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Veröffentlicht am 18.08.2025

Ein Leben zwischen Luxus und Menschlichkeit

Cartier. Der Glanz von Gold
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„Cartier – Der Glanz von Gold“ ist der zweite Band von Sophie Villards Familien- und Unternehmenssaga rund um die Cartiers. Auch wer den ersten Band, so wie ich, noch nicht gelesen hat, findet trotz allerlei ...

„Cartier – Der Glanz von Gold“ ist der zweite Band von Sophie Villards Familien- und Unternehmenssaga rund um die Cartiers. Auch wer den ersten Band, so wie ich, noch nicht gelesen hat, findet trotz allerlei Personen schnell in die Handlung.
Das Cover besticht mit seinen weißen und goldenen Farben mit schlichter Eleganz und passt damit wunderbar zu der Marke Cartier und dem Schmuck den Jeanne im Laufe des Romans entwirft. Der Buchtitel hebt sich in goldenen Glitterbuchstaben deutlich hervor.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges blicken die Cartiers voller Tatendrang in die Zukunft. Während seine jüngeren Brüder mit ihren Ehefrauen in die Filialen nach New York und London zurückkehren, erwecken Louis und seine langjährige Freundin, Vertraute und Designerin Jeanne die Pariser Filiale zu neuem Leben. Doch während das Geschäft in den wilden 20ern boomt, gibt es im Privatleben der Cartiers einige Unwegsamkeiten und vor allem Jeanne trifft es hart. Als dann die Weltwirtschaftskrise hereinbricht, bleibt auch das Geschäft der Cartiers nicht verschont.
Sophie Villards Saga eröffnet ihren Lesern einen interessanten Blick auf die Familie Cartier, sowie das Unternehmen und seine Stardesignerin. Historische Fakten werden mit fiktionalen Ideen angereichert und gelegentlich ein wenig angepasst. Dieser zweite Band der Saga beginnt mit dem Ende des Ersten Weltkrieges am 11. November 1918 in Paris und endet mitten im Zweiten Weltkrieg im Frühjahr 1942 in New York und umfasst damit einen ziemlich langen Zeitraum. Sophie Villard erzählt die Geschichte auf mehreren Handlungsebenen an den verschiedenen Orten und mit Blick auf die verschiedenen Personen. Der Roman lässt sich sehr flüssig lesen und bietet mit einigen überraschenden Wendungen, dem teils ungewissen Ausgang und den vielen Erzählsträngen durchaus Spannungspotenzial – vor allem für diejenigen Leser, die mit der Unternehmensgeschichte weniger vertraut sind. Etwas bedauerlich ist meiner Meinung nach nur, dass der Prolog schon recht viel vom Ausgang der Saga vorwegnimmt. Während der Lektüre trifft man auf viele berühmte, historische Persönlichkeiten, allen voran aber auf einige starke Frauen, die teils ehrgeizig und karriereorientiert sind und für ihre Rechte oder ihre Familie bereit sind zu kämpfen.
Insbesondere Pierre Cartiers Frau Elma hat einiges zu tun ihren Gatten von unüberlegten Handlungen abzuhalten. Ihre souveräne und gewitzte Art macht sie zu einer Sympathiefigur. Ebenso wie die Londoner Cartier Verkäuferin Miss Winter, die sich gemeinsam mit einer Kollegin der Konkurrenz für Frauenrechte einsetzt. Auch Coco Chanel und die ungarische Gräfin Jacquelin Almásy wissen genau, was sie wollen und verfolgen ehrgeizig ihre Ziele. Im Mittelpunkt des Buches stehen aber zweifelsfrei Louis Cartier und Jeanne Toussaint. Louis ist der älteste der drei Cartier Brüder und trägt auch als kreativer Kopf zuverlässig und souverän die größte Verantwortung. Das Verhältnis zu seiner erwachsenen Tochter ist schwierig, das zu seiner Ex-Frau noch schwieriger. Mit Jeanne hat er seit Jahren eine Vertraute und Geliebte an seiner Seite. Das Verlangen, das er plötzlich für die junge Gräfin Almásy entwickelt und sein Wunsch aus den bekannten Strukturen auszubrechen, wirkt beinahe wie eine Midlife-Crisis. Seine Gefühle sind Louis kaum vorzuwerfen, seine Rücksichtslosigkeit und Hinhaltetaktik mit der er beide Frauen im Unklaren lässt, machen ihn mir aber im Verlauf des Buches herzlich unsympathisch. Jeanne, die in ihrem Beruf sowohl kreativ als auch rational wirkt, erscheint in Bezug auf ihre große Liebe Louis mitunter verblendet und naiv, erhofft sie doch seit geraumer Zeit einen Heiratsantrag. Mit ihrem erbitterten beruflichen Gegner Moreau hat Jeanne es auch nicht leicht, ist dem Unternehmen Cartier aber mit allergrößter Loyalität und Passion ergeben. Immer wieder ist sie es, die rettende Ideen und Entwürfe hervorbringt. Auf eine angemessenen Anerkennung ihrer Tätigkeit wartet Jeanne jedoch lange. In den schweren Zeiten stehen ihre Freunde, allen voran Coco Chanel ihr stets zur Seite.
Alles in allem bietet der zweite Teil der Familiensaga einen gelungenen Einblick hinter die Kulissen der Luxusmarke Cartier – spannend und mit Spannungen. Für alle Luxusliebhaber und an der Entwicklung von Familienunternehmen Interessierte ein unbedingtes must-read und auch Freunde historischer Romane kommen hier voll auf ihre Kosten.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Manchmal braucht es einen Perspektivwechsel

A Taste of Cornwall: Eine Prise Liebe
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„A Taste of Cornwall – Eine Prise Liebe“ ist der behagliche Auftaktsroman zu Katharina Herzogs neuer Cornwall-Reihe: Für die erfolgreiche Londoner Restaurantkritikerin Sophie folgt plötzlich eine Katastrophe ...

„A Taste of Cornwall – Eine Prise Liebe“ ist der behagliche Auftaktsroman zu Katharina Herzogs neuer Cornwall-Reihe: Für die erfolgreiche Londoner Restaurantkritikerin Sophie folgt plötzlich eine Katastrophe auf die nächste. Erst zieht ihre lebenslustige Mutter bei ihr ein, dann findet sie sich nach einer desaströsen Restaurantkritik mitten in einem medialen Shitstorm wieder, wird schließlich auch noch nach Port Haven „strafversetzt“ mit dem Auftrag das heruntergekommene Pub Smuggler’s Inn in ein Spitzenrestaurant zu verwandeln und ganz nebenbei lässt die pubertäre Tochter auch noch ihre chronisch schlechte Laune an ihr aus. Einzig Koch Lennox unterstützt Sophie im Umgang mit dem exzentrischen Personal und den verschrobenen Dorfbewohnern Port Havens.
Das hübsche Cover mit der außergewöhnlichen Teekanne auf blauem Hintergrund regt unmittelbar zum Schmunzeln an und deutet treffsicher auf das hin, was den Leser hier erwartet – ein unterhaltsamer Wohlfühlroman mit viel Cornwallflair, erfrischenden Charakteren und einer großen Prise Liebe.
Durch Katharina Herzogs bildlichen und atmosphärischen Schreibstil fühle ich mich beinahe nach Port Haven versetzt und kann den heruntergekommenen Pub quasi vor mir sehen. Auch die Figuren werden mit ihren verschiedenen Charakterzügen wunderbar dargestellt und sind teilweise sehr vielschichtig angelegt. In den insgesamt 360 Seiten, die sich locker-leicht runterlesen, werden so einige Themen angeschnitten: angefangen bei der Macht der Medien und vor allem Social Media, über Eltern-Kind-Beziehungen, Vorurteile, Neubeginn, Großstadt vs. Fischerdorf und natürlich die Liebe. Sehr eindrücklich sind mitunter auch die Gedanken und Gefühle beschrieben – allen voran bei Protagonistin Sophie, aber auch bei Lennox und dem geheimniskrämerischen Model Annabelle, um die sich der zweite Band der Cornwall-Reihe dreht. Kleine Spannungsspitzen hat der Roman durchaus zu bieten, schließlich tritt Sophie mehr als einmal ins Fettnäpfchen. Doch genretypisch und in Erwartung eines Happy-End bleibt das Spannungsniveau überschaubar.
Die Charaktere haben allesamt ihre Eigenheiten und sind teils liebenswert schrullig. Sophies exzentrische Mutter Tanya, die auf Feng-Shui, pflanzliche Behandlungsmethoden und ihren eigenwilligen Kater Thomas behütet, schenkt dem Roman so frische und amüsante Momente. Tochter Riley ist ein typisch mürrischer Teenager und von dem Umzug in die Einöde, in der es ihr schwerfällt Fuß zu fassen, alles andere als begeistert. Doch in ihrer großen Tierliebe und ihrer Hilfsbereitschaft, wenn es darauf ankommt, zeigt sich ihr gutes Herz. Sehr rätselhaft tritt Model Annabelle in Erscheinung, die kurz nach ihrer Restauranteröffnung und Sophies fataler Kritik von der Bildfläche der Öffentlichkeit in eine Privatklinik verschwindet. Sie erscheint jedoch weit weniger oberflächlich als es das gängige Klischee über die Glanz- und Glamourbranche vermuten lässt. Ich bin sehr gespannt, welche Geheimnisse sich im zweiten Teil offenbaren. Der gutmütige Koch Lennox meint es offensichtlich gut mit Sophie und ist bereit zu vermitteln. Zwischen den beiden ist weit mehr als nur ein Knistern auszumachen. Doch auch ihn verfolgen die Dämonen seiner Vergangenheit und die Sorge, ob Sophie Port Haven nicht bald wieder den Rücken kehrt. Sophie selbst ist in meinen Augen vor allem zu Beginn nicht uneingeschränkt sympathisch, was sie meiner Meinung nach nur authentischer macht. In London ist sie eine perfektionistische Karrierefrau, wie sie im Buche steht, die unter dem Shitstorm in den Sozialen Medien leidet und es braucht für sie einen Neubeginn in Port Haven um die wahren Werte in ihrem Leben zu erkennen und über alte Trauma hinwegzufinden. Zwar ist ihr Ehrgeiz auch hier ungebrochen, doch ihr Fokus und ihre Erkenntnisse verändern sich nach und nach immens und dann ist da auch noch Lennox, für den sie weit mehr als nur Freundschaft empfindet. Doch die Chance mit neuer Jobperspektive zurück nach London zu gehen lockt und ist allgegenwärtig.
Ein überaus gelungener Wohlfühlroman, der zwar nicht durch großen Tiefgang, dafür aber mit unheimlich liebenswert verschrobenen Charakteren, ganz viel Atmosphäre und jede Menge Liebe besticht – ein absolut lesenswerter Sommerroman mit viel Cornwallfeeling für eine wundervolle Auszeit vom Alltag.

