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Veröffentlicht am 12.05.2025

Kritisches Gesellschafts- und Familienporträt aus Taiwan

Geisterdämmerung
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Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, ...

Kevin Shih-Hung Chen(陳思宏) ist ein in Taiwan geborener Schriftsteller und Journalist, dessen Karriere allerdings als Schauspieler begann. Er hat bereits sieben Bücher in China und Taiwan veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Heute lebt und arbeitet der Autor in Berlin.

Auch sein Roman „Geisterdämmerung“ bewegt sich zwischen Taiwan und Deutschland und ist insgesamt das Porträt einer dysfunktionalen Familie.
Der jüngste Sohn Tianhong dieser Familie war nach Deutschland gezogen, hat sich dort verliebt und geheiratet.
Allerdings hat er seinen Mann ermordet und kam deswegen für einige Jahre ins Gefängnis.

Als Tianhong nach seiner Gefängnisstrafe in sein Heimatdorf Yongjing in Taiwan zurückkehrt, hat sich in der ländlichen Region viel verändert. Auf den Chrysanthemenfeldern seiner Erinnerung stehen nun verwahrloste Motels, Unkraut wuchert und der lokale Markt wurde durch einen Supermarkt ersetzt
Die Eltern sind tot und die Leben seiner Schwestern und seines Bruders sind weitergelaufen und haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Unglücklich und gescheitert sind sie alle.

Die dritte Tochter Shuqing wurde zwar als Kind bevorzugt behandelt, ist aber als Erwachsene von großem Selbsthass zerfressen und hat einen brutalen und lieblosen Ehemann, der sie schlägt.

Sujie hat nach einem verstörenden Vorfall in der Kindheit vermutlich ein Angststörung und verlässt nicht mehr das Zimmer oder öffnet die Vorhänge. Seit Jahren. Wie lebendig begraben. Oder wie ein Geist.

Shumei lebt prekär und hasst ihren Ehemann.

„Ihren Mann mit eigenen Augen sterben zu sehen, war Shumeis größter Ansporn, selbst weiterzuleben.“

Die jüngste Schwester hat vor vielen Jahren Selbstmord begangen.

„Wie konnte nur so etwas passieren? Kein einziges der Chen-Kinder hatte es mit der Heirat gut getroffen. Was war nur geschehen, dass Tianhong sogar zum Mörder geworden war?“

Es sind die vielen lange verborgenen Familiengeheimnisse und vergessenen Erinnerungen, die Kevin Chen nach und nach In Rückblenden am Tag von Tianhongs Rückkehr entschlüsselt. Es ist auch der Tag des Geisterfestes, der die Rahmenhandlung für die Zusammenführung der Geschwister bildet.

Stilistisch ist das sehr raffiniert erzählt, denn es kommen nicht nur die Lebenden in wechselnder Besetzung zu Wort, sondern auch die Geister.

„Auf dem Land wimmelte es von Geistern, die in den Erzählungen der Menschen lebten.“

Mosaikförmig setzt sich so ein Bild der Vergangenheit und der Ereignisse zusammen, die in der Gegenwart immer noch lange Schatten werfen.
Verbotene und versteckte Homosexualität ist dabei ebenso ein Thema wie Missbrauch, gewalttätige Beziehungen und soziale Ungerechtigkeit.


Trotz der vielschichtigen Themen, die Chen aufgreift, fällt der Roman für mich nur in die Kategorie „mittelmäßig gerne gelesen“. Seine Erzählweise und die Vermittlung des Inhalts war mir persönlich oft zu grob und ungenau. Auch den Figuren hätte meiner Meinung eine genauere Beobachtung ihrer Motivation und inneren Gefühlswelt gut getan.

