Ein Sommer Fiebertraum
SunburnDas Buch, welches ich als Jugendliche gebraucht hätte, um zu verstehen, was in mir vorgeht! Zahlreiche Emotionen - Freude, Trauer, Wut, Hoffnung, Verzweiflung - wurden beim Lesen in mir ausgelöst und haben ...
Das Buch, welches ich als Jugendliche gebraucht hätte, um zu verstehen, was in mir vorgeht! Zahlreiche Emotionen - Freude, Trauer, Wut, Hoffnung, Verzweiflung - wurden beim Lesen in mir ausgelöst und haben viel mit mir gemacht!
Ich war sehr gespannt auf den Debütroman von Chloe Michelle Howarth und wurde definitiv nicht enttäuscht. Meine Gedanken wurden sogar bei Weitem übertroffen!
Zum Buch:
Das Cover passt perfekt zur Geschichte, die Farbe Orange erinnert an Susannah, an ihr Leuchten und die Sonne, die sie für Lucy repräsentiert! Das Bild der zwei jungen Frauen passt ebenfalls sehr gut, Sunburnwird hier nochmals bildlich dargestellt und wer das Buch gelesen hat, versteht auch warum der Titel so gut zur Geschichte passt!
Schön fand ich die Aufteilung der Kapitel, die sich um eine bestimmte Zeitspanne drehen. Die Geschichte liest sich zwar schnell, aber ich wollte mir bewusst viel Zeit für dieses Werk nehmen, da ich von Beginn an geflasht von diesem unglaublichen sprachlichen Niveau war und immer noch bin. Die Beschreibung der Natur, der inneren Gefühle und die ausführlichen Liebesbekundungen haben mein Herz deutlich höher schlagen lassen und ich hatte das Bedürfnis jeden Satz auf meiner Zunge zergehen zu lassen. Die Metaphern haben alle inhaltlich als auch sprachlich wie die Faust aufs Auge gepasst.
Zum Inhalt:
Die Geschichte handelt von Lucy, die in den 90er Jahren in einem kleinen irischen Dorf aufwächst und eines Tages merkt, dass ihre Gefühle zu ihrer Freundin Susannah nicht nur freundschaftlich sind und daraufhin auf eine Reise der inneren Entdeckung geht. In Crossmore, wo beide Mädchen leben, ticken die Uhren noch anders und Queerness findet dort keinen Platz. Lucys Mutter wünscht sich nichts sehnlicher als eine Beziehung ihrer Tochter mit Martin, dem Nachbarjungen, der zudem in naher Zukunft das Haus und den Hof seiner Eltern erben wird. Als Susannah eines Tages Lucys zarte Verliebtheit erwidert beginnt eine heimliche Beziehung der beiden, die von verzweifelter Liebe geprägt wird.
Die Geschichte gliedert sich inhaltlich in vier Teile, die zwar nicht klar voneinander abgegrenzt werden, aber die alle ganz andere Emotionen in mir hervorgerufen haben.
Lucys Selbstfindung kann ich als queere Frau sehr gut nachvollziehen. Der Wunsch nach Anpassung, Liebe der Eltern und Glück sind Dinge, die erstrebenswert sind. Kein Mensch, vor allem kein Teenager, will freiwillig anders oder komisch sein und für Unmut sorgen. Zudem wird uns das heteronormative Rollenbild von Geburt an durch die Gesellschaft auferlegt, weswegen viele queere Personen erstmal nicht verstehen, was mit ihnen geschieht. Die Gefühle können zunächst nicht eingeordnet werden. Lucy schwärmt im ersten Teil unentwegt von Susannah und versteht aber nicht, dass sie verliebt in diese ist und wartet stattdessen darauf Gefühle für Martin zu entwickeln.
Lucy bezeichnet ihre Clique aus mehreren Freundinnen als “nette Mädchen”, obwohl diese andere Menschen ständig schlecht reden. Genauso sieht es mit ihrer Familie aus. Sie ist physisch da, aber die zwischenmenschliche Verbindung gestaltet sich eher schwierig. Ihr Vater interessiert sich nur für ihre Brüder, ihre Mutter liebt sie nur, wenn Lucy genauso ist, wie sie es sich wünscht, unter dem Deckmantel, dass sie nur das Beste für Lucy möchte.
Lucy möchte im Grunde genommen nur von ihrer Familie geliebt werden und zahlt dafür einen hohen Preis, indem sie die Menschen verletzt, die sie, neben ihrer Familie, am meisten liebt. Neben Susannah ist da auch noch Martin, der sie ebenfalls liebt und dem sie aus purem Egoismus die Chance auf ein erfülltes und glückliches Leben mehr oder weniger verwehrt.
Am liebsten hätte ich Lucy an einigen Textstellen gerne einfach wachgerüttelt und ihr gesagt:
“Ich verstehe dich, es ist schwer, aber du musst mutig sein und du wirst glücklich!”
Natürlich verstehe ich aufgrund ihrer Erziehung und ihrer Lebensverhältnisse, woher Lucys stagnierendes Verhalten kommt, aber trotzdem hat es mich traurig und wütend zugleich gemacht, dass sie leider nicht besser mit ihrer Situation umgehen konnte.
Das letzte Drittel hat mein Herz mehrmals gebrochen. Ein hartes Stück Literatur, aber so brutal ehrlich, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Lucys Gedankengänge waren wirr, aber deshalb auch authentisch. Welcher Mensch denkt schon immer gradlinig? Manche Gedankenströme haben mich emotional sehr getroffen, auch weil ich mich persönlich sehr damit identifizieren konnte.
Fazit:
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der etwas über einen klassischen Liebesroman hinaus lesen möchte und dabei eine wirklich schöne Sprache bevorzugt! Ich wünsche mir zudem, dass jede lesbische Frau diesen Roman liest, denn er beschreibt den inneren Coming-Out Prozess so gut und das Werk hat definitiv das Potenzial ein queerer Klassiker zu werden!
Ich könnte mir das Buch auch sehr gut als Schullektüre vorstellen, da es wichtige zentrale Themen, wie Glücklichsein, gesellschaftliche Konventionen und internalisierte Homophobie behandelt. In Zeiten, die von Rechtsruck in Europa und den USA geprägt sind, empfinde ich es als super wichtig noch mehr über besagte Themen zu sprechen! Ich verbleibe nach dem Lesen auf jeden Fall in einem Gefühlschaos und bin schon sehr gespannt auf das neue Werk der Autorin, welches in einigen Monaten in englischer Sprache erscheinen wird!