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  • Cover
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Veröffentlicht am 06.07.2025

Verlockende Gaumenfreuden und ganz viel Liebe

Zweite Chancen à la carte
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Der Liebesroman „Zweite Chancen á la carte“ von Sophie Beaumont entführt seine Leser in die französische Küche. Das Cover ist hübsch, wenngleich etwas unscheinbar, und deutet auf die kulinarischen Highlights ...

Der Liebesroman „Zweite Chancen á la carte“ von Sophie Beaumont entführt seine Leser in die französische Küche. Das Cover ist hübsch, wenngleich etwas unscheinbar, und deutet auf die kulinarischen Highlights im schönen Paris hin.
In der Pariser Kochschule Morel kreuzen sich die Lebenswege der drei ungleichen Protagonistinnen. Alle drei stehen an einem Wendepunkt in ihrem Leben, beruflich wie privat. Während die Frauen sich Stück für Stück neu orientieren, eröffnet sich ihnen auch in der Liebe eine zweite Chance. Bleibt die Frage, ob das Trio ihre Chancen auch nutzt.
Sophie Beaumont beweist in ihrem Roman eine außerordentliche atmosphärische Dichte, sodass ich mich beim Lesen regelrecht nach Paris versetzt gefühlt habe. Ebenso anschaulich beschreibt sie die Speisen und Gerichte im Verlauf des Romans. Teilweise kann einem hier schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Kochbegeisterte Leser werden hier möglicherweise ein paar Rezepte vermissen. Was der Handlung meiner Meinung nach ein wenig fehlt ist die Spannung. Zwar kommt es immer wieder zu Angriffen auf Sylvies Kochschule, doch diese wirken ebenso wie darauffolgende Detektivarbeit in meinen Augen ein wenig konstruiert. In Sachen Liebe gibt es auf den knapp 350 Seiten aber natürlich auch einige Hindernisse und Missverständnisse zu bewältigen. Und genretypisch erwartet man auch eher einen überschaubaren Spannungsbogen.
Die Autorin wählt drei Frauen unterschiedlichen Alters und mit sehr verschiedenen Lebensstilen als Protagonistinnen aus. Dadurch ermöglicht sie ihren Lesern einen vergleichsweise individuellen Zugang zu ihrem Roman. Persönlich hätte mir gewünscht, dass die drei Handlungsstränge, die über weite Teile des Buches eher nebeneinander herlaufen, noch stärker miteinander verknüpft werden. Trotzdem bieten alle drei Figuren interessante Geschichten. Die australische Künstlerin Gabi ist die jüngste der drei Damen. Sie steckt mitten in einer Schaffenskrise, zweifelt an ihren Fähigkeiten und sucht Ablenkung von ihren Problemen. Eingestehen möchte sie das vor anderen allerdings auf keinen Fall. Sie nimmt selten ein Blatt vor den Mund – außer wenn es um sie persönlich geht - und nutzt diesen Charakterzug auch um ihre eigenen Unsicherheiten zu überspielen. Zwischen ihr und dem Käsehändler Max knistert es vom ersten Augenblick an. Die Funken fliegen rasant, doch was hält Max‘ altehrwürdige Familie von Gabi? Sylvie ist die älteste im Trio. Die sympathische Mutter eines erwachsenen Sohns ist Inhaberin der Kochschule. Ihre Beziehung mit dem egozentrischen Claude macht sie zunehmend unglücklich und die böswilligen Angriffe auf ihre Kochschule bringen sie fast zur Verzweiflung. Gut, dass ihr liebenswerter Nachbar und bester Freund Serge immer ein offenes Ohr für sie hat. Auch zu ihrem Sohn Julien, der aktuell in Australien weilt, hat Sylvie ein absolut vertrauensvolles und lockeres Verhältnis. Zeitweise habe ich beim Lesen ein wenig über ihre mütterliche Lockerheit gewundert mit der sie alle Bedenken beiseite wischt und uneingeschränkt positiv reagiert. Die frischgeschiedene Kate ist die bodenständigste der drei Frauen. Sie erholt sich in Paris zusehends von den Demütigungen ihres Ex-Mannes. Ihr offener aber taktvoller Umgang mit ihren Mitmenschen macht sie zu einer echten Sympathieträgerin. Obwohl sie sich von dem attraktiven Arnaud und seine Hündin Nina sofort angezogen fühlt, beschließt Kate nichts zu überstürzen und alles weitere dem Zufall zu überlassen. Kate ist für mich die authentischste und angenehmste Protagonistin des Romans.
Insgesamt besticht der Roman vor allem mit seinen lebhaften und eindrücklichen Schilderungen der Pariser Atmosphäre und der kulinarischen Genüsse. Drei interessante Frauen, die ihrem Leben eine neue Wendung geben, sorgen für eine unterhaltsam-lockere Lesezeit.

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Veröffentlicht am 03.05.2025

Herausfordernder Weg zweier Frauen in Montmartre

Montmartre - Licht und Schatten
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„Montmartre – Licht und Schatten“ ist der Auftakt zu Marie Lacrosses Montmartre-Dilogie. Zwei Frauen, die am gleichen Tag in Montmartre geboren sind, aber aus äußerst gegensätzlichen sozialen Schichten ...

