verlebt die Familie glückliche Jahre. Dann brechen verschiedene Unglücke über die Familie herein und die Kinder werden getrennt und wohnen bei mehreren Verwandten.

Der Roman fügt sich wunderbar in den ersten Teil ein. Es gibt kleine Überschneidungen und man freut sich, Figuren wiederzutreffend und mehr von ihnen zu erfahren. Wie ein Puzzle ohne Rand weitet sich die Familiengeschichte aus. Ich habe den dritten Band (Löwenherz) als zweites gelesen, aber das hat sich nicht als Problem herausgestellt. Ich mag den Schreibstil von Monika Helfer sehr gern, der so - das Wort wurde schon oft bemüht - lebendig ist, dabei klar, direkt und auf das Wesentliche konzentriert, nahezu knapp. Liebevoll schaut sie auf die Mitglieder ihrer Familie, ganz deutlich liest man die Trauer, Dankbarkeit und auch die Verwunderung heraus. Mir gefällt, dass die Autorin als solche immer wieder aus dem Text hervortritt, ihre Leserschaft direkt anspricht. Ebenso bereichernd finde ich die Gespräche oder Telefonate mit ihren Verwandten, wenn es darum geht, sich gemeinsam zu erinnern und die Teile dann doch nicht richtig zusammen passen wollen. Wer kennt das nicht?

Wer Monika Helfer noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt tun. Für die Familientrilogie spreche ich eine unbedingte Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2025

Der Weg ist das Ziel

Der Salzpfad
0

Wenn man mit 50 Jahren auf einmal alles verliert, das Haus, das Einkommen, die Sicherheit für die Zukunft, dann könnte man den Kopf in den Sand stecken. Die Waliserin Raynor Winn und ihr Mann Moth machen ...

Wenn man mit 50 Jahren auf einmal alles verliert, das Haus, das Einkommen, die Sicherheit für die Zukunft, dann könnte man den Kopf in den Sand stecken. Die Waliserin Raynor Winn und ihr Mann Moth machen jedoch genau das Gegenteil. Sie machen sich auf den Weg - und der ist über 1.000 Kilometer lang. Ohne Verpflichtungen und ohne Besitz machen sie sich mit dem, was in zwei Rucksäcke passt auf, um den South West Coast Path mit einem Zelt abzuwandern.

Ich wollte das Buch erst gar nicht lesen. Ich wollte keinem Selbstfindungstrip folgen und mir erklären lassen, wie man das Schicksal am Schlafittchen packt. Umso überraschte war ich dann, als ich die beiden voller Anteilnahme auf ihrer Wanderung begleitet habe. Die kleinen und größeren Abenteuer und Herausforderungen, die Rückschläge und erfreulichen Überraschungen haben mir sehr gefallen. Man erfährt viel über die Landschaft, die Geschichte und die Bewohner*innern dieses Landstrichs, aber auch über andere Wanderer auf dem Küstenpfad. Für jede Woche steht dem Ehepaar Winn die Summe von 48 Pfund staatlicher Unterstützung zur Verfügung. Ein Kraftakt, der mit großem Verzicht einhergeht. Während sich andere ihr Gepäck von Station zu Station bringen lassen und nachts in einem gemütlichen B+B ins weiche Bett fallen, fehlt den Winns selbst das Geld für die offiziellen Campingplätze. Was bleibt, ist manchmal pure Wildnis.

Ein Buch, das natürlich nachdenklich stimmt: Was und wie viel braucht man wirklich? Dennoch kann man ganz wunderbar in die Geschichte tauchen. Es gibt Fotos und eine Karte des Küstenpfades, die man immer wieder anschaut, um zu sehen, wie viel Strecke die beiden schon geschafft haben.

Einen Teil habe ich als Hörbuch gehört. Sehr emotional und voller Empathie gelesen von der Schauspielerin Jutta Speidel.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.04.2025

Erzählungen

Sommerhaus, später
0

Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und ...

Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und begleitet sie für eine kurze Zeit, für eine Episode. Und doch wird so viel darin erzählt, dass man sich ein Bild machen kann z.B. vom Leben des alten Mr. Tompson, der im Washington-Jefferson-Hotel sein trauriges Dasein fristet. Da ist der Taxifahrer Stein, der lange ohne festen Wohnsitz ein verfallenes altes Landhaus kauft und dessen Traum sich doch nicht erfüllt. Oder der sich im Sommer aufs Land zurückziehende Koberling, dem er selbst und seine kleine Familie genug sind und der sich von plötzlich einnistenden Bekannten belästigt fühlt - oder doch nicht?

Immer gibt es eine kleine Störung, etwas, das die Personen aus ihrem Rhythmus bringt, sei es ein Ereignis oder das Zusammentreffen mit einer anderen Person.

Ich habe die Erzählungen sehr gerne gelesen, weil sie so abwechslungsreich und so - wie soll ich sagen - fein abgestimmt sind. Zarte, oft unterdrückte Stimmungen werden eingefangen und immer bleibt Platz, um sich eigene Gedanken zu den Figuren und ihren Geschichten zu machen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere