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Veröffentlicht am 28.04.2025

Der Bücherliebhaber

Vati
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Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft ...

Den zweiten Teil ihrer autofiktionalen Familiengeschichte widmet Helfer ihrem Vater Josef. Ein wahrer Büchermensch, der Bücher lesen, sie aber auch, vielleicht noch mehr, besitzen wollte. Diese Bücherleidenschaft zieht sich durch den gesamten Roman und ist zwischenzeitlich gar für einen versuchten Suizid verantwortlich. "Vati" verliert im Krieg ein Bein, abgefroren und lernt dann im Lazaret Grete kennen, die seine Frau und die Mutter von Monika und ihren Geschwistern wird. Josef wird Verwalter eines Kriegsopfererholungsheim in Tschengla, Vorarlberg. Hier verlebt die Familie glückliche Jahre. Dann brechen verschiedene Unglücke über die Familie herein und die Kinder werden getrennt und wohnen bei mehreren Verwandten.

Der Roman fügt sich wunderbar in den ersten Teil ein. Es gibt kleine Überschneidungen und man freut sich, Figuren wiederzutreffend und mehr von ihnen zu erfahren. Wie ein Puzzle ohne Rand weitet sich die Familiengeschichte aus. Ich habe den dritten Band (Löwenherz) als zweites gelesen, aber das hat sich nicht als Problem herausgestellt. Ich mag den Schreibstil von Monika Helfer sehr gern, der so - das Wort wurde schon oft bemüht - lebendig ist, dabei klar, direkt und auf das Wesentliche konzentriert, nahezu knapp. Liebevoll schaut sie auf die Mitglieder ihrer Familie, ganz deutlich liest man die Trauer, Dankbarkeit und auch die Verwunderung heraus. Mir gefällt, dass die Autorin als solche immer wieder aus dem Text hervortritt, ihre Leserschaft direkt anspricht. Ebenso bereichernd finde ich die Gespräche oder Telefonate mit ihren Verwandten, wenn es darum geht, sich gemeinsam zu erinnern und die Teile dann doch nicht richtig zusammen passen wollen. Wer kennt das nicht?

Wer Monika Helfer noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt tun. Für die Familientrilogie spreche ich eine unbedingte Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Der Weg ist das Ziel

Der Salzpfad
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Wenn man mit 50 Jahren auf einmal alles verliert, das Haus, das Einkommen, die Sicherheit für die Zukunft, dann könnte man den Kopf in den Sand stecken. Die Waliserin Raynor Winn und ihr Mann Moth machen ...

Wenn man mit 50 Jahren auf einmal alles verliert, das Haus, das Einkommen, die Sicherheit für die Zukunft, dann könnte man den Kopf in den Sand stecken. Die Waliserin Raynor Winn und ihr Mann Moth machen jedoch genau das Gegenteil. Sie machen sich auf den Weg - und der ist über 1.000 Kilometer lang. Ohne Verpflichtungen und ohne Besitz machen sie sich mit dem, was in zwei Rucksäcke passt auf, um den South West Coast Path mit einem Zelt abzuwandern.

Ich wollte das Buch erst gar nicht lesen. Ich wollte keinem Selbstfindungstrip folgen und mir erklären lassen, wie man das Schicksal am Schlafittchen packt. Umso überraschte war ich dann, als ich die beiden voller Anteilnahme auf ihrer Wanderung begleitet habe. Die kleinen und größeren Abenteuer und Herausforderungen, die Rückschläge und erfreulichen Überraschungen haben mir sehr gefallen. Man erfährt viel über die Landschaft, die Geschichte und die Bewohner*innern dieses Landstrichs, aber auch über andere Wanderer auf dem Küstenpfad. Für jede Woche steht dem Ehepaar Winn die Summe von 48 Pfund staatlicher Unterstützung zur Verfügung. Ein Kraftakt, der mit großem Verzicht einhergeht. Während sich andere ihr Gepäck von Station zu Station bringen lassen und nachts in einem gemütlichen B+B ins weiche Bett fallen, fehlt den Winns selbst das Geld für die offiziellen Campingplätze. Was bleibt, ist manchmal pure Wildnis.

Ein Buch, das natürlich nachdenklich stimmt: Was und wie viel braucht man wirklich? Dennoch kann man ganz wunderbar in die Geschichte tauchen. Es gibt Fotos und eine Karte des Küstenpfades, die man immer wieder anschaut, um zu sehen, wie viel Strecke die beiden schon geschafft haben.

Einen Teil habe ich als Hörbuch gehört. Sehr emotional und voller Empathie gelesen von der Schauspielerin Jutta Speidel.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Erzählungen

Sommerhaus, später
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Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und ...

Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und begleitet sie für eine kurze Zeit, für eine Episode. Und doch wird so viel darin erzählt, dass man sich ein Bild machen kann z.B. vom Leben des alten Mr. Tompson, der im Washington-Jefferson-Hotel sein trauriges Dasein fristet. Da ist der Taxifahrer Stein, der lange ohne festen Wohnsitz ein verfallenes altes Landhaus kauft und dessen Traum sich doch nicht erfüllt. Oder der sich im Sommer aufs Land zurückziehende Koberling, dem er selbst und seine kleine Familie genug sind und der sich von plötzlich einnistenden Bekannten belästigt fühlt - oder doch nicht?

Immer gibt es eine kleine Störung, etwas, das die Personen aus ihrem Rhythmus bringt, sei es ein Ereignis oder das Zusammentreffen mit einer anderen Person.

Ich habe die Erzählungen sehr gerne gelesen, weil sie so abwechslungsreich und so - wie soll ich sagen - fein abgestimmt sind. Zarte, oft unterdrückte Stimmungen werden eingefangen und immer bleibt Platz, um sich eigene Gedanken zu den Figuren und ihren Geschichten zu machen.

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Geschichte im Mikrokosmos

Dunkelblum
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Dunkelblum ist eine österreichische Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn. Idyllisch gelegen, mit einem Schlossturm und einer entzückenden, verwinkelten Altstadt. Aber dieses kleine Städtchen hat eine Vergangenheit, ...

Dunkelblum ist eine österreichische Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn. Idyllisch gelegen, mit einem Schlossturm und einer entzückenden, verwinkelten Altstadt. Aber dieses kleine Städtchen hat eine Vergangenheit, die kollektiv unter den Teppich gekehrt wurde und dort seit Jahrzehnten plattgetreten wird. Das Jahr 1989 allerdings beginnt an diesem Teppich zu ziehen. Es wird unruhig im beschaulichen Dunkelblum, als ein Fremder kommt und Fragen stellt, die keiner hören und schon gar nicht beantworten will.

Dieser Mikrokosmos in Dunkelblum hat mich total für sich eingenommen und ich habe die Geschichte wahnsinnig gern gelesen bzw. gehört. Die Autorin entwirft eine interessante und kurzweilige Handlung, die von den Verstrickungen in der NS-Zeit bis in das Wendejahr 1989 reicht. Die zahlreichen, unglaublich lebendigen Charaktere zeigen eine Gemeinschaft, deren Mitglieder leiden, profitieren, terrorisieren, Schuld auf sich laden und vergessen. Freundschaften, Abhängigkeiten und Gewalt setzen Dynamiken in Gang, die einen ganzen Ort erfassen.

Eva Menasse hat hat einen Roman gegen das Vergessen und für das Erinnern geschrieben; Dunkelblum dient dabei als Stellvertreter. Ich finde dies ist großartig gelungen. Der Schrecken und das Grauen, die in den Zeilen stecken, werden durch den Dialekt einerseits entschärft, andererseits erscheinen sie dadurch noch ungeheuerlicher. Ich habe einen sehr großen Teil als Hörbuch gehört, von der Autorin selbst gelesen. Dies tut sie auf eine sehr ruhige, extrem angenehme Weise und vermittelt durch den Dialekt eine starke Atmosphäre.

Ich kann den Roman sehr empfehlen. Ein Ortsplan, ein umfangreiches Glossar mit Austriazismen und ein Figurenverzeichnis bereichern das Buch sehr.

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Mein treuer alter Gefährte

Adressat unbekannt
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Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden ...

Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden Sonntag zum Essen eingeladen. 1932 zieht die Familie Schluse zurück nach Deutschland, die Kinder sollen dort zur Schule gehen. Wir lernen die beiden Männer ab diesem Zeitpunkt kennen, durch Briefe, die sie sich über den Atlantik schicken. Innerhalb kürzester Zeit verändert sich der Ton zwischen den einst so engen Freunden drastisch.

Auf nur 63 Seiten mit 17 Briefen und einem Telegramm über einen Zeitraum von Mitte November 1932 bis Anfang März 1934 wird eine Geschichte erzählt, die zeigt, wie die um sich greifende NS-Gesinnung wirkte. "Du findest ein demokratisches Deutschland vor, ein Land mit einer tief verwurzelten Kultur, in dem der Geist einer wunderbaren politischen Freiheit aufzublühen beginnt." (S. 8) Diese Annahme findet Max bereits nach wenigen Briefen widerlegt. Wie sich die Geschichte bis zu ihrem überraschenden Schluss entwickelt, ist spannend und erschütternd zugleich zu lesen. Ein unglaublich treffender Titel, der noch besser zeigt, um was es hier geht, als der Originaltitel (Address unknown), den hier geht es um die Menschen hinter der Adresse.

Ein beeindruckendes Zeitdokument, denn die Erstveröffentlichung erschien 1938. Ein schmales Büchlein, das man sich als Schullektüre wünscht. Unbedingte Leseempfehlung.

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