„Montmartre – Licht und Schatten“ ist der Auftakt zu Marie Lacrosses Montmartre-Dilogie. Zwei Frauen, die am gleichen Tag in Montmartre geboren sind, aber aus äußerst gegensätzlichen sozialen Schichten stammen, streben nach der Erfüllung ihrer Träume. Während dies für die aus einer wohlhabenden Familie stammende Valerie bedeutet, sich als Malerin einen Namen in der Kunstwelt zu machen, möchte Elise als Tänzerin berühmt werden und nicht mehr ständig von der Hand in den Mund leben müssen. Im Kampf für ihre Träume kommt es für beide Frauen zu ungeahnten Herausforderungen, auch in Sachen Liebe. Ob sie ihre Ziele trotz aller Hindernisse verfolgen können?
Das Cover ist hübsch gestaltet und zeigt in der Mitte das Bild einer eleganten jungen Frau an einem hübschen, historischen Café in Montmartre, dort wo die Bohème im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm.
Marie Lacrosse schildert sehr eindrücklich und meist ausgesprochen atmosphärisch dicht, wie sich das Leben im damals jüngsten Pariser Arrondissement (Butte-)Montmartre für die unterschiedlichen sozialen Schichten abgespielt haben könnte. Insbesondere die Herausforderungen, die sich hier für zielstrebige junge Frauen zum Ende des 19. Jahrhunderts ergeben, lassen sich absolut nachempfinden. Dass sie sich auf viele historische Quellen und Fakten stützt, kommt der Authentizität des Romans in hohem Maß zugute. Obwohl Marie Lacrosse einen sehr angenehmen Schreibstil beweist und der Roman sich größtenteils sehr flüssig und ausnehmend interessant lesen lässt, wirken einige Schilderungen in meinen Augen ein wenig langatmig. Zumal der Roman aufgrund seines Umfang und Gewichts auch weniger angenehm in der Hand liegt. Aber für ein gutes Buch – und das ist „Montmartre“ definitiv – nehme ich dies natürlich gern in Kauf.
Durch die hohe Authentizität ist auch das Spannungsniveau durchaus gehoben. Kaum glaubt man als Leser, dass nun endlich ein wenig Ruhe für eine der beiden Frauen eingekehrt, folgt oft prompt der nächste Schicksalsschlag. Der strahlende Glanz des Künstlerviertels verschleiert kaum die erschütternde Gnadenlosigkeit und Grausamkeit, der viele Bewohner Montmartres Tag für Tag ausgesetzt sind – allen voran weibliche.
Neben den beiden fiktionalen Protagonistinnen und ihren Familien sind auch eine große Anzahl historischer Personen im Roman vertreten. Die vielen historischen Fakten werden bei Ungereimtheiten oder Leerstellen in der Biographie dieser Personen mit Fiktion gefüllt, angepasst und um die Bekanntschaft mit den beiden Protagonistinnen bereichert. Die große Anzahl der Charaktere ist durchaus eine Herausforderung beim Lesen, sodass ich dankbar auf das Personenverzeichnis am Anfang des Romans zurückgegriffen habe.
