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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.05.2025

WTF, das war gut

Es währt für immer und dann ist es vorbei
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Ich habe dieses Frühjahr relativ viele Neuerscheinungen gelesen. Darunter waren für mich viele gute Bücher und einige sehr gute Bücher. Und vereinzelt Highlights (und einige Flops).
Jetzt ist mir mit „Es ...

Ich habe dieses Frühjahr relativ viele Neuerscheinungen gelesen. Darunter waren für mich viele gute Bücher und einige sehr gute Bücher. Und vereinzelt Highlights (und einige Flops).
Jetzt ist mir mit „Es währt für immer und dann ist es vorbei“ noch ein ganz besonderes Highlight begegnet, wenn nicht sogar DAS Highlight, dass mir noch länger im Gedächtnis bleiben wird!

Dass mich der kurze Roman emotional so hart anfasst, hätte ich eigentlich gar nicht erwartet, weil, äh… die Erzählerin ein Zombie ist und das Setting postapokalyptisch.
But well, ich denke ja auch immer noch manchmal an „Die Straße“ von Cormac McCarthy.

Also die Erzählerin ist schon länger ein Zombie in einer postapokalyptischen Welt und von Hunger getrieben tötet und verspeist sie ab und zu einen der verbliebenen Menschen.

„Zombies, das waren früher Drogensüchtige, oder Leute vorm Fernseher, vor Spielkonsolen.
Jetzt sind Zombies Zombies. Und Konsumenten Konsumenten.“

Aber das ist eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Anne de Marcken konzentriert sich vielmehr voll auf die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Protagonistin.

Was bleibt vom vergangenen Leben, wenn die Ewigkeit vor dir liegt?

„Die Welt ist groß und leer, aber in mir ist eine viel größere Leere. Der Hunger macht mich weiträumig, bodenlos.“

Ziellos zieht die Erzählerin durch eine zerstörte und dunkle Welt. Sie hat sich die Brust ausgehöhlt und an der Stelle des Herzens eine tote Krähe hineingesteckt und dort eingeschlossen.
An diese Krähe denkt sie, will sie in sich behüten und spricht mit ihr.

„Ich habe das Gefühl in meiner Brust vielleicht als Krähe beschrieben. Jetzt ist das Gefühl selbst das Ding. Ein zusammengefaltetes Ding mit Federn, das in meinem unverrotteten Fleisch verrottet.“

Es sind starke Kontraste, mit denen de Marcken arbeitet. Zärtliche Szenen und Gedanken setzt sie neben brutale und gewalttätige Szenen.
Die Erinnerungen der untoten Erzählerin an ihr früheres endliches Leben stehen im Gegensatz zu ihrer düsteren und endlosen Unsterblichkeit.

Heidelbeeren pflücken, Sommer, Licht und Leben gegen Dunkelheit, Leere und Sinnlosigkeit.
Ein in Romanform gegossenes „Memento mori“.

Anne de Marcken beschreibt atmosphärisch eine Trauer und Leere in ihrer Figur, die mit der Unendlichkeit vor Augen umso schwerer wiegt.
Die Erzählerin adressiert ein mir unbekanntes und vor allem ein verlorenes Du. Der ganze Roman atmet Verlust und kann und will natürlich als Metapher gelesen werden.

Und trotz diesem Gefühl der Leere und der Traurigkeit ist die Geschichte nicht hoffnungslos oder gar nihilistisch. Im Gegenteil, es ist ein Gefühl und die Erinnerung an Zärtlichkeit und Liebe, die letztendlich nach all der Verheerung geblieben sind.

Es ist die Sehnsucht nach dem Du und die Liebe, die als unsterblicher Rest von Menschlichkeit in dem Zombie geblieben ist, und die mich komplett fertig macht. Ich wünschte, dass wäre das, was uns allen irgendwann am Ende noch bleibt.


Auch wenn dich Romane mit Zombieapokalypsen normalerweise vielleicht nicht ansprechen, empfehle ich dir dringend dieses für mich sehr besondere und emotionale literarische Herzstück. Für mich wirklich eine der glänzenden und herausragenden Neuerscheinung aus dem Frühjahrsprogramm. Ich hoffe, dass noch viele Leser*innen dieses Buch entdecken werden!

Mit dem Schriftsteller Clemens J. Setz konnte für den Roman ein sensibler Übersetzer gewonnen werden, der die Prosa von Anne de Marcken verlustfrei und in bester Weise unsichtbar aus dem Englischen ins Deutsche übertrug.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Kurz: Lesen. Unbedingt.