In Kombination mit dem umfangreichen Figurenarsenal hatte der Roman dadurch für mich einige Längen, obwohl er abwechslungsreich und geschickt aufgebaut ist. Dass ein hilfreiches Personenverzeichnis am Ende angehängt ist, hatte ich dann leider erst nach dem Lesen bemerkt.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Poetisch und introspektiv

Dem Mond geht es gut
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„Dem Mond geht es gut“ ist wieder ein Roman über Mutterschaft und Frau sein, diesmal in einer sehr poetischen und sehr introspektiven Form. Nach ihrem viel gelobten Debütroman „Taubenleben“ ist es der ...

„Dem Mond geht es gut“ ist wieder ein Roman über Mutterschaft und Frau sein, diesmal in einer sehr poetischen und sehr introspektiven Form. Nach ihrem viel gelobten Debütroman „Taubenleben“ ist es der zweite Roman der Berliner Autorin Paulina Czienskowski.

Die Ich-Erzählerin ist eine junge Frau und gerade Mutter geworden. Nach der Geburt überfluten sie komplexe Gefühle und Gedanken - nicht nur über die Liebe zu ihrem Kind, sondern auch über sich selbst, ihre eigene Mutter und Großmutter. Die Veränderungen in ihrem Leben bringen nicht nur Verantwortung, sondern auch Unsicherheit, Zweifel und eine tiefe Sehnsucht nach Verstehen.
In fragmentarischen, poetisch verdichteten Momentaufnahmen und Gedanken versucht sie, ihre neue Identität zu greifen – als Mutter, als Tochter und als Enkelin, als Teil einer weiblichen Linie, in der das Schweigen oft lauter war als Worte.

„Und genauso erzählen sich doch Erinnerungen, denke ich, nie von Anfang, nie bis Ende, fortlaufend flackern sie, kurzatmig.“


In ihren Erinnerungen tastet sie sich an ihre Vergangenheit heran. An das, wofür ihre Mutter und davor ihre Großmutter nie Worte gefunden haben.


„Da ist dieses fortlaufende Gespräch, dieses nie endende Gespräch, das irgendwann anfängt, vor Jahrhunderten, Tausenden von Jahren wahrscheinlich. Aber immer da, denke ich, da knüpfen wir an, du und ich und Oma auch. Wir fließen und wachsen, schreiben eine der vielen möglichen Fortsetzungen.“

Ich finde unendliche viele wunderschöne Stellen in Czienskowskis Roman, alle sehr reflektiert und tiefgründig. Mir gefällt diese Vorstellung einer maternellen Linie an Erfahrungen und Empfindungen über Mutterschaft, Herkunft und ambivalenter Bindung und Liebe. Und der Roman ist voll von fast philosophischen Sätzen, über deren Gehalt ich nachdenken kann

„Entbinden von Losbinden, Befreien, Absolution, frei von allen Sünden werden, dabei bedeutet zu entbinden ja im selben Moment, verantwortlich für ein Leben zu werden, verantwortlich für den Tod, auch für den eigenen.“


Dennoch kann ich die Tiefe der Gedankengänge der Erzählerin nicht immer ganz nachempfinden, zu pragmatisch und andersartig sind meine eigenen Erfahrungen mit Elternschaft.

So fehlte mir manchmal der Zugang oder vielleicht auch die Geduld, komplett in die vielschichtigen und transgenerationalen Gefühlswelten einzutauchen.

Deswegen würde ich sagen, dass „dem Mond geht es gut“ schon ein Roman ist, auf den du dich einlassen musst und für den es vielleicht auch die entsprechende Stimmung braucht und der sich eher nicht für den abendlich Eskapismus nach der Arbeit eignet.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Feministisch, weird und ein bisschen anstrengend

Leckermäulchen
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Ich wollte ja dieses Jahr meinen Kurzgeschichtenkonsum etwas reduzieren. Bis jetzt bin ich damit auch einigermaßen erfolgreich, aber bei dem neuen Erzählband von Asja Bakić bin ich dann doch schwach geworden.
Schon ...