Elise kommt unter ärmlichsten Bedingungen zur Welt, das Geld für das Allernötigste wird vom Vater versoffen und nur durch die Unterstützung ihrer Ziehoma Marianne und Vernunft und Pflichtbewusstheit ihrer Mutter können Elise und ihre ein Jahr jüngere Schwester Simone überhaupt überleben. Schon als Kind muss sie hart arbeiten, um etwas zu essen im Bauch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Obwohl Elise ähnlich vernünftig und pflichtbewusst ist wie ihre Mutter, wird sie von ihrer Freundin Louise immer wieder in unschickliche oder gar gefährliche Situationen hineingezogen. Nach und nach erweitert sich dadurch jedoch auch Elises Horizont und sie findet besser bezahlte Arbeiten, als jene in der Wäscherei. Unterstützt wird sie dabei sowohl von ihrer Familie als auch vom liebenswerten Andre, der für Elise zunächst Beschützer und starke Schulter zum Anlehnen und später ihr Verlobter ist. Doch im Lauf ihrer eigenen Veränderung, verändert sich auch Elises Verhältnis zu Andre. Als sie es ist, die mit ihrem Geld die Familie ernährt und als Tänzerin erfolgreich ist, scheint Andre in seiner männlichen Ehre gekränkt und leidet darunter selbst nicht mehr beitragen zu können. Immer öfter kommt es dadurch zu Missstimmungen zwischen dem Paar.
Louise Weber alias La Goulue ist eine historische Figur und erhält in Elise eine fiktionale Freundin. Die beiden Kinder arbeiten zusammen mit ihren Müttern in der Wäscherei. Doch im Gegensatz zu Elise ist Louise schon in jungen Jahren ziemlich egoistisch und verschlagen und überschreitet ständig Grenzen. Bei ihren Mitmenschen kommt die schamlose Louise allerdings gut an, macht sich als Tänzerin einen Namen und hat bald keinerlei Geldsorgen mehr.
Valerie hingegen wächst behütet auf. Zum Missfallen ihrer religiös fanatischen Mutter interessiert sie sich sehr für das weltliche Geschehen und vor allem die Malerei. Obwohl der Vater sie weitgehend in ihrer Malerei unterstützt, hat Valerie auch vor ihm Geheimnisse. Es braucht ihre ganze List, um Malerei studieren zu dürfen und sich Freiräume zu erkämpfen. Als die Schere zwischen ihren eigenen Interessen und denen ihrer Familie immer größer wird, muss sie eine folgenschwere Entscheidung treffen.
Zwar kennen sich beide Protagonistinnen und haben gemeinsame Bekannte, mir fehlt jedoch in diesem ersten Teil noch ein größerer Zusammenhang, der die Schicksale beider Frauen miteinander verbindet. Vielleicht folgt dies im zweiten Band, wenn es u. a. im Moulin Rouge weitergeht und sich die vielen losen Enden vermutlich noch zusammenfügen.
Insgesamt lädt der Roman dazu ein ins Montmartre des 19. Jahrhunderts einzutauchen – mit allen Facetten – und schildert dabei auf ergreifende und tiefgängige Art die Schicksale zweier junger Frauen, die für ihre Träume einiges riskieren. In meinen Augen ein gelungener Mix aus Fakten und Fiktion - sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 19.04.2025

Seelenverwandtschaft und die Macht der ersten Liebe

Verliebt in Stockholm
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In dem Stand-alone-Liebesroman „Verliebt in Stockholm“ von Anna Lönnqvist kreuzen sich in Schwedens Hauptstadt nach 14 Jahren völliger Funkstille unvorhergesehen die Wege von Mira und William. Damals hat ...

