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Veröffentlicht am 19.05.2025

Sehnsucht nach Normalität

Hunchback
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Shaka ist vierundvierzig. Mit vierzehn hat sie in der 8 b das Bewusstsein verloren. Ihre Muskulatur konnte die normale Sauerstoffsättigung nicht mehr aufrechterhalten. Ein genetischer Defekt. Seitdem lebt ...

Shaka ist vierundvierzig. Mit vierzehn hat sie in der 8 b das Bewusstsein verloren. Ihre Muskulatur konnte die normale Sauerstoffsättigung nicht mehr aufrechterhalten. Ein genetischer Defekt. Seitdem lebt sie im Nirwana. In einem sechzehn Quadratmeter Appartement in der Wohngemeinschaft Ingleside. Hier lebt sie, bis sie stirbt.

Finanzielle Sorgen kennt sie nicht, das Ingleside gehört ihr, nebst einiger vermieteter Eigentumswohnungen. Nach ihrem Tod wird das von ihren Eltern mühsam beschaffte Vermögen an den Staat übergehen. Natürlich hat sie keine Kinder. Die Deformation ihrer Wirbelsäule hat ihr den rechten Lungenflügel zerquetscht. Ein Beatmungsgerät pumpt ihr die nötige Luft in die Lunge und die Verschleimungen, die sich mehrmals am Tag ansammeln, saugt sie mit einem Schlauch, den sie in den Tubus unter ihrem Kehlkopf schiebt, ab. Sie hangelt sich von Uni zu Uni und schreibt pornografische Artikel für einen Verlag. Diese zusätzlichen 3.000 Yen schenkt sie den Mädchenschutzhäusern und der Tafel.

Die einzigen sozialen Kontakte hat sie im Chat mit der Fernuni, Social Media, dem Pflegepersonal und im Speisesaal, wo sie regelmäßig ihr Abendessen einnimmt. Die unverhohlene Verachtung ihres Pflegers, Herr Tanaka, muss sie in Kauf nehmen. Es ist immer noch besser als gar keine Beachtung. Sie würde gerne einmal etwas „Normales“ erleben, so wie andere Frauen auch. Eine normale Schwangerschaft würde ihr gefallen und dann eine Abtreibung, etwas, das ja naturgemäß nicht normal ist. Dieses Paradox findet sie unterhaltsam.

Fazit: Saou Ichikawa, selbst an myotubulärer Myopathie erkrankt, hat diese völlig abgefahrene Geschichte geschrieben. Ihre Protagonistin hat alles und nichts. Ihr Körper erlitt wegen einer genetischen Disposition einen Totalschaden. Ihr Verstand ist wachsam, zynisch und messerscharf. Finanziell ist sie bestens aufgestellt, aber das bringt sie nicht weiter. Shakas Sehnsucht nach einer „Normalität“ ist riesig. Ich habe selten eine Geschichte gelesen, die so körperlich ist. Die viel mehr erfasst als die dahinsiechende Hülle, die mit diversen Gebrechen um ihr Überleben kämpft, sondern auch die Interaktion zwischen Shaka und ihrem Kontrahenten, Herrn Tanaka. Alles strotzt vor Sinnlichkeit, weil Shaka mit ihren ausgeprägten Sinnen jede Nuance im Zwischenmenschlichen wahrnimmt. Und es ist verstörend, stört mich in meiner Wahrnehmungskompfortzone. Denn warum sollten Menschen mit starken körperlichen oder geistigen Einschränkungen keine Bedürfnisse nach Körperkontakt oder Sexualität haben, wie könnte ich ihnen ihre Fantasie absprechen? Und hier öffnet sich auch der Blick auf die Gesellschaft mit ihren Fruchtwasseruntersuchungen, um die Bevölkerung vor Menschen mit zum Beispiel „Down Syndrom“ zu bewahren. Gerade in Zeiten der Selbstoptimierung stören wir uns an allem, das anders ist als wir, die wir uns geißeln, im Kampf gegen Fettleibigkeit, Krankheit und Schwäche. Alles, was wir tabuisieren und wegsperren, wird niemals an unsere Güte und unser Mitgefühl appellieren können. Nie ein Teil von uns werden können. Ihr seht, dieses Buch hat echten Tiefgang, getragen von Humor und kreativer Wortwahl. Ein Pageturner sondergleichen.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Der Versuch, das Unfassbare zu verstehen

Perlen
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Marianne will Binsen schneiden. Es ist „Wakes“ und heute gedenkt man den Toten. Der Pfarrer wird alle Namen verlesen, die in der Gemeinde begraben liegen. Ihre Mutter wird wieder nicht dabei sein. Sie ...