Ich wollte ja dieses Jahr meinen Kurzgeschichtenkonsum etwas reduzieren. Bis jetzt bin ich damit auch einigermaßen erfolgreich, aber bei dem neuen Erzählband von Asja Bakić bin ich dann doch schwach geworden.
Schon ihre erste Sammlung von Erzählungen „Mars“ wurde hier auf #Bookstagram und in der Presse so gut besprochen, dass ich unbedingt auch was von der bosnisch-kroatischen Autorin lesen wollte.

Thematisch wird in der Beschreibung ganz viel versprochen, was mich anspricht: dystopische Welten, Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische ….und, äh ja, durchaus auch ganz viel Sex.

Und ich finde diese kleine inhaltliche Zusammenstellung noch untertrieben. Die Geschichten und die Welten, die Bakić in jeder der 11 Erzählungen entwirft sind einzigartig, unglaublich fantasievoll und ziemlich abgefahren. Alles Elemente, die ich in Kurzgeschichten lesen will. Allerdings finde ich die Erzählungen teilweise auch ein bißchen anstrengend, denn Bakić spart nicht an Metabezügen, literarischen Querverweisen und mythologischen Anspielungen.
Definitiv konnte ich da nicht überall mithalten und wurde manchmal regelrecht von der Geschichte mitgeschleift und hinterhergezogen.

Auch wenn ich alle Erzählungen gerne gelesen habe, gefiel mir besonders „1998“, in der Bakić kreativ und fantastisch in Form einer Horrorgeschichte über das Einsetzen der ersten Menstruation einer Teenagerin in einem Zeltlager schreibt.
Generell finde ich das viele der Erzählungen ziemlich gruselige Elemente beinhalten. Es ist gerade das Reizvolle an den den Geschichte, dass ich wirklich nie ahnen kann, in welche Richtung mich Geschichte führt. Bakić bedient und verbindet sowohl die Genres Weird Fiction, Horror und Erotik.
Ich mag es, wie feministisch, sexuell empowerend und tabulos viele Geschichten sind, beispielsweise „Die Leiden der jungen Lotte“ - eine Neuschreibung der Leiden des jungen Werther aus weiblicher Sicht.
Für mich eignete sich der Erzählband nicht zum Binge-Reading, da mich die einzelnen Stories jeweils eine gewisse intellektuelle Anstrengungen gekostet haben. Für mich persönlich ist das schon ein kleiner Kritikpunkt, da ich gerne ein fast and heavy consumer bin. Das muss es aber für dich nicht sein.

Wenn du Lust auf sehr ungewöhnliche, feministische und gesellschaftskritische Erzählungen hast, ist Asja Bakić auf jeden Fall ein starker Tipp für dich!

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Liebesgeschichte vor nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form

Stammzellen
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Okay, Wow, denke ich, als ich den neuen Roman von Alina Lindermuth zum ersten Mal in der Hand halte. Das Cover ist mega und die Buchgestaltung wie immer bei den Büchern von Kreymayr & Scheriau einfach ...

Okay, Wow, denke ich, als ich den neuen Roman von Alina Lindermuth zum ersten Mal in der Hand halte. Das Cover ist mega und die Buchgestaltung wie immer bei den Büchern von Kreymayr & Scheriau einfach nur wunderschön.
Auch der Klappentext verspricht eine einzigartige Geschichte ganz nach meinem Geschmack.

