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Veröffentlicht am 09.06.2025

Sucht, Demenz und Lügen von einer schöneren Welt

Der Kaiser der Freude
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Poetisch und intensiv ist Ocean Vuongs Außenseiter-Roman "Der Kaiser der Freude", gleichzeitig zutiefst menschlich. Sein Protagonist ist Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, pillensüchtig und lebensüberdrüssig. ...

Poetisch und intensiv ist Ocean Vuongs Außenseiter-Roman "Der Kaiser der Freude", gleichzeitig zutiefst menschlich. Sein Protagonist ist Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, pillensüchtig und lebensüberdrüssig. Für seine Mutter, die in einem Nagelstudio schuftet, hat er, nachdem er bereits das College abgebrochen hat, eine schöne Lüge erfunden: Er sei zum Medizinstudium in Boston zugelassen. Statt dessen begibt er sich in freiwilligen Entzug - und wird gleich am Tag seiner Entlassung wieder rückfällig.

Als er von einer Brücke in den Fluss springen will, bringt ihn eine alte Frau am Ufer von seinem Vorhaben ab: Grazina, 82 Jahre alt, aus Litauen und dement. Hai zieht bei ihr ein, übernimmt Pflege und Medikamentenversorgung der alten Frau, die nachts immer wieder von den Schrecken ihrer Jugend im Zweiten Weltkrieg eingeholt wird. Hai schlüpft in die Rolle des amerikanischen "Sergeant Pepper", um sie durch ihre Alpträume zu bringen.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, findet Hai einen Job in einem Fast Food Restaurant, in dem bereits sein jüngerer, autistischer Cousin Sony arbeitet. Hier findet er eine kleine Schicksalsgemeinschaft von Kolleginnen und Kollegen vor, die gerade mal Mindestlohn verdienen, ein prekäres Leben mit Träumen von einer besseren Zukunft haben. Sony, der sich geradezu fanatisch für die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs interessiert, idealisiert seinen abwesenden Vater und versucht, die Kaution für seine im Gefängnis sitzende Mutter zu verdienen.

Obwohl er ständig high mit Tabletten ist, übernimmt Hai Verantwortung für Grazina und Sony, versucht sie durch ihre jeweiligen Phantasiewelten zu steuern und spielt seiner Mutter am Telefon den erfolgreichen Studenten vor, der für die Aufstiegshoffnungen der Einwandererfamilie steht.

Die Belegschaft des Fast food-Diners wird ebenso zur dysfunktionalen Ersatzfamilie für Hai wie Grazina. Über ethnische Grenzen, Herkunft und Alter hinweg bilden die Underdogs eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht und deren wirtschaftliche Existenz konstant bedroht ist.

Vuong hat viel Stoff und ganz unterschiedliche Themen in seinen Roman gesteckt, manches wird nur angedeutet, wie die Gefühle, die der queere Hai für einen seiner Kollegen entwickelt, aber nie auslebt. Eine gewisse Hoffnungslosigkeit zieht sich durch das Buch, um so wichtiger sind die Lügen von einer schöneren Welt, in die sich nicht nur Hai flüchtet. Der Autor überzeugt mit einer lyrischen Sprache, die so gar nicht zu den rauen Lebensbedingungen seiner Figuren passen will und dennoch nicht unpassend wirkt.

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Veröffentlicht am 06.06.2025

Heimliche Sehnsüchte im Arbeiterkino

Cinema Love
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Die einen suchen nur Lust und Begehren, die anderen träumen von Liebe, doch gemeinsam ist ihnen ein Leben voller Heimlichkeiten und Ängste: Die Männer, die in der chinesischen Provinzmetropole Mawai in ...

Die einen suchen nur Lust und Begehren, die anderen träumen von Liebe, doch gemeinsam ist ihnen ein Leben voller Heimlichkeiten und Ängste: Die Männer, die in der chinesischen Provinzmetropole Mawai in den 1980-er Jahren ein heruntergekommenes Arbeiterkino aufsuchen. Die immergleichen Filme sind egal - wichtig ist, dass sie hier zueinander finden können - schwule Männer, die kein offenes Leben führen können. In seinem Debütroman "Cinema Love" erzählt der amerikanische Autor Jiaming Tang auf berührende Weise von versteckten Sehnsüchten, Scham, Hoffnung und Verlust.

Ehe der Bauernsohn Old Second im Arbeiterkino seine große Liebe Shun-Er kennenlernt, liegen Gewalt und Demütigung hinter ihm. Seine erste Beziehung zu einem jungen Mann endete mit dem Verlust seiner Familie, die ihn nicht akzeptieren wollte als "Sissy". Doch das heimliche Glück im Kino endet tragisch, als Shun-Ers Ehefrau hinter das Doppelleben ihres Mannes kommt.

"Cinema Love" wechselt Zeit- und Ortperspektiven, vom China der 1980-er Jahre zum New York während der Pandemie. Hierher ist Old Second mit Hilfe von Schleusern eingewandert, zusammen mit seiner Ehefrau Bao Mai, die in dem Kino als Kartenverkäuferin gearbeitet hat und nach und nach die Freundin und Vertraute der zunächst misstrauischen Männer wurde. Mit Old Second verbindet sie eine liebevolle Freundschaft - sie verschafft ihm die Legende eines straighten Mannes, er kümmert sich fürsorglich um die Frau, die seit ihrer Kindheit hinkt und auf dem Heiratsmarkt schlechte Chancen hatte.