Hunchback
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Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich lieber dicke oder dünne Bücher lese. Wahrscheinlich tendenziell lieber dicke Bücher, wenn sie gut sind.

„HUNCHBACK“ ist jetzt allerdings ein sehr, sehr dünnes Buch ...

Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich lieber dicke oder dünne Bücher lese. Wahrscheinlich tendenziell lieber dicke Bücher, wenn sie gut sind.

„HUNCHBACK“ ist jetzt allerdings ein sehr, sehr dünnes Buch und ich fand es sehr, sehr gut.
Und weil es so kurz ist, will ich eigentlich gar nicht so viel dazu schreiben, damit du es komplett selber entdecken kannst.
Was ich dir verraten kann, ist dass „HUNCHBACK“ auf Deutsch „Buckelmonster“ heißt – ein Begriff, mit dem sich die Ich-Erzählerin des Romans selbst bezeichnet.

Shaka ist aufgrund einer angeborenen und fortschreitenden Muskelerkrankung schwer behindert und lebt in einer Pflegeeinrichtung.

“Seit neunundzwanzig Jahren, seit ich in der lokalen Mittelschule, Klasse 8b, am Fenster des Klassenzimmers das Bewusstsein verlor, weil meine in der Wachstumsphase nicht vollständig ausgebildeten Muskeln die normale Sauerstoffsättigung nicht mehr aufrechterhalten konnten, lebe ich im Nirwana.”


Sie ist permanent auf medizinische Unterstützung und Pflege angewiesen
Das hindert sie allerdings nicht daran, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln online zu studieren, im Netz erotische und pornografische Texte zu veröffentlichen und auf Social Media aktiv zu sein.
Shaka eine Frau mit eigenen Träumen, Vorstellungen und dem Wunsch nach maximaler Selbstbestimmung - in ihrem Leben und in ihrer Sexualität. Das sollte eigentlich für jeden Menschen selbstverständlich sein, wird aber in unseren Köpfen und in unserer Gesellschaft nicht jedem Menschen zugestanden. Behinderten zum Beispiel. Oder Frauen. Oder behinderten Frauen.

Ich liebe einfach diesen Text von Saou Ichikawa, weil er so komplett lebendig und voller Mut und Energie ist. Ich liebe ihren modernen, eigenwilligen Stil und finde den kurzen Roman einfach großartig.

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Veröffentlicht am 06.03.2025

Feministisches und gesellschaftskritisches Literaturhighlight!

Eine zeitgemäße Form der Liebe
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Äh, ja, wie gut waren bitte, diese …Texte?
Ich will sie sicher nicht Kurzgeschichten nennen, denn das greift bei der Formen- und Stilvielfalt, die Bendixen in „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ verwendet, ...

Äh, ja, wie gut waren bitte, diese …Texte?
Ich will sie sicher nicht Kurzgeschichten nennen, denn das greift bei der Formen- und Stilvielfalt, die Bendixen in „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ verwendet, definitiv zu kurz.
Sie selbst nennt es „Parentale Prosa“ und das klingt natürlich wunderbar, hat mich aber, genauso wenig wie die Kurzbeschreibung, in keinster Weise auf die brachiale Wucht vorbereitet, mit der mich die Texte voll frontal überfahren haben.

Ich musste einfach alle auf einmal lesen und das passiert mir bei „Kurzgeschichten“ oder nicht zusammenhängenden Texten eigentlich nie.
Aber das ist genau der Punkt, denn die Parentale Prosa von Bendixen ist eigentlich zusammenhängend, auch wenn sie keinen Roman oder eine durchgängige Geschichte im ursprünglichen Sinn erzählt.
Sie erzählt aber durchgängig davon, was es heißt, heute ein Elternteil, nein, ich will jetzt doch spezifischer werden. Sie erzählt davon, was es heißt, heute eine Mutter zu sein.

Und die Texte sind von der Art, dass sie mich als Elternteil, oder noch spezifischer als Mutter, komplett abholen: sie sind ziemlich abgefahren und grenzwertig surreal, was ich sehr mag. Sie sind sehr, sehr feministisch und auf die Lebensrealität von Frauen ausgerichtet, was ich natürlich ebenfalls sehr abfeiere. Und dann sind sie literarisch auch noch von einer solchen Vielfalt und Qualität, dass ich es gar nicht glauben kann, dass Bendixen noch keinem breiteren Publikum bekannt ist.

Sagte ich schon, dass ich begeistert bin?

Inhaltlich deckt Bendixen ein breites Spektrum von Themen ab. Es geht häufig um die Projektionen der eigenen Schuldgefühlen als Mutter, die sich in der Abwertung von anderen Lebensmodeln äußert. Um verschiedene Erziehungsmodelle und ihren Preis, der auch im Generationenkonflikt von Müttern („Wir haben es doch auch geschafft“) einen Rolle spielt.
Verhältnismäßig viel Raum nimmt beispielsweise die multiperspektivische Schilderung eines Beinahe Verkehrsunfalls ein und seine Folgen auf die Beteiligten.

Aber auch die kürzeren Texte, die teilweise nur eine halbe Seite einnehmen, können tief schneiden und lösen bei mir heftige Gefühle aus.
Ich kann auch gar nicht sagen, welche Texte mir besonders nahe gehen, weil ich wirklich alle sehr gelungen und stark finde. Beispielweise den Entwicklungsbericht für Fabian Hausmann, dem kleinen Löwenjungen, der dann endlich erfolgreich im Kindergarten für sozialisiert wird, finde ich sehr rührend und traurig. Die Laudatio von PD Dr. Phil.habil. Gerlinde Schultheiß-Holtkamp zur Verleihung des Ordens für Bedürfnislosigkeit hinterlässt hingegen einen bitteren Nachgeschmack und Wut.

Ich würde sagen, die Text sind größtenteils sehr gesellschaftskritisch und doppelbödig und finden wahrscheinlich nicht bei allen Leser*innen entsprechenden Nachhall. Ich selbst hatte mit „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ eine außergewöhnlich aufregende, wenn auch leicht schmerzhafte Lesezeit.

Wenn du dich auch nur ansatzweise für eine gesellschaftskritische und feministische Auseinandersetzung von Mutterschaft interessierst, sind diese Texte ein Must-Read für dich.

„Seltsam, dass sowohl Angst als auch Liebe die Kehle zuschnüren.“

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Berührend und echt

Trocken
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Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, ...

Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, aber es ist ein bisschen anders. Wagner verzichtet auf eine gesellschaftliche, soziale und/oder eine geschichtliche Einordnung von Alkoholismus. Auch zum Thema Alkoholkonsum und Gender wirst du hier keine Einlassungen finden.

Wagner erzählt kompromisslos und ehrlich von seinem Erleben der Sucht und von seinem Kampf gegen die Krankheit. Er beschreibt einen typischen Tag am Tiefpunkt seiner jahrelangen schweren Alkoholsucht und dieser Tag macht mich tief betroffen und traurig. zu diesem Zeitpunkt hat Wagner längst den Punkt erreicht, an dem er Alkohol schon gleich nach dem Aufstehen und zum klar denken und funktionieren braucht.
Aber von klar denken und funktionieren, wie wir es uns vorstellen, kann keine Rede mehr sein. Wagner braucht einen Pegel von 3 Promille um seinen Suchtdruck zu befriedigen.
Wagner ist der taumelnde und ungepflegte Alkoholiker, der dich auf der Strasse anpöbelt oder der betrunken in einer Hecke liegt.
Sein Selbsthass und seine Verachtung sind grenzenlos und dagegen hilft nur wieder noch mehr Alkohol.

“Mehrmals täglich bringt mich die Diskrepanz zwischen Sucht und Sehnsucht an meine Grenzen. Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression.”

Lange sieht es so aus, als würde Wagner den Kampf gegen die Sucht verlieren. Er ist suizidal. Jeder Lebenswille wurde von dem „Monster“, wie seine Krankheit auch nennt, aufgezehrt.

Schonungslos und erschreckend beschreibt Wagner, was er alles an die Sucht verloren hat. Ihm fehlen ganze Lebensjahre, die er der Sucht geopfert hat, Freundschaften und Beziehungen hat er dadurch zerstört, dass immer der Alkohol an erster Stelle stand. Und am allermeisten hat er sich selbst geopfert und zerstört.


“Aber das war es mir wert.
Und im Wesentlichen beschreibt, was ich da erlebt habe, das Wesen einer Sucht.

Sich selbst zu opfern, um sich lebendig zu fühlen.”


Im Kapitel „Dieses Buch“ schreibt Wagner wieviel ihm das Schreiben abverlangt hat. Er beschreibt seine Bemühungen und Schwierigkeiten, mental in diese dunkle Zeit seines Lebens zurückzukehren. Von seinem Wunsch, wahrhaftig und echt zu schreiben. Und ich kann das beim Lesen fühlen. Es fühlt sich echt an und auch unendlich traurig. Mein Mitgefühl für den Erzähler am Tiefpunkt seiner Krankheit ist grenzenlos.