Auf der ganzen Welt gibt es seit einigen Jahren das Phänomen der Dendrose, das ähnlich wie eine Pandemie um weiter um sich greift. Die betroffenen Menschen verwandeln sich Bäume. Es beginnt mit einem harmlosen Kribbeln in den Fußzehen und Fingerspitzen und schreitet dann mit der Verholzung und Verwurzelung der Beine fort. Als nächstes versteifen sich die Gelenke und auch das Bewusstsein schwindet. Ab einen gewissen Grad der Verwandlung müssen die Anthrodendren in die Erde gepflanzt werden um ihr Weiterleben als Baum sicherzustellen.
Für Angehörigen ein äußerst schmerzhafter Prozess.
Es ist eine Dystopie, die gleichzeitig als Parabel bereits stattfindet. Denn das Auftreten, die Verbreitung und sozialen Konsequenzen des Phänomens erinnert mich stark an die Jahre der Corona Pandemie.
Auch in Lindermuths Roman arbeiten Wissenschaftlerinne und Medizinerinnen fieberhaft an einer Erklärung und nach Behandlungsmöglichkeiten für das rätselhafte Phänomen.

Doch es geht in „Stammzellen“ gar nicht so sehr um die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Derndrosen, obwohl natürlich klar ist, dass diese Veränderungen für eine Art Backlash der Natur stehen. Später verdichten sich die Hinweise, dass die Dendrose durch die Klimaveränderungen und Umweltverschmutzungen ausgelöst wurde.
Lindermuth erzählt ihren Roman ganz aus der individuellen Sicht ihrer Protagonistin Ronja und in Form einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund dieser Krise. Für mich ist das gleichzeitig die Stärke, aber auch die Schwachstelle des Romans.
Ronja lernt in den ersten Kapiteln Elio kennen und nach einem etwas holprigen Start verlieben sich sich und werden ein Paar.
Als Ärztin arbeitet Ronja in Dendrose-Teams, die die Angehörige von Betroffenen während des Prozesses begleiten und unterstützen und ist deshalb direkt mit den Auwirkungen dieser Metarmorphose konfrontiert.
Seit einiger Zeit verspürt sie selbst manchmal ein minimales Kribbeln in den Zehen. Alles nur Einbildung?

Wie sieht die Zukunft von Ronja und Elio aus? Sollen sie eine Familie gründen trotz dieser Ungewissheit? Wie geht es weiter, wenn kein Heilmittel gefunden wird?

Das ist definitiv ein sehr interessantes Szenario, dass Lindermuth entwirft und das trotz der fantastischen Elemente nicht weit von unserer aktuellen Lebensrealität entfernt ist. Der Roman ist spannend geschrieben und mir gefällt die Geschichte von Ronja und Elio gerade in den ersten Kapiteln sehr gut.
Dennoch fehlt mir persönlich etwas in dem Roman der Wiener Autorin und das ist eine gewisse Vielschichtigkeit und Komplexität in den Figuren und auch in der Geschichte. Das ist ein individueller Kritikpunkt meinerseits und kein universeller, denn ich denke dass gerade diese Gestaltung den Roman für sehr junge oder sogar jungendliche Leser*innen sehr gut zugänglich macht. Lindermuth überfordert nicht mit den komplexen Wechselwirkungen aus unserem eigenen Verhalten, globalen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Klimakrise, sondern fokussiert sich auf die lokalen und persönlichen Auswirkungen für das Liebespaar Ronja und Elio.

“Die Wärme des Nachmittags ist abgekühlt, das Sanfte der vergangenen Stunden und Wochen ist an der Realität scharfkantig geworden. Ihr Verstand weiß schon, dass es begonnen hat, vorbei zu sein.”

„Stammzellen“ ist nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form mit einer niederschwelligen Einladung zum Nachdenken, blieb aber hinter meinen Erwartungen an einen gesellschaftskritischen Roman zurück.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Ein vielversprechendes Debüt

Wenn wir lächeln
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Das auffällige Cover des Romans nimmt mich als erstes für ihn ein. Und die Tatsache, dass Ruth-Maria Thomas, eine Autorin, die mich letztes Jahr sehr begeistert hat, sich sehr vielversprechend auf dem ...