Marianne will Binsen schneiden. Es ist „Wakes“ und heute gedenkt man den Toten. Der Pfarrer wird alle Namen verlesen, die in der Gemeinde begraben liegen. Ihre Mutter wird wieder nicht dabei sein. Sie hat kein Grab, denn sie verschwand, als Marianne acht und Joe noch ganz klein war. Sie ging durch die Tür und kam nie zurück. Später kamen Polizisten und schrieben etwas in Notizblöcke. Sie sahen Marianne an, als würden sie in ihrem Dasein den Grund für das Verschwinden der Mutter finden. Tatsächlich glaubte Marianne auch bald, dass es nur ihre Schuld sein konnte. Denn was wäre gewesen, wenn sie der Mutter nachgelaufen wäre und sie aufgehalten, ihr ein paar Worte zugerufen oder ein Lied gesungen hätte? Sie hätte sich sicher umgedreht und wäre zurückgekommen, aber Marianne hatte am Küchentisch gebastelt und gar nicht bemerkt, wie Mutter durch die Tür verschwand.

Mariannes dreizehnjährige Tochter Susannah sitzt auf dem Rücksitz des Wagens und lässt sich heute bitten. Dann jedoch steigt sie seufzend aus und hilft ihr, die Binsen zu kleinen Sträußen zu binden und auf den Gräbern zu verteilen. Als sie Susannah geboren hat, vermisste sie ihre Mutter mehr denn je. Marianne sammelt Geschichten von Verlust, Verlassenwerden und Scham, saugt sie förmlich auf und ergötzt sich an ihnen. Susannahs Vater war der erste, der ihr eine Präsentable liefern konnte, denn seine Mutter verschwand auch.

Ihre Mutter hatte vor allem Angst. Hatte Engel gesehen und den Teufel mit Salz in Schach gehalten. Sie hatte Marianne Zuhause unterrichtet und ihr aus der Bibel vorgelesen. Mariannes Erinnerungen decken sich nicht mit denen des Vaters.

Fazit: Siân Hughes ist eine fiktionale Geschichte im Stil eines Memoirs gelungen. Sie schickt ihre Ich-Erzählerin auf den Weg, ihren Schmerz zu erkunden und das Unfassbare zu verstehen. Ich erfahre von einer glücklichen Kindheit mit einer enorm liebevollen und kreativen Mutter voller Fantasie. Als sie spurlos verschwindet, gibt es keine Erklärung. Dem Vater obliegt die Aufgabe, den Verlust, seinen Beruf, Haushalt und Kinderbetreuung zu stemmen. Kindermädchen helfen dabei, aber Marianne bleibt mit ihrer Trauer allein. Sie dissoziiert den Kummer, der während ihrer Jugend aus ihr herausbricht und sie den falschen Menschen vertrauen lässt. Als junge Erwachsene ist sie so weit, sich emotional den Ereignissen von Damals zu stellen. Wie ein Puzzle setzt sie über viele Jahre ihre Erinnerungen zusammen, bis sie ein passendes Bild ergeben, das sie glauben kann. Der Prozess ist lang und lässt sie verschiedene Phasen durchlaufen: Schuld, Scham, Wut und Trauer. Am Ende erlebt sie das heilsame Verstehen und Loslassen. Die Geschichte ist ruhig und vollkommen unaufdringlich erzählt. So als würde ich einem alten Menschen in seine Vergangenheit folgen. Es ist kein Buch, das mich zu Tränen gerührt hat, sondern eins, dem ich so sehr gerne zugehört habe, das mich tief berührt hat.

Mir gefällt auch gut, dass jedes Kapitel von einem Vers eingeleitet wird.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Wundervoll feinfühlige Unterhaltung

Die Klassenkameradin
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Die vierzigjährige Eva ist desillusioniert. Ihre Tochter Charly ist längst aus dem Haus und meldet sich alle Jubeljahre. Evas Mann Alexander lebt für seinen Dorfladen, in dem die überreifen Frauen ihm ...