Das Leben in den USA ist hart, in Chinatown hausen sie mit zahlreichen anderen Schicksalsgenossen in Immigrantenhotels zwischen Kakerlaken und Ratten auf engstem Raum. Die Arbeit in Textilfabriken und Wok-Küchen ist hart und schlecht bezahlt - die Arbeitgeber unterbinden jeden Versuch der Gewerkschaften, in den Fabriken Fuß zu fassen und haben angesichts des nicht immer legalen Status der Neuankömmlinge alle Druckmittel in der Hand.

In Briefen, die eigentlich eher Kurzgeschichten sind, schafft sich Bao Mai eine Parallelwelt, in der die Männer aus dem Arbeiterkino ihr Glück finden und ihre Liebe offen leben können. Auf diese Briefe stößt zufällig Yan Hua, die Witwe von Shun-Er, die mit Eifersucht und Hass die fragile Welt des Kinos zerstört hat.

"Cinema Love" ist voller zerbrochener Träume, aber auch hoffnungsvoll - zwischen Hass und Scham gibt es die wenigen Allies und die Hoffnung auf ein anderes Leben. Bemerkenswert ist, dass Tang sich nicht nur der vorsichtigen Emanzipation queeren Lebens nähert, sondern auch einen Blick auf die richtet, die bei einem stolzen Coming Out meist unbeachtet bleiben - die Ehefrauen, für die eine Welt zusammenbricht, weil alles, was sie für eine Gewissheit hielten, eine Lüge war. Yan Hua rätselt während ihrer Ehe, warum ihr Mann so gar kein Interesse an ihr hat - was ist mit ihren Sehnsüchten und unerfüllten Sexualität? Tang vermeidet schwarz-weiß-Zuschreibungen und geht mit viel Sensibilität auf das komplexe und komplizierte Beziehungsgefüge ein. Zugleich beschreibt er eine Welt im Wandel und voller Unsicherheiten. Dieses Debüt macht neugierig auf mehr.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

SAchlicher und analytischer Blick auf den Nahostkonflikt

Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza
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Wenn über den Gaza-Krieg diskutiert wird, verlaufen die Gesprächslinien zunehmend emotional, verhärtet und konfrontativ. Da tut es immer gut, wenn ein sachlicher Ton die Hitze aus der Debatte nimmt und ...

Wenn über den Gaza-Krieg diskutiert wird, verlaufen die Gesprächslinien zunehmend emotional, verhärtet und konfrontativ. Da tut es immer gut, wenn ein sachlicher Ton die Hitze aus der Debatte nimmt und zum Nachdenken anregt. "Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza" von Muriel Asseburg ist so ein Beitrag zur Debatte - einordnend, erklärend, den historischen und politischen Hintergrund aufzeigend wie auch die jeweilige internationale Vernetzung der Konfliktparteien und die interessierten Seiten, die den Krieg als proxy für eigene Ziele nutzen.

Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet und forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört der Nahe Osten. Da liegt es nahe, nicht einfach die Parolen der einen oder anderen Seite nachzubeten, sondern einen kühlen und sachlichen Blick auf den Konflikt und die Region. Asseburg erklärt Hintergründe, ordnet ein, zeigt bei aller Analyse auch Empathie für die Menschen auf beiden Seiten des Konflikts.

Schon im Vorwort wünscht sie sich, dass ihre Einschätzung der Lage falsch ist und es einen optimistischen Ausblick geben kann. Doch zugleich ist sie realistisch genug, dass so wohl die Brutalität beim Terrorangriff am 7. Oktober wie auch das anhaltende Leid der Zivilbevölkerung in Gaza tiefe Wunden gerissen hat und die Menschen mehrheitlich den Blick auf das eigene Leid werfen und das der anderen Seite übersehen oder ignorieren. "Der Weg aus der Gewalt wird zusätzlich dadurch erschwert, dass sowohl die israelische als auch die palästinensische Gesellschaft schwer traumatisiert sind", schreibt sie etwa. "Die kollektiven Traumata der Shoa und der Nakba verstärken die aktuellen Leiderfahrungen und lassen kaum Raum für Empathie mit der anderen Seite. ... In dieser Situation steht nicht die Suche nach Friedensregelungen im Vordergrund, sondern es dominieren die Sprache der Gewalt und der Entmenschlichung sowie der Ruf nach Vergeltung... Es ist zu befürchten, dass die Leiderfahrungen über Generationen nachwirken und zu einer weiteren Verstärkung des Nullsummendenkens statt zu Kompromissbereitschaft führen."