Das auffällige Cover des Romans nimmt mich als erstes für ihn ein. Und die Tatsache, dass Ruth-Maria Thomas, eine Autorin, die mich letztes Jahr sehr begeistert hat, sich sehr vielversprechend auf dem Klappentext äußert. Ihrer Aussage „Mascha Unterlehberg schreibt hart und weich, klar und schimmernd. Dieser Roman beschleunigt den Puls und lässt den Atem stocken.“ würde ich eingeschränkt zustimmen.

Denn stilistisch und literarisch ist der Roman großartig erzählt. Warum mich der Roman dennoch nicht komplett begeistert hat, erzähle ich dir am Schluss.
Unterlehberg hat mit ihrer Ich-Erzählerin Jara und ihrer Freundin Anto zwei besondere Protagonistinnen geschaffen, die gleichermaßen mein Mitgefühl wie meinen Widerspruchsgeist wecken.
Die Freundinnenschaft der beiden Teenagerinnen steht ganz im Kern des Roman, Unterlehberg legt sie als Liebesgeschichte an, in der Euphorie und Kummer ganz eng beieinander liegen.

Jara ist von Anfang an von der furchtlosen und unkonventiollen Anto fasziniert. Anto weiß immer, wie sie sich in einer sexistischen Welt voller Alöcher zur Wehr setzten kann. Sie ist kein Opfer, sie ist tough und sie ist durch ihre street credibility einfach cooler als alle anderen.
Die beiden freunden sich an, und erstaunt stellt Jara später fest, dass Anto in einer durchaus finanziell privilegierten Familie lebt. Ihr fehlt es vielmehr an Liebe und der Aufmerksamkeit ihrer Mutter, die sie quasi sich selbst überlässt. Jaras Mutter möchte hingegen nur die Beste für ihre Tochter und meldet sie an einem besseren Gymnasium an, das ihre weitere Zukunftsaussichten ermöglichen soll.
Mit diesem Schulwechsel klafft ein Riss zwischen den Freundinnen auf, denn Anto scheint Jara ihr neues Umfeld und ihre neuen Freund
innen zu neiden.
Der drohende Verlust ihrer Freundin lässt Anto irrational agieren…


Was ich in dieser Zusammenfassung jetzt noch nicht erwähnt hatte, ist die Tatsache, dass Anto und Jara ihr verständliche Wut über die Ungerechtigkeiten einer kapitalistischen und sexistischen Gesellschaft mit einem Baseballschläger Ausdruck verleihen. Sie schlagen Autoscheiben kaputt, klauen und werden auch handgreiflich.

Und hier sind wir schon bei meinen Kritikpunkten. Zwei wütende Jungendliche, die irgendwie lost ein bisschen aufdrehen? Ja gut, das hatte ich jetzt öfter und ich fand Unterlehbergs Versions nicht die überzeugendste. Ich begrüße es immer, wenn in Romanen auf die krasse Misogynie und die Übergriffigkeit aufmerksam gemacht wird, denen Mädchen, Teenagerinnen und Frauen allen Alters ausgesetzt sind. Auch Unterlehberg greift das auf, aber sehr verkürzt und fast auf rage bait reduziert.
Die Freundinnenschaft zwischen Jara und Anto in ihrer ganzen Ambivalenz fand ich gut herausgearbeitet.
Unterlehberg besticht mit ihrem modernen und assoziativen Schreibstil, der die Erzählzeit genauso unvermittelt wechselt wie den Ort. Das erfordert mitdenkende und mündige Leser*innen. Andererseits fühle ich mich aber auch von der Geschichte nicht ganz ernst genommen, und gerade der Schluss ist in meinen Augen zu sehr auf den Effekt ausgelegt, als dass er mich emotional erreichen könnte.

Mascha Unterlehberg ist für mich eine super vielversprechende Schriftstellerin, bei der ich sehr auf einen zweiten Roman gespannt wäre. Auch wenn mich die Geschichte ihres Debütromans jetzt nicht abgeholt hat, konnten mich Aufbau und Schreibstil überzeugen!

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