Die vierzigjährige Eva ist desillusioniert. Ihre Tochter Charly ist längst aus dem Haus und meldet sich alle Jubeljahre. Evas Mann Alexander lebt für seinen Dorfladen, in dem die überreifen Frauen ihm für den Erwerb von zwei Geburtstagskarten schöne Augen machen. Eva selbst arbeitet bei der siebzigjährigen Gerda, Wirtin der abgeranzten Dorfkneipe „Die alte Buche“.

Nach ihrer Schicht läuft sie noch gerne durch die Sträßchen, dabei versucht sie dem Dorfklatsch aus dem Weg zu gehen. Meist wartet Alexander schon vor der Haustüre auf sie, die Arme vor der Brust verschränkt: „Du hättest mich anrufen sollen, dann hätte ich dich abgeholt!“ Er hält das für Liebe, sie für Kontrolle. Oft hat er dann schon gekocht. Nudeln mit Rahmsoße oder Gorgonzola im Wechsel. Sie setzen sich vor den Fernseher, Alexander mit Kartoffelchips, deren Geruch Eva hasst. Sie werden wieder kaum reden, worüber auch?

Am Morgen steht sie erst auf, wenn Alexander das Haus verlässt. Sie kocht sich Kaffee und sitzt an dem alten verschrammten Küchentisch. Jede Kerbe erzählt eine Geschichte, der sie manchmal lauscht. Wie sie mit dem positiven Test, der Charly ankündigte dasaß, ein Albtraum. Mit neunzehn Hausfrau und Mutter, das Leben vorbei, dachte sie. Evas Eltern waren schon vierzig, als sie geboren wurde, sie schenkten ihr kaum Beachtung.

Als sie die Karte von einem Klassentreffen öffnet, ist sie sich sicher, dass sie dort nichts verloren hat. Die anderen werden sich mit ihren Erfolgen schmücken und sie hat nichts vorzuweisen. Doch Alexander versucht ihr das Treffen auszureden und ihr Interesse wächst. Sie weiß noch nich, dass sie dort auch Agnès treffen wird.

Fazit: Martina Berscheid hat eine fiktionale Geschichte über eine Frau geschrieben, die vom Leben frustriert ist. Der immer gleiche absehbare Alltag, ihr Mann, der sie kontrolliert und bevormundet, die Kleingeistigkeit ihrer Nachbarn, verleiden ihr jede Entfaltungsmöglichkeit. Sie trifft auf ihre ehemals unscheinbare Klassenkameradin, die sich radikal verändert hat. Mit Charisma und Leichtigkeit mischt sie die gedrückte Eva auf. Ich mag den atmosphärischen Schreibstil der Autorin sehr. Die Geschichte beginnt langsam und melancholisch und gewinnt dann an Schwung. Beide Frauencharakter sind stark und überzeugend gezeichnet. Während Eva nähesuchend und empathisch ist, spielt die Kontrahentin das nur und ist in Wirklichkeit emotional distanziert. Obwohl die ganze Zeit auch durch leichte Andeutungen klar ist, dass etwas nicht stimmt, sind die Wendungen überraschend. Der Schluss ist sehr gelungen. Mit großem Feingefühl und ohne Wertung verbindet Martina Berscheid, indem sie die andere Seite der Medaille zeigt und ich kann auf niemanden böse sein, weil niemand einfach nur böse ist, wie im wirklichen Leben. Dieses Buch hat mich, trotz der Tiefe, wundervoll leicht unterhalten.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

So eine erhellende Analyse einer Persönlichkeitsstörung

Soziopathin
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Patric hatte schon mit sechs oder sieben eine ganze Kiste geklauter Dinge. Ihr Vater war ein aufstrebendes Licht in der Musikbranche und so saß Patric auf Ringo Starrs Schoß und stahl ihm die Brille. In ...

Patric hatte schon mit sechs oder sieben eine ganze Kiste geklauter Dinge. Ihr Vater war ein aufstrebendes Licht in der Musikbranche und so saß Patric auf Ringo Starrs Schoß und stahl ihm die Brille. In der ersten Klasse saß sie hinter Clancy. Patric war frustriert und der Druck in ihrem Inneren wurde so groß, dass sie sich die Finger in der Stahltür einklemmen oder ihr Pult umwerfen wollte. Da erregte eine von Clacys Haarspangen ihre Aufmerksamkeit. Sie saß gar nicht richtig fest, wäre wahrscheinlich eh bald rausgerutscht. Patric griff vorsichtig nach vorne, klippte die kleine pinkfarbene Schleife ab und steckte sie ein. Sofort ließ der Druck nach. Sie hatte ganz allein eine Lösung für das Problem gefunden.