Für alle, die jenseits des aktuellen Konflikts an Hintergründen interessiert sind, skizziert die Autorin sowohl die Geschichte der Hamas und ihrer wichtigsten Protagonisten wie auch den Konflikt mit der palästinensischen Autonomiebehörde. Auch die übrigen staatlichen wie nichtstaatlichen Player - Iran, Syrien, Libanon einerseits, Hisbollah und Huthi-Milizen andererseits werden in den allgemeinen Kontext einbezogen. Ein Buch zur Zeit, für alle, die an einer sachlichen Debatte interessiert sind und mehr über die nahöstliche Thematik erfahren wollen.

Veröffentlicht am 07.05.2025

Ermittlungen mit dem Herzen einer Toten

Das zweite Herz
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Der amerikanische Krimi-Autor Michael Connelly ist vor allem für seine Serien über den Polizei-Detective Harry Bosch und den "Lincoln Lawyer" Mickey Haller bekannt. Zu seinen kleineren Spin-offs gehört ...

Der amerikanische Krimi-Autor Michael Connelly ist vor allem für seine Serien über den Polizei-Detective Harry Bosch und den "Lincoln Lawyer" Mickey Haller bekannt. Zu seinen kleineren Spin-offs gehört aber auch der FBI-Profiler Terry McCaleb, ein Experte für Serienmörder. In einem Fall der Bosch-Serie unterstützte er den Polizisten. "Das zweite Herz" ist dagegen ganz McCaleb gewidmet.

Der Blick in die Abgründe psychopathischer Killer hat McCaleb wohl buchstäblich das Herz gebrochen: Dank der Transplantation eines Spenderorgans überlebte er. Doch sein Gesundheitszustand zwang ihn in den Vorruhestand. Mit Mitte 40 lebt McCaleb ein Rentnerleben im Yachthafen, in dem er das alte Boot seines Vaters wieder seefähig machen will. Da sein Brustbein nach der Operation am offenen Herzen noch nicht verheilt ist, darf er noch nicht einmal Auto fahren - sollte sich im Falle eines Unfalls der Airbag öffnen, hätte das für McCaleb nicht lebensrettende, sondern tödliche Folgen.

Und doch ist es nicht nur die Langeweile über ein vielleicht zu ruhiges Leben, das den Ex-Ermittler dazu bringt, der Bitte einer Frau nachzukommen, den Mord an ihrer Schwester zu untersuchen. Denn die tote Frau war Organspenderin und hatte eine seltene Blutgruppe - wie McCaleb. Es ist ihr Herz, das McCaleb ein neues Leben ermöglicht hat.

Bei seinen Untersuchungen stößt McCaleb auf einen Mord, in dem ähnlich vorgegangen wurde. Gibt es einen Zusammenhang? Die offiziellen Ermittler sind nicht gerade begeistert, dass sich der Ex-FBI-Mann in ihre ungelösten Fälle einmischt. Doch wie perfide der Täter vorgegangen ist und dass die Opfer keineswegs zufällig gefunden wurden, erkennt McCaleb erst spät. Krimi-Routinier Connelly sorgt gerade im letzten Teil des Buches für eine überraschende Wende, die selbst McCaleb als Kenner des Bösen noch überraschen kann. Sehr konstruiert? Vielleicht. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Freundinnen mit Geheimnissen

Bad Tourists
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Kate, Camilla und Darcy sind Freundinnen - doch eigentlich wissen die drei Frauen nicht viel übereinander. Eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Tragödie verbindet die drei Frauen, nun feiern sie mit einem ...

Kate, Camilla und Darcy sind Freundinnen - doch eigentlich wissen die drei Frauen nicht viel übereinander. Eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Tragödie verbindet die drei Frauen, nun feiern sie mit einem gemeinsamen Urlaub in einem Luxusresort auf den Malediven Darcys Scheidung. Doch dann zeigt sich in Caro Carvers Urlaubsthriller "Bad Tourists", dass die Freundschaft des Trios nicht unbedingt auf Ehrlichkeit beruht und es Geheimnisse gibt, die bei Aufdeckung einen Abgrund verraten.

Die traumhafte Szenerie verbreitet Urlaubsstimmung, doch das Inselparadies hat seine dunklen Seiten. Das gilt auch für die Flitterwöchner Rob und Jade. Sehr schnell wird den drei Freundinnen klar, dass Rob seine deutlich jüngere Frau misshandelt. Doch hat er auch mit dem traumatischen Erlebnis in ihrer Vergangenheit zu tun?

Kate war als Studentin die einzige Überlebende eines Massakers an sechs Menschen in einem Guesthouse. Zu den Toten gehörten Camillas Zwillingsbruder und Darcys Freund. Die drei sehr unterschiedlichen Frauen lernten sich über eine Facebook-Gruppe für Angehörige kennen und freundeten sich an. Sie sind überzeugt: Der geständige Täter, der nur einen Monat nach seiner Verurteilung im Gefängnis starb, handelte nicht allein...

Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, schürt "Bad Tourists" mit Andeutungen so manchen Verdacht und legt falsche Spuren. Dramatische Wendungen, große Emotionen und ein brachialer Showdown sorgen für reichlich Spannung. Flüssig und fesselnd geschrieben, läuft der Thriller auf eine große Überraschung zu, die ich nicht erwartet hätte. Das ist Strandlektüre mit Gänsehautfaktor.

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