Bücher, die die Seele heilen
Die geheime Sehnsucht der BücherMit “Die geheime Sehnsucht der Bücher” hat die Spiegel Bestseller-Autorin Nina George einen wunderbaren Roman vorgelegt, der beschreibt, wie Bücher geeignet sind, ihre Leser zu finden und je nach deren ...
Mit “Die geheime Sehnsucht der Bücher” hat die Spiegel Bestseller-Autorin Nina George einen wunderbaren Roman vorgelegt, der beschreibt, wie Bücher geeignet sind, ihre Leser zu finden und je nach deren Gemütszustand auch zu heilen. Schon des gut gezeichnete Hardcover vermittelt einen Eindruck von Paris, in dem Pauline, eine junge Auszubildende, die Bücher- oder besser die Heilmittel für Herz und Seele- ausliefert.
Monsieur Perdu hat sein Bücherschiff am Quai der Seine angelegt. Er ist literarischer Apotheker und verschreibt seinen Kunden und Kundinnen als Medizin Bücher, die sie brauchen, um das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Eines Tages erhält er Besuch von Francoise, von ihrer Mutter genannt Frankie, ein Namen, den sie nicht leiden kann. Frankie ist fast 12 Jahre alt, ein erwachsenes Kind, das heimlich liest und sonst hofft, die Situation ihrer Familie verbergen zu können. Denn Frankies Mutter ist einmal himmelhoch jauchzend, einmal zu Tode betrübt und trägt sich mit Selbstmordgedanken. Daher lügt Frankie ständig und versucht den Schein der Normalität aufrecht zu erhalten, denn sie hat Angst, dass sie in ein Heim und ihre Mutter in eine Anstalt gebracht wird. Um mit ihrer Situation fertig zu werden, hat sich Frankie angewöhnt, Synonyme zu verwenden. So wird “lügen zu “tagträumen”.
Als Frankie Monsieur Perdu aufsucht, von dem sie Hilfe erhofft, kann sie ihn einfach nicht belügen, sie läuft davon. Monsieur Perdu fragt Pauline, ob er etwas falsch gemacht habe. Erst als auch Frankies Mutter- nach langem Zweifeln- zu Monsieur Perdu kommt, erkennt dieser die Situation, denn Frankies Mutter versucht sich in die Seine zu stürzen. Und doch, diese Frau hat etwas an sich und er beginnt, ihr von seinem eigenen Leben zu erzählen, das bis vor kurzer Zeit nicht glücklich war, denn Monsieur Perdu war überzeugt, nicht lieben zu können und nicht geliebt zu werden, er war wie eine Axt aus Eis. Wird es ihm gelingen, Frankie und ihrer Mutter zu helfen?
Nina George hat mit “Die Sehnsucht der Bücher” einen berührenden und tiefgründigen Roman geschrieben, der das Schicksal von Kindern beleuchtet, die eigentlich die Elternrolle übernehmen. So muss Frankie ihrer Mutter, die die Außenwelt fürchtet und nicht mit ihr umgehen kann, die alltäglichsten Sachen erst beibringen, wie kochen und bügeln. Doch langsam kommt die Mutter in ihrer Rolle an, besonders als Frankies Vater auftaucht, der schöne Mann, wie ihn Frankie nennt. Darf Frankie nun endlich Kind sein und Bücher auch zu ihrem Vergnügen lesen und nicht nur, um sich Rat zu holen.?
Die Autorin hat jedem Kapitel den Namen einer der handelnden Personen vorangestellt und die Charaktere feinsinnig und sensibel gezeichnet. Ein besonderes Stilmittel ist, dass Frankie bei ihren Synonymen immer auch mitdenkt, welche Wörter vor dem eigentlich gesuchten im Lexikon stehen. So relativieren sich Frankies Lügen und es gelingt ihr besser, die absurde Familiensituation zu ertragen. Doch unerwartet ergibt sich für Frankie eine Chance, zusammen mit Marie, einem elternlosen und genau so einsamen Mädchen, Bücher in der Öffentlichkeit vorzustellen. Bücher, die, wie viele meinen, dem Alter der Mädchen nicht angepasst sind. Die Eltern protestieren. Wird es Pauline und Jean Perdu gelingen, den Unmut zu ersticken und die Wahrhaftigkeit und Einzigartigkeit der Bücher zu verteidigen?
In ihrem Roman greift Nina George viele Probleme auf: Pauline, die wegen ihrer Abstammung angefeindet wird, hat Probleme, sich zwischen zwei Männern zu entscheiden. Eltern, die Jugendlichen Verantwortung, auferlegen, die sie eigentlich nicht tragen können und nicht tragen sollten. Engstirnigkeit von Eltern, die glauben, dass ihre Kinder von Büchern verdorben werden können. In fast poetischer Schreibweise schildert die Autorin sehr real, was Menschen bedrückt oder an einem erfüllten Leben hindert. Der eingängige, aber auch sensible und tiefschürfende Schreibstil zieht die Lesenden sehr schnell in seinen Bann, in den Bann dieses besonderen Buches.
“Die Sehnsucht der Bücher” ist ein Buch für Menschen, die Bücher lieben, die in einer Buchhandlung, die nicht nur aus Regalen bestehet, zwischen den Tischen mit den einzelnen Genres flanieren, mit suchendem Blick, und wenn sie ihre Lieblinge gefunden haben, diese verstohlen streicheln. Ein bisschen nur, das genügt. Sollten wir einander einmal in dieser Buchhandlung begegnen, beachten Sie mich bitte einfach nicht, ich bin auf der Suche nach “Die Sehnsucht der Bücher“, um es heimlich zu streicheln. Ganz kurz nur, denn das genügt.