Und obwohl Wagner sicher keine pädagogische oder politische Agenda verfolgt, prangert er das Selbstverständnis an, mit dem die Droge Alkohol in unserer Gesellschaft kulturell verankert ist und selbst starker Konsum aus Profitgier normalisiert und gefördert wird. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. In dem Bundesland, in dem ich wohne, ist betreutes Trinken ab 14 Jahren legal erlaubt.

Daniel Wagner hat für mich in seinem intimen ersten Buch „Trocken“ seine Alkoholsucht und seinen Kampf erlebbar gemacht und mich damit sehr berührt. Auch literarisch zeigt Wagner mit seinem authentischen Text in seiner Verletzlichkeit und Direktheit eine große Qualität. Das Buch war für mich ein Highlight.

Ich hoffe sehr, dass Wagner seine schriftstellerische Arbeit fortsetzt und ich noch weitere Bücher aus seiner Hand lesen kann.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Berührend und echt

Trocken
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Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, ...

Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, aber es ist ein bisschen anders. Wagner verzichtet auf eine gesellschaftliche, soziale und/oder eine geschichtliche Einordnung von Alkoholismus. Auch zum Thema Alkoholkonsum und Gender wirst du hier keine Einlassungen finden.

Wagner erzählt kompromisslos und ehrlich von seinem Erleben der Sucht und von seinem Kampf gegen die Krankheit. Er beschreibt einen typischen Tag am Tiefpunkt seiner jahrelangen schweren Alkoholsucht und dieser Tag macht mich tief betroffen und traurig. zu diesem Zeitpunkt hat Wagner längst den Punkt erreicht, an dem er Alkohol schon gleich nach dem Aufstehen und zum klar denken und funktionieren braucht.
Aber von klar denken und funktionieren, wie wir es uns vorstellen, kann keine Rede mehr sein. Wagner braucht einen Pegel von 3 Promille um seinen Suchtdruck zu befriedigen.
Wagner ist der taumelnde und ungepflegte Alkoholiker, der dich auf der Strasse anpöbelt oder der betrunken in einer Hecke liegt.
Sein Selbsthass und seine Verachtung sind grenzenlos und dagegen hilft nur wieder noch mehr Alkohol.

“Mehrmals täglich bringt mich die Diskrepanz zwischen Sucht und Sehnsucht an meine Grenzen. Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression.”

Lange sieht es so aus, als würde Wagner den Kampf gegen die Sucht verlieren. Er ist suizidal. Jeder Lebenswille wurde von dem „Monster“, wie seine Krankheit auch nennt, aufgezehrt.

Schonungslos und erschreckend beschreibt Wagner, was er alles an die Sucht verloren hat. Ihm fehlen ganze Lebensjahre, die er der Sucht geopfert hat, Freundschaften und Beziehungen hat er dadurch zerstört, dass immer der Alkohol an erster Stelle stand. Und am allermeisten hat er sich selbst geopfert und zerstört.


“Aber das war es mir wert.
Und im Wesentlichen beschreibt, was ich da erlebt habe, das Wesen einer Sucht.

Sich selbst zu opfern, um sich lebendig zu fühlen.”


Im Kapitel „Dieses Buch“ schreibt Wagner wieviel ihm das Schreiben abverlangt hat. Er beschreibt seine Bemühungen und Schwierigkeiten, mental in diese dunkle Zeit seines Lebens zurückzukehren. Von seinem Wunsch, wahrhaftig und echt zu schreiben. Und ich kann das beim Lesen fühlen. Es fühlt sich echt an und auch unendlich traurig. Mein Mitgefühl für den Erzähler am Tiefpunkt seiner Krankheit ist grenzenlos.

Und obwohl Wagner sicher keine pädagogische oder politische Agenda verfolgt, prangert er das Selbstverständnis an, mit dem die Droge Alkohol in unserer Gesellschaft kulturell verankert ist und selbst starker Konsum aus Profitgier normalisiert und gefördert wird. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. In dem Bundesland, in dem ich wohne, ist betreutes Trinken ab 14 Jahren legal erlaubt.

Daniel Wagner hat für mich in seinem intimen ersten Buch „Trocken“ seine Alkoholsucht und seinen Kampf erlebbar gemacht und mich damit sehr berührt. Auch literarisch zeigt Wagner mit seinem authentischen Text in seiner Verletzlichkeit und Direktheit eine große Qualität. Das Buch war für mich ein Highlight.

Ich hoffe sehr, dass Wagner seine schriftstellerische Arbeit fortsetzt und ich noch weitere Bücher aus seiner Hand lesen kann.

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