Wenn Patrice stahl, konnte sie die Gewaltfantasien beenden. Die fehlende Angst vor Konsequenzen machte es ihr leicht. Sie empfand durchaus Freude und Wut, aber Schuld, Empathie, Reue oder Liebe fehlten auf ihrer Farbpalette. Die fehlenden Gefühle wurden von der fehlenden Mimik begleitet und Patric merkte, dass es andere irritierte. Sie schaute sich erwünschtes Verhalten bei ihrer kleinen Schwester ab, die ganz anders war als sie oder besser Patric war anders als alle anderen.

Dad arbeitete fast nur noch, das macht Mum depressiv. Sie weinte oder schnauzte rum im Wechsel. In der Schule hatte Syd Patric elendig genervt. Sie spürte, wie der Druck anstieg, wie in einem Wasserkessel, nahm ihren Bleistift und rammte ihn Syd in den Kopf. Die schrie, ihre Mitschüler schrien und Mum verschwand für Monate in ihrem Schlafzimmer. Ihr Kopf sagte Patric, dass es falsch ist jemanden zu verletzen, aber das Gefühl, wenn Kopfschmerz und Druck wichen und eine wärmende Euphorie sie flutete, war einfach geil.

Fazit: Patric Gagne ist Therapeutin und Anwältin für Menschen, die unter antisozialen Persönlichkeitsstörungen leiden. Sie beschreibt ihre eigene Leidensgeschichte und wie sie einen Weg fand, ihr Verhalten zu analysieren. Schon früh merkt sie am Verhalten ihrer Schwester, dass sie anders ist. Sie versucht die Erwartungen, die die Umwelt an sie stellt, zu erfüllen, indem sie die anderen spiegelt. In regem Austausch mit ihrer Mutter sagt sie die Wahrheit, erzählt ihr, dass sie stielt. Die Konsequenz ist, dass sie all diese Sachen zurückgeben muss. Da sie keine Scham und kein schlechtes Gewissen kennt, bereitet ihr die Rückgabe kein Problem. Allerdings stiehlt sie um den Druck, der in ihr entsteht, weil sie sich ständig verstellen muss, zu neutralisieren und ein Teufelskreis beginnt. In einer analytischen Odyssee über viele Jahre registriert sie, dass der Druck sich aufbaut, weil sie Angst hat, die Erwartungen ihrer Mitmenschen nicht zu erfüllen. Diese Angst, der sie sich lange nicht bewusst ist, löst Gewaltfantasien aus. Sie versucht diese Angst immer aufs Neue zu kompensieren und ist am liebsten allein, weil sie dann sein darf, wie sie ist. Beziehungen scheitern an ihrer Gefühlsarmut. Die Autorin hat hart an sich gearbeitet und nicht nur durch eine kognitive Umstrukturierung, die alten Muster und Mechanismen aufgelöst, sondern hilft mit ihren Erfahrungen anderen Soziopath*innen. Mit diesem Buch hat sie endlich ein Tabu gebrochen und ein Stigma gelöst. Soziopathen werden immer mit Psychopathen gleichgesetzt (Hannibal Lecter, American Psycho) Auch in der Psychologie gibt es keine differenzialdiagnostischen Unterschiede. Dieses Buch ist so erhellend, weil der Leidensdruck so gut aufgezeigt wird und die Norm so einen hohen Stellenwert hat. Mir ist klar geworden, was Soziopathen antreibt zu manipulieren, zu stehlen, zu lügen und dass sie nicht der gesellschaftliche Abschaum sind, sondern dass sie Hilfe brauchen. Mir sind im Übrigen auch deutliche Parallelen zu Autismus aufgefallen. Ein wirklich guter Fahrplan in das Innenleben von Menschen im Spektrum.

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Veröffentlicht am 07.05.2025

Wunderbares Zeitzeugnis

Die Wünsche gehören uns
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Anna und Idi führen Elise den kleinen Berg hinauf. Oben angekommen, starren die Halbschwestern verstohlen auf den kleinen Koffer mit den abgenutzten Verschlägen, in der Hand ihrer Mutter. Sie ist sich ...