In dem Stand-alone-Liebesroman „Verliebt in Stockholm“ von Anna Lönnqvist kreuzen sich in Schwedens Hauptstadt nach 14 Jahren völliger Funkstille unvorhergesehen die Wege von Mira und William. Damals hat ihre jugendliche Liebe nach einem fatalen Ereignis ein ebenso jähes Ende gefunden wie auch ihre Zukunftspläne. Trotz der Geschehnisse und ihrer traumatischen Jugend haben Mira und William sich unabhängig voneinander zielstrebig ein neues Leben in Stockholm aufgebaut. Doch plötzlich bringt eine Schulterverletzung Miras hoffnungsvolle Karriere als Violinistin in Gefahr, ihre Beziehung mit dem Stargeiger Alessandro bleibt eher oberflächlich und die mehrfachen und unerwünschten Begegnungen mit William bringen sie durcheinander und fördern verdrängte Gefühle an die Oberfläche.
Das stilisierte Cover zeichnet ein angenehm harmonisches Bild von der schwedischen Hauptstadt mit den beiden Protagonisten im Vordergrund und ruft ein behagliches Gefühl in mir hervor.
Anna Lönnqvist beweist einen angenehm leicht zu lesenden Schreibstil. Zwar kommt die Handlung zu Beginn ein wenig schleppend in Fahrt, nach wenigen kurzen Kapiteln ändert sich dies jedoch und die Geschichte gewinnt an Brisanz. Durch die Erzählperspektive in Ich-Form lassen sich Miras intensiv dargestellten Gefühle und Gedanken gut nachfühlen. Die Handlung verläuft dabei in zwei Zeitsträngen: der Vergangenheit vierzehn Jahre zuvor im nordschwedischen Lulea und der Gegenwart in Stockholm. In Anbetracht des Genres ist es nicht schwer den Ausgang des Romans zu erraten, aber ehrlich gesagt wäre ich vermutlich auch enttäuscht, wenn ich mich für einen solchen Roman entscheide und etwas anderes als ein Happy End bekomme. Der Weg dorthin ist für die beiden Protagonisten allerdings durchaus steinig und gepflastert mit Sorgen, Schuldgefühlen, häuslicher Gewalt, Traumata und vor allem Einsamkeit. All das sorgt im Zusammenspiel mit den Sprüngen in der erzählten Zeit für Spannung, zumal der Leser lange rätseln darf, welches Ereignis in der Vergangenheit zu einem solchen Bruch geführt hat.
Interessant sind auch die beiden Protagonisten. Beide mussten sich von ihren ursprünglichen Zukunftsplänen überraschend verabschieden und haben auf verschiedene Arten ihr Leben umgekrempelt. Trotzdem bleibt die charakterliche Wandlung bei beiden deutlich hinter meiner Erwartung zurück. Denn obgleich beide sich ein vernünftiges Leben eingerichtet haben und sich von ihrem familiären Druck befreit haben, bleiben doch Unsicherheit, Schuldgefühle zurück. Vor allem aber haben beide noch immer Schwierigkeiten sich anderen gegenüber zu öffnen und anzuvertrauen und leiden unter einem allgegenwärtigen Gefühl von Einsamkeit. Bei Mira bricht dies umso mehr hervor, als sie es nicht mehr mit dem Geigenspiel kompensieren kann. Der Roman zeigt eindrucksvoll wie leicht Probleme und vor allem Missverständnisse sich durch offene Worte aus der Welt schaffen lassen oder eben durch verschweigen Einfluss auf den Lebensweg nehmen. Die Romantik kommt dabei natürlich trotzdem nicht zu kurz.
Insgesamt ein kurzweiliger Roman, der vor allem in der vergangenen Erzählzeit schwerwiegende Themen anschneidet, diese aber mit der Gegenwart aussöhnt und ein wohliges Lesegefühl hinterlässt.

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