Anna und Idi führen Elise den kleinen Berg hinauf. Oben angekommen, starren die Halbschwestern verstohlen auf den kleinen Koffer mit den abgenutzten Verschlägen, in der Hand ihrer Mutter. Sie ist sich sicher, dass sie die beiden nie wieder sehen wird. Sie drehen sich um und gehen mit lächerlich kleinen Schritten und nach vorn gebeugtem Oberkörper den Hang hinab. Sie schickt ihnen keine guten Wünsche hinterher, als sie ihnen nachschaut.

Neben ihr erscheint ein Mann mit seinem Leiterwagen, der sich ihr als Johann Kempf vorstellt. Ihre Beine schmerzen so stark, dass er ihr das Gesäß nach oben drücken muss, während sie die beschwerlichen Stiegen zu erklimmen versucht. Sie kommen bei einem heruntergekommenen Haus an. Eine freundliche Schwester heißt sie willkommen und erklärt in groben Zügen das Konzept. Sie wird mit fünf Diakonissen, Frauen, Männern und Kindern in einer Gemeinschaft leben. Manche sind unheilbar krank, andere gesund und debil. Bei Oberschwester Otilia muss sie ihren Schmuck und ihr Geld abgeben, denn die Kostgelder der Heimatgemeinden sind knapp. Bis dahin war Elise sich sicher gewesen, dass Anna ihren Platz bezahlte. Das Brüggli sei schließlich ein Armenhaus.

Schwester Burga führt Elise zu ihrem Zimmer im ersten Stock, einen Raum, den sie mit sieben anderen Frauen teilen wird. Die Betten stehen so eng nebeneinander, dass kein Nachttischchen, nicht einmal ein Stuhl zwischen sie passt. Während Elise sich auf ihr Bett sinken lässt, schweifen ihre Gedanken in ihre jüngste Vergangenheit ab. Sie hatte ihren Körper verkauft, um ihre minderjährige Schwester versorgen zu können. Ihre damalige beste Freundin Flora hatte es ebenso gemacht für drei Franken pro Freier. Die war aber verpfiffen worden und verschwand, weil ihre Tätigkeit einen Mangel an Moral und ein Übermaß an Faulheit aufweisen würde, im Zuchthaus. Später war Elise Wäscherin in der Wäscherei ihres Mannes. Sie stieg immer in das noch dampfende Wasser und stampfte den Berg aus Laken und Uniformen. Jetzt sickert ihr das Wundwasser in die Verbände.

Fazit: Katharina Geiser ist eine historische Aufarbeitung eines Schweizer Armenhauses der 50er-Jahre gelungen. Sie erzählt die Geschichte Elises, die sich wirklich so ereignet hat, aus der Erinnerung ihrer eigenen Großmutter. Elise lebte ein entbehrungsreiches Leben, wie so viele Frauen dieser Zeit. Am Ende schoben ihre Kinder sie in dieses Auffangasyl für sozial schwache, straffällig gewordene und behinderte Menschen ab. Elise hätte bei ihrer Schwester leben können, aber die wurde gar nicht informiert. Die Autorin lässt Elise immer wieder in ihre Vergangenheit schweifen und ich erfahre alles über ihr Leben. Gleichzeitig entblättern sich, durch Elises Interaktionen mit den Heimbewohnern, die Umstände, die sie an diesen Ort gebracht haben. Die Zeiten waren hart in einer Gesellschaft, in der sich Rechtschaffenheit breitmachte und Moral sich an männlichen Vorstellungen orientierte. Die Klassenunterschiede waren riesig, Frauen zumeist wertlose Haushaltshilfen oder Arbeiterinnen. Hygiene und Gesundheitsversorgung oder einfach nur Essen waren knapp bemessen. Die Geschichte ist sehr lebendig geschrieben, ich war mittendrin im Schlafsaal, im Speisesaal. Jede Charaktereigenschaft ist vertreten und alle prallen aufeinander. Ein wunderbares, gut recherchiertes Zeitzeugnis, das ich sehr gerne gelesen habe. Am Ende des Buches finden sich Skizzen oder Porträts der einzelnen Bewohner und Pflegekräfte und deren Gründe für ihren Aufenthalt und die Autorin schenkt einen Einblick in die Entstehung ihrer Geschichte.

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